Die Klitisierung von Präposition und Artikel. Stagnierende Grammatikalisierungsbaustelle oder laufender Prozess?

Eine Überprüfung der Ergebnisse von Damaris Nübling


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

54 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1. Nüblings Grammatikalisierungsbaustelle – synchrone Betrachtung
2.2. Ergänzungen durch Christiansen – diachrone Betrachtung

3. Empirische Untersuchung
3.1. Korpus und Methode
3.2. Quantitative Analyse
3.3. Qualitative Analyse

4. Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang
6.1. Sammlung der Ergebnisse aus dem Tatortforum (http://forum.daserste.de/forumdisplay.php?f=221)
6.2. Sammlung der Ergebnisse aus dem Weihnachtsforum (http://weihnachtsforum.com)
6.3. Sammlung der Ergebnisse aus dem (Meet-Teens-Forum http://meet-teens.de)

1. Einleitung

Der Duden ordnet die Präpositionen in der deutschen Sprache den unflektierbaren Wortarten zu (Duden Grammatik 2009, 600). Dabei gibt es im Deutschen einige Präpositionen-Artikel-Enklitika, die auf eine Entwicklung hin zu flektierenden Präpositionen hinweisen könnten (Schiering 2005, 52). Obwohl es schon im Althochdeutschen „zu Kontraktionen und Zusammenschreibungen zwischen Präposition und Artikel“ kam, findet dieses Phänomen erst seit einigen Jahren in der deutschen Sprachforschung Beachtung (Nübling 2005, 105f.). Schiering sieht den Grund hierfür in der Heterogenität des Phänomens (Schiering 2005, 53): Es gibt im heutigen Deutsch einige Verschmelzungsformen, die bereits obligatorisch sind, andere existieren als Varianten neben den unverschmolzenen Formen und einige Formen sind generell blockiert und lassen sich nicht miteinander verbinden. Beim Versuch dieses Phänomen einzuordnen, war in der Forschung von rein phonologischer Klitisierung (Schaub 1979; Dedenbach 1978) bis hin zur Flexion (Hinrichs 1984, 1986; Prinz 1991) die Rede (vgl. Schiering 2005, 53). Seit der Grammatikalisierungsforschung (Hopper/Traugott 1993; Lehmann 1995), die sich mit dem diachronen Prozess beschäftigt, bei dem aus Funktionswörtern und Inhaltswörtern Flexionsmorphologie entsteht (Schiering 2005, 53), lässt sich das Phänomen besser einordnen. Es ist in der Forschung unbestritten, dass sich die Präposition-Artikel-Enklise mit den Parametern von Lehmann (Lehmann 1995[1982], 123) beschreiben lässt und somit als Grammatikalisierung zu benennen ist (szczepaniak2011, 86; Nübling 2005, 107).Da es jedoch einige Präpositionen und Artikel gibt, die nicht verschmelzen, sondern eine Verschmelzungsblockade (Nübling 2005, 106) darstellen, entsteht eine Lücke im Paradigma, die in der Grammatikalisierungsforschung für Diskussion sorgt und den grammatischen Status dieser Formen in Frage stellt (Schiering 2005, 54).[1] Insbesondere Nübling hat sich in ihrem Aufsatz „Von in die über in’n und ins bis im. Die Klitisierung von Präposition und Artikel als ‚Grammatikalisierungsbaustelle‘“ (2005) mit der Einordnung des Phänomens in die Grammatikalisierungsforschung beschäftigt und schließt ihre Untersuchungen mit der Behauptung, dass die Grammatikalisierung dieses Phänomens seit Jahrhunderten stagniere und in gewisser Hinsicht sogar rückläufig sei (Nübling 2005, 123). Bei ihrer Untersuchung hat sie sich jedoch auf die synchrone Betrachtung von schriftsprachlichem Material beschränkt und erwähnt, dass eine diachrone Untersuchung und die Einbeziehung der gesprochenen Umgangssprache weitere Erkenntnisse liefern könnten (Nübling 2005, 127f.). Daher sollen in der vorliegenden Arbeit zunächst die Ergebnisse von Nübling dargestellt und durch die diachrone Betrachtung von Christiansen (2012) ergänzt werden. Schließlich werden die bisherigen Ergebnisse durch die Untersuchung eigener empirischer Daten überprüft. Bei der empirischen Untersuchung handelt es sich nicht um die gesprochene Umgangssprache, wie Nübling sie für eine ergänzende Untersuchung empfiehlt, sondern um Daten aus der Forenkommunikation. Diese kommen jedoch durch ihre konzeptionelle Mündlichkeit (Koch/Oesterreicher 1994) der gesprochenen Umgangssprache näher als die schriftsprachlichen Daten von Nübling. Anhand der vorliegenden Arbeit soll demnach gezeigt werden, ob sich unter Einbeziehung dieser weiteren Ergebnisse die Behauptung von Nübling widerlegen oder bestätigen lässt.

2. Theoretischer Hintergrund

2.1. Nüblings Grammatikalisierungsbaustelle – synchrone Betrachtung

In ihren Aufsatz „Von in die über in’n und ins bis im. Die Klitisierung von Präposition und Artikel als ‚Grammatikalisierungsbaustelle‘“ (2005) beschäftigt sichNübling mit der Frage, ob es sich bei der Klitisierung von Präposition und Artikel um Grammatikalisierung handelt. Hierzu untersucht sie die häufigsten Verschmelzungsformen auf ihre Funktion und ihre Form (Nübling 2205, 106). Ihr Datenmaterial, das sie aus dem IDS-Korpus bezieht, besteht aus geschriebener Sprache, primär aus modernen Zeitungstexten (Cosmas I, Stand: März 2003).

Grundsätzlich kann man die Verschmelzungsformen im heutigen Deutsch in spezielle Klitika und einfache Klitika unterteilen. Spezielle Klitika oder auch specialclitics (Zwicky 1977, Halpern 1998) sind im Gegensatz zu den einfachen Klitika (simple clitics) „nicht mehr in ihrer Vollform austauschbar“ (Nübling 2005, 112). Im heutigen Deutsch gibt es sechs bis neun Verschmelzungsformen (am, beim, im, vom, zum, zur, ans, aufs, ins), die zu den speziellen Klitika gezählt werden (Christiansen 2012, 1f.). Im Bereich der einfachen Klise gibt es etwa zehn Verschmelzungen (durchs, fürs, hinterm, hinters, unterm, unters, vorm, vors, überm, übers) (Christiansen 2012, 2). Neben diesen Klitika gibt es im heutigen Deutsch noch weitere Verschmelzungen von Präposition und Artikel, die sogenannten Allegroverschmelzungen (Christiansen 2012, 3) oder Allegroformen (Nübling 1992, 25). Diese Formen, bei denen es aufgrund von Allegrosprechweise zu Kontraktionen kommt, werden in der Klitisierungsforschung jedoch nicht zu den „echten Klitisierungsphänomenen“ gezählt (Schiering 2005, 53).[2] Allegroformen kommen in der gesprochenen Sprache vor und sind in gewissen Dialekten des Deutschen „am weitesten vorangeschritten“ (Christiansen 2012, 2).[3] Außerdem gibt es „unverschmelzbare Artikelformen“ wie vor allem der (Femininum Dativ Singular), die (Femininum Akkusativ Singular) und den (Dativ Plural), bei denen die Bildung von Kontraktionen mit einer Präposition ausgeschlossen ist (Nübling 2005, 112). Nicht nur manche Artikel sind blockiert, es gibt auch einige Präpositionen, die nicht als Basis für solche Klitika fungieren können (z.B. gegenüber, trotz) (Nübling 2005, 106). In einem älteren Aufsatz teilt Nübling die genannten Kategorien in folgendes Grammatikalisierungskontinuum ein: Allegroform> Einfache Klise> Spezielle Klise> Flexion (Nübling 1992, 25). Hierbei beschreibt sie die Allegroform als die am wenigsten und die Flexion als die am meisten grammatikalisierte Form (ebd.). Christiansen fasst dieses Grammatikalisierungsspektrum in folgender Übersicht zusammen: (Christiansen 2012, 3).

Schaubild 1: Zwischen Verschmelzungsblockade und Verschmelzungsobligatorik (Christiansen 2012, 3)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Laut Nübling werden die klitischen Artikel vor allem im Bereich der semantischen Definitheit verwendet (Nübling 2005, 109). Dieser Begriff geht auf Löbner (1985) und Himmelmann (1997) zurück und besagt, dass bei der semantischen Definitheit eine Referenz gegeben ist, die unabhängig von der jeweiligen Situation ist (Nübling 2005, 108). In diesem semantisch definiten Bereich kommt der klitische Artikel in folgenden Verwendungsweisen vor: bei Zeitangaben (am Freitag, im März), bei Unika (der Besuch beim Papst), bei Eigennamen (im Libanon) bei Substantiven mit genitivischem Attribut (er kommt vom Geburtstag seiner Schwester), bei abstrakt-situativen Verwendungen (ins Kino), bei substantivierten Verben, Adjektiven (beim Schwimmen), bei idiomatischen Ausdrücken (jemanden ans Messer liefern), bei Abstrakta (zum Trost), bei indirekt anaphorischer Referenz (Haus – im Fenster) und bei generisch verwendeten Substantiven (das Gute im Menschen) (Nübling 2005, 109-111; Christiansen 2012, 2).

In ihrer Analyse ist Nübling außerdem der Frage nachgegangen, warum bestimmte Präpositionen und Artikel verschmelzen und andere nicht. Hierzu hat sie aufgrund ihrer Analyse einige Faktoren aufgestellt (Nübling 2005, 116-120). Als den wichtigsten Faktor nennt sie die Sonorität des präpositionalen Auslauts, die jedoch durch einen weiteren wichtigen Faktor, dieKookkurrenzfrequenz zwischen Präposition und Artikel außer Kraft gesetzt werden kann(Nübling 2005, 116f.). Mit der Kookkurrenzfrequenz ist die Frequenz gemeint, „mit der eine konkrete Präposition faktisch auf eine konkrete Artikelform stößt“ (Nübling 2005, 117). Durch diese lässt sich unter anderem auch die Frage beantworten, weshalb der Artikel mit der Präposition und nicht mit dem dazugehörigen Substantiv verschmilzt: Zum einen regiert die Präposition einen bestimmten Kasus, durch den die Frequenz von Präposition und Artikel erhöht wird, zum anderen können zwischen Artikel und Substantiv Attribute eingefügt werden, durch die die direkte Kontaktstellung verhindert wird (Nübling 2013, 307). Bezüglich des zweiten wichtigen Faktors, der Sonorität des präpositionalen Auslauts, stellt Nübling fest, dass Präposition und Artikel desto eher verschmelzen, je sonorer die Präposition endet (Nübling 2005, 117). Bei den weiteren Faktoren handelt es sich eher um Vermutungen. Beispielsweise stellt sie aufgrund ihrer quantitativen Analyse fest, dass manche Flexionsformen des bestimmten Artikels häufiger, andere seltener verschmelzen (Nübling 2005, 117f.). Dies stellt sie auf folgender Skala dar:

Schaubild 2: Der Artikel zwischen Verschmelzungsfreudigkeit und – resistenz (Nübling 2005, 117)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zu den Gründen für diese unterschiedliche Verschmelzungsfreudigkeit, stellt sie jedoch keine Vermutungen auf. Auch bei den Faktoren Grammatikalisierungsgrad der Präposition / des Artikels und dem Faktor Alter der Verschmelzungsformen spekuliert sie, dass weitere Faktoren für die Verschmelzungsfreudigkeit in früheren Sprachstufen begründet sein könnten (Nübling 2005, 119). Diese können jedoch erst in einer diachronen Untersuchung, wie der von Christiansen (Christiansen 2012), genauer bestimmt werden (Nübling 2005, 119).

Im Folgenden soll nun auf die quantitative Analyse Nüblings eingegangen werden, die sich auf das Vorkommen von speziellen und einfachen Klitika bezieht (Nübling 2005, 113). Laut Definition müsste es sich bei denjenigen Verschmelzungsformen um spezielle Klitika handeln, bei denen das Vorkommen der Verschmelzungsformen höher ist, als das der Vollformen. Und andersherum müsste es sich bei den Formen, die in der Forschung als spezielle Klitika genannt werden (am, zum, zur, im, vom, beim) bestätigen, dass mehr Verschmelzungsformen als Vollformen vorkommen. Interessant ist hierbei vor allem der Übergangsbereich zwischen speziellen und einfachen Klitika. Beispielsweise zählen die Formen ins und ans laut Nübling „am Rande“ noch zu den speziellen Klitika (Nübling 2005, 112), bei Christiansen gehört hierzu außerdem noch die Form aufs (Christiansen 2012, 1). Auch Nübling bemerkt, dass dieser Übergang noch nicht genau geklärt ist und „eingehender Detailuntersuchungen“ bedarf (Nübling 2005, 115). In Schaubild 3sind die Ergebnisse aus Nüblings Untersuchung dargestellt.

Schaubild 3: (von unten nach oben) am, zum, zur, im, vom, beim, ins, hinters, ans, ums, unters, aufs, vors, durchs, fürs, übers, hinterm, unterm, vorm, überm, nebens (Nübling 2005, 114). Schwarzer Balken entspricht Klitikon, weißer Balken der Vollform.

Bei den genannten sechs Formen der speziellen Klitika bestätigt sich eindeutig, dass die Verschmelzungsformen häufiger vorkommen als die Vollformen. Auch auf die Form ins, die „am Rande“ zu den speziellen Klitika gezählt wurde, trifft dies zu. Bei dem Klitikon hinters, das üblicherweise zu den einfachen Klitika gezählt wird, kippt das Verhältnis Klitikon zu Vollform. Direkt darauf folgt die Form ans, die von Nübling zur Übergangskategorie „am Rande“ gezählt wurde. Auch das Klitikon aufs, das Christiansen zum Übergangsbereich zählt, ist bei Nüblings Ergebnissen weiter in Richtung einfache Klitika einzuordnen.

Nübling schließt ihre Untersuchung mit dem Fazit, dass es sich bei der Präposition-Artikel-Enklise um eine „Grammatikalisierungsbaustelle“ handle (Nübling 2005, 123). Dies begründet sie darin, dass die Verschmelzungen sich über ein ganzes Grammatikalisierungsspektrum von unverschmelzbar bis obligatorisch verschmelzbar verteilen (ebd.). Sie behauptet, dass diese Diskontinuität des Phänomens schon seit Jahrhunderten stagniere und, dass man anhand einiger „rückläufige[r] Verhältnisse“ sogar teilweise von Degrammatikalisierung sprechen könne (Nübling 2005, 123). Bei diesen rückläufigen Verhältnissen bezieht sie sich darauf, dass es im Mittel- und Frühneuhochdeutschen „ein größeres Inventar an Verschmelzungsformen“ gegeben habe (ebd.). Diese Argumentation wurde von Christiansen (Christiansen 2012) überprüft (siehe Kapitel 2.2.). Die Stagnation der Grammatikalisierung sieht sie dadurch begründet, dass weder klare Aus- noch Abbautendenzen erkennbar sind (Nübling 2005, 123). Dies könnte in einer Untersuchung von aktuelleren Daten hinterfragt werden (siehe Kapitel 3). Diese könnte beispielsweise Aufschluss geben, ob immer mehr einfache Klitika im Übergangsbereich zu speziellen Klitika einzuordnen sind. Ebenso könnte Nüblings Behauptung durch eine Analyse von gesprochener Sprache untersucht werden. Hier wären neben dem Verhältnis Klitikon/Vollform von speziellen und einfachen Klitika auch die Allegroformen interessant, die bisher nur den Regio- und Dialekten zugeordnet werden. Der Einzug dieser Formen in die Umgangssprache würde beispielsweise gegen Abbautendenzen und für Ausbautendenzen sprechen und somit Nüblings These widerlegen. Zunächst jedoch sollen ihre Ergebnisse durch die diachrone Untersuchung von Christiansen ergänzt und bewertet werden.

2.2. Ergänzungen durch Christiansen – diachrone Betrachtung

In seinem Aufsatz „Die Präposition-Artikel-Enklise im Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen“ untersucht Christiansen den diachronen Hintergrund des Präposition-Artikel-Enklise-Phänomens. Dabei bezieht er sich auf das Mittel- und Frühneuhochdeutsche, da er in diesen Sprachstufen die Ursprünge des Phänomens begründet sieht (Christiansen 2012, 3). Das empirische Material besteht aus handschriftenbasierten Prosatexten (Christiansen 2012, 3). Den mittelhochdeutschen Teil des Korpus bezieht er aus dem Projekt „Mittelhochdeutsche Grammatik“, der frühneuhochdeutsche Teil stammt aus dem „Bonner Frühneuhochdeutschkorpus“ (Christiansen 2012, 3). Da es zu den untersuchten Sprachstufen noch kein einheitliches Standarddeutsch gab, sind im Korpus fünf Sprachlandschaften vertreten: das Alemannische, das Bairische, das Ostfränkische, das Westmitteldeutsche und das Ostmitteldeutsche (Christiansen 2012, 4). In der quantitativen Analyse stellt Christiansen das prozentuale Verhältnis zwischen analytischen Präposition-Artikel-Verbindungen (APAV.) wie z.B. an deme, in deme, Zusammenschreibungen (Zus.) wie z.B. andeme, indeme und Verschmelzungsformen (Ver.) wie z.B. am, im in folgender Übersicht dar (Christiansen 2012, 6):

Schaubild 4: Prozentuale Verteilung der Konstruktionstypen 1050 – 1700 (Christiansen 2012, 6)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhand von Schaubild 4 ist erkennbar, dass Zusammenschreibungen vor allem im Mittelhochdeutschen vorkommen und Verschmelzungen vorwiegend ein frühneuhochdeutsches Phänomen sind (Christiansen 2012, 6). Dies könnte bedeuten, dass bestimmte Präposition-Artikel-Kombinationen im Mittelhochdeutschen zusammengeschrieben wurden und im Frühneuhochdeutschen schließlich verschmolzen sind. Bei der Untersuchung der einzelnen Stufen dieses Grammatikalisierungsprozesses, vermutet Christiansen, dass vor allem die Kookkurrenzfrequenz und silbenstrukturelle Präferenzprinzipien wichtige Faktoren darstellen (Christiansen 2012, 7). Auch Nübling hat diese als die zwei wichtigsten Faktoren benannt (Nübling 2005, 116f.). Für die Untersuchung des Prozesses durchsucht Christiansen das Korpus auf Übergangsformen zwischen Zusammenschreibung und Verschmelzung und bemerkt, dass diese nur in einer geringen Anzahl zu finden sind (Christiansen 2012, 10). Von den 75 Übergangsformen finden sich 50 im mittelhochdeutschen, 25 im frühneuhochdeutschen Teil des Korpus (ebd.). Diese Übergangsformen haben folgende Präpositionen als Basis: an, bî, in, ûf, ûz, von, vor, ze, zuo(Christiansen 2012, 10). Es fällt auf, dass die Basen der heutigen speziellen Klitika (am, beim, im, vom, zum, zur) alle vertreten sind. Im weiteren Verlauf seiner Untersuchung stellt Christiansen fest, dass diese „im modernen Deutsch am stärksten grammatikalisierten Verschmelzungen“ die älteste Verschmelzungsschicht bilden (Christiansen 2012, 14f.). Es liegt also nahe zu vermuten, dass das Alter eines Verschmelzungsphänomen mit dem Grammatikalisierungsgrad im heutigen Deutsch zusammenhängt. Dies würde bedeuten: Je älter die Ursprünge des Klitikons, desto grammatikalisierter ist es im heutigen Sprachgebrauch.

Schaubild 5: Historische Verschmelzungsraten (Christiansen 2012, 15)[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Da diese älteste Verschmelzungsschicht nur hochfrequente Präpositionen betrifft, sieht Christiansen diese als „vorwiegend kookkurrenzfrequenziell gesteuert“ (Christiansen2012, 15). Dass sich keine Verschmelzungsformen mit den Plural- und Femininartikeln gebildet haben, begründet Christiansen phonologisch (Christiansen 2012, 16f.). Da diese Formen vokalisch auslauten, vermutet er, dass die Verschmelzung dieser Formen „zum totalen Schwund der Artikelform“ geführt hätten, was in aller Regel vermieden wird (Christiansen 2012, 17). Durch diese diachrone Sichtweise lassen sich die Klitisierungsrestriktionen erklären, was Christiansen als eines der zentralen Ergebnisse seiner Untersuchung benennt (Christiansen 2012, 22). Auf die Pluralform zen/zun traf diese Restriktion jedoch nicht zu und trotzdem hat sich diese Pluralform nicht durchgesetzt. Christiansen vermutet im Schwinden dieser Form Systemzwang, da sich die anderen Formen der Verschmelzungsschicht nur auf den Singular beschränken (Christiansen 2012, 17). Durch die diachrone Perspektive haben die Klitisierungsrestriktionen „ein[en] höhere[n] Grad an Konstanz“ erhalten als ihnen in der bisherigen Forschung zugestanden wurde (Christiansen 2012, 22). Hiermit spricht Christiansen auch Nübling an, die in ihrem Aufsatz die Meinung vertritt, dass diese Klitisierungsresistenzen keinem klaren System folgen (Nübling 2005, 117). Zudem hat Christiansen rausgefunden, dass sich dieses Phänomen der Klitisierungsresistenz des Plurals und der Feminina gegen Ende des Mittelhochdeutschen entwickelt hat (Christiansen 2012, 22). Hier spricht er von einer „Zäsur in der Geschichte des Phänomens“, da es zu diesem Zeitpunkt zu einem „Übergang von einer hauptsächlich phonologischen zu einer zunehmend kookkurrenzfrequenziellen Steuerung“ kommt (Christiansen 2012, 22).

In seiner weiteren Untersuchung bestätigt sich die Vermutung, dass sich die Verschmelzungen, die heute am Rande zur speziellen Klise (ans, aufs, ins) und zum Bereich der einfachen Klise (z.B. aufm, durchs) gezählt werden, im Frühneuhochdeutschen gebildet haben (Christiansen 2012, 19).

Schaubild 6: Verschmelzungsraten im Vergleich (Christiansen 2012, 20)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Da im Gegensatz zu den Formen der ersten Verschmelzungsschicht, die im Mittelhochdeutschen entstanden sind, keine Übergangsformen im Korpus zu finden sind, vermutet Christiansen, dass diese neuen Formen „in Analogie zur ältesten Verschmelzungsschicht entstanden sind“ (Christiansen 2012, 19). Bezüglich der Allegroformen ist zu vermuten, dass diese erst in einem späteren „Grammatikalisierungsschub“ entstanden sind (Christiansen 2012, 20).

[...]

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Die Klitisierung von Präposition und Artikel. Stagnierende Grammatikalisierungsbaustelle oder laufender Prozess?
Untertitel
Eine Überprüfung der Ergebnisse von Damaris Nübling
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Oberseminar: Grammatikalisierung
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
54
Katalognummer
V320211
ISBN (eBook)
9783668194953
ISBN (Buch)
9783668194960
Dateigröße
11375 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klitisierung, Präposition-Artikel-Enklise, Forenkommunikation, Foren, Neue Medien, Grammatikalisierung
Arbeit zitieren
Julia Dornfeld (Autor), 2015, Die Klitisierung von Präposition und Artikel. Stagnierende Grammatikalisierungsbaustelle oder laufender Prozess?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320211

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