Die Ritter im Mittelalter traten in der Realität, im Gegensatz zur höfischen Literatur, eben nicht immer als tugendhafte Kämpfer auf. Vielmehr entwickelte sich in der Literatur ein Ritterbegriff, der sich in der Wirklichkeit in keinster Weise widerspiegelte. Moralische Werte und Tugenden hatten keine erwähnenswerte Bedeutung für die Ritter des Mittelalters.
Aufgrund dieser Tatsache hatten es sich die höfischen Dichter zur Aufgabe gemacht, den Ritterbegriff in ihren Werken zu idealisieren. „Sie wollten (…) auf die gesellschaftliche Praxis Einfluß nehmen“ (Bumke 2008:432) und ihre Zuhörer durch die Veranschaulichung eines vollkommenen Ritters auf die Missstände aufmerksam machen. Auch in Hartmanns von Aue Artusroman „Iwein“ spielen ritterliche Tugenden eine tragende und leitende Rolle. Durch diese Tugenden werden Handlungsoptionen des guten Ritters festgelegt. Schon zu Beginn des Romans, bevor eine erste Handlung überhaupt einsetzt, wird von König Artus berichtet, der sämtliche ritterliche Tugenden besitzt und als Vorbild für die gesamte Ritterschaft gilt. Dem Text nach wird Artus wegen dieser Eigenschaften noch über den Tod hinaus bekannt und beliebt sein.
Der Prolog lässt erkennen, wie viel Bedeutung Hartmann „êre“, „saelde“ und „muote“, also allgemein den ritterlichen Tugenden, im Roman, zuspricht. Genannter Umstand wirft die Frage auf, ob Iwein den Idealen eines Ritters gerecht wird. Ritterlichkeit also, als einer der zentralen Leitbegriffe des Romans, soll in dieser Arbeit definiert und in Bezug auf Iwein analysiert werden. Ferner wird die Verknüpfung von Schuld und Tugend thematisiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Ritterlichkeit – Realität und höfisches Ideal
2. Der Ritter und seine Tugendhaftigkeit
2.1 Ritterbegriff
2.2 Die höfischen Tugenden
3. Schuld und Tugend in Hartmanns Iwein
4. Iwein als tugendhafter Ritter
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen ritterlichen Idealen, persönlicher Schuld und der moralischen Läuterung des Protagonisten Iwein in Hartmanns von Aue Artusroman. Dabei wird analysiert, wie ritterliches Handeln definiert ist und inwieweit Iweins Fehlverhalten als Ausdruck eines inneren Versagens oder als notwendiger Entwicklungsprozess auf seinem Weg zur wahren Tugendhaftigkeit zu deuten ist.
- Definition des historischen und literarischen Ritterbegriffs.
- Analyse der höfischen Tugenden (triuwe, mâze, zuht, diemuot, minne) als ethische Leitplanken.
- Untersuchung der Schuldfrage in Bezug auf das Erschlagen von Ascalon und den Treuebruch gegenüber Laudine.
- Interpretation der symbolischen Bedeutung des Löwen und der Läuterungsfahrt des Protagonisten.
- Hinterfragung der Korrelation zwischen ritterlicher Identität und sozialer Verantwortung.
Auszug aus dem Buch
3. Schuld und Tugend in Hartmanns Iwein
Vielfach von Literaturwissenschaftlern diskutiert, wurde die Schuldfrage des Protagonisten Iwein in Hartmanns letztem Artusroman. Diese Problematik weißt die Richtung, um ein ritterliches Verhalten, seitens Iwein, analysieren zu können. Denn steht hier Schuld meist in Zusammenhang mit untugendhaftem Benehmen.
Die Schuldfrage spaltet die Wissenschaft in zwei Lager. Einmal wird die Hauptschuld Iweins im unehrenhaften und rücksichtslosen Erschlagen von Ascalon gesehen. Die zweite Meinung vertritt die These, Iweins Versäumnis Laudine gegenüber, sei der ausschlaggebende Fehltritt. Abgesehen davon, welches moralische Fehlverhalten Iwein auf seiner âventiure zur Buße verpflichtet, sind sie beide mit Ehrverlust und Schuld behaftet. Iwein will die êre seines besiegten Vetter Kalogrenant wiederherstellen, indem er selbst zum Ort des Geschehens reitet und den Schutzritter der Quelle, Ascalon, im Kampf besiegt. „Das persönliche Ansehen des Protagonisten und das des Hofes überlagern sich dabei.“ Iwein handelt also aus reiner Pflichterfüllung, wobei die persönliche êre und die triuwe sowohl zum Artushof, als auch zu Kalogrenant als die ausschlaggebenden Ursachen betitelt werden können. Im Kampf gegen Ascalon agiert Iwein vorerst aus Notwehr: „ouch verstuont sich her Îwein wol/ daz er sich weren solde,/ ob er niht dulden wolde/ beide laster unde leit.“ Der tödliche „slac“ gegen Ascalon führt zur entscheidenden Verfolgungsjagd. „her Îwein jaget in âne zuht/ engegen sîner burc dan.“ Diese rücksichtslose Hetzjagd beruht jedoch nur auf der Angst vor dem Spott Keies und dem damit verbundenen persönlichen Ehrverlust, sollte Iwein keine Zeugen für seine Tat haben. Vor allem der Ausdruck „âne zuht“ soll hier die ausschlaggebende Wortwahl Hartmanns sein, die Iwein unritterliches Verhalten und große Schuld durch die Ermordung Ascalons, zuschreibt. Dagegen spricht allerdings die Bezeichnung Iweins als „hövesch man“ einige Verse zuvor, was ihn als tugendhaften Kämpfer charakterisiert. Ferner ist âne zuht „modale adverbiale Bestimmung zu ‚jagen‘, bezieht sich also unmittelbar nur auf die Art der Verfolgung.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ritterlichkeit – Realität und höfisches Ideal: Dieses Kapitel kontrastiert die historische Realität mittelalterlicher Ritter mit dem idealisierten Bild der höfischen Literatur und führt in die moralische Vorbildfunktion von König Artus ein.
2. Der Ritter und seine Tugendhaftigkeit: Hier werden der Begriff des Miles sowie die zentralen höfischen Tugenden wie Triuwe, Mâze, Zuht und Diemuot als systematischer Verhaltenskodex dargelegt.
3. Schuld und Tugend in Hartmanns Iwein: Der Autor untersucht die spezifische Schuldfrage Iweins, wobei insbesondere das Erschlagen von Ascalon und das Versäumnis gegenüber Laudine als moralische Krisenpunkte analysiert werden.
4. Iwein als tugendhafter Ritter: Dieses Kapitel zeigt auf, dass Iwein bereits zu Beginn über ritterliche Tugenden verfügt und seine Reise primär der Verinnerlichung und verantwortungsvolleren Anwendung dieser Werte dient.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Iwein, Hartmann von Aue, höfische Tugenden, Ritterlichkeit, Schuldfrage, Triuwe, Minne, Äventiure, Artusroman, Läuterung, Ritterbegriff, Höfische Kultur, Ethik, Held, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Schuldfrage des Protagonisten Iwein in Hartmanns von Aue gleichnamigem Artusroman und setzt diese in Bezug zu den höfischen Tugenden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind das mittelalterliche Ritterideal, der Begriff der ritterlichen Tugend (z.B. Mäßigung, Treue, Demut) und die moralische Entwicklung des Helden durch Versagen und Buße.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, ob Iwein den Idealen eines Ritters gerecht wird und worin genau seine Schuld besteht – ob in der Tötung Ascalons oder im Treuebruch gegenüber Laudine.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung relevanter Forschungsliteratur zur höfischen Kultur und zum Tugendsystem angewandt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition des Ritterbegriffs, die theoretische Herleitung der höfischen Tugenden, die Untersuchung von Iweins individueller Schuld sowie eine abschließende Charakterisierung Iweins als tugendhafter Ritter.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Iwein, Ritterlichkeit, höfische Tugenden, Schuld, Läuterung und Artusroman geprägt.
Welche Rolle spielt der Löwe in der Argumentation der Autorin?
Der Löwe wird als Sinnbild für die rechte Herrschertugend interpretiert, der Iwein in der zweiten Hälfte des Romans durch seine Taten und seine Rolle als Begleiter des Tieres legitimiert.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Laudine bezüglich der Schuld?
Die Arbeit greift Forschungsansätze auf, die Laudine eine Teilschuld zuschreiben, da ihr Unvermögen, Iweins Wunden zu erkennen, die Versöhnung erschwerte und Iwein in seinem Handeln einschränkte.
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- Kathrin Stegherr (Autor), 2012, Ritterlichkeit, Schuld und Tugend in Hartmann von Aues "Iwein", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320494