Der Begriff der Ehre in der Literatur. Diskussion der Thesen Ute Freverts zu weiblicher und männlicher Ehre


Essay, 2012

11 Seiten, Note: 2,0

Julia O. (Autor)


Leseprobe

INHALT

1.Die Kulturbedeutung der Ehre

2.Ehre als soziale Pflicht und individuelles Heil

3.Ehrenkultus und Duell

4.Ehebrüche

5.Quellen der Ehre

6.Ehrverlust und seine Folgen

7.Der Nutzen weiblicher Ehre: Jungfrauen

8.Der Nutzen weiblicher Ehre: Ehefrauen

9.Männliche Ehre und ihre Rituale

10. Auflösungstendenzen

Literaturangabe

Gegenstand dieses Essays wird es sein, die Kernaussagen des Textes „Weibliche Ehre, männliche Ehre“ von Ute Frevert herauszustellen und zu gliedern. Besondere Gewichtung wird dabei dem Vergleich zwischen männlicher und weiblicher Ehre, ihren Unterschieden und Berührungspunkten zuteilwerden. Im Folgenden werden die einzelnen Abschnitte des Textes für einen thematischen Überblick erörtert und die wesentlichen Inhalte zusammengefasst.

1. Die Kulturbedeutung der Ehre

Der einleitende Teil des Textes beginnt mit einem Zitat der Schauspielerin, die Effi Briest in gleichnamiger Verfilmung von Theodor Fontanes Roman mimt. Ihre Aussage, Ehre gäbe es nicht mehr im einst überlieferten Sinne, bestätigt, was Soziologen bereits geahnt haben: „Ehre [besitzt] keinen Tauschwert mehr“1, sodass die Moderne und die Fortschrittlichkeit die Daseinsberechtigung der Ehre vollständig ausschließen. Besonders deutlich wird dies am „Rückgang der Beleidigungsprozesse“2, die vor rund 100 Jahren noch eine gängige Methode waren, seine persönliche Ehre vor Gericht zu verteidigen. Dieser Rückgang des Ehrgefühls stellte sich als schleichender Prozess heraus, bei dem die Menschen begannen die „Persönliche Ehre […] augenscheinlich nicht mehr als empfindliches Gut, das geschützt und verteidigt werden muss“3 anzusehen. Heutzutage spielt die Ehre im täglichen Zusammenleben der Menschen keine bzw. kaum eine bedeutende Rolle mehr. Anders, so Frevert, sei dies in „randständigen Regionen des europäischen Mittelmeerraums und in Nordafrika4. Im nachstehenden Abschnitt werden bestimmte Parameter angeführt, die den Ehrverfall definieren: „Je ‚moderner‘, offener und demokratischer eine Gesellschaft ist, desto weniger Raum und Gewicht weist sie der Ehre […] zu“5. Ebenso scheint Ehre für die Identität des Einzelnen als auch für die Bindekraft innerhalb der Gesellschaft entbehrlich zu werden, wenn eine höhere Stufe kollektiver Arbeitsteilung und Differenzierung erreicht ist6.

Der zweite Teil dieses Abschnittes berichtet über das Vorhaben des Textes und gibt einen Ausblick auf den sich anschließenden Diskurs, inwiefern „die Ehre von Frauen […] von dem, was Männern Ehre verschaffte“7 unterschied.

2. Ehre als soziale Pflicht und individuelles Heil

Vor circa einhundert Jahren wurde die Ehre des Menschen als „positv[er] Gradmesser von Kultur und gesellschaftlichem Fortschritt, […] individuellem Freiheitsstreben und zivilisierten Umgangsformen“8 betrachtet. Während gebildeten und wohlhabenden Bevölkerungsschichten ein größerer Wert ihrer Ehre eingeräumt wurde, galten Menschen die der unteren Gesellschaftsschicht angehörten als „weniger ehrverbunden und als unempfindlicher gegenüber Ehrverletzungen aller Art“9. Die Ehre diente demzufolge als Kapital, das einem Menschen Vertrauen, Ansehen, Kredit und Ämter einbringen konnte10.

Es existierte jedoch keine Ehre, die allen Mitgliedern einer Gesellschaft gemeinsam zuteilwurde, vielmehr bildeten sich verschiedene Ehrgemeinschaften, „die sich scharf gegeneinander abgrenzten und hierarchisch zueinander verhielten“11. Innerhalb eben genannter Gemeinschaften herrschte das „Prinzip der Ebenbürtigkeit und Ehrengleichheit“12. Die einzelnen Ehrengemeinschaften untereinander gliederten sich jedoch in höher- und minderwertige Ehren (in- und exklusive Ehrsysteme). Im Folgenden führt die Autorin verschiedene Beispiele für die Hierarchie verschiedener Ehren, die oft nur in Zusammenhang mit dem jeweiligen Beruf betrachtet werden konnten, an. Darüber hinaus erfolgte eine Unterteilung in drei Ehrenstände: „in Personen ‚gemeinen Standes‘, […] des ‚höheren Bürgerstandes‘ sowie in Adlige, Offiziere und Königliche Räte“13. Den höheren Ständen wurde in diesem Zusammenhang ein wesentlich ausgeprägteres Ehrgefühl, als den niederen Ständen, zugeschrieben, weshalb sie im Falle einer Gesetzesüberschreitung, die infolge einer Ehrverletzung begangen wurde, auch wesentlich milder abgestraft wurden.

Es folgt ein Auszug aus Georg Simmels Forschung zu den Funktionen und Wirkungsmechanismen gruppenspezifischer Ehren. Damit einhergehend wird ein Beispiel aus Fontanes „Effi Briest“ angeführt, um die Verknüpfung von persönlichen und gesellschaftlichen Strukturen zu verdeutlichen.

Mit der Individualisierung des Ehrbegriffes ging auch die Differenzierung der Gesellschaft einher, die zugleich das Ende der Ehre bedeutete. Laut Simmel sei ein Ehrbegriff, den ein Individuum für sich allein und unabhängig von gesellschaftlichen Vorgaben definieren konnte, keiner mehr14. Der Prozess des Ehrverfalls schritt weiterhin fort, die Menschen differenzierten zwischen verschiedenen Ehrgemeinschaften, denen sie gleichzeitig angehören konnten, bis sich die „verschiedenen Ehren wechselseitig in Schach [hielten] und dadurch bis zu Bedeutungslosigkeit [abnutzten]“15. Der Wandel des Ehrenbegriffs und die Werteänderung in den Köpfen der Menschen verdeutlicht Frevert indes anhand eines erneuten Beispiels aus Fontanes Effi Briest, und kommt zu dem Schluss, dass das Prinzip der Moral und der Ehre kaum noch Anklang in der modernen Gesellschaft findet. Es schließt sich ein Diskurs über Theodor Fontanes Einstellung zur Ehre an, der resümierend nicht ausschließt, ihn als Anhänger des ‚Ehrenkultus‘ und des Duells einzuordnen.

3. Ehrenkultus und Duell

Der dritte Abschnitt führt zunächst die wichtigsten Anhänger des Duells an und knüpft somit an das Ende des 2. Teils an. Bevor jedoch auf die Motive des Duells eingegangen wird, gibt Frevert eine Definition des Begriffs: Demnach bezeichnet man das Duell als Männerkampf um die Ehre, sowie als Beweis, dass jemand seine Ehre höher achtet als sein Leben16.

Während es auch zur Hochzeit des Duells viele Gegner gegen diese Art Männerkampf gab, schwanden deren Vorbehalte meist, wenn eine Ehrverletzung vorgefallen war. In diesem Zusammenhang wurde zwischen „einfachen, verschärften und schärfsten Beleidigungen“17 unterschieden. Duellkritiker plädierten später jedoch dafür, „den Ehrenzweikampf [nur] dann, wenn die ‚Familienehre‘ tangiert sei, ‚wenigstens für eine Übergangsperiode‘ zu gestatten“18.

Nach der Abwägung des Für und Wieder des Duells und der Eingrenzung, wann ein Duell legitimiert sei und wann nicht, folgt eine Abhandlung über Fontanes persönliche Erfahrungen mit dem Ehrenzweikampf und ein Beispiel, das später als Vorlage für seinen Erfolgsroman „Effi Briest“ diente.

Im Anschluss bringt Frevert zwei weitere Fallbeispiele an, die die persönlichen Folgen für die Angehörigen der Duellgegner verdeutlichen. Besonders die Frauen ereilte oftmals dasselbe Schicksal, wenn sie ihren Mann mit einem Liebhaber betrug und dieser seine Ehre im Duell zurückforderte.

4. Ehebrüche

Der vorliegende Abschnitt beschäftigt sich grundlegend mit der Thematik Ehebruch. Dabei ist zu erwähnen, dass es sich in den überwiegenden Fällen auf den Ehebruch seitens der Frau bezieht, der fast immer mit dem Ehrverlust des Mannes, bzw. der gesamten Familie verknüpft ist.

Heutzutage gilt der Ehebruch als „moralische Verfehlung [und] Vertrauensbruch zwischen Ehepartnern“19, der zwar oft die emotionale Entfremdung und anschließende Trennung zur Folge hat, jedoch nicht mehr zum Ehrverlust des Mannes führt.

Noch im 19. Und 20. Jahrhundert wurde der Ehebruch der Frau strenger gerichtlich geahndet, als jener des Mannes. Dies resultiert vor allem aus der traditionellen Rollenverteilung und dem Wirkungshorizont beider Geschlechter. Während sich Frauen meist Zuhause um die Kinder und den Haushalt kümmerten, war es die Aufgabe des Mannes einem Beruf nachzugehen. Betrug eine Frau nun ihren Mann, bezog sich der Ehrverlust auf ihren gesamten Aktionsradius – die Familie. Der Ehebruch des Mannes hingegen konnte „in sehr vielen Fällen die Ehre und den Frieden des Hauses nicht untergraben“20.

Weiterhin ist besonders der moralische Unterschied, ob der Ehebruch seitens der Frau oder des Mannes begangen wurde, äußerst prägnant:

„Die ‚gute‘, tonangebende Gesellschaft stimmte […] überein, daß die Ehre eines Mannes durch den Ehebruch seiner Frau aufs tiefste verletzt wurde. Umgekehrt aber galten andere Grundsätze. Das ‚Extragehen‘ eines Mannes verletzte weder seine eigene Ehre noch die seiner Ehefrau. Es galt lediglich als leicht verzeihlicher ‚momentaner Fehltritt‘.“21

Es folgt ein Diskurs über die Gründe fehlender Gleichstellung von Mann und Frau und die damit einhergehende Kontroverse hinsichtlich der unterschiedlichen Bestrafung beider Geschlechter bei gleicher Tat. Besondere Gewichtung kommt in diesem Zusammenhang wiederholt den Rechten, Pflichten sowie dem Nutzen gegenüber der Familie zu, die Männer und Frauen aus ihrem Familienstand ziehen.

5. Quellen der Ehre

Ehre „ist die Meynung andrer Leute, nach der sie einem Menschen einen Vorzug vor den andern beylegen“22 so Freverts Bezug zu dem Lexikonartikel des Universal-Lexicons aller Wissenschaften und Künste nach Zedler, dem noch mehrere Definitionsversuche des schwer greifbaren Begriffs ‚Ehre‘ folgen. Als Parameter der Ehre gelten vor allem das Geschlecht und die soziale Anerkennung eines Menschen. Demnach ist die Ehre als individuelles und veränderbares Gut anzusehen, das Mann und Frau auf verschiedene Weise zuteilwird. Um die Struktur und Qualität ständischer Ehre, besonders den Ehrvorzug, zu untermauern, führt Frevert an dieser Stelle ein Beispiel aus dem Jahr 1746 an.

Einhergehend mit dem Ehrerwerb ergaben sich zusätzlich Rechte und Pflichten, um diese einzuhalten jeder ehrbare Mensch angehalten ist. Dazu gehört auch die ehemännliche Stellvertretung, in juristischen Kreisen auch ‚eheliche Vormundschaft‘ genannt. Diese Art der Familiengewalt galt generell als „Grundlage einer jeden Ehe“23.

6. Ehrverlust und seine Folgen

Die Folge eines jeden Ehrverlustes ist es, die Ehre möglichst wiederherzustellen. Dabei kam es immer dem Mann zu, seine Ehre oder die seiner Ehefrau zurückzuerlangen, egal ob der Ehrverlust auf ihn oder seine Partnerin zurückzuführen sei. Das gängigste Mittel der Ehrrückgewinnung bestand im Zweikampf, den ausschließlich Männer untereinander austragen konnten. Das Duell war unterdessen der Gipfel einer Handlungskette, die im Falle einer Ehrverletzung in Gang gesetzt wurde und auf die ein jeder Mann penibel zu reagieren hatte24. Der Frau wurde das Recht, die eigene Ehre zu verteidigen, hingegen strikt abgesprochen.

Nochmals unterstreicht Frevert die Folgen des Ehrverlustes anhand zweier Beispiele, die von vor- und außerehelichem weiblichen Ehrverlust berichten. Im Nachhinein werden verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, die zerstörte Ehre wiederherzustellen.

[...]


1 Frevert, Ute: "Mann und Weib, und Weib und Mann". Geschlechterdifferenzen in der Moderne, München 1995, S. 166.

2 Ebd.

3 Ebd., S. 167.

4 Vgl. Ebd.

5 Ebd.

6 Vgl. Ebd.

7 Ebd. S. 168.

8 Ebd. S. 169.

9 Ebd. S. 170.

10 Vgl. Ebd.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd. S. 171.

14 Vgl. Ebd. S. 174.

15 Ebd.

16 Vgl. Ebd. S. 177.

17 Ebd. S. 178.

18 Ebd. S. 179.

19 Ebd. S. 182.

20 Ebd.

21 EWbd. S. 183.

22 Ebd. S. 187.

23 Ebd. S. 192.

24 Vgl. Ebd. S. 195.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der Ehre in der Literatur. Diskussion der Thesen Ute Freverts zu weiblicher und männlicher Ehre
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Deutsche Philologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
11
Katalognummer
V319923
ISBN (eBook)
9783668192249
ISBN (Buch)
9783668192256
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
weibliche Ehre, männliche Ehre, Frevert
Arbeit zitieren
Julia O. (Autor), 2012, Der Begriff der Ehre in der Literatur. Diskussion der Thesen Ute Freverts zu weiblicher und männlicher Ehre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319923

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