Deutsche Politik und problematische Ahnenschaft. Max Weber bei Wolfgang J. Mommsen


Essay, 2015
11 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Deutsche Politik und problematische Ahnenschaft: Max Weber bei Wolfgang J. Mommsen

Max Weber, der berühmte deutsche Soziologe, der von 1864 bis 1920 lebte, erfährt auch heute noch eine große akademische und gesellschaftliche Rezeption. Er ist heute keinem Studenten der Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften auch über 80 Jahre nach seinem Tod unbekannt. Als Begründer der modernen Herrschaftssoziologie gilt er neben Karl Marx als der wohl bedeutendste deutsche Gesellschaftstheoretiker.

Der Historiker Wolfgang J. Mommsen, der am 11. August 2004 im Alter von 73 Jahren bei einem Badeunfall in der Ostsee ums Leben kam1, widmete einen beträchtlichen Teil seines akademischen Lebens dem großen deutschen Soziologen Weber. Seine Dissertation mit dem Titel „Max Weber und die deutsche Politik, 1890-1920“ hatte der Historiker 1958 in Köln bei Theodor Schieder verfasst. Seitdem erschien das Werk in mehreren Neuauflagen und Übersetzungen. Mit ihr schaffte es der Historiker, eine komplexe und hoch kontroverse Diskussion auszulösen, indem er nicht nur einen der großen Denker der deutschen Geistesgeschichte kritisch hinterfragte, sondern ihm auch eine Mitschuld unterstellte, die geistige Infrastruktur für den Nationalsozialismus mitbereitet zu haben. Für die Identitätssuche der jungen Bundesrepublik war dies ohne Zweifel von großer Bedeutung. In den 1950er Jahren suchte man politische und wissenschaftliche Anknüpfungspunkte für die demokratischen Traditionen in Deutschland, an welchen die junge Bundesrepublik im Jahre 1949 anknüpfen konnte. Zudem war man bemüht, einen „Gegenpol“ zu dem in der Deutschen Demokratischen Republik gefeierten Karl Marx zu finden. Diese Bemühungen, Max Weber als eine Art geistige Identifikationsfigur für Westdeutschland zu etablieren, waren allerdings mit Mommsens Analyse von zentralen Aspekten in Max Webers politischem Denken kaum mehr möglich.2 Doch Mommsens Buch überstand die intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung. Die Kritik erreichte ihren Höhepunkt um 1960 und legte sich erst auf dem Heidelberger Soziologenkongress 1964. Dieser stand unter dem Eindruck des 100. Geburtstages von Max Weber. Mommsen hielt an seiner Deutung des politischen Denkens von Max Webers fest und seine Interpretation wurde von anderen Soziologen, wie Raymond Aron und Jürgen Habermas verteidigt.3 Die Frage, wie sich Weber in Jahren der Weimarer Republik positioniert und wie er sich gegenüber dem Nationalsozialismus verhalten hätte, standen dabei ebenso zur Debatte, wie die Frage, ob sich seine Denkweise und sein ideengeschichtlicher Einfluss auf das politische Denken in Deutschland überhaupt mit heutigen demokratischen Grundwerten vereinbaren lassen könnten.

Der folgende Essay soll die Dissertation Wolfgang Mommsens - "Max Weber und die deutsche Politik, 1890-1920"4 - und seine Rezeption von Max Weber im Hinblick auf den Begriff der charismatischen Herrschaft beleuchten und auf Mommens kritische These eingehen, dass Webers Lehre von der charismatischen Führerschaft ihren Teil dazu beigetragen hat, das deutsche Volk zur Akklamation eines Führers, und insofern auch Adolf Hitlers, innerlich willig zu machen. Diese Theorie konzentriert sich vor allem auf die Rezeption und Interpretation von Max Webers Lehre von der plebiszitären Demokratie und der charismatischen Führerschaft hinsichtlich der Konstruktion der Weimarer Verfassung, besonders der Figur des Reichspräsidenten, und dem Aufgehen der Weimarer Republik im nationalsozialistischen Dritten Reich.

Mommsen hatte in seiner Studie die Orientierung Max Webers am nationalen Machtstaat und die damit einhergehende Vernachlässigung demokratischer Grundwerte herausgearbeitet; es lässt sich bei Weber tatsächlich aus heutiger Sicht nicht viel Demokratisches entdecken. Sein schonungsloser Pragmatismus favorisierte eher geeignete, charismatische Anführer in der Politik. Dabei legte er auch nicht viel Wert auf moralische Leitlinien oder partizipative Elemente.5 Um sich Webers Begriff der plebiszitären Führerherrschaft anzunähern, ist es unerlässlich, das Verständnis des Soziologen von charismatischer Herrschaft zu beleuchten. Weber definiert Herrschaft als eine „Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.“6 Dieses Verhältnis ist beidseitig, also eine Beziehung zwischen dem Herrschenden auf der einen und dem Beherrschten auf der anderen Seite.

Herrschaft kann laut Weber traditionell (durch historisch gefestigte Strukturen, wie Feudalismus oder Familienhierarchie), legal (durch eine Satzung) oder charismatisch (durch eine große Persönlichkeit) ausgeübt werden.7 Auch bei dieser Form von Herrschaft existiert eine gegenseitige Beziehung zwischen einem Charismaträger und einem Charismagläubigen und ist somit nicht nur eine einseitige Beziehung von Seiten des Herrschers. Im Gegenteil: Der Träger des Charismas ist von seinen Anhängern abhängig, aber gleichzeitig auch der handelnde Bestandteil dieser Beziehung. Die charismatische Persönlichkeit des Herrschenden ist also ausschlaggebend für die Zuschreibungen seiner Anhänger. Seine Autorität gründet sich allein auf eine besondere Persönlichkeit. Damit bricht diese Form von Herrschaft mit nahezu allen traditionellen Elementen und wirkt somit geradezu revolutionär. Mit einer charismatischen Person an der Spitze scheint jede wahrgenommene Notlage durch das Auflösen von bisher geltenden Normen und Standards sowie organisatorischer Strukturen enden zu können. Wenn sich die Beherrschten also in einer Notlage welcher Art auch immer befinden, kommt es zu einer verstärkten Hinwendung an den charismatischen Führer verbunden mit dem Glauben, dass dieser sie aus der Krisensituation herausführt. Der Charismatiker vermag somit Massen zu kontrollieren, zur Zustimmung zu bewegen und zu steuern. Nicht jeder Herrscher hat diese Gabe, daher kann konstatiert werden, dass jeder Charismatiker ein potentieller Herrscher, jedoch nicht jeder Herrscher ein Charismatiker ist.8 Nur einige wenige verfügen über Charisma und müssen dies allerdings auch immer wieder neu beweisen, um sich von anderen (charismatischen) Herausforderern abzuheben. Der charismatische Herrscher ist daher im Hinblick auf seine Herrschaftssicherung auch permanent von der Wahrnehmung seiner Bewährung durch die Beherrschten abhängig. Dies liegt darin begründet, dass das Wesen der charismatischen Herrschaft nach Max Weber nicht alltäglich und von außen betrachtet auch irrational ist; denn sowohl die traditionelle als auch die legale Herrschaft bedienen sich – im Gegensatz zu charismatischen – größtenteils geltender Normen, Regeln und Standards. Zwar vermag dies auch die charismatische Herrschaft, muss es aber nicht.9

Wolfgang Mommsen interpretiert Webers Charisma-Theorie in einem zeitlich-kulturellen Kontext und bindet seine Theorie in die konkrete historische Situation der Entstehungszeit ein, in der zum Teil nach neuen Sozial- und Führungsformen gesucht und verlangt wurde: Denn auch wenn Weber aus heutiger Sicht bei seiner Geringschätzung der Massen alles andere als ein überzeugter Demokrat gewesen ist, so kann und muss als ein wichtiger Ansatz zum Erklären von Webers Charisma-Theorie das generelle soziale und ideengeschichtliche Umfeld nach 1900 berücksichtigt werden. So war beispielsweise der zentrale Ausgangspunkt in Webers eigenem politischem Denken die „Nation". Er war überzeugt, dass der nationale Machtstaat als einzige Instanz die modernen gesellschaftlichen Kräfte binden könne und dass sich das Deutsche Kaiserreich auf dieser Basis auch international behaupten müsse („Ein Volk von 70 Millionen“ hat zu seiner nationalen Existenzsicherung die „Pflicht, Machtstaat zu sein.“10 ).

Im Zentrum seiner Kritik stand die von Otto von Bismarck geprägte Verfassung des Deutschen Kaiserreiches. Durch dessen strukturelle Defizite würde nach Webers Auffassung eine erfolgreiche internationale Machtpolitik Deutschlands verhindert. Die politische Rolle des Parlaments (Reichstag) war in dieser Verfassung nur schwach ausgeprägt, denn sie beinhaltete eine starke Stellung des Kaisers, der den Reichskanzler und die Reichsbeamten ernannte und entließ. Eine Abhängigkeit des Reichskanzlers von der direkt gewählten Legislative bestand daher nicht. Für Weber bestand die politische Führung des Reiches größtenteils aus unfähigen Politikern ohne Charisma und Begabung. Durch die Machtlosigkeit der Parlamente, die in Webers Augen eine Art „Arena“ für die Profilierung junger charismatischer Führungspersönlichkeiten waren, und durch eine grenzenlose Herrschaft der Bürokratie würden ebensolche Personen am Aufstieg gehindert bzw. erst gar nicht entdeckt werden. Da es nur eine Verwaltung ohne wirkliche politische Leitung und auch keine echten Kontrollmöglichkeiten der politischen Führung im Reich gab, würde dem Aufkommen einer fähigen, charismatischen Führungsschicht mit entsprechenden Persönlichkeiten die Substanz entzogen werden.

Ähnliches bescheinigte der Soziologe den politischen Parteien, wenn er ihnen vor allem Opportunismus vorhielt: „Inhaltlich gesinnungslos, schreiben sie, miteinander konkurrierend, jeweils diejenigen Forderungen in ihr Programm, welchen sie die stärkste Werbekraft bei den Wählern zutrauen.”11

All diese Kritik an den Strukturdefekten des politischen Systems zu seiner Zeit, sowie die Überlegung, wie im modernen Verwaltungs- und Parteienstaat ein verantwortlicher, entscheidungsbereiter bewusster politischer Gestaltungswille ermöglicht werden könne, ließen Max Weber das Modell der charismatischen Führerpersönlichkeit und der plebiszitären Demokratie entwickeln. In dieser plebiszitären Führerdemokratie stehen direkt gewählte charismatische Führer an der Spitze, die innerhalb der Verfassung das Maximale an politischer Herrschaft ausüben und somit die Geschicke der politischen Masse d.h. des Volkes bestimmen. Dabei betonte er stets die Notwendigkeit des Konkurrenzkampfes und die Werbung um Gefolgschaft. Die Herrschenden handeln hierbei eigenverantwortlich und gewinnen ihre Zustimmung durch die zu ihrem Führungsanspruch gehörige Fähigkeit der Massenbeeinflussung. Gleichzeitig muss aber hervorgehoben werden, dass Weber – wie bereits erwähnt – ebenso entschieden für die Stärkung der politischen Führung hinsichtlich ihrer Wahl und ihrer Kompetenzen wie für die Notwendigkeit ihrer Regulation von außen eintritt.

Somit war für ihn das Parlament als Medium für die Herbeiführung von politischen Kompromissen, für die „Erzeugung“ der charismatischen Anführer und als Garant der Verhinderung einer unkontrollierten Bürokratenherrschaft unentbehrlich. Auch ist die Legislative nach Weber neben der Kontrolle des charismatischen Führers im Hinblick auf seine Machtstellung, beispielsweise notwendig für die Budgetfeststellung, die Erhaltung der für ihn zentralen bürgerlichen Rechtsgarantie sowie des friedlichen Wechsels des Führers, wenn er das Vertrauen der Masse verliert. Daher trat Weber während des 1. Weltkriegs auch für eine unverzügliche Parlamentarisierung der Reichsverfassung ein. Eine demokratisch oder plebiszitär gewählte Führung ohne ein Parlament und ohne rational-bürokratische Parteien bedeute daher eine Emotionalisierung und Entgrenzung sowie zudem eine Unstetigkeit der Politik, denn in Webers Augen denkt "die Masse als solche [...] nur bis Übermorgen".12

Bis heute lässt sich nicht vollständig sagen, welche Auswirkungen Max Webers Lehre in jener Zeit wirklich gehabt hat. Berücksichtigt man aber den von Mommsen angedeuteten tendenziellen Zusammenhang zwischen dem von Weber nach dem Sturz der Monarchie konzipierten plebiszitär-demokratischen, charismatischen Führertum und dem totalitären Führeranspruch des Nationalsozialismus, so muss diese Frage in jedem Fall kritisch beleuchtet werden. Die Frage, ob Hitler als ein charismatischer Führer im Weber’schen Sinne verstanden werden kann, lässt sich nicht ohne weiteres beantworten. In der Tat gab es kaum jemanden, der sich der Macht der öffentlichen Worte so bewusst war wie Hitler. Auch wenn seine Rhetorik nicht primär durch Argumentation oder durch menschliche Botschaften gekennzeichnet war, so waren doch die präzise Anwendung der Techniken in der öffentlichen Rede und die Vorbereitung seiner Ansprachen wesentliche und entscheidende Merkmale seines Erfolgs. In der historischen Forschung besteht weitgehend Einigkeit darin, dass es keine einfachen Erklärungen für den Aufstieg des Nationalsozialismus und die Massenwirksamkeit im NS-Führerstaat gibt. Um die Entstehungsweise erläutern zu können, muss nicht nur die gesellschaftlichen und politischen Kräfte sondern auch die Art und Weise, wie diese gebündelt und in eine Herrschaft transponiert wurden, näher beleuchten. So kann weder die nationalsozialistische Ideologie und Propaganda, noch die politischen und sozialen Umstände, der Versailler Vertrag, die Massenarbeitslosigkeit, oder aber die in dieser Zeit immer mehr aufkommende Rassenlehre dieses Phänomen allein erklären. Jedoch darf keiner dieser Faktoren bei einer historischen Erklärung für den nationalsozialistischen Machtaufstieg und die Politik des totalitären Führerstaates außer Acht gelassen werden. Sie verschränkten sich vielmehr wechselseitig. Diese Verschränkung wurde zudem beschleunigt durch politische Fehleinschätzungen und persönliche Machtkämpfe.

Es spielten sowohl die politisch-kulturellen, wie auch die sozialen Dimensionen der damaligen Zeit und die daraus resultierende Hoffnung auf ein charismatisches Erlösungsangebot beim Aufstieg Hitlers eine Rolle. Aufgrund der besseren Organisation der Nationalsozialisten und der Fähigkeit Hitlers, durch aggressive Rhetorik und durch außergewöhnliche Psychologie die Menschen für sich zu begeistern, konnte diese Unzufriedenheit in der deutschen Bevölkerung durch die NSDAP besser als durch ihre Kontrahenten genutzt werden. Die Frage drängt sich geradezu auf, ob Hitler ohne die gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen (politische Krise, Rezession, etc.) überhaupt eine derartige Faszination auf die Deutschen hätte ausüben können. Denn wie oben bereits beschrieben, braucht die charismatische Herrschaft nach Weber nicht nur den Charismatiker, sondern auch eine Krisensituation, damit er leidenschaftliches Charisma entfalten und den Sehnsuchtsgedanken der Massen stillen kann. Dies bestätigen auch gängige Meinungen in der Wissenschaft: Die Politikwissenschaftlerin Christina Georgieva meint beispielsweise: „Würde Charisma allein in der Außeralltäglichkeit des Führers wurzeln, dann hätte eine ‚charismatische‘ Persönlichkeit in jeder Gesellschaft und zu jeder Zeit die Chance gehabt, ihre charismatische Wirkung zu entfalten."13 So lässt sich festhalten, dass es sich bei Hitlers Aufstieg tatsächlich um eine spezifische Ausprägung von charismatischer Herrschaft und um Formen der charismatisch-affektiven Bindung einer breiten Masse der Bevölkerung mit einer fast bedingungslosen Hingabe an den Führer gehandelt hat. Jedoch erscheint diese Form der charismatischen Herrschaft als eine, der auch noch andere Nationen als die Deutschen verfallen können und verfallen sind (Italien, etc.). Zudem ist es fraglich, ob sich Hitler selbst in Webers Modell des charismatischen Führers gesehen hätte. Denn bei Weber kommt dieser charismatische Führer eben auf nicht alltäglichem Weg zu seiner Rolle, sondern außeralltäglich und wenn nötig auch unter Aushebelung aller bisher geltender Normen, Regeln und Standards. Hitler tat das aber in gewisser Weise, als er nach dem gescheiterten Umsturzversuch vom 9. November 1923 in den Strukturen der Weimarer Republik (dessen letzter Kanzler er war) seinen Aufstieg zur Macht - wenn auch nicht durch direkte Wahlen - antrat und erst im Anschluss bisher geltende politische Normen, Regeln und Standards durch die Gleichschaltung gravierend veränderte.14 Zudem konnte Hitler, nachdem er politisch wie militärisch völlig versagt hatte, durch die von ihm geschaffene Situation nicht mehr einfach so von den Massen ausgetauscht werden, wie Max Weber es für seinen plebiszitären Führer konzipiert hatte. Menschen wie Adolf Hitler waren in Webers Konzept schlicht nicht vorgesehen.15

Führt man sich Mommsens Ausführungen über die charismatische Führertheorie Max Webers unter diesem Blickwinkel vor Augen, so lässt sich auch der mögliche Schluss ziehen, dass Weber den Begriff der „politischen Führung“ hier lediglich aus einem anderen Blickwinkel heraus thematisierte: Der Soziologe könnte das Konzept der charismatischen, plebiszitären Führerdemokratie als Reaktion auf die politischen Erosionsgefahren und die in seinem Augen falsche Konzeption der Exekutive an sich entwickelt haben. Somit setzt diese Lösung nicht „unten“, sondern „oben“ an den Institutionen der politischen Führung an, die der Verantwortungslosigkeit der Herrschenden den Weg bereiten. In den Jahren 1918/19 war er überzeugt, in der Führungskrise des kaiserlichen Deutschlands genau für diese fehlerhaften Institutionen die Beweise zu erkennen. Man kann Weber somit ein verzerrtes oder mit heutigen Maßstäben nicht mehr bzw. schwer zu vereinbarendes Demokratieverständnis vorwerfen, zeitgenössisch betrachtet allerdings erscheint diese Sichtweise nicht völlig abwegig. Die Figur eines charismatischen, starken Führers und das Lenken der politischen Massen beherrschte viele soziologische Theorien des späten 19. Jahrhunderts. Auch Gustave Le Bon stellt in seinem berühmten Werk „Psychologie der Massen“ dar, wie politische Meinungen und Ideologien in einer Masse Verbreitung finden und wie die Führer mit den jeweiligen Eigenschaften entstehen, welche diese Masse dann beeinflussen und lenken können. Er kommt durch seine Theorie der Veränderung zu den Erkenntnissen, dass eine Masse von politischen Individuen von Führern leicht zu lenken ist und dass diese menschlichen Individuen als Teil dieser Masse oft in einer ganz anderen Art und Weise handeln, wenn sie es für sich allein tun würden.16

[...]


1 Schwentker, Wolfgang: Geschichte schreiben mit Blick auf Max Weber: Wolfgang J. Mommsen, in: Labisch, Alfons: Jahrbuch der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 2004, Düsseldorf 2005, S. 209-221, S.209 (http://dup.oa.hhu.de/194/, letzter Aufruf: 17.09.2015)

2 Ebd.: S. 211.

3 Ebd. S.211/212.

4 Vgl. Mommsen, Wolfgang J.: Max Weber und die deutsche Politik, 1890-1920, 2. Auflage, Tübingen 1974.

5 Hacke, Jens: Leidenschaftlicher Interpret der Moderne. Zum 150. Geburtstag Max Webers, in: Die Politische Meinung, Nr. 525, März/April 2014, 59. Jahrgang, S. 109-113, S.112 (http://www.kas.de/wf/doc/kas_37449-544-1-30.pdf?140414094152, letzter Aufruf: 17.09.2015)

6 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, in: Ders.: Gesammelte politische Schriften, hrsg. v. Johannes Winckelmann, 5. Auflage, Tübingen 1980, S. 27 (Online abrufbar auf zeno.org, unter: http://www.zeno.org/Soziologie/M/Weber,+Max/Grundri%C3%9F+der+Soziologie/Wirtschaft+und+Gesellschaft/Erster+Teil.+Soziologische+Kategorienlehre/Kapitel+I.+Soziologische+Grundbegriffe, letzter Aufruf: 15.09.2015)

7 Vgl. Weber, Max: Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft, in: Ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Hrsg. von Johannes Winckelmann. 6. Auflage, Tübingen 1985 (Online abrufbar auf zeno.org, unter: http://www.zeno.org/Soziologie/M/Weber,+Max/Schriften+zur+Wissenschaftslehre/Die+drei+reinen+Typen+der+legitimen+Herrschaft, letzter Aufruf: 16.09.2015)

8 Flasspöhler, Svenja : Charisma und Herrschaft. Reihe "Gnadengabe oder Inszenierung? - Versuche über Charisma", Teil 2, Deutschlandfunk, 12.07.2009 (http://www.deutschlandfunk.de/charisma-und-herrschaft.1184.de.html?dram:article_id=185335,letzter Aufruf: 15.09.2015)

9 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, in: Ders.: Gesammelte politische Schriften, hrsg. v. Johannes Winckelmann, 5. Auflage, Tübingen 1980, S. 140. (Online abrufbar auf zeno.org, unter:

http://www.zeno.org/Soziologie/M/Weber,+Max/Grundri%C3%9F+der+Soziologie/Wirtschaft+und+Gesellschaft/Erster+Teil.+Soziologische+Kategorienlehre/Kapitel+III.+Die+Typen+der+Herrschaft/4.+Charismatische+Herrschaft, letzter Aufruf: 15.09.2015)

10 Zit. in: Hübinger, Gangolf: „Der Kampfplatz sei das Parlament“, in: Akademie Aktuell (150 Jahre Max Weber), 01-2014, S. 35-39, S. 38 (https://www.badw.de/de/publikationen/akademieAktuell/2014/48/0114_08_huebinger.pdf, letzter Aufruf: 20.09.2015)

11 Zit. in: Beste, Simon (Göttinger Demokratie-Forschung): Warum Max Weber immer noch aktuell ist, CICERO ONLINE, 22. April 2014 (http://www.cicero.de/blog/goettinger-demokratie-forschung/2014-04-22/rationalitaet-und-affekt-bei-max-weber, letzter Aufruf: 20.09.2015)

12 Weber, Max: Schriften zur Politik, in: Ders.: Gesammelte politische Schriften, hrsg. v. Johannes Winckelmann, 5. Auflage, Tübingen 1988, S. 403 (Online abrufbar auf zeno.org, unter: (http://www.zeno.org/Soziologie/M/Weber,+Max/Schriften+zur+Politik/Parlament+und+Regierung+im+neugeordneten+Deutschland/V.+Parlamentarisierung+und+Demokratisierung, letzter Aufruf: 15.09.2015)

13 Zit. in: Flasspöhler, Svenja: Charisma und Herrschaft, Reihe "Gnadengabe oder Inszenierung? - Versuche über Charisma", Teil 2, Deutschlandfunk, 12.07.2009 (http://www.deutschlandfunk.de/charisma-und-herrschaft.1184.de.html?dram:article_id=185335, letzter Aufruf: 16.09.2015)

14 Einige Historiker wie Ludolf Herbst sind sogar der Meinung, dass Hitler anfangs politisch überhaupt nicht festgelegt war und sein Nimbus systematisch aufgebaut wurde. Erst nach dem missglückten Putschversuch vom 9. November 1923, mit Erich Ludendorff als Unterstützung, trat Hitler mit charismatischem Führungsanspruch auf. (nachzulesen bei: Mommsen, Hans: NS-Diktator Adolf Hitler, Die Legende vom Charisma, Süddeutsche.de, 20. Mai 2010 [http://www.sueddeutsche.de/politik/nsdiktatoradolfhitlerdielegendevomcharisma1.943366, letzter Aufruf: 16.09.2015].

15 Schwarz, Hans-Peter: Charismatische (Ver-)Führer. In: Totalitarismus und Demokratie 1 (2004), 1, pp. 15-33, S.17 (http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-309449, letzter Aufruf: 16.09.2015)

16 Vgl. Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen (Psychologie des foules, 1895), Übersetzung: Rudolf Eisler, 1911 (online auf: http://www.textlog.de/le-bon-psychologie.html, letzter Aufruf: 16.09.2015)

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Deutsche Politik und problematische Ahnenschaft. Max Weber bei Wolfgang J. Mommsen
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Wissenschaft, Politik und Gesellschaft bei Max Weber
Note
2,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
11
Katalognummer
V319976
ISBN (eBook)
9783668192348
ISBN (Buch)
9783668192355
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutsche, politik, ahnenschaft, weber, wolfgang, mommsen
Arbeit zitieren
Christian Rucker (Autor), 2015, Deutsche Politik und problematische Ahnenschaft. Max Weber bei Wolfgang J. Mommsen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319976

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