Möglichkeiten der Resozialisierung und Reintegration von Kindersoldaten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Kindersoldaten

3.Auswirkungen von Kriegsdiensten auf Kindersoldaten
3.1 Sozialisation von Kindersoldaten
3.2 Folgen
3.3 Auswirkungen auf Gesellschaft

4.Prävention

5.Maßnahmen zur Reintegration ehemaliger Kindersoldaten
5.1 Methoden zur Wiedereingliederung durch „interne Akteure“
5.2 Kritik an westlich- psychotherapeutischen Behandlungen
5.3 Programm zur Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration (DD&R)
5.4 Familienzusammenführungen
5.5 Fallbeispiel: Ilha Josina Machel

6.Fazit

7.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Seminars „Sozialisation im interkulturellen Vergleich“ möchte ich mich im Folgenden den Möglichkeiten der Reintegration ehemaliger Kindersoldaten widmen. Die defizitäre Forschungslage macht im Vorhinein deutlich, dass Erfahrungen und Konzepte zur Wiedereingliederung ehemaliger Kindersoldaten bislang nur unzureichend behandelt wurden. Die Fragestellung „Welche Maßnahmen dienen der psychosozialen Reintegration ehemaliger Kindersoldaten?“ ist die Grundlage dieser Arbeit und soll im Weiteren beantwortet werden.

2. Kindersoldaten

In Kriegs- und Krisengebieten ist die Vulnerabilität von Kindern und Jugendlichen um ein Vielfaches erhöht. Kindliche Grundbedürfnisse wie physischer und psychischer Schutz vor Gewalt, emotionale Zuwendung und soziale Verlässlichkeit werden oftmals vernachlässigt. Hinzu kommt die gezielte militärstrategische Zerstörung entwicklungsrelevanter Infrastrukturen, z.B. in Bildungs- und Gesundheitssystemen, um ganzen Gesellschaften ihre Perspektive zu nehmen. Diese Formen indirekter Gewalt, in Kombination mit psychischen Belastungsprozessen und Rollenverschiebungen, etwa wenn Kinder die Rolle des Familienversorgers annehmen müssen, führt zu schwerwiegenden Identitätsproblemen der Kinder, sie verlieren ihre grundlegende Orientierung. Ohne Sicherheit auf psycho-sozialer Ebene haben Kinder kaum die Möglichkeit eine nachhaltige ökonomische, politische und soziale Entwicklungsperspektive aufzubauen (Eisenbeiß & Korte 2009: 7ff.)

Die meisten der betroffenen Kinder sind Opfer bewaffneter Gewalt, andere aber gestalten den Krieg aktiv mit. Als sogenannte „Kindersoldaten“ unterstützen sie gewalttätige Gruppen oder werden selbst zu Kombattanten. Eine weltweit anerkannte Definition nach den Pariser Prinzipien beschreibt Kindersoldaten als „Personen unter 18 Jahren, die von Streitkräften oder bewaffneten Gruppen rekrutiert oder benutzt werden (…), darunter Kinder, die als Kämpfer, Köche, Träger, Nachrichtenübermittler, Spione oder zu sexuellen Zwecken benutzt wurden.“ (terre des hommes, o. J.).

Da in Konfliktregionen ein genereller Mangel an Sicherheit und Schutz herrscht, sind Kinder aus diesen Gebieten besonders von Rekrutierungen gefährdet. Im vergangenen Jahr wurden rund 250.000 Kinder von bewaffneten Gruppen zwangsrekrutiert, die meisten davon in Afrika und Asien. Minderjährige werden entführt, manipuliert oder eingeschüchtert um dann mit leichten und billigen Waffen im Kriegsgeschehen zu agieren. Extreme Armut, Unsicherheit, Diskriminierung und Gewalt sowie ideologische und politische Gründe führen dazu, dass bewaffnete Gruppierungen in den Augen mancher Kinder die vermeintlich besten Überlebenschancen bieten und beschließen, mehr oder weniger freiwillig zu rekrutieren.

Während ihrer Zeit als Soldaten erfahren die Kinder eine Erziehung die auf Gewalt und bedingungslosem Gehorsam basiert. Jungen wie Mädchen tragen Waffen und Munition, schleppen die Lasten der Gruppe, legen Antipersonenminen, müssen den Mitgliedern für sexuelle Dienste zur Verfügung stehen, führen Kampfhandlungen aus, begehen physische und sexuelle Gewalttaten. Einige Kinder werden sogar dazu gezwungen eigene Familien- oder Gemeinschaftsmitglieder zu töten, was sie vollständig von der bewaffneten Gruppe abhängig macht, die dann allein für ihren „Schutz“ und ihr Überleben verantwortlich ist.

3. Auswirkungen von Kriegsdiensten auf Kindersoldaten

Im folgenden Kapitel möchte ich auf die Auswirkungen eingehen, die der Einsatz von Kindern im Kriegsgeschehen auslöst. In den beiden ersten Unterkapiteln fokussiere ich mich auf das Individuum, indem ich auf die Sozialisation und auf psychosoziale Folgen ehemaliger Kindersoldaten eingehe, in Kapitel 3.3 beschreibe ich hingegen gesellschaftliche Auswirkungen. An dieser Stelle möchte ich darauf aufmerksam machen, dass die Umstände der Kinder und ihrer Gesellschaft nie universell sind, ebenso wie die Auswirkungen auf Individuen und ganze Gesellschaften unterschiedlich sind. Anhand der Literatur, die mir zur Verfügung stand, lassen sich allerdings Parallelen aufweisen, die ich nun zusammentragen werde.

3.1 Sozialisation von Kindersoldaten

Die Sozialisation von Kindern ist geprägt von sozialen Erfahrungsmustern, Rollenanforderungen, gesellschaftlichen Strukturzusammenhängen und im Fall der aktiven Mitgestaltung kriegerischer Auseinandersetzungen durch die Motive und die individuellen Auswirkungen der Beteiligung an bewaffneten Konflikten. Erfolgreiche Rekrutierungen basieren meist auf gezielter Indoktrinierung: im Training werden Kinder von Gruppenführern manipuliert und verängstigt, um größtmögliche Gehorsamkeit zu erreichen. Nach der Trennung des Kindes von seiner Familie und dem Kontrollverlust über das eigene Leben ist es in den meisten Fällen emotional labil. Diese Befindlichkeit nutzen die bewaffneten Gruppierungen aus, um die Kinder moralisch von ihren Wurzeln zu trennen, sodass sie die geforderten Gewalttaten unhinterfragt ausführen. Die Lebenslage der Kinder, die freiwillig rekrutieren, ist meist geprägt von strukturellen und physischen Gewalterfahrungen, von gesellschaftlicher und ökonomischer Ungerechtigkeit, von Ideologien, der Allgegenwärtigkeit des Militärs und in manchen Fällen sogar vom Stolz der Eltern auf ihre kämpfenden Kinder. Ohne den Einsatz von Kindersoldaten zu befürworten, erwähnen Cohn & Goodwin-Gill, dass die Zeit in der bewaffneten Gruppe auch positive Aspekte für Kinder haben kann „They found a 'home', 'stability', loyality, discipline, empowerment and the prospect of promotion, respect and pride“ (zit n. Druba 2000; Cohn/Goodwin-Gill 1997: 97). Durch die Vermittlung eines Heimat- und Zugehörigkeitsgefühl stellt die Rekrutierung für manche Kinder sogar die beste der schlechten Alternativen dar. Die Freiwilligkeit der Rekrutierung bleibt allerdings zu bezweifeln, sie ist fast immer bedingt durch kulturelle, ideologische, soziale oder ökonomische Gründe. Besonders ärmere Bevölkerungsschichten leiden an Bildungsnachteilen, Arbeitslosigkeit und Armut, sind finanziell daran gehindert zu fliehen und zahlen letztlich den höchsten Preis für die wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeit in ihrer Heimat.

Im Gegensatz zu früheren Kriegen werden moderne Kriege oft mehrere Jahrzehnte lang geführt, indem systematisch nationale und internationale Standards missachtet werden, was zu sozial-moralischen Zusammenbrüchen führt und zur Folge hat, dass Kinder in Kriegsgebieten oft nur unzureichend mit positiven Bewältigungsressourcen ausgestattet sind. Gewalttätige Umweltbedingungen sind Lernmodelle für das Verhalten der Kinder. Spielerische Aktivitäten bleiben aus, soziale Netzwerke werden zerstört.

Der Status „Kindersoldat“ ist zusätzlich dadurch erschwert, dass die Kinder einer doppelten Rolle ausgesetzt sind: sie erfahren indirekte Gewalt wie z.B. durch Familientrennung oder Drogen- und Alkoholmissbrauch unmittelbar zusammen mit direkter Gewalt (Vergewaltigung, Mord, Verstümmelung) und sind gleichzeitig aber selbst Täter, die aktiv an brutalen Konflikten beteiligt sind. In vielen Fällen entwickeln sie eine „Soldatenidentität“ (Druba 2000: 27) und führen Befehle aus, ohne sich verantwortlich zu fühlen. Dies ist ein Resultat aus der Aufhebung der regulierenden Funktion des Über-Ichs, ausgelöst durch den psychischen Konflikt zu töten oder selbst zu sterben.

Ein weiteres Problem, welches ausschließlich Kindersoldaten betrifft, vor allem die, die mit Schusswaffen Menschen töteten, ist der Wechsel ihres sozialen Status beim Übergang ins Zivilleben. Während ihrer Zeit mit der Waffe hatten sie Macht über Leben und Tod, unabhängig vom sozialen Rang der Person, diese Macht wird ihnen mit der Entwaffnung genommen.

3.2 Folgen

Die Folgen der weltweiten Kriege für Kindersoldaten unterscheiden sich in ihrer Stärke und Nachhaltigkeit von denen für Erwachsene. Die Konsequenzen sind von verschiedenen Faktoren abhängig, etwa vom politischen und wirtschaftlichen Kontext, von der Art der Rekrutierung, vom Alter zum Rekrutierungszeitpunkt, von der Art und Dauer des Konfliktes, von der Qualität bisheriger Lebenserfahrungen und -bedingungen, und im besonderen Maße von der sozialen Identität, bisherigen moralischen Sozialisation sowie von individuellen Dispositionen. Wenn die Kinder nicht mehr Teil der rebellierenden Gruppe sind, ist die Reintegration durch die Bindung an die militärische Gruppe, den psychischen Druck sowie durch die zahlreichen Misshandlungen der Minderjährigen erschwert. Die Fähigkeit, anderen Menschen vertrauen zu können, ist bei vielen Kindersoldaten „fundamental erschüttert“ (Verginer 2012: 59), denn die schützende Instanz der Eltern hat sie nicht vor den Rebellen bewahren können. Der Vertrauensverlust der Kinder zu Eltern und Freunden sowie die niedrige gesellschaftliche Wertschätzung und fehlende Zukunftsaspirationen erschweren die Wiedereingliederung ehemaliger Kindersoldaten.

Neben den physischen und psychischen Schäden erleiden ehemalige Kindersoldaten oft schwerwiegende Bildungsdefizite und erfahren in vielen Fällen damit einhergehende soziale Ausgrenzung, da sie durch den Mangel an Schul- oder Berufsausbildungen nicht in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Wenn sie zusätzlich von der Gesellschaft keine Akzeptanz und von offizieller Seite keine Folgebetreuung erfahren, ist der Weg zurück in bewaffnete Gruppen ein leichter. Diesen Kindern bedarf es einer besonderen Förderung, um Gleichberechtigung in ihrer Ursprungsgemeinschaft zu finden und langfristig soziale, ökonomische und politische Verantwortung übernehmen zu können.

3.3 Auswirkungen auf Gesellschaft

Die meisten Kindersoldaten kehren zu ihrer Kern- oder Großfamilie zurück, doch die Rückkehr in ihr Heimatdorf nach ihrer Demobilisierung beinhaltet nicht zwangsläufig das Gefühl von Sicherheit. Laut Verginer haben 40% der ehemaligen Kindersoldaten Angst vor einer erneuten Entführung, 21% haben Angst, von den Rebellen umgebracht zu werden. Oft haben ehemalige Kindersoldaten ein starkes Gefühl des Verlorenseins, weil sie nicht in der Lage sind, ihr Leben mit den Rebellen in das zivile Leben zu integrieren und sehen Passivität häufig als einzige Umgangsstrategie um sich in ihrer neuen Identität der Gesellschaft anzupassen. In den meisten Fällen stellen ehemalige Kindersoldaten jedoch eine von der restlichen Bevölkerung abgesonderte Gruppe dar. Der Widerwille der Gemeinschaft, Kindersoldaten willkommen zu heißen, beruht in vielen Fällen auf dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit und der Anzweiflung ihrer Unschuldsbekundungen. Mit der Wiederaufnahme ehemaliger Kindersoldaten wächst in vielen Fällen die Besorgnis um die allgemeine Sicherheit innerhalb der Gemeinschaft, weil die Erfahrungen der Kinder sie häufig feindselig aggressiv und politisch entfremdet gestimmt hatten. Manche Rückkehrer klagen über verbale Beleidigungen und darüber, dass sich Mitglieder der Gemeinschaft vor ihnen fürchten. Immer wieder werden sie zur „Zielscheibe für die Frustration der Gemeinschaft“ (Verginer 2012: 58ff.). Verginers Aussage zufolge werden Kindersoldaten in Norduganda öfter verbal angegriffen, wenn die Rebellengruppe der LRA (Lord Resistance Army) in ihrer Gegend aktiv ist. Sie werden weniger gut von Familien aufgenommen, deren Kinder noch im unmittelbaren Kriegsgeschehen involviert sind und empfangen Rachegefühle von denen, die nahestehende Menschen durch die LRA verloren haben. Ehemalige Kindersoldaten, die offensichtliche körperliche Schäden von der Zeit im Kriegsgeschehen davon getragen haben, leiden besonders häufig unter Ausgrenzungen und Verfolgungen, ebenso wie Kinder, die Verhaltensstörungen aufweisen und die, die bekanntlich oder vermeintlich an Plünderungen und Morden beteiligt waren. Die Gefahr besteht, dass die Gemeinschaft sie als „Fremdkörper“ wahrnimmt und auf Distanz geht, aus Angst sich mit cen anzustecken. „Die cen sind unversöhnte Geister von gewaltsam Gestorbenen, sie gelten als äußerst böse, rachsüchtig und gefährlich“ (Spitzer 1999:112). Alpträume, Schlafstörungen, Aggressionen und Angst wurden als Verunreinigung durch cen bekannt. Durch besondere Rituale wird die „badness“ (Verginer 2012: 58) nach außen verlagert, sodass die Kinder wieder von ihrer Gemeinschaft aufgenommen werden können. Nur wenige Kindersoldaten können offen über ihre Erfahrungen im Krieg berichten, vermeiden dies sogar, um einem Verdacht auf cen-Bessesenheit zu entgehen. Viele der zwischenmenschlichen Probleme werden nicht den direkten Gewalttaten, sondern dem „Verfolgtsein von den Seelen der Toten“ (Steudtner 2000:14) zugeschrieben. Eltern und Verwandte haben häufig selbst Angst vor ihren Kindern weil sie vermutlich Menschen getötet haben und aufgrund dessen von den Geistern der Toten geplagt sind. Die Befürchtung einer „sozialen Verunreinigung“ (Steudtner 2000:15) durch fremde und böse Geister ist ein weltweit verbreitetes Phänomen und erfordert deshalb besondere Bearbeitungsmechanismen.

Spitzer macht deutlich, dass besonders in Uganda Rehabilitationsprogramme auf Gemeinschaftsebene wichtig sind:

„Dort, wird von Projekten versucht, ein Problemverständnis in der Bevölkerung zu schaffen, wonach Kinder zwar in er Rolle des Täters aktiv an Greueltaten beteiligt waren, sie gleichzeitig aber auch Opfer sind, weil sie durch Gewalt und Einschüchterung zu handeln gezwungen waren. Bei solchen Sensibilisierungsmaßnahmen erlangt die Erklärung des Konzeptes von Trauma eine besondere Bedeutung: Für die Gemeinschaft oft unverständliche Reaktionen der Kinder auf ihre Erlebnisse im Krieg und ihr abweichendes Verhalten unter dem Aspekt zu sehen, daß es sich dabei um normale menschliche Reaktionen auf extrem abnormale Ereignisse und Gewalterfahrungen handelt, erleichtert die Bereitschaft, die Kinder wieder zu akzeptieren und ihnen versöhnlich zu begegnen.“ (Spitzer 1999: 38)

Durch die aktive Beteiligung der Gemeinschaft wird darüber hinaus die Abhängigkeit von externen Programmen gering gehalten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten der Resozialisierung und Reintegration von Kindersoldaten
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V319964
ISBN (eBook)
9783668192126
ISBN (Buch)
9783668192133
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
möglichkeiten, resozialisierung, reintegration, kindersoldaten
Arbeit zitieren
Lisa Förster (Autor), 2015, Möglichkeiten der Resozialisierung und Reintegration von Kindersoldaten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319964

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