Ökonomische Ordnungskonzepte in der römischen Kaiserzeit am Beispiel des Jüngeren Plinius


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
17 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Die „Jahrhundertdebatte“ – Die antike (römische) Wirtschaft in der modernen Deutung

3. Wichtige Rahmenbedingungen und Faktoren für den Aufschwung der Wirtschaft im Prinzipat

4. Der aristokratische Lebenswandel

4.1 Der Aristokrat in seiner wirtschaftlichen Existenz am Beispiel von Plinius dem Jüngeren

5. Das wirtschaftliche Denken des Plinius am Beispiel des Wirtschaftszweiges Landwirtschaft

6. Schlussfolgerungen

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft der Antike sind von denen der modernen Wirtschaftssysteme deutlich zu unterscheiden. So gab es beispielsweise in der Antike keine Großindustrie, keine Wertpapiere und Aktien und nicht einmal Papiergelder. Trotzdem ist zu sagen, dass diese Umstände keinesfalls dazu führten, dass es in der Antike keine Wirtschaft gab. Schon Aristoteles erkannte zum Beispiel, dass „die ökonomischen Tätigkeiten einzelner Bevölkerungsschichten […] für das Bestehen eines Gemeinwesens unabdingbar [seien]“, was man in seinem Werk „Politik“ nachlesen kann.[1] Aristoteles hat also erkannt, dass „die Ökonomie die Herrschaft eines Einzelnen [sei]“.[2]

In dieser Hausarbeit wird das ökonomische Ordnungskonzept der Römischen Kaiserzeit genauer untersucht. Insbesondere wird die Wirtschaft zu Lebzeiten von Plinius dem Jüngeren, der im Jahre 61 oder 62 nach Christus in Como geboren wurde und irgendwann zwischen 113 und 115 nach Christus starb, beleuchtet. Am Beispiel von Plinius d. J. wird besonders auf die aristokratische Gesellschaft des Römischen Reiches eingegangen und diskutiert, inwieweit das Leben der gesellschaftlichen Elite als kostspielig und prunkvoll bezeichnet werden kann. Eine zentrale These, die im Laufe der Hausarbeit überprüft und geklärt werden soll lautet: „Die römische Aristokratie in der Kaiserzeit unterlag einem ständigen Druck der finanziellen Erwartungshaltung von der Gesellschaft an die einzelne Person gerecht zu werden.“ Eine Frage, die zudem geklärt werden soll ist, inwieweit Plinius der Jüngere seine Briefe dafür nutzte, der Gesellschaft zu zeigen, dass er eben dieser finanziellen Erwartungshaltung an die eigene Person gerecht werden kann beziehungsweise inwieweit er in seinen Briefen eine ökonomische Detailkenntnis und eine finanzwirtschaftliche Expertise demonstrieren konnte. Die Frage ist folglich, inwieweit Plinius seine Briefe für eine Selbstdarstellung, die den gesellschaftlichen Forderungen entsprach, genutzt hat.

In der Zeit der Republik im Römischen Reich war politisch und wirtschaftlich von einem „Dualismus“ zwischen Italien und dem restlichen Reich geprägt, wobei vor allem Rom als Nutznießer galt, der die anderen Provinzen ausbeutete. Im Gegensaztz dazu wurde mit der Errichtung des Prinzipats durch Augustus eine wirtschaftliche Veränderung geschaffen. Diese war geprägt durch eine langanhaltende dauerhafte Friedenszeit, der Pax Romana, die auf ein „Jahrhundert der Bürgerkriege“ folgte. Durch die Pax Romana sind unter anderem ein „reichsweite[r] Rechtsfrieden, die Sicherheit von Eigentum, eine stabile reichsweite Währung [sowie] einheitliche Maße und Gewichte [eingeführt worden]“. Zudem hat es ein stetiges Bevölkerungswachstum, vor allem auf dem Land, gegeben, worin wohl auch ein Zusammenhang zwischen dem eintretenden Wirtschaftswachstum zu sehen ist.[3]

Im Folgenden wird kurz auf die in der Forschung herrschende Kontroverse, der sogenannten „Jahrhundertdebatte“, zwischen den „Primitivisten“ und den „Modernisten“ eingegangen. In dieser Kontroverse geht es um den Charakter der antiken Wirtschaft. Zudem werden verschiedene Vertreter der antiken wirtschaftstheoretischen Ansätze vorgestellt.

Daraufhin werden wichtige Faktoren erläutert, welche die Wirtschaft des Prinzipats stark beeinflussten wobei insbesondere auf die herrschenden Gesellschaftsformen eingegangen wird. Zudem wird der Lebenswandel der aristokratischen Gesellschaft genauer beleuchtet. Im Anschluss daran wird der römische Aristokrat in seiner wirtschaftlichen Existenz am Beispiel von Plinius dem Jüngeren vorgestellt, indem dessen finanziellen Mittel erläutert und diskutiert werden. Des Weiteren wird das wirtschaftliche Denken des Plinius in Bezug auf die Landwirtschaft und deren Rolle innerhalb des ökonomischen Ordnungssystems analysiert.

Im Schlussteil der Arbeit wird dann noch einmal explizit auf die anfangs genannte zentrale These eingegangen und diskutiert, ob die römische Aristokratie im Prinzipat tatsächlich unter großem Druck stand, der finanziellen Erwartungshaltung durch die Gesellschaft gerecht zu werden.

2. Die „Jahrhundertdebatte“ – Die antike (römische) Wirtschaft in der modernen Deutung

Die als „Jahrhundertdebatte“ bekannte Kontroverse um den Charakter der antiken Wirtschaft geht zurück auf die von dem Historiker und Altphilologen Karl Bücher und dem gegen dessen These argumentierenden Althistoriker Eduard Meyer begonnene Diskussion. Es stehen sich zwei „Schulen“ gegenüber, die grundsätzlich gegenteilige Positionen in der Frage nach den Grundzügen der antiken (römische) Wirtschaft einnehmen, auf der einen Seite die „Primitivisten“ und auf der anderen Seite die „Modernisten“. Die durch Bücher geprägten „Primitivisten“ sind der Auffassung, die antike Wirtschaft war generell unterentwickelt und durch soziale, wie politische Gegebenheiten beeinflusst. Nach Ansicht Büchers war die antike Wirtschaft durch die „geschlossene Hauswirtschaft“ gekennzeichnet, auf welche in seinem Konzept die „Stadtwirtschaft“ des Mittelalters sowie die „Volkswirtschaft“ der modernen Nationalstaaten folgten.

Die von Meyer geprägten „Modernisten“ hingegen haben ein außergewöhnlich modernes Bild von den antiken Wirtschaftsabläufen. Sie sehen diese als ein „Pendant der ökonomischen Entwicklung des ausgehenden 19. [Jahrhunderts], indem […] [sie] den Handel als Hauptquelle des Reichtums bezeichne[n]“.[4] Michael Ivanovitch Rostovtzeff entwickelte in zwei großen Veröffentlichungen „zur Wirtschaft der hellenistischen Zeit und des Römischen Kaiserreiches“ ein modernes Bild der „sozialen und wirtschaftlichen Realitäten der antiken Welt“. Er spricht von einer „bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, die sich schon dem Studium des industriellen Kapitalismus näherte, dann aber mit den Krisen der Kaiserzeit und dem „Klassenkampf“ zwischen Stadt und Land unterging“.[5] Dagegen positionierte sich der deutsche Soziologe und Nationalökonom Max Weber, der die These der „parasitären Konsumentenstadt“ der Antike im Gegensatz zur „Produzentenstadt“ des Mittelalters vertrat.[6] Laut Max Weber war die arbeitende Gesellschaft in der Antike „in einem niedrigen sozialen Milieu verhaftet“ und die Oberschicht war dagegen kaum in wirtschaftlichen Abläufen vertreten, da sie „Arbeit“ als „Zeichen gesellschaftlicher Minderwertigkeit begriffen“.[7]

Moses I. Finley hingegen lieferte das, in seiner Wirkung, stärkste Konzept der antiken Wirtschaft. Er baute auf frühere Ansätze auf und legte eine „(neo)primitivistische“ Sichtweise vor. Seiner Meinung nach war die antike Wirtschaft durch soziale und politische Gegebenheiten bestimmt. So habe die Rechtsstellung die Mentalität in der antiken Welt determiniert, welche wiederum das wirtschaftliche Handeln bestimmte. Den Führungsschichten war, laut Finley, der Begriff der „wirtschaftliche[n] Rationalität“ unbekannt und „aus Mentalitätsgründen habe die Investition in Grund und Boden die sicherste und seriöseste Form der Geldanlage dargestellt“.[8] Darüber hinaus habe es keine markorientierte Wirtschaftsweise gegeben. Der Handel diente lediglich als Austausch von Luxusgütern, „die nur von einer kleinen, vermögenden Gruppe konsumiert wurden“. Handel und Gewerbe waren somit in den Überlegungen der Führungsschichten unwichtig.[9]

Gegen diese Auffassung hat sich auch Henri Willy Pleket, ein niederländischer Althistoriker und Epigraphiker, geäußert. Dass die antike Wirtschaft gegenüber der Moderne anders war, stehe zwar außer Frage, doch „führe es zu weit, sie in allen Ebenen als strukturell extrem unterentwickelt zu sehen“.[10] H. W. Pleket zog die Wirtschaft anderer vorindustrieller Gesellschaften der frühen Neuzeit heran, um eine Darstellung der reichsrömischen Ökonomie zu erstellen. So konnte er eine Beteiligung der „reichsrömischen Eliten“ an Handel und Gewerbe nachweisen. Zudem bemerkte er die Existenz von Märkten, die sich ökonomisch wechselseitig beeinflussten, was auf den „Aufschwung des Städtewesens [beziehungsweise] der starken Urbanisierung des Reiches in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr. und auf die Konsumbedürfnisse eines gut besoldeten Heeres zurückzuführen [sei]“. Durch eine effiziente Steuereintreibung sei der Staat in der Lage gewesen, „auf vielen Ebenen Geld zu investieren“.[11]

3. Wichtige Rahmenbedingungen und Faktoren für den Aufschwung der Wirtschaft im Prinzipat

Über die Wirtschaft im Prinzipat gibt es keine entsprechenden ökonomischen Schriften, die aus dieser Zeit enthalten sind. Es sind keinerlei „Regierungs- und Absichtserklärungen der Kaiser“ überliefert und „die antiken Autoren [haben] es weitgehend verm[ie]den, näher auf das staatliche oder kaiserliche Interesse an wirtschaftlichen Dingen einzugehen“. Deshalb müssen wir uns, um die Wirtschaft der Prinzipatszeit zu untersuchen, auf Interpretationen von Einzelzeugnissen berufen.[12] Plinius der Jüngere beispielsweise hat in seinen zahlreichen Briefen auch ökonomische Themen angesprochen, die zumindest einen Einblick in wirtschaftliche und finanzielle Belange der damaligen Zeit geben.

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, ist das Prinzipat durch eine Periode des Friedens, der Pax Romana, geprägt und das Römische Reich behielt bis zum Ende der Regierungszeit Kaiser Trajans (98-117 n. Chr.) die militärische Initiative.[13] Zudem sei ein voranschreiten einer juristischen Fassung der institutionellen Rahmenbedingungen für die Wirtschaft zu beobachten. Zwar war Korruption ein beständiges Phänomen im Reich, doch gleichwohl hat das Römische Reich ein gewisses Maß an Rechtssicherheit für den römischen Bürger garantiert.[14] Auch ein Ausbau der Infrastruktur wirkte sich positiv auf die Wirtschaft aus, wodurch es zu einer regionalen Mobilität von Einzelpersonen kam. Dies wiederum sorgte für eine Verbreitung des Reichsbewusstseins.[15] Die Entwicklung dieses Reichsbewusstseins sowie die immer stärker werdende „Romanisierung“ und „Romanisation“ des Reiches und die „offenkundig verbreitete Akzeptanz der römischen Herrschaft“ ist insbesondere durch die sich seit Augustus entwickelnde „Reichsgesellschaft“ entstanden.[16] Die römische Gesellschaft im Imperium Romanum basierte auf das „Prinzip der Ungleichheit“, was bedeutet, dass jede Person innerhalb des Reiches beziehungsweise innerhalb seiner Stadt zu einer gesetzlich klar definierten Gruppe oder mehreren Gruppen gehörte, die untereinander in einer Hierarchie standen. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe brachte bestimmte Rechte, aber auch Pflichten mit sich. Das von Géza Alföldy, einem ungarisch-deutschen Althistoriker, entwickelte „Stände-Schichten-Modell“ ist besonders einflussreich für die Beschreibung und Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen des Römischen Reiches in der Kaiserzeit. Alföldy hebt insbesondere die „überragende gesellschaftliche Bedeutung des Senatorenstandes (lat. ordo senatorius), des Ritterstandes (lat. ordo equester) und der sogenannten Dekurionen (lat. ordo decurionum)“ hervor. Als Dekurionen (beziehungsweise Bouleuten, wie sie im Osten des Reiches bezeichnet wurden) werden die städtischen Oberschichten im Reich bezeichnet. Die Zugehörigkeit zum Senatorenstand war erblich und erforderte ein Mindestvermögen von 1.000.000 Sesterzen (HS). Demgegenüber war die Zugehörigkeit zum Ritterstand nicht erblich und erforderte ein Mindestvermögen von „nur“ 400.000 HS. Senatoren- und Ritterstand bildeten die gesellschaftliche Elite des Römischen Reiches. Zudem waren sie das „Reservoire, aus dem die Kaiser Offiziere für das Heer und Verwaltungschargen rekrutierten“. Diesen beiden ersten Schichten kann man eine gewisse „soziale Homogenität“ zusprechen, wohingegen die Dekurionen erheblichen Schwankungen unterworfen waren, die sich durch unterschiedliche „soziale Realitäten“ sowie „wirtschaftliche Wohlsituiertheiten“ der Städte ergaben. Insgesamt umfasste die gesellschaftliche Oberschicht in Form der drei ordines nur etwa 1.200.000 Individuen, was zirka 2% der Gesamtbevölkerung des Reiches ausmachte.[17] Zur eigentlichen Führungsschicht des Reiches ist zu sagen, dass sie sich seit der augusteischen Zeit, als sie etwa 160 Individuen umfasst haben soll, im 2. Jahrhundert n. Chr. verdoppelt hat. Alföldy grenzt in seinem Modell die Oberschicht von den Unterschichten ab, welche sich wiederum in Stadt- und Landbevölkerung untergliedern lassen und zudem „aufgrund der persönlichen Rechtsqualität in Freie, Freigelassene und Sklaven“.[18] In einem anderen Modell für die soziale Gliederung des Reiches von dem deutschen Althistoriker Karl Christ werden fünf Schichten voneinander unterschieden, wobei die drei ordines nicht als eigene soziale Schicht betrachtet werden. Ein wichtiger Aspekt in Christs Modell ist eine spezielle Form der Abhängigkeiten in der Unterschicht. Die Angehörigen dieser Schicht standen als sogenannte Patrone in einem sozialen Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Klienten, durch welches sie ihren Lebensunterhalt bestritten. Klient und Patron standen in einem gegenseitigen Treue-Verhältnis, was bedeutet, dass der Patron seine Klienten zum Beispiel vor Gericht vertrat oder ihnen Gelder und Geschenke zur Verfügung stellte. Im Gegenzug musste der Klient Arbeiten und Dienste für den Patron verrichten.[19]

[...]


[1] Fellmeth, Ulrich: Pecunia non olet. Die Wirtschaft der antiken Welt, Darmstadt 2008, S. 7.

[2] Ebd.

[3] Ebd. S. 120-121.

[4] Drexhage, Hans-Joachim / Konen, Heinrich / Ruffing, Kai: Die Wirtschaft des Römischen Reiches (1. – 3. Jahrhundert). Eine Einführung, Berlin 2002, S. 19. Siehe auch: Tschirner, Martina.: Moses I. Finley. Studien zu Leben, Werk und Rezeption. Marburg 1994, S.37.

[5] Drexhage / Konen / Ruffing: Die Wirtschaft des Römischen Reiches, S. 19.

[6] Vergleiche zur Diskussion: Tschirner, Martina, Moses I. Finley, S. 49-61.

[7] Drexhage / Konen / Ruffing: Die Wirtschaft des Römischen Reiches, S. 19-20.

[8] Ebd., S. 20.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Ebd. S. 20-21.

[12] Ebd. S. 27.

[13] Ruffing, Kai: Wirtschaft in der griechisch-römischen Antike, Darmstadt 2012, S. 101.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Ebd.

[17] Ebd. S. 102.

[18] Ebd.

[19] Ebd., S. 103.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Ökonomische Ordnungskonzepte in der römischen Kaiserzeit am Beispiel des Jüngeren Plinius
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V320489
ISBN (eBook)
9783668196551
ISBN (Buch)
9783668196568
Dateigröße
850 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ökonomische, ordnungskonzepte, kaiserzeit, beispiel, jüngeren, plinius
Arbeit zitieren
Svenja Schäfer (Autor), 2015, Ökonomische Ordnungskonzepte in der römischen Kaiserzeit am Beispiel des Jüngeren Plinius, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320489

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