Theorien zur Entwicklung und Förderung der moralischen Urteilsfähigkeit. Das Stufenmodell nach Kohlberg


Hausarbeit, 2015

16 Seiten, Note: 1,7

Julia O. (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Kognitive Entwicklungstheorie des moralischen Urteils nach Kohlberg

2.Exemplarische Beispiele
2.1 Dilemma I – Sich für Geld befruchten lassen?
2.2 Dilemma II – Stammzellentherapie
2.3 Dilemma III – Frau Dr. Paul

3.Fazit

4.Literaturverzeichnis

5.Anhang

1. Kognitive Entwicklungstheorie des moralischen Urteils nach Kohlberg

Neben dem Bildungsauftrag trägt die Institution Schule vor allem auch einen wichtigen Teil der Erziehung. In diesen Bereich fällt auch die Anleitung der Schülerinnen und Schülern, Moral und Unmoral zu verstehen. Dazu gehört, dass Schule die Orientierungs- und Entwicklungsbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ebenso konstruktiv berücksichtigt, wie die damit einhergehenden gesellschaftlichen Erfordernisse (Hößle 2007). Dabei kann das Ziel laut Adam und Schweitzer (1996) nur eine verantwortliche Mündigkeit der Jungen und Mädchen sein, und nicht einfach die Anpassung an die Gesellschaft. Nun kann an dieser Stelle behauptet werden, dass hierfür insbesondere der gesellschaftskundliche Unterricht vorgesehen ist. Dieser allein kann jedoch in den wenigen Wochenstunden nicht leisten, was das übergeordnete Ziel einer umfangreichen und ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung sein soll.

Auch die neuen Bildungsstandards der Rahmenlehrpläne fordern moralische Erziehung. Neben den Bereichen Fachwissen, Kommunikation und Erkenntnisgewinnung wurde durch die KMK zusätzlich die Bewertungskompetenz in die Standards aufgenommen. Dabei umfasst der Standard Bewerten sämtliche Kennzeichen eines reflektierten moralischen Urteils:

das Entwickeln von Wertschätzung für die Natur und die gesunde Lebensführung

Diskursfähigkeit, die befähigt, an kontroversen Diskursen teilzunehmen

ethische Urteilsbildung in Bezug auf Konflikte, die die eigene Person, andere Personen sowie die Umwelt betreffen

das Reflektieren der Grundsätze nachhaltiger Entwicklung und ethischer Denktraditionen

Fähigkeit zum Perspektivwechsel im Prozess der Urteilsbildung

(Bildungsstandards, 2005)

Im Folgenden wird veranschaulicht, welche Aufgabe in der Theorie des moralischen Urteils explizit dem Biologieunterricht zukommt. Dabei wird auf die kognitive Entwicklungstheorie nach Lawrence Kohlberg zurückgegriffen.

Der Psychologe Lawrence Kohlberg (1927-1987) entwickelte ein Stufenmodell als theoretisch fundiertes Kompetenzstrukturmodell zur Bewertung von Sachverhalten. Durch dieses Stufenmodell ist es auch Lehrkräften möglich, komplexe Kompetenzen nach Dimensionen zu gliedern und in Niveaus abzustufen. Kohlberg untersuchte die Genese des moralischen Urteilens im Kontext der allgemeinen kognitiven Entwicklung, wobei er davon ausgeht, dass sich das Moralbewusstsein beim Menschen stufenweise in immer derselben Reihenfolge entwickelt, jedoch nicht alle Menschen die höheren Stufen des Moralbewusstseins erreichen. Seine Untersuchungen konzentrierten sich dabei vor allem auf die Entwicklung der Begründungen normativer Urteile (Hößle 2007). Das entwickelte Stufenmodell umfasst sechs Ebenen des moralischen Urteils (Tabelle 1).

Tabelle 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Präkonventionelle Ebene, also die vormoralische Stufe, umfasst dabei Bewertungen frei nach dem Motto „Gut ist, was keine physische Bestrafung nach sich zieht, was mir Spaß macht und mir nützt“ und ist die einfachste/erste Stufe des moralischen Urteils. Die höchste Stufe bildet der kategorische Imperativ nach Immanuel Kant. Es handelt sich hierbei um die komplexeste Form ethischer Einsicht, die das Prinzip der Verallgemeinerungsfähigkeit beinhaltet (Hößle 2007). Die Grundformel des kategorischen Imperativs leitet sich aus zwei Unterformeln her. Zum einen der Formel des Naturgesetzes, welche den kategorischen Imperativ auf die gesamte Menschheit bezieht, sodass niemand ausgelassen wird: „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden solle.“ Es geht bei dieser Formel also vordergründig um die Verallgemeinerung einer eigens festgelegten Regel – einer sogenannten Maxime. Die Formel des Zweckes beschreibt indes, wie eine Handlung ausgeführt werden soll und bedeutet etwa so viel, dass immer etwas für den Menschen erreicht werden soll, der durch eine bestimmte Handlung beeinflusst wird. Die Formel des Zweckes an sich selbst lautet: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Welche Probleme durch die Denkweise des kategorischen Imperativs auftreten können, wird im nachfolgenden Kapitel deutlich, wenn es um exemplarische Beispiele der beschriebenen Theorie geht.

Im konstruktivistischen, progressiven Ansatz der Entwicklungspsychologie nach Kohlberg wird davon ausgegangen, dass Moral nicht über die Weitergabe von Verhaltensstandards und Regeln von einer Generation zur nächsten vermittelt wird, sondern die urteilende Person sich ihre Moral selbst „konstruiert“ (Schuster 2001). Dabei ist die ‚Person‘ also kein passives Wesen, sondern als aktives Subjekt zu verstehen. Um den Entwicklungsprozess zu stimulieren, sollte das aktive Subjekt mit seiner Umwelt und den sich darin befindlichen Problemen konfrontiert werden und mit dieser interagieren. Dies bedeutet für Lehrerinnen und Lehrer im Biologieunterricht, dass ganz konkrete ethische Konflikte zum entsprechenden Unterrichtsthema gelöst werden sollten, da die Auseinandersetzung mit Problemen die moralische Kognition und das moralisches Gefühl herausfordern und somit die Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit fördern. Die Urteile werden bei detaillierter Bearbeitung immer reversibler, immer intensiver, immer differenzierter und immer komplexer. Die Kinder durchlaufen einen Lernprozess, der im Idealfall zur nächst-höheren moralischen Stufe der Entwicklung führt und ihre Urteile dabei immer mehr nach universellen Prinzipien ausrichtet (Hößle 2007).

Eine besonders beliebte Methode zur Förderung der Urteilsfähigkeit ist die Dilemmata-Methode. Den Schülerinnen und Schülern werden dabei sogenannte Dilemmata vorgestellt, zu denen sie Stellung beziehen müssen.

Ein moralisches Dilemma liegt vor, wenn jede denkbare Handlungsalternative ein wichtiges moralisches Prinzip verletzen würde, wir also wählen müssen, welches Prinzip uns wichtiger ist (Lind 2006).

Die Mädchen und Jungen werden nach der Lektüre des Dilemmas gebeten, ihre eigene Meinung zum Thema zu äußern und sich zu positionieren. Damit soll besonders jene Kompetenz gefördert werden, die für den verantwortungsvollen Umgang mit biologischem Fachwissen und die Bewältigung moralischer Dilemmata notwendig ist, die sich direkt oder indirekt aus neuen Biotechnologien ergeben (Lind 2006). Mit Hilfe der Antworten der LernerInnen kann das Urteil im Kohlberg‘schen Stufenmodell kategorisiert werden, um beispielsweise Fördermaßnahmen und Angebote zur moralischen Urteilsentwicklung einzuleiten. Dazu kann mittels unterschiedlicher Methoden versucht werden, die nächste Stufe der Urteilsfähigkeit zu erreichen. Hößle (2001), Schuster (2001), Meisert & Kiersdorf (2001) und Bayrhuber (1992) sollen an dieser Stelle als Autoren unterschiedlichster Vorgehensweisen genannt werden (weitergehende Informationen Boegholz et.al.).

2. Exemplarische Beispiele

Anhand ausgewählter Beispiele sollen im Folgenden die Kohlberg’schen Stufen der Moralentwicklung exemplarisch dargestellt werden. Die Entwicklung der Ebenen normativer Urteile wird dabei an drei verschiedenen Dilemmata gezeigt und tabellarisch zusammengefasst. Die jeweiligen Dilemmata können im Anhang nachgelesen werden. Darüber hinaus finden sich zu den jeweiligen Stufen der Moralbildung in kursiver Schrift teilweise exemplarische Beispiele und Aussagen von Studierenden zu der entsprechenden Ebene.

Weiterhin kann für die exemplarische Darstellung der Moral im Sinne des kategorischen Imperativs nach Kant nicht immer ein Beispiel angegeben werden, da durch das Problem der Verallgemeinerung nicht konstant eine logische Erklärung geboten werden kann. In vielen Fällen ergibt sich eine Denkunmöglichkeit, wenn eine moralische Entscheidung – eine Maxime – auf die gesamte Menschheit bezogen werden soll. Dabei ergibt sich jedoch das Problem der inhaltlichen Bestimmung der formalen Maximen: Einerseits soll die vernünftige Entscheidung Allgemeingültigkeitsanspruch haben, andererseits ist das Subjekt/das vernünftige Wesen bei seiner Entscheidung nur sich selbst verantwortlich. Aus Gründen der Komplexität und Denkunmöglichkeit wurde bei den nachfolgenden Beispielen der kategorische Imperativ ausgelassen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Theorien zur Entwicklung und Förderung der moralischen Urteilsfähigkeit. Das Stufenmodell nach Kohlberg
Hochschule
Freie Universität Berlin  (DIDAKTIK DER BIOLOGIE)
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V319937
ISBN (eBook)
9783668192584
ISBN (Buch)
9783668192591
Dateigröße
771 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kohlberg, Moralbildung, Stufenmodell, moralische Urteilsfähigkeit
Arbeit zitieren
Julia O. (Autor), 2015, Theorien zur Entwicklung und Förderung der moralischen Urteilsfähigkeit. Das Stufenmodell nach Kohlberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319937

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