In dieser Hausarbeit sollen Martha C. Nussbaums Arbeiten zu Ethik und Politik in Bezug auf ihre Idee von Gerechtigkeit und Gleichheit erläutert und auf ihre antiken beziehungsweise aristotelischen Elemente untersucht werden. Meine These, die ich mit dieser Hausarbeit belegen möchte, lautet: Martha Nussbaums aristotelischer Sozialdemokratismus ist nicht so aristotelisch, wie er klingt, denn Aristoteles verfolgt vielmehr eine aristokratische politische Philosophie, als eine sozialdemokratische oder demokratische Politik! Die zentrale Frage, die sich daraus ergibt und die ich versuchen werde zu klären, lautet: Wie aristotelisch ist Frau Nussbaums aristotelischer Sozialdemokratismus?
Im Folgenden wird zunächst ein kurzer Einblick in die praktische Philosophie des Aristoteles gegeben sowie seine Gerechtigkeitskonzeption auf Grundlage des fünften Buches der „Nikomachischen Ethik“ erläutert. Daraufhin wird auf den von Nussbaum geschilderten „aristotelischen Sozialdemokratismus“ eingegangen und in diesem Zusammenhang die Gerechtigkeitstheorie der US-amerikanischen Philosophin erläutert. Meine Arbeit wird sich vor allem auf Nussbaums Wirken in den 1990er Jahren und den beginnenden 2000er Jahren fokussieren, da sie diese Phase besonders der Erforschung des guten Lebens widmete.
Daraufhin werde ich mich der Kritik an Nussbaums aristotelischem Sozialdemokratismus, wie sie Richard Mulgan äußert, zuwenden.
Im Schlussteil der Arbeit wird auf die bereits genannte zentreale Frage eingegangen, indem ich prüfe, ob man Aristoteles aus heutiger Sicht als Sozialdemokraten bezeichnen kann. Außerdem werde ich meine These anhand geeigneter Stellen aus Aristoteles Nikomachischer Ethik sowie der Politik belegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ein kurzer Einblick in die praktische Philosophie des Aristoteles
2.1 Gerechtigkeit bei Aristoteles
3. Der aristotelische Sozialdemokratismus Martha Nussbaums
3.1 Grundelemente des nussbaumschen Fähigkeiten-Ansatzes
3.2 Die starke vage Konzeption des Guten
4. Kritik an Nussbaums aristotelischem Sozialdemokratismus
4.1 Aristoteles – ein Sozialdemokrat?
5. Schlussfolgerungen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht kritisch die Verbindung zwischen Martha C. Nussbaums moderner Gerechtigkeitskonzeption und den antiken Elementen der aristotelischen Philosophie. Ziel ist es zu prüfen, inwieweit die Bezeichnung von Nussbaums Ansatz als "aristotelischer Sozialdemokratismus" gerechtfertigt ist, und ob Aristoteles' politische Philosophie tatsächlich als Grundlage für sozialdemokratische Ideale dienen kann.
- Analyse der aristotelischen praktischen Philosophie und Gerechtigkeitstheorie
- Untersuchung des "Fähigkeiten-Ansatzes" von Martha C. Nussbaum
- Diskussion der "starken vagen Konzeption des Guten"
- Kritische Auseinandersetzung mit der Position von Richard Mulgan
- Beurteilung der aristotelischen politischen Gesinnung im Kontext moderner Werte
Auszug aus dem Buch
3.2 Die starke vage Konzeption des Guten
Nussbaum kommt anhand der Vergleiche in Mythen oder Geschichten über die Menschen zu bestimmten kulturübergreifenden Merkmalen, die ihrer Meinung nach das menschliche Wesen ausmachen. Die sogenannte „starke vage Konzeption des Guten“ stellt eine Liste von Fähigkeiten auf, die im normativen Sinn als Grundgüter verstanden werden müssen. Die amerikanische Philosophin stellt eine offene Liste über jene Fähigkeiten auf, die gegeben sein müssen, um überhaupt von einem menschlichen Leben sprechen zu können. Diese Liste sei jedoch nur als Vorschlag und erste Annäherung zu verstehen und somit ein Umriss des guten Lebens in Anlehnung an Aristoteles. Schon begrifflich lässt sich die starke, vage Konzeption als Antwort auf die „schwache Theorie“ von John Rawls bestimmen. Der Aristoteliker ließe „sich bei seinem Vorgehen von der Überzeugung leiten, dass es besser ist mit vagen Aussagen richtig, als mit genauen Aussagen falsch zu liegen“.
„Eine Liste menschlicher Eigenschaften ist selbstverständlich unbegrenzt, offen und heterogen, denn es ist sowohl möglich, Neues von anderen zu lernen als auch Neues über sich selbst zu entdecken.“
Nussbaum begründet ihren Fähigkeiten-Ansatz in zwei Schritten. Der erste Schritt besteht darin, zunächst die zentralen Merkmale und Eigenschaften des Menschen zu formulieren. Diesen Schritt bezeichnet sie als „starke vage Konzeption des Menschen“ und soll zeigen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und was den Menschen von anderen Lebewesen, wie Tieren oder auch Göttern unterscheidet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Debatte zwischen Liberalismus und Kommunitarismus ein und stellt die Forschungsfrage nach dem aristotelischen Gehalt von Martha Nussbaums Sozialdemokratismus.
2. Ein kurzer Einblick in die praktische Philosophie des Aristoteles: Dieses Kapitel erläutert die aristotelischen Grundlagen wie Eudaimonia, die Lehre von der Mitte und den Essentialismus.
2.1 Gerechtigkeit bei Aristoteles: Es werden die verschiedenen Formen der Gerechtigkeit (allgemein, speziell, Verteilungs- und ausgleichende Gerechtigkeit) sowie das Konzept der Billigkeit dargelegt.
3. Der aristotelische Sozialdemokratismus Martha Nussbaums: Hier wird Nussbaums Rückgriff auf Aristoteles zur Begründung ihrer Ethik der Entwicklungspolitik beschrieben.
3.1 Grundelemente des nussbaumschen Fähigkeiten-Ansatzes: Die Analyse konzentriert sich auf die staatliche Aufgabe, das gute Leben durch die Befähigung der Bürger zu gewährleisten.
3.2 Die starke vage Konzeption des Guten: Das Kapitel erläutert Nussbaums Liste menschlicher Grundfähigkeiten, die für ein gelingendes Leben notwendig sind.
4. Kritik an Nussbaums aristotelischem Sozialdemokratismus: Unter Bezugnahme auf Richard Mulgan wird der Vorwurf diskutiert, Nussbaum würde Aristoteles unzulässig modernisieren.
4.1 Aristoteles – ein Sozialdemokrat?: Die Untersuchung der Politik des Aristoteles zeigt Widersprüche zwischen seinen aristokratischen Idealen und sozialdemokratischen Werten auf.
5. Schlussfolgerungen: Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass die Bezeichnung "aristotelischer Sozialdemokratismus" aufgrund des inhärenten Antizegalitarismus bei Aristoteles irreführend ist.
Schlüsselwörter
Gerechtigkeit, Aristoteles, Martha Nussbaum, Sozialdemokratismus, Fähigkeiten-Ansatz, Eudaimonia, Politische Philosophie, Antike, Essentialismus, Gerechtigkeitstheorie, Verteilungsgerechtigkeit, Tugendethik, Menschenbild, Politische Philosophie, Kommunitarismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophische Verbindung zwischen den Theorien von Martha C. Nussbaum und den antiken Schriften des Aristoteles, insbesondere hinsichtlich der Gerechtigkeitskonzeption.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind praktische Philosophie, Gerechtigkeit, der Fähigkeiten-Ansatz, politische Ethik sowie der kritische Vergleich zwischen antiken aristokratischen und modernen sozialdemokratischen Idealen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage, wie "aristotelisch" der von Martha Nussbaum proklamierte Sozialdemokratismus tatsächlich ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine philosophische Textanalyse der Primärquellen (Aristoteles: Nikomachische Ethik, Politik) und setzt diese in Bezug zu sekundärliterarischen Beiträgen (insb. Richard Mulgan und Nussbaum selbst).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretischen Grundlagen der Gerechtigkeit bei Aristoteles, die Erläuterung von Nussbaums "starker vager Konzeption des Guten" und eine kritische Auseinandersetzung mit der Einordnung von Aristoteles als Sozialdemokrat.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Gerechtigkeit, Aristoteles, Martha Nussbaum, Sozialdemokratismus, Fähigkeiten-Ansatz und Eudaimonia.
Warum hält die Autorin den Begriff "aristotelischer Sozialdemokratismus" für irreführend?
Die Autorin argumentiert, dass Aristoteles eine explizit aristokratische politische Philosophie vertrat, die von fundamentaler Ungleichheit der Menschen ausging, was im Widerspruch zu egalitären, sozialdemokratischen Werten steht.
Welche Rolle spielt der "Fähigkeiten-Ansatz" in Nussbaums Theorie?
Der Fähigkeiten-Ansatz definiert eine Liste von Grundgütern, die der Staat jedem Bürger ermöglichen muss, damit dieser ein wahrhaft menschliches und glückliches Leben führen kann.
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- Svenja Schäfer (Author), 2016, Die moderne Gerechtigkeitskonzeption Martha C. Nussbaums und ihre antiken (aristotelischen) Elemente, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320487