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Ohne Worte. Die Kommunikation in Kleists „Der Findling“ in Bezug auf die Schuldfrage

Titre: Ohne Worte. Die Kommunikation in Kleists „Der Findling“ in Bezug auf die Schuldfrage

Dossier / Travail , 2012 , 14 Pages , Note: 2,0

Autor:in: Julia Dornfeld (Auteur)

Philologie Allemande - Littérature Allemande Moderne
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Bei der Lektüre von Kleists Novelle „Der Findling“ fällt auf, dass bezüglich des katastrophalen Handlungsverlaufs unter anderem die Missverständnisse eine große Rolle spielen. So entsteht das entscheidende Missverständnis dadurch, dass Nicolo glaubt, Elvire habe ihn bei Piachi verraten. Seine Rache führt somit zur Katastrophe. Bei Missverständnissen kann man keinen Schuldigen ausmachen, es ist ein „Kommunikationsunfall“, an dem keiner die Schuld trägt.

Doch kann man beim „Findling“ von Missverständnissen sprechen? Ist Nicolo aufgrund der spärlichen Kommunikation in der Familie Piachi überhaupt ein Missverstehender oder trägt er durch die nicht vorhandene Kommunikation nur passiv die Schuld am katastrophalen Ende? Ist Nicolo möglicherweise nicht in dem Maße schuldig, wie er auf den ersten Eindruck scheint?

Dieser Frage nach der Kommunikation innerhalb der Familie Piachi soll in dieser Hausarbeit nachgegangen werden. Die Vermutung liegt nahe, dass die Kommunikation Aufschluss darüber geben kann, inwiefern die Schuldfrage mit dieser Kommunikation innerhalb der Familie zusammenhängen kann. Hierzu führt zunächst ein kurzer Forschungseinblick in die Thematik der Schuldfrage ein, worauf im Anschluss eine Darstellung der besonderen Familiensituation folgt, die für die spätere Untersuchung grundlegend ist.

Im Hinblick auf deren Kommunikation wird dann nicht nur das Gesprochene untersucht werden, sondern auch die Art und Weise des Gesprochenen, wozu Gestik, Mimik und vor allem die Blicke der Figuren zählen. Dabei wird es zunächst um die Kommunikation der Figuren Piachi und Elvire als Eheleute gehen. Danach wird deren Kommunikationsverhalten gegenüber Nicolo untersucht werden. Parallel dazu soll das Verhältnis der Kommunikation mit dem Umgang mit dem Geheimnis der Familie ausgearbeitet werden.

Extrait


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsausblick

3. Die künstliche Familie

4. Kommunikation und Geheimnis

4.1. Elvire und Piachi

4.2. Elvires und Piachis Kommunikationsverhalten gegenüber Nicolo

5. Schluss

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Kommunikation in Heinrich von Kleists Novelle „Der Findling“ und deren unmittelbare Verbindung zur zentralen Schuldfrage. Es wird analysiert, inwieweit das ausbleibende Gespräch und die systematische Sprachlosigkeit innerhalb der Familie Piachi den katastrophalen Handlungsverlauf mitbeeinflussen und ob die Schuld am tragischen Ende differenzierter betrachtet werden muss, als es der erste Eindruck vermuten lässt.

  • Analyse der familiären Kommunikationsstrukturen und des Sprechverbots.
  • Untersuchung der Rolle des Familiengeheimnisses und dessen Auswirkung auf das Ehepaar Piachi.
  • Erörterung der Sprachlosigkeit als bewusste Strafe und Form von Gewalt gegenüber Nicolo.
  • Deutung der Schlüsselmetaphorik und der Verknüpfung von Sexualität und Sprechen.
  • Kritische Hinterfragung der Schuldzuweisung an Nicolo im Kontext der familiären Konstellation.

Auszug aus dem Buch

4.2. Elvires und Piachis Kommunikationsverhalten gegenüber Nicolo

Zu Beginn der Novelle scheint Nicolo in die kommunikationsschwache Familie zu passen. Auf der Reise von Ragusa nach Rom stellt der „Alte“ ihm „mehrere Fragen […], worauf jener aber nur kurz antwortete“ (231). Nicolo wird in diesem Zusammenhang außerdem als „ungesprächig und in sich gekehrt“ beschrieben (ebd.). Und auch der Umgang der Familie miteinander wirkt an diesem Anfang noch harmonisch: Piachi stellt Nicolo seiner Frau Elvire vor und erzählt ihr bei dieser Gelegenheit, was auf der Reise vorgefallen ist. Zwar wird es nur als „kurze Erzählung“ erwähnt, jedoch erscheint diese Situation als eine der wenigen, in denen interaktiv kommuniziert wird. Und auch Elvire verhält sich in dieser Situation das einzige Mal Nicolo gegenüber herzlich und offen.

Als Nicolo jedoch nicht mehr in Piachis Bild des funktionierenden (schweigenden) Sohnes passt, lässt die Kommunikationsbereitschaft nach. Diese Sprachlosigkeit Piachis ist nicht einfach nur eine vereinbarte Umgehung bestimmter Themen. Sie richtet sich auch aktiv gegen den Adoptivsohn Nicolo. In einigen Situationen scheint es, als wolle Piachi einer Auseinandersetzung mit dem Konflikt aus dem Weg gehen. So spricht er Nicolo auf den Vorfall mit der Zofe Xavieras nicht direkt an, sondern arrangiert eine öffentliche Demütigung, einen „Schimpf, den ihm der Alte vor allem Volk angetan hatte“ (237).

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der mangelnden Kommunikation bei Kleist ein und formuliert die Forschungsfrage, ob die Sprachlosigkeit in der Familie Piachi die Schuld am katastrophalen Ende der Erzählung mitverursacht.

2. Forschungsausblick: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über bisherige Forschungsmeinungen zur Schuldfrage im „Findling“, von der traditionellen Dämonisierung Nicolos bis hin zu neueren, differenzierteren Ansätzen, die die familiäre Struktur miteinbeziehen.

3. Die künstliche Familie: Es wird analysiert, wie die Familienmitglieder der Piachis durch Rollenzuweisungen ersetzt wurden, was zu einem Beziehungsgefüge führt, das primär auf einer gesellschaftlichen „Scheinehe“ basiert.

4. Kommunikation und Geheimnis: Das Hauptkapitel untersucht das Sprechverbot bezüglich des Familiengeheimnisses zwischen den Eheleuten sowie die spezifische, oft gewaltvolle Kommunikationsform gegenüber dem Adoptivsohn Nicolo.

4.1. Elvire und Piachi: Der Fokus liegt auf der unterdrückten Kommunikation zwischen dem Ehepaar, die durch das Tabuthema Colino und das daraus resultierende Sprechverbot geprägt ist.

4.2. Elvires und Piachis Kommunikationsverhalten gegenüber Nicolo: Dieser Abschnitt beleuchtet, wie Piachis Schweigen als Instrument zur Bestrafung und Ausgrenzung Nicolos eingesetzt wird und wie Nicolo darauf mit eigener Eskalation reagiert.

5. Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass die Kommunikationslosigkeit als wesentlicher Faktor für das katastrophale Scheitern der Familie anzusehen ist und Nicolo somit weniger als alleiniger Schuldiger wahrgenommen werden kann.

Schlüsselwörter

Heinrich von Kleist, Der Findling, Kommunikation, Sprachlosigkeit, Schuldfrage, Familienstruktur, Geheimnis, Missverständnis, Adoptivsohn, Gewalt, Sprechverbot, Interpretation, literarische Analyse, Sozialstruktur, Traumata

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Hausarbeit untersucht die Funktion und Auswirkung von Kommunikation – oder deren Fehlen – innerhalb der Familie Piachi in Kleists Novelle „Der Findling“.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Die zentralen Themen sind das familiäre Kommunikationsverhalten, die Rolle von Geheimnissen, die Dynamik von Missverständnissen und der Einfluss dieser Faktoren auf die Schuldfrage der Protagonisten.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, zu klären, ob die katastrophalen Ereignisse in der Erzählung primär auf die Boshaftigkeit des Findlings Nicolo zurückzuführen sind oder ob eine spezifische Familienkonstellation und Kommunikationsweise das tragische Ende begünstigen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Fallanalyse, die den Primärtext unter Einbeziehung relevanter Forschungsliteratur interpretiert.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der „künstlichen“ Familienstruktur, die Untersuchung des Sprechverbots zwischen den Eheleuten Piachi sowie das spezifische Kommunikationsverhalten gegenüber Nicolo.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den prägenden Begriffen zählen neben dem Autor und Werktitel vor allem Kommunikation, Sprachlosigkeit, Schuldfrage, Familienstruktur und Gewalt.

Welche Rolle spielt der Schlüssel an Elvires Hüfte?

Der Schlüssel wird im Text als Metapher für Sexualität gedeutet; Nicolo versucht sich durch das entreißen des Schlüssels gewaltsam Zugang zu Elvires verschlossenem Inneren zu verschaffen.

Warum wird Nicolo als „Leidtragender“ bezeichnet?

Obwohl er Taten begeht, wird argumentiert, dass er durch das Schweigen, die öffentliche Demütigung und das Ignorieren durch seine Adoptiveltern in eine psychologische Notlage gebracht wird, die seinen destruktiven Handlungen vorausgeht.

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Résumé des informations

Titre
Ohne Worte. Die Kommunikation in Kleists „Der Findling“ in Bezug auf die Schuldfrage
Université
University of Freiburg  (Deutsches Seminar)
Cours
Literaturwissenschaftliche Fallanalysen: Kleist, Erzählungen
Note
2,0
Auteur
Julia Dornfeld (Auteur)
Année de publication
2012
Pages
14
N° de catalogue
V320205
ISBN (ebook)
9783668194526
ISBN (Livre)
9783668194533
Langue
allemand
mots-clé
Kleist Findling Kommunikation Geheimnis Familie Nicolo Piachi Elvire
Sécurité des produits
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Citation du texte
Julia Dornfeld (Auteur), 2012, Ohne Worte. Die Kommunikation in Kleists „Der Findling“ in Bezug auf die Schuldfrage, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320205
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Extrait de  14  pages
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