Kein vorheriger Krieg brachte der Menschheit so viel Elend, Leid und Zerstörung wie der Erste Weltkrieg. Er wurde geprägt durch eine unvorstellbar menschenverachtende Kriegsführung des Militärs, die zum ersten Mal auch die gesamte Zivilbevölkerung mit einbezog. Der Krieg endete im Jahr 1918 mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches.
Die plötzliche deutsche Niederlage warf im Chaos der Nachkriegszeit die Frage nach den Schuldigen an der Katastrophe auf. Die Dolchstoßlegende setzt sich unmittelbar mit den Gründen der deutschen Niederlage auseinander. In ihr werden jedoch nicht die tatsächlichen Ursachen angesprochen, sondern sie begründet die von der deutschen Bevölkerung als beschämend empfundene Niederlage mit einem sagenhaften bzw. legendenhaften Lügenkonstrukt.
Die Legende vom Dolchstoß besagt, dass die Soldaten an der „Front“ von der „Heimat“ heimtückisch verraten und hinterrücks erdolcht wurden. Als Urheber dieser Verratsvorwürfe gelten die Chefs der Obersten Heeresleitung (OHL), General Paul von Hindenburg und General Erich Ludendorff, die von ihren eigenen Fehlern ablenken wollten, damit die militärische Niederlage nicht der Armeeführung und der Erschöpfung der Soldaten angelastet werden konnte. Sie wollten die eigene Verantwortung für die Niederlage der neuen Republik und ihren Vertretern aufbürden.
Forscher und Historiker sind sich jedoch uneinig über die Entstehungsart bzw. die Entstehungsweise der Dolchstoßlegende und vertreten daher unterschiedliche Meinungen und Ansichten. Zudem spielt der Zeitpunkt der Entstehung eine sehr wichtige Rolle. Während einige Experten von einem genauen Entstehungszeitpunkt am Kriegsende oder zu Beginn der Nachkriegszeit ausgehen, vermuten andere hingegen, dass die Legende schon in der Vorkriegszeit oder während des Krieges entstand.
Diese Arbeit beabsichtigt, unter Berücksichtigung zeitgenössischer Quellen, Auseinandersetzung mit aktueller themenbezogener Literatur und Einbeziehung der neuesten Erkenntnisse der Forschung, die Entstehung der Dolchstoßlegende zu ergründen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die Entstehung der Dolchstoßlegende
Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die historische Entstehung der Dolchstoßlegende unter Berücksichtigung zeitgenössischer Quellen und aktueller Forschungsergebnisse tiefgreifend zu ergründen und chronologisch aufzuzeigen, wie dieser Mythos bereits während des Ersten Weltkrieges konstruiert wurde.
- Analyse der Rolle der Obersten Heeresleitung (OHL) als Urheber der Legende
- Untersuchung der psychologischen und sozialen Spannungen zwischen Front und Heimat
- Bewertung der innenpolitischen Entwicklungen wie der Friedensresolution 1917 und der Januarstreiks 1918
- Darstellung der strategischen Entlastungssuche des Militärs zur Vertuschung eigener Fehler
- Dekonstruktion des Musters der Sündenbockzuweisung gegenüber der neuen Republik
Auszug aus dem Buch
Die Entstehung der Dolchstoßlegende
Die deutsche Bevölkerung betrachtete den Krieg als Verteidigungskrieg, der ihnen von außen aufgezwungen wurde, zudem rechnete in Deutschland niemand mit einer länger dauernden Kampfhandlung. Durch den Einsatz des bereits 1905 entwickelten Schlieffen-Plans, sollte innerhalb von 42 Tagen eine rasche Entscheidung im Westen herbeigeführt werden, um sich dann schnellstens der zweiten Front im Osten zu widmen. Aufgrund der Gegenoffensive der Franzosen und eines Fehlers der deutschen Militärführung, wurde während der ersten Marne-Schlacht am 6.September der Angriffsschwung, auf dem der Erfolg des Schlieffen-Plans beruhte, gebrochen. Dies führte zur Erstarrung der Front und zum Beginn eines langen und kräftezehrenden Kampfes. Dies war für die Soldaten die erste große Enttäuschung des Krieges, wodurch die Hoffnungen auf eine kurze militärische Auseinandersetzung zerplatzten.
Ebenfalls wurde die Verteidigungsbereitschaft erheblich beeinträchtigt. An der Front herrschte Frustration und Ernüchterung im Hinblick auf die brutale und unmenschliche Kriegswirklichkeit, aber auch wegen der militärinternen Umgangsformen und Ungerechtigkeiten gegenüber den Soldaten. Friedenssehnsucht und Kriegsmüdigkeit charakterisierten seitdem die Stimmung in der deutschen Armee.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel erläutert die Grundproblematik der deutschen Niederlage 1918 und führt in das zentrale Thema der Dolchstoßlegende als Konstrukt zur Schuldabwehr ein.
Die Entstehung der Dolchstoßlegende: Hier wird detailliert analysiert, wie die OHL während des Krieges durch Reaktivierung alter Feindbilder und Instrumentalisierung innenpolitischer Krisen das Narrativ eines "Verrats aus der Heimat" aufbaute.
Schluss: Zusammenfassend stellt das Kapitel fest, dass der Mythos nicht spontan nach Kriegsende entstand, sondern über einen längeren Zeitraum gezielt als Instrument zur Vertuschung militärischen Versagens konstruiert wurde.
Schlüsselwörter
Dolchstoßlegende, Erster Weltkrieg, Oberste Heeresleitung, Hindenburg, Ludendorff, Heimat, Front, Verratsvorwurf, Friedensresolution, Januarstreiks, Sozialdemokraten, Schuldzuweisung, Mythos, Militarismus, Niederlage
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Entstehung und Entwicklung der Dolchstoßlegende während des Ersten Weltkriegs und wie diese gezielt von militärischen Akteuren eingesetzt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Fokus stehen die Rolle der Obersten Heeresleitung, die Wahrnehmung des Krieges an der Front und in der Heimat sowie die Instrumentalisierung sozialer und politischer Unruhen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Autorin bzw. der Autor möchte nachweisen, dass die Dolchstoßlegende keine spontane Nachkriegsreaktion war, sondern ein strategisch konstruiertes Narrativ, das während der Kriegsjahre entstand.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf einer fundierten Auswertung zeitgenössischer Quellen und aktueller fachwissenschaftlicher Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die chronologische Aufarbeitung der Kriegsereignisse, insbesondere ab 1917, und zeigt auf, wie durch Propaganda und gezielte Rhetorik ein Sündenbock für die drohende Niederlage aufgebaut wurde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Dolchstoßlegende, OHL, Sündenbock, Verrat, Heimatfront, militärisches Versagen und die Instrumentalisierung der Geschichte.
Inwiefern spielte das "Schlieffen-Plan" eine Rolle für die Stimmung an der Front?
Das Scheitern dieses Plans und der damit verbundene Übergang von einem schnellen Bewegungskrieg in einen zermürbenden Stellungskrieg zerstörte die Hoffnung auf einen kurzen Sieg und führte zu Frustration und Enttäuschung bei den Soldaten.
Warum nutzte die OHL die "Friedensresolution" als Angriffspunkt?
Die OHL betrachtete jegliche demokratische Bestrebung oder Friedensbemühungen des Reichstages als Verrat an der Monarchie, um von eigenen Fehlern abzulenken und die Verantwortung auf zivile Politiker abzuwälzen.
- Citation du texte
- Michael Alme (Auteur), 2004, Die Entstehung der Dolchstoßlegende nach dem Ersten Weltkrieg im Spiegel von Quellen und Forschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319866