Identitätsfindung und Thematisierung von Geschlechterrollen im Deutschunterricht

Eine Untersuchung mit Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht"


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Simone de Beauvoir „Das andere Geschlecht- Sitte und Sexus der Frau“

3.) Aufgaben und Ziele der Sexualerziehung im Bereich Schule

4.) Identitätsfindung und Thematisierung von Geschlechterrollen im Fach Deutsch

5.) Schluss

6.) Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

Die eigene Identität zu finden ist ein lebenslanger Prozess, welchem man sich immer wieder stellen muss. Sie hängt von vielen Faktoren ab und muss immer wieder gefunden und reflektiert werden. Im gesellschaftlichen Leben, spielt man als Person viele verschiedene Rollen, auf beruflicher und privater Ebene, welche auf die Identität Einfluss nehmen.

Ich möchte mich in dieser Hausarbeit darauf konzentrieren, welchen Einfluss die Sexualität und die Geschlechterrollen auf die Identität des Einzelnen nehmen und wie man dies im Bereich Schule zu integrieren versucht.

Die Schülerinnen und Schüler befinden sich auf ihrem ersten Weg der Identitätssuche und der Identitätsfindung und ich werde versuchen herauszuarbeiten, auf welchen Wegen sie hierbei gefördert werden können und welche Aspekte dabei zu beachten sind.

Um die Schülerinnen und Schüler zu selbstbestimmten Individuen erziehen zu können, ist es wichtig auch den Aspekt der Sexualität nicht außer Acht zu lassen. Die Schülerinnen und Schüler befinden sich in der Entwicklungsphase, machen erste sexuelle Erfahrungen, führen ihre ersten Beziehungen und müssen sich in der Gesellschaft verordnen können. Dazu brauchen sie Werte und Normen, an denen sie sich orientieren können und müssen auch im Bereich der Sexualität aufgeklärt werden. Somit muss nicht nur im Bereich der Biologie Sexualität diskutiert werden, sondern auch in anderen Fächern. Sexualität dient zur Identifikation, zur gesellschaftlichen Verortung und zu einem gesunden, erfüllten Leben.

Deshalb spielt auch die Sexualerziehung in der Schule eine beträchtliche Rolle.

Das heißt, nicht nur die Lehrkraft muss den Genderaspekt beachten und die Schülerinnen und Schüler dementsprechend behandeln, sondern die Schülerinnen und Schüler müssen ebenfalls über die Rollenbilder von Mann und Frau wissen und ein eigenes Rollenbild entwickeln.

Deshalb ist es wichtig, Geschlechterrollen im Unterricht zu thematisieren. Das Fach Deutsch bietet sich dafür gerade zu an und ich werde am Ende der Hausarbeit erläutern, wie und anhand welcher Materialien man dies diskutieren könnte.

2.) Simone de Beauvoir „Das andere Geschlecht- Sitte und Sexus der Frau“

Um in den folgenden Punkten zur Thematisierung von Geschlechterrollen im Unterricht zu kommen und wie diese zur Identitätsfindung dienen können, möchte ich mich zuerst auf den Einleitungstext von Simone Beauvoir beziehen. Diese setzt sich in dem Text „Das andere Geschlecht- Sitte und Sexus der Frau“ mit den bisherigen Frauen- und Männerbildern sowie deren Entwicklung und deren heutiger Problematik auseinander.

Simone de Beauvoir problematisiert, dass das Frauenbild in der heutigen Zeit verschoben ist. Die Frauen sind stärker geworden und nehmen zunehmend männliche Rollen ein, weshalb das gesamte Weltbild verschoben scheint. Man könne sich nicht mehr sicher sein kann, ob es noch Frauen auf der Welt gibt und welche Rolle diese spielen sollen.

„`Die Fraulichkeit geht verloren, es gibt keine Frauen mehr`. Man weiß nicht recht, ob es noch Frauen gibt, ob es sie immer geben wird, ob man es sich wünschen soll oder nicht, welche Stellung sie auf der Welt einnehmen und welche sie einnehmen sollten.“[1]

Um diese Frage aber beantworten zu können, stellt Simone de Beauvoir die Frage nach der Definition der Frau.

„Wenn ihre Funktion als „Weibchen“ nicht genügt, um die Frau zu definieren, und wenn wir es gleichfalls ablehnen, sie durch das „Ewigweibliche“ zu erklären, aber doch andererseits zugestehen, dass es vorläufig wenigstens Frauen auf Erden gibt, so müssen wir uns doch wohl einmal die Frage stellen: Was ist eine Frau?“[2]

Sie betont allerdings, dass es diesen Unterschied zwischen Mann und Frau noch gibt und dass sich diese, wenn auch nur oberflächlich, durch Kleidung, Gesicht, Körper, Lächeln, Gang, Interessen und Beschäftigung voneinander unterscheiden.[3]

Allerdings beinhaltet die Frage „Was ist eine Frau“ schon die Problematik. Denn, laut Simone de Beauvoir, würde ein Mann sich diese Frage nie stellen.

„Ein Mann fängt niemals damit an, sich erst einmal als Individuum eines bestimmten Geschlechts vorzustellen: dass er ein Mann ist, versteht sich von selbst.“

Sie betont, dass die Frau schon immer im Bezug auf den Mann definiert wurde. Dabei ist der Mann fähig, ohne die Frau zu existieren, die Frau jedoch stand immer in Abhängigkeit zu ihm und wurde als unvollkommen bezeichnet.

„“Das Weib ist Weib durch das Fehlen gewisser Eigenschaften“, sagt Aristoteles.“ Wir müssen das Wesen der Frau als etwas betrachten, was an einer natürlichen Unvollkommenheit leidet.“ (…) Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht an sich, sondern in Beziehung auf sich; sie wird nicht als autonomes Wesen angesehen. Die Frau das relative Wesen. (…)Der Mann denkt sich ohne die Frau. Sie denkt sich nicht ohne den Mann. (…) so spricht man auch von ihr als vom „Anderen Geschlecht“, worin sich ausdrückt, dass sie dem Mann in erster Linie als Sexualwesen erscheint: da sie es für ihn ist, ist sie es ein für allemal. Sie wird bestimmt und unterschieden mit Bezug auf den Mann, dieser aber nicht mit Bezug auf sie; sie ist das Unwesentliche angesichts des Wesentlichen. Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: sie ist das Andere.“[4]

Im nächsten Absatz geht Simone de Beauvoir auf die Geschichte des Einen und des Anderen genauer ein. Sie betont, dass es in der Geschichte schon immer das Eine und das Andere gegeben hat. Ein Subjekt hat sich jeweils als das Eine definiert und alles andere als das Andere. Hierbei führt sie ein Zitat Hegels an:

„Das Subjekt setzt sich nur, indem es sich entgegensetzt: es hat das Bedürfnis, sich als das Wesentliche zu bejahen und das Andere als das Unwesentliche, als das Objekt zu setzten.“[5]

Das heißt, der Mensch braucht zu seiner eigenen Definition einen Gegensatz. Dabei hat der Mensch das Bedürfnis, sich selbst aufzuwerten und als das Eine zu definieren, und alles, was davon abweicht, als das Andere. Alles, was nicht dem Einen entspricht, hat nicht den gleichen Wert, ist unwichtig und wird sogar oft diskriminiert. Hierfür führt sie Beispiele wie Antisemitismus, Rassismus und Ähnliches an. Der Gegensatz zwischen Mann und Frau beinhaltet denselben Sachverhalt. Der Mann definiert sich als das Eine, die Frau weicht von seiner Definition ab und ist somit das Andere.

Simone de Beauvoir führt eine Theorie an, in welcher die Wechselseitigkeit des Einen und Anderen anerkannt werden muss.

„auf Reisen stellt der Eingeborene mit Entrüstung fest, dass es in den Nachbarländern Eingeborene gibt, die ihn selbst als Fremden betrachten (…) wohl oder übel sind Individuen gezwungen, die Wechselseitigkeit ihrer Beziehungen anzuerkennen.“[6]

Zu Recht stellt sie die Frage, warum diese Wechselseitigkeit in der Beziehung von Mann und Frau noch nicht durchgesetzt und anerkannt worden ist. Der Mann definiere sich immer noch als das Absolute und die Frau als das Andere. Es sei fraglich, warum die Frau sich diesem Ungleichgewicht immer noch unterwirft, obwohl sie noch nicht einmal in der Minderheit steht sondern die Hälfte der Menschheit vertritt.

Die Antwort darauf ist, dass den Frauen das „Wir-Gefühl“ fehlt. Sie fühlt sich dem Mann stärker verbunden als den Frauen, die Verbundenheit zum Mann ist etwas biologisch Gegebenes und kein Moment der Unterdrückung der Menschheitsgeschichte. Sie benötigt den Mann, um als Ganzes existieren zu können.

„Das Paar ist eine Grundeinheit, deren beide Hälften aneinander geschmiedet sind; es ist nicht möglich, eine Spaltung der Gesellschaft nach Geschlechtern vorzunehmen. Das ist es, was von Grund auf die Frau charakterisiert: sie ist das Andere innerhalb eines Ganzen, in dem beide Extreme einander nötig haben.[7]

Jedoch sei genau dieses Bedürfnis, diese Abhängigkeit und der Wunsch nach Nachkommenschaft mit dem Mann der Grund dafür, dass die Frau sich nicht von der Bevormundung des Mannes befreien könne. Das Verlangen danach, dass die Frau das Bedürfnis nach Nachkommenschaft, Sexualität und Sicherheit befriedigt haben möchte, stürzt die Frau in die Abhängigkeit. Der Mann hat dieses Bedürfnis zwar auch, jedoch nicht zwingend und es ist bei ihm nicht so sehr ausgeprägt. Jedoch ist er in der Lage dieses Bedürfnis der Frau zu befriedigen, ohne dass er es selbst setzt. Dies macht ihm zum Herrscher über die Frau. Simone de Beauvoir führt hier den Vergleich von Knecht und Herrschaft an.

„Herr und Sklave sind ebenfalls durch gegenseitiges wirtschaftliches Aufeinanderangewiesensein verbunden, ohne dass der Sklave dadurch frei wird, und zwar deswegen nicht, weil in der Beziehung zwischen Herrn und Sklaven der Herr das Bedürfnis, das er nach dem anderen hat, nicht setzt; er hat die Macht, dieses Bedürfnis zu befriedigen, und vermittelt es nicht; der Sklave hingegen in seiner durch Hoffnung oder Furcht bedingten Abhängigkeit macht das Bedürfnis nach dem Herrn zu einem Teil seiner selbst; selbst wenn die Dringlichkeit dieses Bedürfnisses bei beiden gleich groß wäre, so ist doch immer der Bedrücker dem Bedrückten gegenüber im Vorteil;“[8]

Obwohl man die Frau heute nicht mehr als die Sklavin des Mannes bezeichnen kann, ist sie doch im alltäglichen Leben noch benachteiligt. Sie ist dem Mann in fast keinem Land rechtlich gleichgestellt und verdient weniger in gleichen Berufen. Männer haben die besseren Berufe mit mehr Erfolgsaussichten und die wichtigsten Posten sind ihnen vorbehalten.

Das heißt die Gleichberechtigung ist offensichtlich noch nicht ganz vollzogen. Die Frau besitzt noch nicht die Mittel dazu, sich von dieser Ungerechtigkeit ganz zu befreien und ergibt sich ihrer Rolle und den ihr zugewiesenen Rechten.

„Die Frau nimmt eben nicht für sich in Anspruch, selber Subjekt zu sein, weil sie nicht die realen Mittel dazu besitzt und die Notwendigkeit ihrer Bindung an den Mann anerkennt, ohne auf Gegenseitigkeit zu bestehen; oft auch, weil sie sich in der Rolle des Anderen gefällt.“[9]

Im folgenden Abschnitt stellt Simone de Beauvoir die Frage nach der Teilung der Welt in Mann und Frau, nach dem Kampf um Macht und dem Mann als Sieger und nach der Frage, ob der Mann als Sieger bestehen bleibt, oder nicht.

Der Mann habe sich von Beginn an als Herr der Schöpfung dargestellt, die Philosophie und Theologie in seinen Dienst gestellt. Von Beginn an habe man Gefallen daran gefunden, ein Bild der weiblichen Schwäche zu zeichnen. „Es ist leichter, (…) ein Geschlecht anzuklagen, als das andere zu entschuldigen.“[10]

Hierbei führt sie einige Beispiele der Geschichte an. Das römische Recht habe sie als minderwertig und als das gebrechliche Geschlecht dargestellt, man habe sich nur bereit erklärt, die Gleichheit der Frau unter Wahrung des Unterschiedes zu gewähren und Ähnliches.

Die Emanzipation habe zwar ein Stück weit stattgefunden, sei aber noch längst nicht ausgereift und die Frau werde weiterhin diskriminiert und unter den Mann gestellt.

Mit einem Zitat von Claude Mauriac, versucht Simone de Beauvoir dies noch zu unterstreichen: „Wir hören im Tone höflicher Langweile … selbst der brilliantesten unter ihnen zu, da wir ja wissen, dass ihr Geist in mehr oder weniger glänzender Weise nur Ideen zurückstrahlt, die von uns kommen.“[11]

In der heutigen Demokratie sollte man denken, die Frau sei gleichgestellt, so Simone de Beauvoir, und dies mache in der Familie auch den Anschein. Jedoch müsse man auch hier genauer hinsehen.

„Innerhalb der Familie erscheint die Frau dem Kinde, dem jungen Mann mit der gleichen sozialen Würde bekleidet zu sein wie der männliche Erwachsene; außerdem hat er auf dem Gebiete des Liebesverlangens und der Liebe den Widerstand, die Unabhängigkeit der begehrten und geliebten Frau erfahren; wenn er verheiratet ist, achtet er in seiner Frau die Gattin und Mutter, und in der praktischen Erfahrung des ehelichen Lebens bestätigt sie sich ihm gegenüber als eine Freiheit. Er kann sich also gut einreden, dass es zwischen den Geschlechtern keine soziale Abstufung mehr gäbe und dass im Großen und Ganzen, von kleinen Unterschieden abgesehen, die Frau eine Gleichberechtigte sei. Da er hingegen gewisse Unterlegenheiten feststellt- deren wichtigste die Unfähigkeit im Berufsleben ist-, setzt er diese auf das Konto der Natur. Wenn er der Frau gegenüber im allgemeinen eine Haltung kameradschatflichen Wohlwollens einnimmt, spricht er sich gern ausgiebig über den Grundsatz der theoretischen Gleichheit aus; und die praktische Ungleichheit, die er feststellt, setzt er nicht. Aber sobald er mit ihr in einen Konflikt gerät, kehrt die Situation sich um: er wird die praktische Ungleichheit zum Thema erwählen und daraus sogar das Recht ableiten, die theoretische Gleichheit zu leugnen.“

Die Frauenfrage sei jedoch mühselig geworden, da man zu viel darum gestritten und zu wenig objektiv argumentiert habe. Um diese zu klären, müsse man Überlegenheit, Unterlegenheit, Gleichheit beiseite lassen und wieder von vorne anfangen.[12]

[...]


[1] De Beauvoir, Simone: Das andere Geschlecht- Sitte und Sexus der Frau. S.9

[2] Ebd. S.9

[3] Vgl.: Ebd. S. 9

[4] Ebd. S. 10/ 11

[5] Ebd. S. 11

[6] Ebd. S. 12

[7] Ebd. S.13

[8] Ebd. S.14

[9] Ebd. S.15

[10] Ebd. S.16

[11] Ebd. S. 18

[12] Vgl. Ebd. S. 20

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Identitätsfindung und Thematisierung von Geschlechterrollen im Deutschunterricht
Untertitel
Eine Untersuchung mit Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht"
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Veranstaltung
Genderforschung
Note
2,0
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V320330
ISBN (eBook)
9783668195387
ISBN (Buch)
9783668195394
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
identitätsfindung, thematisierung, geschlechterrollen, deutschunterricht, eine, untersuchung, simone, beauvoirs, geschlecht
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Identitätsfindung und Thematisierung von Geschlechterrollen im Deutschunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320330

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