Diese Arbeit untersucht das kritische Potenzial der Hauptfigur aus Frank Wedekinds ‚Lulu-Dramen‘, der schillernden und schwer fassbaren Figur der Lulu. Auffallend ist die Pluralität der Lulu-Interpretationen im Laufe der Rezeptionsgeschichte von Wedekinds Drama. Lulu wurde von den Kritikern als das ewig Weibliche, als Femme fatale, als Femme enfant, als Naturprinzip, als Verkörperung einer ursprünglichen Sinnlichkeit, als Verkörperung des reinen Triebes oder in krassem Gegensatz dazu, sogar der unbedingten Moral gesehen. Die Uneinheitlichkeit der Darstellung der Hauptfigur, sowie der Interpretationen scheint dabei das einzig zentrale Merkmal des Lulu-Dramenkomplexes zu sein.
Dies geht soweit, dass es angesichts der gegensätzlichen Interpretationen angemessen erscheint, auch abgesehen von den verschiedenen Textfassungen von den verschiedenen ‚Lulus‘ der Interpreten zu sprechen. Gerade die Tatsache, dass Wedekinds ‚Lulu‘ bis in die jüngste Zeit auf das lebhafteste kritische Interesse gestoßen ist und auf sehr unterschiedliche Weise rezipiert wurde und wird, zeigt, dass die Diskussion noch lange nicht erschöpft ist und ‚Lulu‘ eine Schlüsselfigur ist, an der sich unterschiedliche Vorstellungen von Weiblichkeit entzünden. Die vorliegende Arbeit versucht die Lulu-Gestalt – oder Lulu-Gestalten zu fassen, indem sie allgemein fragt, inwiefern die Lulu Figur als Teil des Weiblichkeitsdiskurses ihrer Zeit, also der Zeit um 1900 gesehen werden kann und inwiefern sie diesen Bezugsrahmen transzendiert und schon auf ein moderneres Frauenbild hinweist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Entstehungsgeschichte
2.1 Textfassungen
2.2 Intertextuelle Bezüge
3 Lulu als Kaleidoskop unterschiedlicher Vorstellungen von Weiblichkeit
3.1 Lulu in der Rezeptionsgeschichte
3.2 Lulu: Femme fatale oder Femme enfant?
3.3 Lulu als Opfer
3.4 Lulu als Projektionsfläche
3.5 Lulu im Weiblichkeitsdiskurs ihrer Zeit
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das kritische Potential der schillernden Hauptfigur Lulu aus Frank Wedekinds Dramen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern die Lulu-Gestalt als Teil des Weiblichkeitsdiskurses um 1900 verstanden werden kann und ob sie diesen Bezugsrahmen möglicherweise transzendiert, um auf ein moderneres Frauenbild hinzuweisen.
- Rezeptionsgeschichte und Deutungsvielfalt der Lulu-Figur
- Spannungsfeld zwischen den Typologien Femme fatale und Femme enfant
- Die Figur Lulu als Projektionsfläche männlicher Fantasien
- Kritische Analyse von Textfassungen und intertextuellen Bezügen
- Verortung im zeitgenössischen Weiblichkeitsdiskurs und dessen Mechanismen
Auszug aus dem Buch
3.2 Lulu: Femme fatale oder Femme enfant?
Der vielleicht auffallendste Aspekt an Lulu als Figur ist der Kontrast zwischen Elementen der Kindlichkeit und Unbefangenheit und der Berechnung und Gefühlskälte. Eigenschaften der Femme fatale und Femme enfant kennzeichnen in unterschiedlichem Maß die Lulu der verschiedenen Dramenfassungen und wurde auch immer wieder von der Kritik hervorgehoben. Wie schon in Abschnitt 2.2 ausgeführt, stellt Emile Zolas Drama Nana (1889/90), das Aufstieg und Fall einer Prostituierten schildert, eine der Einflussquellen für Wedekinds ‚Lulu-Dramen‘ dar. Nana wird darin als Femme fatale geschildert, die ihre Sinnlichkeit gezielt und mit Kalkül einsetzt um Macht über Männer zu erlangen. Während diese Züge in Wedekinds Monstretragödie fehlen, sind sie umso markanter im Erstdruck des Erdgeists ausgeführt. In den späteren Überarbeitungen des Erdgeist finden sich beide Züge, wie im Folgenden an einigen Beispielen gezeigt wird.
Zu den Zügen, die eine Femme fatale kennzeichnen, gehört die bewusste und absichtsvolle Verführung der Männer. In der Verführung von Schwarz wird Lulu zum Beispiel sehr aktiv und sich ihrer Wirkung durchaus bewusst gezeigt, wenn sie ihn als sein Modell ihn dazu auffordert ihre Lippen geöffnet zu malen und ihr „Beinkleid“, vor ihm stückweise hinaufzieht:
Lulu (das linke Beinkleid bis zum Knie hinaufraffend, zu Schwarz): So? Schwarz: Ja… Lulu (es um eine Idee höher raffend): So? Schwarz: Ja, ja…“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der schillernden Figur Lulu ein und formuliert die zentrale Fragestellung bezüglich ihres gesellschaftskritischen Potentials.
2 Entstehungsgeschichte: In diesem Kapitel wird die komplexe Textgenese der Lulu-Dramen beleuchtet und die Bedeutung intertextueller Einflüsse diskutiert.
3 Lulu als Kaleidoskop unterschiedlicher Vorstellungen von Weiblichkeit: Das Hauptkapitel analysiert die Rezeption und die verschiedenen Rollenzuschreibungen Lulus, insbesondere als Femme fatale, Femme enfant, Opfer oder Projektionsfläche.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet das kritische Potential Wedekinds in den historischen Diskurs der Jahrhundertwende ein.
Schlüsselwörter
Frank Wedekind, Lulu, Rezeptionsgeschichte, Femme fatale, Femme enfant, Weiblichkeitsdiskurs, Projektionsfläche, Monstretragödie, Erdgeist, Büchse der Pandora, Modernität, Identität, Rollenwechsel, Geschlechterdiskurs, literarische Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Hauptfigur Lulu aus den Dramen von Frank Wedekind und analysiert deren kritisches Potential innerhalb des Weiblichkeitsdiskurses ihrer Zeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Vielschichtigkeit der Lulu-Figur, ihr Status als Projektionsfläche für männliche Fantasien und die Widersprüchlichkeit zwischen den verschiedenen zugeschriebenen Typologien.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, zu klären, inwieweit Lulu als Figur den zeitgenössischen Diskurs um 1900 nur spiegelt oder ob sie diesen transzendiert und auf moderne Frauenbilder vorausweist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Textfassungen vergleicht und Forschungsbeiträge der Rezeptionsgeschichte sowie kulturgeschichtliche Kontexte einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung zur Entstehungsgeschichte, eine Analyse der unterschiedlichen Rollenzuschreibungen (Femme fatale, Opfer, Projektionsfläche) und die Einordnung der Figur in den damaligen Weiblichkeitsdiskurs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Weiblichkeitsdiskurs, Rezeptionsgeschichte, Projektionsfläche und der spezifischen literarischen Analyse der Wedekindschen Lulu-Dramen charakterisieren.
Inwieweit spielt der Aspekt des Blicks eine Rolle für die Figur Lulu?
Der Blick ist für Lulu existentiell, da sie sich ohne das Spiegelbild oder die Wahrnehmung durch andere in ihrer eigenen Existenz gefährdet sieht und ihre Identität maßgeblich über die Fremdwahrnehmung definiert wird.
Warum wird im Buch von einer „Vertextung der Frau“ gesprochen?
Der Begriff beschreibt, dass Lulu im Drama weniger als individuelle Person denn als ein durch Männermacht und literarische Versatzstücke konstruiertes Konstrukt fungiert, das keine Substanz außerhalb dieser Zuschreibungen besitzt.
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- Sabine Nittnaus (Author), 2014, Frank Wedekinds 'Lulu' und ihr zeit- und kulturkritisches Potential, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320522