Die deutsche Wirtschaftspolitik in Litauen im Ersten und im Zweiten Weltkrieg

Kontinuität einer Ausbeutungspraxis?


Masterarbeit, 2012
96 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Herrschaft von „Ober Ost“ – Ausplünderung mit dem Ziel der Autarkie
2.1. Litauen im Kontext der deutschen Kriegswirtschaft
2.2. Die Ausbeutungs- und Requisitionsmaßnahmen
2.3. Zwangsarbeit im großen Stil
2.4. Die Bevölkerungspolitik von „Ober Ost“
2.5 Litauen als Kolonie des Deutschen Reiches

3. Litauen als nationalsozialistisches Ausbeutungsobjekt
3.1 Das deutsche Wirtschaftssystem und dessen Rolle für Litauen
3.2 Die fortgesetzte Ausplünderung
3.3 Ausbeutung und Arbeitskräftebeschaffung
3.4 Die rassistische Bevölkerungs- und Hungerpolitik
3.5 Litauens Zukunft im „Generalplan Ost“

4. Kontinuitätsbetrachtung der beiden Besatzungsregime

5. Quellenverzeichnis
5.1 Literaturverzeichnis
5.2 Internetressourcen

1. Einleitung

Das Baltikum diente in beiden Weltkriegen den Deutschen und Russen bzw. Sowjets als Verhandlungs- und Ausbeutungsmasse. Geografisch an den Grenzen zweier Großmächte gelegen, fungierte es bei einem militärischen Konflikt als Durchmarsch- und Kampfgebiet der beiden Machtblöcke. Besonders Litauens Geschichte ist eng mit dem Kriegsverlauf und der deutschen Besatzungspolitik verbunden. Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg war das Land ähnlich lange von deutschen Truppen besetzt, nämlich von 1915 bis 1918 und von 1941 bis 1944. In der ersten Besatzungsperiode war Litauen Teil des Gebiets des Oberbefehlshabers Ost („Ober Ost“) und somit einer Militärverwaltung unterstellt. Im Zweiten Weltkrieg hingegen stand das Land unter der Zivilverwaltung eines Reichskommissars.

Das Baltikum als historischer Raum ist insoweit interessant, als hier drei Staaten, nämlich Estland, Lettland und Litauen, eine ähnliche Entwicklung im Zeitalter der Weltkriege durchlaufen haben. Trotzdem war der Fokus der Forschung bisher kaum auf diese Region in Mittelosteuropa gerichtet.

Litauen nimmt allerdings gegenüber den anderen baltischen Staaten eine Sonderrolle ein. Das Land besaß keine alte deutsche Oberschicht, war direkter Nachbar des Deutschen Reiches und am längsten besetzt. Zudem sind Unterschiede in ethnischer, ideologischer und militärischer Hinsicht erkennbar. Beispielsweise war die militärische Unterstützung Litauens für das Deutsch Reich im Ersten und im Zweiten Weltkrieg außerordentlich geringer als in Estland und Lettland. Außerdem wurde die litauische Bevölkerung als weniger „rassisch“ wertvoll von der NS-Führung betrachtet.

Da sich der Grenzverlauf Litauens im Zeitalter der Weltkriege mehrmals veränderte, werden in der vorliegenden Arbeit die drei früheren russischen Gouvernements Suwalki, Kauen (Kowno)[1] und Wilna (Vilnius) als litauisches Staatsgebiet verstanden, wobei kleinere Teile der früheren Gouvernements nicht dem unter deutscher Kontrolle stehenden litauischen Staatsgebiet zugeschlagen wurden. Dies ist von besonderer Bedeutung, da beispielsweise die Region um Wilna von seiner Bevölkerungsstruktur her sehr heterogen war und von litauischen und polnischen Nationalisten beansprucht wurde, was wiederum Auswirkungen auf die deutsche Bevölkerungs- und Besatzungspolitik haben musste.

Zudem war der Anteil der jüdischen Bevölkerung in den größeren Städten Litauens besonders hoch und bildete einen wesentlichen wirtschaftlichen Faktor. Die Juden nahmen in beiden Weltkriegen eine Sonderrolle hinsichtlich ihrer Behandlung gegenüber anderen Bevölkerungsteilen ein. Während unter „Ober Ost“ aufgrund antisemitischer Tendenzen in der Militärverwaltung Juden besonders zu Zwangsarbeiten herangezogen wurden, stand im „Reichskommissariat Ostland“ die Durchführung des Holocaust, also die physische Vernichtung und nicht die wirtschaftliche Ausbeutung der jüdischen Bevölkerung Litauens, im Vordergrund.

In beiden globalen Auseinandersetzungen stand der Gedanke einer Autarkie der deutschen Wirtschaft gegenüber der Weltwirtschaft im Mittelpunkt der Bemühungen. Das besetzte Litauen sollte zukünftig direkt oder indirekt annektiert werden, um aus ihm möglichst große Mengen an landwirtschaftlichen Erzeugnissen in das Deutsche Reich zu importieren und die Unabhängigkeit gegenüber dem Weltmarkt und die Ernährung der deutschen Bevölkerung zu sichern. Diese „Kornkammer“ wäre dann nach Möglichkeit durch deutsche Kolonisten besiedelt und die Litauer nach Möglichkeit verdrängt, umgesiedelt oder zwangsdeportiert worden. Dabei fand die Schaffung einer „Siedlungs- bzw. Landbrücke“ nach Kurland in den Planungen von „Ober Ost“ und des „Reichskommissariats Ostland“ gleichermaßen Berücksichtigung.

Um die deutsche Wirtschaftspolitik in Litauen im Ersten und im Zweiten Weltkrieg untersuchen zu können, ist es unumgänglich, zu Beginn die Untersuchungskategorien zu benennen. Hierfür sind folgende Fragestellungen von wesentlicher Bedeutung für die Arbeit: Wurde unter der deutschen Besatzung Zwangsarbeit praktiziert und welchen Umfang besaßen diese? Wen betrafen die Zwangsmaßnahmen zur Arbeit im Besonderen? Wie gestaltete sich die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes? Was wurde requiriert? Welche Unterschiede existierten in der Behandlung der verschiedenen Ethnien? Inwiefern hatte der Holocaust Auswirkungen auf die litauische Wirtschaft? Und welche Rolle spielte Litauen in den Siedlungs- und Kolonialisierungsplänen der Deutschen?

Aus den genannten Fragen lassen sich demzufolge die Kategorien Wirtschaftsaufbau, Requisitionen bzw. Rohstoffausbeutung, Zwangsarbeit, Bevölkerungspolitik und Siedlungspläne ableiten. Die Bezugnahme auf die Pläne zur Erschließung Litauens mit Siedlern durch deutsche Verwaltungsstellen ist besonders im Zweiten Weltkrieg relevant, da − im Gegensatz zur Besatzungszeit von 1915 bis 1918 − die Ansiedlung von Deutschstämmigen teilweise realisiert wurde und Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation der in Litauen vorher befindlichen Volksgruppen hatte.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, relevante Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden deutschen Besatzungsregimen in Litauen in wirtschaftlichen Belangen zu untersuchen und mögliche Kontinuitäten in der Wirtschaftspolitik zu verdeutlichen. Kontinuität meint in diesem Sinne das Fortdauern bzw. die Stetigkeit von Entwicklungen in personeller, wirtschaftlicher und bevölkerungspolitischer Hinsicht im Zeitalter der Weltkriege. War also die wirtschaftliche Herrschaftspraxis des Deutschen Reiches in Litauen im Zweiten Weltkrieg lediglich eine Neuauflage der Verhältnisse von 1915 bis 1918? Waren grundsätzlich verschiedene Besatzungstypen und -praktiken existent? Insoweit betrachtet die Arbeit den Sachverhalt aus deutscher Perspektive.

Hauptanliegen ist es, Erkenntnisse über die Ähnlichkeit und Verschiedenartigkeit deutscher Herrschaft im Osten zu gewinnen. Dadurch ergibt sich folgende These: Die deutsche Wirtschaftspolitik in Litauen im Zweiten Weltkrieg führte im Wesentlichen die frühere Ausbeutungspraxis von „Ober Ost“ fort. Allerdings sorgten rassenideologische und kriegswirtschaftliche Faktoren für eine verschärfte wirtschaftliche Besatzungspolitik unter dem Nationalsozialismus.

Die Arbeit gliedert sich in zwei große Themenkomplexe. Der erste thematisiert die deutsche Besatzungsherrschaft im Ersten Weltkrieg in Litauen. Anfangs erfolgt eine Darstellung der deutschen Kriegswirtschaft in der auf die Situation der Arbeitskräfte im Deutschen Reich eingegangen wird. Dies ist zum Verständnis der deutschen Wirtschaftspolitik notwendig, um den Zusammenhang zwischen den Wirtschaftsmaßnahmen in „Ober Ost“ und der Kriegswirtschaft des „Dritten Reiches“ zu verstehen. Im weiteren Verlauf wird dann die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes durch die Besatzungsmacht und deren Methoden zur Eintreibung von Requisitionen behandelt. Das Problem der Ressourcenbeschaffung infolge der englischen Seeblockade spielte dabei eine wesentliche Rolle in Bezug auf die Rohstoffbesorgung in den besetzten Gebieten.

Die in den Besatzungsgebieten erbeuteten Ressourcen konnten nur mit Hilfe von Arbeitskräften weiterverarbeitet und kriegsdienlich genutzt werden. Aus diesem Grunde wird im ersten Hauptteil der Zwangsarbeit in Litauen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Ihr Umfang und ihre Intensität bildeten eine neue Qualität in der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft durch das Militär in einem besetzten Land. Sie hatte wesentlichen Einfluss auf das Verhältnis zwischen Besetzten und Besatzern, denn die Zwangsarbeit betraf die einzelnen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich stark. Daher schließt ein Überblick über die Bevölkerungspolitik der Okkupationsmacht an die Zwangsarbeitsproblematik an. Hierbei wird auf die verschiedenen Ethnien im Besatzungsgebiet und deren Rolle in der deutschen Wirtschaftspolitik eingegangen.

Da die wirtschaftlichen Maßnahmen der Deutschen vor dem Hintergrund einer weltkriegsbedingten Ausnahmesituation erfolgten, ist aufschlussreich, wie die deutsche Wirtschaftspolitik nach einem möglichen Sieg im Weltkrieg, also zu Friedenszeiten, ausgesehen hätte. Deshalb schließt der Hauptteil mit den Siedlungs- und Annexionsplänen der deutschen Seite bezüglich der Zukunft Litauens ab. In diesem Teil der Arbeit wird bereits die völkische Komponente der deutschen Ostpolitik deutlich werden, die das Baltikum als deutsche Einfluss- und Interessensphäre betrachtete und auf eine dauerhafte Inbesitznahme Litauens abzielte.

Sodann erfolgt ein Sprung in die Zeit des Nationalsozialismus, um zu untersuchen, was sich in den Besatzungsmethoden bzw. der Wirtschaftspolitik geändert hat oder nicht. Der zweite große Themenkomplex zeigt sodann die grundlegenden Unterschiede des NS-Wirtschaftssystems im Vergleich zum Kaiserreich auf. Dazu wird der Fokus auf den polykratischen Wirtschaftsaufbau, die verschiedenen Institutionen, die Kompetenzstreitigkeiten derselben und die daraus resultierenden Auswirkungen auf Litauen gerichtet. Danach wird auf die Ausbeutung des Landes und auf die Frage näher eingegangen werden, wie die Ausbeutung trotz uneinheitlicher Wirtschaftspolitik und ungeklärten Kompetenzfragen gelang. Hierbei stehen die Enteignung des jüdischen Privatbesitzes, der Umgang mit dem verstaatlichten Sowjeteigentum, währungspolitische Maßnahmen und die Einsetzung von Ostgesellschaften zur Aufrechterhaltung der deutschen Kriegswirtschaft im Vordergrund.

Um die kriegswirtschaftlichen Anstrengungen fortführen zu können, waren Arbeiter notwendig, weshalb wie im ersten Hauptteil der Arbeitskräfterekrutierung bzw. der Zwangsarbeit besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Der Einsatz von Litauern für den „Reichseinsatz“, die verstärkte Arbeitskräftebeschaffung unter Fritz Sauckel, die Heranziehung bestimmter Ethnien zur Zwangsarbeit, die Rolle des jüdischen Bevölkerungsteils und die Folgen der Arbeitskräftegewinnung auf die Stimmung der Litauer hinsichtlich ihres Verhältnisses zur Besatzungsmacht sollen in diesem Kapitel thematisch behandelt werden.

Sodann schließt der zweite große Themenkomplex der Arbeit mit der NS-Bevölkerungs- und der Ernährungspolitik, die ebenso wie die deutschen Siedlungspläne für Litauen von der rassistischen und antisemitischen Ideologie der Besatzer geprägt waren. Besonderes Augenmerk gilt hier dem Holocaust, dem litauisch-polnischen Antagonismus und dem rassistischen Hierarchisierungsystem, dass eine Ungleichbehandlung der verschiedenen Ethnien bedingte.

Die Bevölkerungspolitik in Litauen konnte im Zweiten Weltkrieg nur als Übergangslösung zur Erreichung des Primärziels, dem Sieg im Weltkrieg, gesehen werden. Daher stellt sich die Frage, was mit der litauischen Bevölkerung zukünftig geschehen sollte bzw. ob sie als Teil des NS-Wirtschaftssystems dauerhaft eingeplant worden war, was im letzten Kapitel behandelt wird. Dieses thematisiert die Rücksiedlung der Litauendeutschen und die Kompetenzstreitigkeiten der Besatzungsinstitutionen in Bezug auf die Umsetzung der Siedlungspläne.

Am Ende der Arbeit erfolgt ein Vergleich der beiden deutschen Besatzungen in Litauen hinsichtlich ihrer Wirtschaftspolitik im Zeitalter der Weltkriege, woraus sich Erkenntnisse über (Dis-)Kontinuitäten gewinnen lassen. Hierzu werden die in Hauptteil eins und zwei darge-stellten wirtschaftlichen Besatzungssysteme direkt gegenübergestellt und daraus Rückschlüsse auf mögliche Kontinuitäten oder gravierende Unterschiede gezogen. Zuletzt wird die Wirtschaftspolitik der beiden Besatzungsregime und die Klärung der Kontinuitätsfrage zusammengefasst.

Die Forschungslage zur deutschen Besatzung und insbesondere zur Wirtschaftspolitik von „Ober Ost“ in Litauen im Ersten Weltkrieg wurde vor allem in den letzten 20 Jahren durch die Arbeiten von Abba Strazhas („Deutsche Ostpolitik im Ersten Weltkrieg. Der Fall Ober Ost 1915-1917.“), Vejas Liulevicius („Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg.“) und Christian Westerhoff („Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg. Deutsche Arbeitskräftepolitik im besetzten Polen und Litauen 1914-1918.“) maßgeblich vorangetrieben. Der litauische Historiker Strazhas legte 1993 ein Werk vor, dass die Repressalien und die Härte des deutschen Besatzungsregimes gegenüber den Litauern in den Fokus stellt. Dabei wurden verschiedene Aspekte der Besatzungsherrschaft berücksichtigt und Themen wie Requisitionen, Zwangsarbeit, die Aufstellung von Arbeitsbataillonen, Siedlungs- und Kolonialisierungspläne behandelt. Allerdings verfällt der Autor hierbei in eine national-litauische Sichtweise, die ein sehr repressives und düsteres Bild von der deutschen Besatzung zeichnet.

Der litauisch-stämmige US-amerikanische Geschichtswissenschaftler Liulevicius, der Professor für Geschichte an der Universität von Tennessee ist, veröffentlichte im Jahr 2000 die bis dato ausführlichste und umfassendste Arbeit zur Geschichte Litauens im Ersten Weltkrieg, welche als Standardwerk zur Thematik verstanden werden kann. Ebenso wie Strazhas konzentriert sich Liulevicius auf die Zwangsarbeit in Litauen, die Beschlagnahmungen seitens der deutschen Besatzung, die Annexionspläne und die sogenannte „Verkehrspolitik“ von „Ober Ost“. Auch hier sind Tendenzen einer national-litauischen Sichtweise erkennbar, die allerdings ihre Berechtigung in den Untaten der Deutschen im besetzten Land finden. Somit wird eine Verharmlosung der Ungerechtigkeiten, unter denen die Litauer im Ersten Weltkrieg zu leiden hatten, verhindert.

Den aktuellen Forschungsstand gibt die 2012 erschienene Dissertation des Zeitgeschichtsforschers Christian Westerhoff, der an der Universität Erfurt arbeitet, wieder. Sein Werk besticht durch die Darstellung der Vielzahl und Ausführlichkeit der verschiedenen Facetten des deutschen Okkupationsregimes. Zentral behandelt er die unterschiedlichen Aspekte der Ausbeutungspolitik von „Ober Ost“, geht auf die Bevölkerungspolitik und hierbei besonders auf die Rolle der Juden im Wirtschaftsgefüge Litauens ein. Umfassend und detailliert werden die differenten Formen der Zwangsarbeit im Land und mögliche Kontinuitäten zum Zweiten Weltkrieg behandelt. Des Weiteren versucht Westerhoff zu untersuchen, inwiefern die deutsche Wirtschaftspolitik in Litauen als Versuchslabor bzw. Laboratorium für die Machthaber des nationalsozialistischen Regimes von 1941 bis 1944 gedient haben könnte.

Nachdem nun die Standardwerke zur Thematik benannt wurden, sollen an dieser Stelle die Quellen zur Rolle Litauens im deutschen Wirtschaftsgefüge ihre Beachtung finden. Dabei wären die Publikationen von „Ober Ost“ („Das Land Ober Ost. Deutsche Arbeit in den Verwaltungsgebieten Kurland, Litauen und Bialystok-Grodno.“) und Wilhelm Gaigalat („Litauen. Das besetzte Gebiet, sein Volk und dessen geistige Strömungen.“) während des Ersten Weltkriegs hervorzuheben, die zwar versuchen ein idyllisches und idealisiertes Bild von der Besatzungsrealität in Litauen gegenüber der deutschen Öffentlichkeit zu zeichnen, jedoch stellen sie einen wertvollen Beitrag zur Wirtschafts- und Siedlungspolitik von „Ober Ost“ dar, da nur wenige Quellen zur deutschen Herrschaft von 1915 bis 1918 vorhanden sind.

Hinzu kommen noch die „Kriegserinnerungen“ Erich Ludendorffs, der, zusammen mit Paul von Hindenburg von 1915 bis 1916, direkt als Oberbefehlshaber für das besetzte Gebiet im Nordosten fungierte und für die letzten beiden Jahre des Ersten Weltkriegs indirekt als Teil der Dritten Obersten Heeresleitung (OHL) Kontrolle über das Land „Ober Ost“ ausübte.

Bei der Sichtung der Literatur zum deutschen Besatzungsregime in Litauen von 1915 bis 1918 fällt auf, dass dieses Kapitel deutsch-litauischer Geschichte in der Vergangenheit von der Historiografie stark vernachlässigt wurde. Darauf weisen besonders Strazhas und Westerhoff in ihren Werken hin. Gründe hierfür können der Verschluss der litauischen Archive für westliche Historiker während des Kalten Krieges und der Fakt sein, dass vor allem Zwangsarbeit für die deutsche Kriegswirtschaft mit dem Schwerpunkt Belgien und nicht „Ober Ost“ erforscht wurde. Zudem wandte sich die Aufmerksamkeit der Forschung erst in den letzten Jahren stärker der Ostfront des Ersten Weltkriegs zu.

Dass die Historiografie nicht nur auf deutscher, sondern auch internationaler Ebene, die Herrschaft von „Ober Ost“ in Litauen kaum beachtet hat, wird allein schon am Mangel umfassender und aktueller englisch- und französischsprachiger Literatur deutlich. Hier existieren, ausgenommen Liulevicius‘ „War Land on the Eastern Front.“, keine vergleichbaren Werke wie im deutschen Sprachraum.

Trotz des großen öffentlichen Interesses am Zweiten Weltkrieg und dessen weitgehende Erforschung durch die Historiografie ist Litauen bzw. das Baltikum bisher nicht sehr stark in den Forschungsfokus gerückt. Lange Zeit war die Publikation von Seppo Myllyniemi („Die Neuordnung der baltischen Länder 1941-1944. Zum nationalsozialistischen Inhalt der deutschen Besatzungspolitik.“) aus dem Jahre 1973 lange Zeit die ausführlichste und umfassendste Darstellung zur deutschen Besatzungspolitik in Litauen im Zweiten Weltkrieg. Auch die aktuelle Forschungsliteratur bezieht sich oftmals auf die Untersuchungen Myllyniemis. Sein Werk bietet Grundlagenkenntnisse zu Themenbereichen wie deutsche Kolonialpläne, die Arbeitskräftebeschaffung, die Rücksiedlung der Litauendeutschen oder die Kompetenzstreitigkeiten der verschiedenen deutschen Besatzungsbehörden.

In den 1990er Jahren machte sich dann der Historiker Knut Stang um die Erforschung des Holocausts in Litauen besonders verdient. In seinem Buch „Kollaboration und Massenmord. Die litauische Hilfspolizei, das Rollkommando Hamann und die Ermordung der litauischen Juden.“ beschreibt er detailliert die systematische Enteignung der litauischen Juden durch die Besatzungsmacht und insbesondere durch die einheimische Verwaltung. Die Mordwellen des Jahres 1941 und die Heranziehung der Juden zu Zwangsarbeiten sind ebenso Thema wie die Siedlungspläne der Nationalsozialisten.

Der am Fritz-Bauer-Institut als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätige Zeitgeschichtsforscher, Christoph Dieckmann, kann im deutschsprachigen Raum als der Experte zum Thema Holocaust, Kollaboration und Ausbeutungspolitik in Litauen gesehen werden. In seinen zwischen 1998 und 2006 erschienenen Büchern und Aufsätzen untersucht er unter Bezugnahme auf neueste Quellenfunde die Rolle der einheimischen Bevölkerung bei der Verfolgung, Ausbeutung und Ermordung der Juden im Land. Er zeigt dabei auf, dass die deutsche Besatzungsmacht aufgrund des eklatanten Personalmangels zwangsläufig auf die Mithilfe der landeseigenen Verwaltung angewiesen war, um das besetzte Land weitgehend ausrauben und terrorisieren zu können.

Bezüglich der Verfügbarkeit verschiedener gedruckter Quellen und Dokumente zur deutschen Wirtschaftspolitik stechen die Werke von Madajczyk („Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan. Dokumente.“) und Freye („Die faschistische Okkupationspolitik in den zeitweilig besetzten Gebieten der Sowjetunion (1941-1944).“) hervor. Sie zeigen unterschiedliche Facetten des deutschen Besatzungsregimes auf, worunter Siedlungspläne anhand der „Raumordnungsskizze“ und die Schwierigkeiten bei der massenhaften Arbeitskräftegewinnung in Litauen zu nennen sind.

Bei der Sichtung der Forschungsliteratur ist markant, dass der Holocaust bisher gut erforscht worden ist, aber die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der deutschen Zivilverwaltung nur am Rande bzw. überhaupt nicht behandelt werden. Zukünftig muss sich die Historiografie noch stärker mit der Rolle der Einheimischen bei der Enteignung und Ermordung bestimmter Bevölkerungsgruppen sowie mit der Zwangsarbeit im „Generalkommissariat Litauen“ beschäftigen. Im Folgenden wird nun die erste deutsche Besatzungsperiode in Litauen im Zeitalter der Weltkriege unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten dargestellt.

2. Die Herrschaft von „Ober Ost“ – Ausplünderung mit dem Ziel der Autarkie

2.1. Litauen im Kontext der deutschen Kriegswirtschaft

Zum Verständnis der deutschen Wirtschaftspolitik in Litauen und um die Zwangsarbeitsmaßnahmen, Requisitionen sowie die Siedlungspläne seitens der Besatzer nachvollziehen zu können, ist es unumgänglich, die wirtschaftlichen Maßnahmen im okkupierten Gebiet in Zusammenhang mit der Kriegswirtschaft des Deutschen Reiches zu stellen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Litauen nur einen Teil des Landes „Ober Ost“ bildete, welches zudem aus den Territorien Kurland und Bialystok-Grodno bestand und als ein Wirtschaftsraum betrachtet werden sollte.

Es gilt während des Ersten Weltkriegs zwei Phasen des Aufbaus der deutschen Kriegswirtschaft zu unterscheiden: die Zeit von 1914 bis 1916 in der unter der Leitung von deutschen Großindustriellen versucht wurde, die Verteilung der sich immer stärker verknappenden Rohstoffe im Reich besser zu koordinieren und der Zeitraum von 1916 bis Kriegsende. In dieser letzten Periode sollten im Zuge des „Hindenburg-Programms“ und unter Führung der Dritten OHL alle verfügbaren Ressourcen – materielle wie menschliche – in den Dienst der deutschen Kriegswirtschaft gestellt werden, um somit den verschärften Ressourcenmangel zu bekämpfen und der englischen Seeblockade zu trotzen. Hierfür wurde nicht nur die deutsche Bevölkerung für kriegswichtige Arbeiten herangezogen, sondern auch die Bewohner der besetzten Gebiete, hier besonders Belgien und „Ober Ost“.

Schon vor dem Weltkrieg war das Deutsche Reich von Rohstoffimporten abhängig, die im besonderen Maße über den Seeweg eingeführt wurden. Die Blockade der Seehandelswege seit Kriegsbeginn machte die Einrichtung einer Kriegsrohstoffabteilung notwendig, die ihre Aufgaben in der Mangelbewirtschaftung, der Entwicklung von Ersatzstoffen und der Mobilisierung der Rohstoffe in den besetzten Territorien sah.[2]

Die Kriegsrohstoffabteilung war im August 1914 auf Initiative Walther Rathenaus gegründet worden, die einen Teil des Preußischen Kriegsministeriums bildete und maßgeblich zur Organisierung bzw. zum Aufbau der Kriegswirtschaft beitrug. Dazu wurden bestimmte Industriebereiche zu syndizierten Kriegsrohstoffgesellschaften zusammengeschlossen und unter staatliche Aufsicht gestellt. Daraus entstand ein System des Staatsdirigismus und industrieller Autonomie.[3]

Der enorm hohe Bedarf an Rohstoffen erforderte neue Arten der Erfassung, der Beschaffung und der Verteilung. Verschiedene Institutionen waren an der Heranschaffung der Rohstoffe für das Militär beteiligt, woraus eine teilweise schlechte Koordinierung und Konkurrenz resultierten. Um diesen Missständen entgegen zu wirken, wurden die Rüstungsaufgaben zentralisiert und neu geschaffenen Stellen zugewiesen. Dazu gehörte die bereits erwähnte Kriegsrohstoffabteilung. Diese erreichte durch ihre kontinuierliche Ausdehnung die Bedeutung eines selbstständigen Departements.[4]

Bereits in den Anfangsjahren des Krieges kam es zu Zwangsmaßnahmen gegenüber ausländischen Arbeitern. Besonders im landwirtschaftlichen Sektor wurden zur Sicherung der Kartoffel- und Getreideernte Arbeitnehmer aus osteuropäischen Staaten, die bereits vor Kriegsbeginn in Deutschland gearbeitet hatten, die Abwanderung bzw. Ausreise verwehrt. Mehrere hunderttausend Arbeitskräfte aus Polen waren davon betroffen und mussten weiterhin aufgrund des Landarbeitermangels im Deutschen Reich verbleiben. Die umfangreichen Einberufungen deutscher Männer zum Kriegsdienst erforderten zudem den Einsatz von Kriegsgefangenen, weshalb ca. 700.000 von ihnen bis Herbst 1916 in der Landwirtschaft eingesetzt wurden.[5]

Das Verbot der Abwanderung ausländischer Arbeitskräfte betraf auch die litauische Bevölkerung. Einige tausend Litauer hatten schon vor 1914 besonders in Ostpreußen in der Landwirtschaft gearbeitet. Auch nach Kriegsbeginn meldeten sich viele von ihnen zur freiwilligen Arbeit in der Landwirtschaft. Allerdings wurde mit zunehmender Kriegs- und Besatzungsdauer die Beschäftigung in Deutschland zunehmend unbeliebter und unangenehmer für die Litauer.[6]

Die erste Phase der kriegswirtschaftlichen Umstellung betraf Litauen erst ab Sommer 1915. Das Land wurde zügig von deutschen Truppen im Mai des gleichen Jahres besetzt und unter die Kontrolle der Militärverwaltung von „Ober Ost“ gestellt. Interessanter für die Untersuchung der deutschen Wirtschaftspolitik in Litauen dürfte jedoch die Zeitspanne ab Herbst 1916 mit der Bildung des Kriegsamtes und der Verabschiedung des „Gesetzes über den vaterländischen Hilfsdienst“ bis zur Beendigung des Weltkriegs im November 1918 sein.

Nachdem Hindenburg und Ludendorff von Sommer 1915 bis Herbst 1916 Erfahrungen in Bezug auf die wirtschaftliche Ausbeutung ihres Herrschaftsbereichs „Ober Ost“ sammelten, konnten sie diese nun auch auf das Deutsche Reich im Zuge ihrer Ernennung zur Dritten OHL umsetzen.

Der Amtsantritt von Hindenburg und Ludendorff bedeutete eine wichtige Zäsur in der deutschen Kriegswirtschaft. Im August 1916 legte die OHL einen Entwurf zum „Hindenburg-Programm“ vor. Dieser sah im rüstungstechnischen Bereich die Verdoppelung der Munitionsproduktion und die Verdreifachung der Artillerie- und Maschinengewehrproduktion vor. Zudem sollten drei Millionen Arbeiter im Rüstungssektor beschäftigt werden. Diese umfangreichen Ziele sollten laut Vorstellung der OHL bis Herbst 1917 realisiert werden.[7]

Dazu war eine radikale Reorganisation der Kriegswirtschaft notwendig. Alle verfügbaren Ressourcen sollten der Kriegsindustrie untergeordnet werden. Diese Restrukturierung der industriellen Mobilisierung für den Krieg diente der Erhöhung der Produktivität für Kriegszwecke. Um die Rüstungspläne effizienter umsetzen zu können, veranlassten Hindenburg und Ludendorff die Bildung des Kriegsamtes im November 1916.

Das Kriegsamt wurde mit der Intention gegründet, die Konkurrenz der verschiedenen Institutionen bei der Rohstoffbesorgung und die Zersplitterung im Beschaffungswesen zu beseitigen und Kompetenzstreitigkeiten zwischen militärischen und zivilen Stellen zu beenden. Außerdem sollte ein einheitlicheres Vorgehen bei Fragen der Kriegswirtschaft gefördert werden. Das Kriegsamt unter General Groener blieb dem Kriegsministerium unterstellt, war aber der Kriegsrohstoffabteilung, dem Kriegsersatz- und Arbeitsdepartement und dem Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt übergeordnet.[8]

Das „Hindenburg-Programm“ zielte auf eine vollständige Mobilisierung und Militarisierung der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft ab, was einem gravierenden Strukturwandel glich. Um das gesamte Arbeitskräftepotenzial nicht nur in den besetzten Gebieten ausschöpfen zu können, wurde im Dezember 1916 das „Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst“ verabschiedet. Es sah ursprünglich den Arbeitseinsatz von Frauen, Minderjährigen, Kriegsgefangenen und Kriegsversehrten vor. Dies stieß jedoch auf Vorbehalte der Reichsregierung, sodass am Ende nur Männer vom 17. bis zum 60. Lebensjahr, die keinen Militärdienst leisteten, verpflichtet waren im Rüstungssektor zu arbeiten. Die Militarisierung der Arbeiterschaft wurde auch nicht durchgesetzt. Sie behielten ihren Zivilstatus und konnten ihre Arbeitsstelle wechseln. Allerdings wurden sie in ihrer Freizügigkeit generell eingeschränkt.[9]

Im Endergebnis wurde durch das „Hindenburg-Programm“ eine bedeutende Kriegsproduktionssteigerung erreicht, doch zeitigte die enorme Ausbeutung an menschlichen und ökonomischen Ressourcen eine Überforderung der Wirtschaft des Deutschen Reiches. Des Weiteren gelang es dem Kriegsamt nicht, die ihm zugedachte Rolle eines bestimmenden Entscheidungszentrums für kriegswirtschaftliche Fragen, aufgrund fehlender Kompetenzen, einzunehmen. Allerdings begünstigte es die zentrale Zusammenführung kriegswirtschaftlich relevanter Instanzen.[10]

Ab 1916 begannen Arbeiterdeportationen aus den besetzten Gebieten in großem Umfang. Anfangs hatte sich die Reichsregierung aus politischen Gründen dagegen ausgesprochen, gab aber unter dem Druck der OHL und der Industrie schließlich nach. Das bekannteste Beispiel von Deportationen ausländischer Arbeiter nach Deutschland ist Belgien. Nachdem die freiwilligen Anwerbungen immer weniger Arbeitskräfte für die deutsche Kriegsindustrie hervorbrachten, begann ab Herbst 1916 die Zwangsrekrutierung. Ähnliche Entwicklungen hinsicht-lich der Entwicklung des Schwarzmarktes und der Einführung von Zwangsrekrutierungen bzw. -arbeit lassen sich auch im Gebiet „Ober Ost“ und hier besonders im Falle Litauens beobachten, doch dazu mehr in Kapitel 2.2.[11]

Welche Rolle „Ober Ost“ bzw. Litauen im deutschen Wirtschaftsgefüge einnehmen sollte, wird in den „Kriegserinnerungen“ Ludendorffs sehr deutlich. Im Vordergrund stand die Ausbeutung des Landes zu Gunsten des deutschen Militärs und der Wirtschaft des Deutschen Reiches. Diese Art der wirtschaftlichen Besatzungspolitik zielte also auf die Nutzbarmachung des okkupierten Gebietes für rein militärische Zwecke, wobei die Interessen der Einheimischen gegenüber denen der Besatzer zurückstehen mussten: „Das Land [„Ober Ost“; d. Verf.] mußte aus dem Land selbst ernährt und für die Lebensmittelversorgung der Armeen und der Heimat sowie für die sonstige Ausrüstung der Truppe und unsere Kriegswirtschaft nutzbar gemacht werden. Unsere wirtschaftliche Lage machte dies bei der feindlichen Blockade gebieterisch zur Pflicht.“[12]

Durch die militärischen Requisitionen, die Einziehung von Landarbeitern und der Importabhängigkeit von Futter und Dünger fiel die Lebensmittelproduktion zu Kriegsbeginn in Deutschland um ca. 40%. Die Folge waren stetig steigende Lebensmittelpreise, die durch Preiskontrollen bzw. Höchstpreise reguliert werden sollten. Eigens dafür wurde 1916 das Kriegsernährungsamt gegründet. Allerdings etablierte sich zügig ein Schwarzmarkt, der Schmuggel und Schleichhandel förderte.[13]

Mit der Verschärfung der Rohstoffknappheit und dem Beginn des „Hindenburg-Programms“ entwickelte sich die deutsche Wirtschaft zunehmend zu einem System des staatlichen Dirigismus, welches mit Zwangsmaßnahmen und dem Versuch einer verstärkten Mobilisierung aller materiellen und personellen Ressourcen einherging. Dies betraf nicht nur die deutsche Bevölkerung, sondern auch die Bewohner der von deutschen Truppen besetzten Gebiete und hier im besonderen Maße Belgien und Litauen. In den okkupierten Territorien war die Einwohnerschaft härteren und repressiveren Bedingungen ausgesetzt. Dies zeigte sich in der Art und dem Ausmaß der Zwangsarbeit und der Verteilung von Lebensmitteln. Eine genauere Erläuterung dieses Sachverhalts erfolgt im weiteren Verlauf der Arbeit.

Nachdem nun die Rolle Litauens im Kontext der deutschen Kriegswirtschaft und das Problem der Ressourcenbeschaffung kriegswichtiger Güter für das Deutsche Reich erläutert wurden, wird nun die deutsche Ausbeutungs- und Requisitionspraxis in „Ober Ost“ am Beispiel Litauens dargestellt.

2.2. Die Ausbeutungs- und Requisitionsmaßnahmen

Der Ausbau und die Aufrechterhaltung der deutschen Kriegswirtschaft stand mit an oberster Stelle für die militärische Spitze des Deutschen Reiches. Zur Erreichung dieses Ziels sollten die besetzten Gebieten ihren Beitrag leisten. Für „Ober Ost“ war daher die massenhafte Konfiszierung von Produkten und die Ausbeutung von Rohstoffen das schnellste und einfachste Mittel zur Umsetzung dieses Vorhabens. Wie diese Beschlagnahmungen abliefen und was konfisziert wurde, ist Thema in diesem Kapitel.

Die Landwirtschaft besaß im wirtschaftlichen Gefüge Litauens eine herausragende Stellung. Landwirtschaftliche Nutzflächen und ausgedehnte Waldgebiete waren nach Ansicht der militärischen Spitze in „Ober Ost“ dazu geeignet, das okkupierte Territorium in den Dienst der deutschen Kriegswirtschaft zu stellen. Jedoch wurde das Agrarland im Vergleich zu Deutschland mit der ineffizienten Art der Dreifelderwirtschaft bewirtschaftet. Der Krieg hatte 1915 im Land beträchtliche Schäden in der Produktionskapazität angerichtet.[14]

Zur Steigerung der Ernteerträge bzw. Bestellung aller Ackerflächen in Litauen und zur Kompensation des durch Kriegshandlungen bedingten schlechten Erntejahres 1915 gab die Verwaltung „Ober Ost“ den litauischen Bauern finanzielle Anreize und unterwies sie in modernen Produktionsmethoden, wie sie im Deutschen Reich üblich waren. Zusätzlich erhielten die Landwirte Saatgut, landwirtschaftliche Maschinen und Geräte.[15]

Ungefähr 80% der Bevölkerung in „Ober Ost“ arbeiteten in der Landwirtschaft, die somit der wichtigste Wirtschaftssektor war. Die städtische und ländliche Besiedlung war wesentlich geringer als im Generalgouvernement Warschau. Dies ließ die deutsche Militärverwaltung auf außerordentliche Überschüsse bei der Produktion landwirtschaftlicher Produkte hoffen. Durch sie wäre die Lebensmittelversorgung für die deutschen Armeen und die deutsche Bevölkerung gewährleistet, was das Gebiet umso bedeutender für die deutsche Kriegswirtschaft gemacht hätte.[16]

Allerdings existierten kaum industrielle Anlagen in Litauen. Diese konzentrierten sich in wenigen großen Städten, in denen Fabriken und kleine Produktionszentren vorhanden waren. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen begann die Militärverwaltung in einigen Städten eigene Fabriken, z.B. in Kauen, zu errichten.[17]

Die schwierigen Verkehrsverhältnisse in „Ober Ost“ veranlassten die zuständige Verwaltung dazu, die im besetzten Gebiet vorhandenen Rohstoffe nicht umständlich nach Deutschland zu exportieren, sondern sie vor Ort zu verarbeiten. Daher war die Militärverwaltung auch bereit, die Gewerbeproduktion weiter zu führen und neue Industrieanlagen zu bauen. Dabei wurden jedoch nur kriegswichtige Unternehmen aufrechterhalten.[18]

Da sich die Reichsleitung die Unterstützung des populären Feldherrenduos Hindenburg und Ludendorff gegenüber der Zweiten OHL unter Falkenhayn sichern wollte, verzichtete sie auf die geplante Einsetzung von Gouverneuren in Litauen und in Kurland. An Stelle dessen wurde eine reine Militärverwaltung eingesetzt. Begründet wurde dies mit der nahen Frontlage und dem Bedürfnis des Heeres nach einem Versorgungs- und Operationsgebiet. Dadurch wäre eine Zivilverwaltung für das besetzte Gebiet im Baltikum und Nordostpolen ungeeignet. Aufgrund des Fehlens einer Einflussnahme von Reichsleitung und Reichstag in „Ober Ost“ konnte Ludendorff seine Vorstellung eines perfekten Militärstaates versuchen zu realisieren. Er besaß weitgehende Entscheidungsbefugnisse und hatte keinen Widerstand gegen seine Anordnungen zu erwarten. So diente ihm das okkupierte Gebiet als Versuchsfeld für die Umsetzung seiner Ideen.[19]

Wie wichtig Ludendorff die Anerkennung seiner Arbeit in Deutschland war und wie geschickt mit propagandistischen Argumenten gearbeitet wurde, zeigt die Rechtfertigung der Einsetzung der Militärverwaltung in dem amtlichen Werk „Das Land Ober Ost“: „Trotz allem aber war die Militärbehörde doch einzig und allein befähigt, die Bewirtschaftung im großen Stil zu führen. Nur ihr standen die Transportmittel auf Eisenbahnen und Flüssen und die Kolonnen zur Verfügung; nur sie verfügte über die nötige Bewegungsfreiheit in einem Lande, dem die Kriegslage zwingende Verkehrsbeschränkungen auferlegte, nur sie vermochte zwischen den einzelnen Landesteilen Ausgleich an Saatgut und Maschinen herbeizuführen und ihre Beschaffung aus Deutschland, aus verbündeten oder neutralen Staaten vorzunehmen.“[20]

In Bezug auf die Requisition von Lebensmitteln, Pferden und Rohstoffen konnte die Militärverwaltung „Ober Ost“ tatsächlich effektiver agieren als eine zivile Leitung. Da das besetzte Land im Osten keiner Zivilkontrolle unterlag, konnten hier Beschlagnahmungen und Enteignungen rücksichtsloser vorgenommen und die Bedürfnisse der Einheimischen weitestgehend vernachlässigt werden.

Das oberste Ziel Hindenburgs und Ludendorffs war es, dass ihr Herrschaftsgebiet sich selbst erhalten und frei von Zuschüssen aus dem Deutschen Reich bleiben sollte. Litauen und die anderen Verwaltungsbezirke hatten somit die Funktion, genug an Lebensmitteln und Rohstoffen zur Verfügung zu stellen, um das Land selbst zu ernähren und gleichzeitig die deutschen Armeen zu versorgen. Dies alles diente der Entlastung der deutschen Kriegswirtschaft.[21]

Die reichen Waldbestände Litauens waren ein willkommenes Ausbeutungsobjekt für die ansässige deutsche Verwaltung. Holz war für das Militär von großer Bedeutung, da es für den Brücken- und Eisenbahnbau genutzt wurde. Während der Besatzungszeit wurden zwei wichtige Eisenbahnstrecken errichtet: zum einen die Zugverbindung von Memel nach Libau in Kurland und zum anderen von Tilsit ins litauische Schaulen (Siauliai). Damit wurde das Baltikum direkt an das Deutsche Reich angebunden, was einen effizienteren Truppen- und Nachschubtransport gewährleistete.[22]

Der Bau dieser Eisenbahnlinien war trotz Rohstoffmangels nur aufgrund der Ausbeutung der Wälder in „Ober Ost“ und dem Zwangseinsatz von einheimischen Arbeitskräften möglich. Dazu wurden neue Sägewerke geschaffen, um die Holzgewinnung zu beschleunigen. Das eingesetzte Personal bestand zum Teil aus regulären Armeeteilen, Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern.[23]

Die Holzbestände dienten zudem der Errichtung von Befestigungsanlagen im Frontbereich und der Sammlung von Feuerholz, welches bei den klimatischen Bedingungen vor Ort in großen Mengen benötigt wurde. Des Weiteren ließen sich durch die Anzapfung der Bäume Säfte und Harze gewinnen, die zur Herstellung wertvoller chemischer Produkte verwendet wurden. Außerdem konnte aus Zellulose Pulver, Sprengstoff und Papier hergestellt werden. Demzufolge leisteten die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten der Hölzer in „Ober Ost“ einen wichtigen Beitrag zur Produktion kriegswirtschaftlich bedeutender Erzeugnisse.[24]

Im Jahr 1915 als die deutschen Truppen Litauen besetzten, begann ein umfassendes Forstwirtschaftsprogramm. Gewaltige Mengen an Holz wurden gefällt, sodass brachliegende Gebiete entstanden, die sich über mehrere Kilometer erstreckten. Dieser Raubbau an den Wäldern Litauens bzw. „Ober Osts“ wurde weder von Ludendorff in seinen Memoiren noch in amtlichen Publikationen erwähnt.[25]

Ebenso wurde in Ludendorffs „Kriegserinnerungen“ nicht die Flut an deutschen Verordnungen und Verboten genannt, die für große Verwirrung unter der einheimischen Bevölkerung sorgten. Die Einheimischen verstanden diese nur schwer oder gar nicht, da die Verwaltung die Bestimmungen in deutscher Sprache abfasste. Regelverstöße wurden streng bestraft und das Leben der Litauer sukzessiv eingeschränkt. Beispielsweise wurde der Verzehr und Verkauf von Fleischprodukten oder die Sonn- und Feiertagsruhe verboten.[26]

Umfangreiche Requisitionen sorgten für wachsende Missstimmung in der litauischen Bevölkerung. Die regulären Beschlagnahmungen wurden mehrmals durchgeführt, um zurückgehaltene Produkte zu requirieren. Dazu kamen noch willkürliche Requisitionen von vor Ort stationierten Einheiten, die ihren Eigenbedarf zu decken suchten. Als Ausgleich für die beschlagnahmten Güter erhielten die Besitzer wertlose Quittungen bzw. Scheine oder unverbindliche mündliche Versprechen.[27]

Zu Beginn der Besatzung bildeten brutale unsystematische Beschlagnahmungen die Grundlage der wirtschaftlichen Ausbeutung Litauens. Ernten wurden zur Gänze requiriert und an die deutschen Truppen verkauft, die selbst den Preis dafür festlegten. Dabei wurden den Bauern ihr Vieh und ihre Lebensmittel unter Androhung von Waffengewalt durch deutsche Soldaten entwendet. Zudem war der Landverkauf verboten und der gesamte Handel fiel unter das Monopol des Militärstaates „Ober Ost“. Im weiteren Verlauf des Weltkrieges erfolgten die Requisitionen systematischer und rücksichtsloser, wobei die Forderungen der Okkupationsmacht sukzessiv stiegen.[28]

Bei der Durchsetzung der Beschlagnahmungen spielten die örtlichen Gendarmerien eine wichtige Rolle. Zu deren Aufgaben gehörten u.a. die Durchsetzung der Requisitionsforderungen und die Unterbindung des Schmuggels. Des Weiteren sollten sie Widerstand seitens der Bevölkerung vor Ort unterdrücken, der durch die harte Wirtschaftspolitik der Deutschen konstant anwuchs.[29]

Die Beschlagnahmung von Ernten und Vorräten widersprach den Gesetzen der Marktwirtschaft. Die Preise für requirierte und durch Zwang beschlagnahmte Produkte lagen deutlich unter dem Preisniveau, das im Deutschen Reich vorherrschte. Da die Maßstäbe der Aushebungen im Ermessen der jeweiligen Verwaltungsbeamten und Feldgendarmen lagen, wurde die Lage der Bevölkerung nicht berücksichtigt. Im Zuge von Requisitionen kam es regelmäßig zu Übergriffen und Misshandlungen durch deutsche Verwaltungs- und Gendarmeriestellen. Die litauische Wirtschaft nahm durch die umfassenden Beschlagnahmungen erheblichen Schaden, z.B. erschöpfte sich der Pferdebestand im Land vollständig und der Rinderbestand nahm schwere Einbußen.[30]

Besonders einschneidend für die bäuerliche Bevölkerung war die Requisition ihrer Pferde. Die Tiere wurden mit großer Dringlichkeit konfisziert. Das deutsche Heer war stark abhängig von Pferden für die Sicherstellung des Transports von Nachschub an die Front. Das deutsche Transportwesen war nur mangelhaft mechanisiert. Die Requisitionen zeitigten für die Bauern verheerende Folgen. Sie konnten ihr Land nicht mehr bestellen und Lebensmittel nicht mehr zu den Märkten transportieren. Letztlich litt dadurch die Stadtbevölkerung Litauens im Kriegsverlauf immer stärker Hunger.[31]

Somit war die Wirtschaftspolitik in Litauen bzw. „Ober Ost“ von einem widersprüchlichen Charakter geprägt. Die Beschlagnahmung der Mehrheit der vorhandenen Pferde zu Kriegszwecken im Land verschlechterte die Produktivität der Landwirtschaft, im gleichen Zuge stiegen jedoch die Requisitionsquoten mit der Dauer des Krieges.[32]

Welchen Wert die beschlagnahmten Pferde für das deutsche Militär hatten, ist in Ludendorffs „Kriegserinnerungen“ treffend geschildert: „Die Aushebung der Pferde lag naturgemäß in militärischer Hand. [...] Das Land mußte uns viel liefern, wollten wir die Heimat nicht noch schärfer beanspruchen. Das litauische Pferd ist klein, kräftig, bedürfnislos und zäh, daher ein sehr brauchbares Militärpferd.“[33]

Um die Ausbeutung von „Ober Ost“ bzw. Litauen zu optimieren und die Bevölkerung systematisch, rational und intensiv zu kontrollieren, wurden alle Verwaltungsbezirke nach dem Vorbild Preußens in Regierungsbezirke und diese in Kreise unterteilt. Die Kreishauptleute waren für die Ernennung von Bürgermeistern und Amtsvorständen zuständig und besaßen quasi willkürliche Macht gegenüber den Einheimischen. Die Vielzahl an Verwaltungsunterteilungen legte ein dichtes Kontrollnetz über Litauen.[34]

Dieses System der Überwachung wurde mit dem Begriff der „Verkehrspolitik“ zusammengefasst. Darunter war die zentrale Überwachung des Verkehrs zu verstehen, wozu der Transport von Truppen, requirierten Produkten, Rohstoffen und Arbeitskräften gehörte. Der gesamte Binnen- und Durchgangsverkehr sollte kontrolliert und ein hoher Grad an Kontrolle über Ressourcen und Menschen erreicht werden, um das Land dauerhaft in Besitz zu nehmen. Dafür wurde das gesamte Gebiet „Ober Ost“ vom Militär abgeriegelt und dem deutschen Heer dienstbar gemacht.[35]

Die Abriegelung diente der besseren Kontrolle des besetzten Gebiets und der Bewertung seines Ressourcen- und Wirtschaftspotenzials, weshalb „Ober Ost“ vermessen, kartographiert und in Verwaltungseinheiten unterteilt wurde. Die gezogenen Verwaltungsgrenzen berücksichtigten dabei weder alte Handelsverbindungen noch Siedlungsmuster oder soziale Gegebenheiten. Die Einführung dieses Kontrollnetzes bedeutete für die Litauer eine Zeit großer Härten. Beispielsweise wurden illegale Grenzüberschreitungen mit hohen Geld- und drako-nischen Freiheitsstrafen sowie Beschlagnahmungen durch die Kreishauptleute oder Militärgerichte geahndet.[36]

Die „Verkehrspolitik“ diente also der effektiveren Ausbeutung, Mobilisierung und Anbindung Litauens an das Deutsche Reich. Das Land sollte nach dem Einmarsch der deutschen Truppen wirtschaftlich nutzbar gemacht und die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten werden. Dabei gingen diese Planungen mit umfassenden bzw. totalen Ansprüchen einher. Es standen zwei Ziele im Mittelpunkt aller Überlegungen, die sich jedoch gegenseitig ausschlossen: zum einen sollte die militärische Sicherheit und die Kontrolle über die Bevölkerung der besetzten Gebiete im Osten gewährleistet und zum anderen die ökonomische Ausbeutung der eroberten Territorien realisiert werden.[37]

Zur effektiven Ausplünderung des Landes wurde das Finanzwesen Litauens einer radikalen Veränderung unterzogen. Der Handel mit Edelmetallen mit anderen Staaten, außer dem Deutschen Reich, wurde streng verboten. Nur die sogenannte „Darlehenskasse Ost“, eine neu geschaffene Filiale der „Preußischen Ostbank für Handel und Gewerbe“, durfte das Monopol auf den Edelmetallhandel ausüben. Um den Zusammenbruch der bäuerlichen Landwirtschaft in „Ober Ost“, aufgrund der Vielzahl an Requisitionen, zu verhindern, führte die Militärverwaltung ein neues Zahlungsmittel in den besetzten Gebieten im Osten ein: den Ost-Rubel bzw. die Ost-Mark. Dieser war ein deckungsloses Zahlungsmittel und diente der Bezahlung der beschlagnahmten Produkte und sollte wertvolle Devisen aus „Ober Ost“ herausholen.[38]

Offiziell wurde die die Einführung der Ost-Mark mit den ständigen Kursschwankungen des russischen Rubels begründet, sodass die Beibehaltung der bisherigen Landeswährung nicht möglich wäre. Die spätere Einlösung der Darlehenskassenscheine würde dann auch nicht in russischen Rubeln, sondern in deutscher Reichsmark (RM) erfolgen.[39]

Durch den sich permanent ausbreitenden Schwarzmarkt in Litauen erlitt die Ost-Mark einen stetigen Kursverlust und der Wert des russischen Rubels stieg weiter an. Die einheimische Bevölkerung misstraute der neuen Währung. Dadurch entfiel eine lukrative Einnahmequelle für die Besatzungsmacht und so wurde die Requisition von Pferden und Getreide verstärkt.[40]

Aufgrund der zahlreichen deutschen Verordnungen und dem Erhalt ausschließlich kriegswichtiger Wirtschaftszweige kam die litauische Wirtschaft fast vollständig zum Erliegen. Durch die Begrenzung des freien Handels im Land „Ober Ost“ wurde jegliche wirtschaftliche Initiative erstickt und die bloße Produktion von Kriegsgütern dem Erwirtschaften von Gewinnen vorgezogen.

Die Einführung einer Verwaltungsordnung in Litauen 1916 bedeutete eine Effektivierung der Ausbeutungs- und Requisitionsmaßnahmen. Nunmehr wurde der Druck auf die Bevölkerung umfassender und intensiver organisiert. Die eigenmächtigen Requisitionen der vor Ort stationierten Einheiten gingen leicht zurück, doch im Zuge von Strafexpeditionen für nicht geleistete Abgaben fanden die „wilden“ Beschlagnahmungen ihre Fortsetzung.[41]

In Verbindung mit hohen Steuern, Kontributionen und Geldstrafen wurde die Lage für die litauischen Bauern zunehmend unerträglicher. Aufgrund dessen brachen im Sommer 1916 spontane Aufstände der einheimischen Bevölkerung aus, die sich gegen die Requisitionskommandos und die ausführenden Organe der Besatzungsmacht richteten. Die Litauer begannen nun ihre Nahrungsmittel zu vergraben bzw. zu verstecken und ihr Vieh in die Wälder zu treiben, um sie dem Zugriff der Okkupationsmacht zu entziehen. Diese reagierte mit der überfallartigen Durchsuchung bereits kontrollierter Dörfer, um Produkte, die die Bevölkerung in der Zwischenzeit für die eigenen Nutzung oder den Verkauf aus ihren Verstecken geholt hatte, zu requirieren und die Schuldigen zu bestrafen.[42]

Mit dem Jahr 1917 stieg sogar der Widerstand der Litauer: Lebensmittelverbergung und Abgabenverweigerung nahmen immer größere Ausmaße an. Zudem wuchs der offene Aufruhr gegen Requisitionen, sodass Gendarmen und Militärangehörige getötet oder Lagerstätten für beschlagnahmte Produkte angezündet wurden.[43]

In der 1917 herausgegebenen Publikation „Das Land Ober Ost“ wird der Versuch unternommen, die Beschlagnahmungen und die Rohstoffausbeutung zu rechtfertigen. Demnach hätten die wirtschaftliche Abschottung vom Weltmarkt durch die Seeblockade und das Ende der Rohstoffeinfuhr aus dem Ausland die rücksichtslose Aneignung fremden Eigentums in den besetzten Gebieten bedingt. Die Rohstoffknappheit gefährde die Aufrechterhaltung der deutschen Kriegsindustrie, was die Versorgung der Heere beeinträchtigen würde. Daher sei auf die Bevölkerung in „Ober Ost“ sowie auf Handel, Gewerbe und Industrie in diesem Gebiet keine Rücksicht zu nehmen.[44]

Industrie und Handel wurden einer weitgehenden Liquidation in Litauen unterworfen. Die Demontage einer Vielzahl von Unternehmen, deren Abtransport ins Deutsche Reich und die Stilllegung des Großteils der verbliebenen Firmen waren maßgeblich für den Niedergang der industriellen Wirtschaft im Land verantwortlich. Ausschließlich kriegswichtige Fabriken, die für die Besatzungsmacht, deren Truppen oder den angrenzenden Frontabschnitt produzierten, wurden in ihrer Funktion nicht beschränkt. Daraus resultierte eine Vielzahl an verarmten Kleinbürgern und Arbeitern.[45]

In seinen Memoiren rechtfertigte Ludendorff die Ausbeutungs- und Requisitionsmaßnahmen mit den Notwendigkeiten, die der Krieg der deutschen Wirtschaft auferlegt hätte: „Das Gebiet des Oberbefehlshabers Ost auf Kosten der Heimat aus falschen Humanitätsgefühlen zu schonen, war ein Unding. Bei der hohen Bodenkultur Deutschlands mußte jede Beeinträchtigung der Bestellung in der Heimat auf die Produktion viel schädlicher wirken als verringerter Anbau im Gebiet des Oberbefehlshabers Ost.“[46] Hier wird die Sichtweise der hohen Militärs deutlich, die „Ober Ost“ bzw. Litauen als bloße Verfügungsmasse für die Bedürfnisse der deutschen Streitkräfte ansahen.

Selbst im Werk des Untersuchungsausschusses der Weimarer Nationalversammlung zu den Ursachen des Zusammenbruchs 1918 wurde auf die übertriebenen und harten Requisitionen durch das Militär hingewiesen: „Sie [die militärische Verwaltung „Ober Ost“; d. Verf.] sah ihre Aufgabe weniger darin, das Land nach den Grundsätzen der preußischen Verwaltung wirtschaftlich und kulturell zu heben, als vielmehr darin, es den militärischen Zwecken dienstbar zu machen. [...] Die Anforderungen und Requisitionen waren drückender als in Polen und es fehlte hier völlig der Schutz, den die Zivilverwaltung in Polen der Bevölkerung gewährte gegen übermäßige Anforderungen des Militärs.“[47]

Von Beginn der deutschen Besatzung wurde klar, dass das Land von der Militärverwaltung „Ober Ost“ als reines Ausbeutungsobjekt betrachtet wurde, welches die deutsche Kriegswirtschaft unterstützen sollte. Massenhafte Requisitionen und daraus resultierende Hungerzustände und wirtschaftliche Schäden ließen die Stimmung der Einheimischen in Ablehnung und Unmut umschlagen. Die Ausbeutungspolitik lastete schwer auf Litauen und die Einführung der Zwangsarbeit sorgte für eine noch größere Belastung für die litauische Bevölkerung.

2.3. Zwangsarbeit im großen Stil

Besonders einschneidende und spürbare Folgen hatte die deutsche Wirtschaftspolitik in Litauen im Ersten Weltkrieg für die einheimische Bevölkerung in Gestalt der Zwangsarbeit, die für die Besatzer umso notwendiger wurde, je stärker sie Rohstoffe aus dem Land ins Deutsche Reich exportieren wollten. Hinzu kam noch der Arbeitskräftemangel in Deutschland durch die massenhafte Einziehung von Männern zum Kriegsdienst. Um die Bedürfnisse der Kriegswirtschaft zu decken, wurden daher Arbeitskräfte nicht nur aus dem besetzten Westgebieten, hier besonders Belgien, sondern auch aus dem Land „Ober Ost“ massenhaft für die Kriegsindustrie deportiert. Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Arbeitskräfteeinsatz unter Zwang in Litauen und den Folgen für die litauische Bevölkerung und Wirtschaft.

Die Zwangsarbeit in „Ober Ost“ war für die einheimische Bevölkerung die am stärksten spürbare und unangenehmste Art der Ausbeutung, die für das deutsche Besatzungsregime im Ersten Weltkrieg kennzeichnend war. Im Folgenden wird dargestellt, in welchen Bereichen Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, wie die Zwangsarbeit organisiert war und welchen Einfluss diese auf die Stimmung der litauischen Bevölkerung hatte. Daraus ergibt sich ein Überblick über das Ausmaß und den Umfang der Zwangsbeschäftigung in Litauen, was eine wichtige Grundlage zur Bewertung der Methoden und Verhältnisse des Zweiten Weltkriegs im weiteren Verlauf der Arbeit sein wird.

Da die Verwaltung in „Ober Ost“ eine Vielzahl an Arbeitern für die Forstwirtschaft benötigte, um große Mengen Holz aus den litauischen Wäldern zu gewinnen, lag es für die deutschen Dienststellen nahe, auf Kriegsgefangene und Einheimische als Arbeitskräftereservoir zurückzugreifen. Wie wichtig das Holz für die deutsche Wirtschaft und die Bedürfnisse des Militärs waren, wird von Ludendorff selbst treffend beschrieben: „Die reichen Waldbestände regten besonders zur Ausnutzung an, jeder Raubbau aber war untersagt. Der Holzverbrauch für den Stellungsbau und für Eisenbahnschwellen war ganz außerordentlich groß. Ein Sägewerk nach dem anderen entstand, und während sich unsere Armeen allmählich selbst versorgten, konnten wir Holz nach dem Westen und nach Serbien liefern. Nutzholz ging nach Deutschland selbst, auch wurde Holz an die Bevölkerung zum Wiederaufbau der Wohnungen gegeben.“[48] Erwähnt werden allerdings weder die Zwangsarbeiter, die für den massenhaften Holzabbau notwendig waren, noch die rücksichtslose Ausbeutung aller verfügbaren Ressourcen im Besatzungsgebiet.

Zu Beginn der Besatzung wurden russische und französische Gefangene und aus dem Frontgebiet Abgeschobene in der Forstwirtschaft eingesetzt. Doch diese sollten möglichst bald durch freie oder zwanghafte Anwerbung von Litauern ersetzt werden. Mit dem Inkrafttreten der Verwaltungsordnung von 1916 wurde der erste entscheidende Schritt zur massenhaften Zwangsarbeit der litauischen Bevölkerung unternommen. Die darin enthaltene Arbeitspflicht bildete die Grundlage für die Bildung von Zivilarbeiterkolonnen und Arbeitsbataillonen.[49]

[...]


[1] Im Folgenden werden ausschließlich die deutschen Bezeichnungen für die litauischen Städtenamen zum Zwecke der besseren Lesbarkeit verwendet.

[2] Vgl. Pöcher, Harald: Kriegswirtschaften des Ersten Weltkriegs im Vergleich. In: Österreichische Militärzeitschrift 41. Wien 2003, S. 42.

[3] Vgl. Kruse, Wolfgang: Eine Welt von Feinden. Der Große Krieg 1914-1918. Frankfurt/Main 1997, S. 73.

[4] Vgl. Rohlack, Momme: Kriegsgesellschaften (1914-1918). Arten, Rechtsformen und Funktionen in der Kriegswirtschaft des Ersten Weltkrieges. Berlin 2001, S. 27ff.

[5] Vgl. Henning, Friedrich-Wilhelm: Deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Teil I: Deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik 1914 bis 1932. Paderborn 2003, S. 93f.

[6] Vgl. Westerhoff, Christian: Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg. Deutsche Arbeitskräftepolitik im besetzten Polen und Litauen 1914-1918. Paderborn 2012, S. 69.

[7] Vgl. Chickering, Roger: Imperial Germany and the Great War 1914-1918. Cambridge 1998, S. 76f.

[8] Vgl. Rohlack, a.a.O., S. 30f.

[9] Vgl. Hardach, Gerd: Der Erste Weltkrieg 1914-1918. München 1973, Gerd S. 74ff.

[10] Vgl. Kruse, a.a.O., S. 74f.

[11] Vgl. Hardach, Gerd S. 76f.

[12] Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen 1914-1918. Berlin 1919, S. 146.

[13] Vgl. Pöcher, a.a.O., S. 42f.

[14] Vgl. Linde, Gerd: Die deutsche Politik in Litauen im Ersten Weltkrieg. Wiesbaden 1965, S. 52f.

[15] Vgl. Westerhoff, a.a.O., S. 161.

[16] Vgl. Westerhoff, a.a.O., S. 67 und 159.

[17] Vgl. Liulevicius, Vejas: Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg. Hamburg 2002, S. 98.

[18] Vgl. Westerhoff, a.a.O., S. 84.

[19] Vgl. ebd., S. 72 und 190.

[20] Oberbefehlshaber Ost (Hrsg.): Das Land Ober Ost. Deutsche Arbeit in den Verwaltungsgebieten Kurland, Litauen und Bialystok-Grodno. Berlin 1917, S. 238f.

[21] Vgl. ebd., S. 95.

[22] Vgl. Schmidt, Alexander: Geschichte des Baltikums. Von den alten Göttern bis zur Gegenwart. München 1992, S. 170f.

[23] Vgl. Oberbefehlshaber Ost, a.a.O., S. 268.

[24] Vgl. Liulevicius, a.a.O., S. 99.

[25] Vgl. ebd., S. 99.

[26] Vgl. Strazhas, Abba: Deutsche Ostpolitik im Ersten Weltkrieg. Der Fall Ober Ost 1915-1917. Wiesbaden 1993, S. 28.

[27] Vgl. ebd., S. 29ff.

[28] Vgl. Liulevicius, a.a.O., S. 89.

[29] Vgl. Linde, Politik..., a.a.O., S. 109.

[30] Vgl. ebd., S. 58.

[31] Vgl. Liulevicius, a.a.O., S. 92f.

[32] Vgl. ebd., S. 93.

[33] Vgl. Ludendorff, Kriegserinnerungen..., a.a.O., S. 154.

[34] Vgl. Liulevicius, a.a.O., S. 84.

[35] Vgl. ebd., S. 116.

[36] Vgl. ebd., S. 120f.

[37] Vgl. Liulevcius, a.a.O., S. 141f.

[38] Vgl. Strazhas, a.a.O., S. 31.

[39] Vgl. Oberbefehlshaber Ost, a.a.O., S. 105.

[40] Vgl. Strazhas, a.a.O., S. 31f.

[41] Vgl. ebd., S. 46f.

[42] Vgl. Strazhas, a.a.O., S. 47f.

[43] Vgl. ebd., S. 216.

[44] Vgl. ebd., S. 336.

[45] Vgl. Strazhas, a.a.O., S. 30.

[46] Ludendorff, Kriegserinnerungen..., a.a.O., S. 154.

[47] Philipp, Albrecht: Die Ursachen des Deutschen Zusammenbruches im Jahre 1918. Zweite Abteilung. Der innere Zusammenbruch. Berlin 1926, S. 330.

[48] Ludendorff, Kriegserinnerungen..., a.a.O., S. 155.

[49] Vgl. Linde, Politik..., a.a.O., S. 62.

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Die deutsche Wirtschaftspolitik in Litauen im Ersten und im Zweiten Weltkrieg
Untertitel
Kontinuität einer Ausbeutungspraxis?
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
96
Katalognummer
V320194
ISBN (eBook)
9783668194694
ISBN (Buch)
9783668194700
Dateigröße
922 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wirtschaftspolitik, litauen, ersten, zweiten, weltkrieg, kontinuität, ausbeutungspraxis
Arbeit zitieren
Stefan Rudolf (Autor), 2012, Die deutsche Wirtschaftspolitik in Litauen im Ersten und im Zweiten Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320194

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