„Selbstbildnis mit verbundenem Ohr und Pfeife“ von Vincent van Gogh. Bildanalyse und Interpretation


Seminararbeit, 2013

28 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Der Weg in die Moderne - Der Impressionismus

2. Vincent van Goghs Leben - Ein Künstler auf der Suche nach dem eigenen Ich

3. Bildbeschreibung und Interpretation zu „Selbstbildnis mit verbundenem Ohr und Pfeife“
3.1 Bildbeschreibung
3.2 Formale Analyse
3.3 Interpretation

4. Kunstgeschichtliche Reflexion

5. Stellungnahme

Quellenverzeichnis

Anhang

Einleitung

Vincent van Gogh gehört nicht nur zu den wichtigsten Vertretern des Impressionismus, sondern gilt auch als einer der bekanntesten Künstler weltweit. Er hat in der und für die Malerei gelebt, obwohl er erst spät zu ihr gefunden hat. Es sind seine Maltechnik und die Farbintensität seiner Bilder, die seine Werke so anziehend und einzigartig machen. Insbesondere seine Selbstporträts sind nicht nur ausdrucksstark, sondern geben einen interessanten Einblick in van Goghs psychische Verfassung, in der er die Selbstbildnisse anfertigte. Aus diesem Grund wird sich diese Seminarfacharbeit insbesondere auf das Gemälde „Selbstbildnis mit verbundenem Ohr und Pfeife“ beziehen.

Das erste Kapitel befasst sich mit dem Impressionismus und welchen Einfluss diese Kunstrichtung in das Schaffen von Vincent van Gogh hatte. Anschließend wird im zweiten Kapitel das Leben van Goghs genauer erläutert. Hierbei werden insbesondere seine letzten Lebens- und Schaffensjahre thematisiert. Im dritten Kapitel wird das Gemälde „Selbstbildnis mit verbundenem Ohr und Pfeife“ analysiert. Das besagte Kapitel ist nochmal in drei Unterpunkten unterteilt: Bildbeschreibung, formale Analyse und Interpretation. Das vierte Kapitel umfasst eine kunstgeschichtliche Reflexion, in der unter anderem deutlich wird, welchen Einfluss Vincent van Gogh auf den Impressionismus, sowie auf den Expressionismus hatte. Abschließend wird eine persönliche Stellungnahme über van Goghs Schaffen und der Bildanalyse gegeben. Im Anhang befinden sich unter anderem Abbildungen seiner Bilder, sowie dieser anderer Künstler und Lichtbilder der Familie van Gogh.

1. Der Weg in die Moderne - Der Impressionismus

Der Impressionismus ist eine Kunstrichtung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich entstand. Obwohl die besagte Kunstrichtung insbesondere in den ersten Jahren verkannt geblieben ist, hat sie sich insbesondere ab Ende des 19. Jahrhunderts weit verbreitet (unter anderem auch in Deutschland und in den USA) und bis zur Gegenwart großer Beliebtheit erfreuen können. Die Impressionisten selber, wie etwa Edouard Manet, Auguste Renoir und Claude Monet, verstanden sich als Maler des Lichtes. In ihren Bildern versuchten sie, das Spontane eines flüchtigen Augenblicks festzuhalten. Um den Eindruck des „reinen Sehens“ zu erschaffen, arbeiteten sie hauptsächlich mit flimmernden, hellen Farben. Der Pinselstrich, der sich unterschiedslos über die Oberflächen und Formen der Figuren und ihrer Umgebung hinwegspiegelt, blieb kommaähnlich und erzielte somit einen übergreifenden rhythmischen Zusammenhang von Farbe und Form (Broer et al. 1994, S. 195-200).

Werner Hofmann, der ein österreichischer Kunsthistoriker ist, beschreibt die Inspiration der impressionistischen Motive wie folgt: „Diese Maler wollten Zeitgenossen sein, sie griffen in die Vielfalt der großstädtischen Welt, entdeckten das lärmende Treiben auf den Boulevards, die Festtagsstimmung der Gasthausgärten und den bescheidenen Zauber der Vorlandschaft. Alles das konnte erst von Künstlern für malwürdig erachtet werden, deren Erlebnisnerv ganz auf das Spontane und Zufällige, auf die Oberflächenvibration und auf den flüchtigen Augenblick ausgerichtet war.“[1] Impressionistische Bilder zeichnen sich des Weiteren dadurch aus, dass sie Lichtverhältnisse auf verschiedenen Oberflächen durch das Festhalten der Beleuchtungsfarben darstellen. Die besagte Maltechnik schafft Übergänge zwischen den Farben der Gegenstände und den Farben der Umgebung. Das bedeutet, dass Lichtelemente, sowie farbige, oft komplementäre Schatten eine große Rolle in impressionistischen Bildern spielen. (Broer et al. 1994, S. 200)

Jedoch geht es im Impressionismus nicht nur um die Darstellung flüchtiger Reize des Lichtes und der Atmosphäre. Wesenbestimmend für impressionistische Künstler war eher eine Anzahl von unterschiedlichen Faktoren, die von Maler zu Maler unterschieden. Dazu zählen insbesondere die folgenden Punkte: das moderne Leben als Sujet, Sonnen-, Licht- und Luftspiel auf Landschaft und Stadt; Freilichtmalerei[2] und eine „skizzierende“ Manier (Smith 1995, S. 11). Daraus kann geschlossen werden, dass die Impressionisten als Gruppe in ihrem Werk uneinheitlich waren, und sich zu Teil stark voneinander differenzierten.

Vincent van Gogh schreibt in einem Brief an eine seiner Schwestern im Jahre 1888: „Sieht man zum ersten Mal Bilder der Impressionisten, ist man bitter, ganz bitter enttäuscht und findet es schludrig, hässlich, schlecht gemalt, schlecht gezeichnet, schlecht in der Farbe. Ich sage Dir das, damit du verstehst, was mich an die französischen Maler bindet, die man Impressionisten nennt- dass ich viele von ihnen persönlich kenne und liebe. Und auch, dass ich in meiner eigenen Technik dieselben Ansichten über die Farben habe.“[3] Jedoch ist die Palette seiner impressionistischen Weggefährten wesentlich heller als die von Vincent van Gogh. Er betrachtete die Farbe als nichts Äußerliches, sondern als Phänomen, das im Kopf des Betrachters entsteht. Van Gogh versuchte nicht die Natur zu kopieren, sondern in seinen Bildern eine zweite Natur zu erschaffen. Um dies zu erreichen, arbeitete er stark mit Komplementärkontrasten. Eine ganz besondere Dynamik in seinen Bildern erreichte van Gogh dadurch, dass er häufig eine Primärfarbe neben eine gemischte Sekundärfarbe setzte. Das Resultat waren sehr starke Farbkompositionen, die starke Emotionen beim Betrachter auslösen können (Rademacher 2010, S. 117- 118).

Prägend auf die impressionistische Kunstbewegung wirkte darüber hinaus die Kunst des Fernen Ostens. Der Japonismus[4] entstand vermutlich durch die Öffnung Japans für den Welthandel im Jahre 1855. Dadurch gelangten nicht nur japanische Waren nach Europa, sondern auch die japanische Kunst (Rewald 1965, S. 138). Dieser Trend beeinflusste auch stark die Arbeit van Goghs. In einem seiner Briefe an seinen Bruder Theo schreibt er: „Ich beneide die Japaner um die ungemeine, saubere Klarheit, die alle ihre Arbeiten haben. Nie ist das langweilig, und nie scheint es zu sehr in Eile gemacht. Das ist so einfach wie Atmen, und sie machen eine Figur mit ein paar sicheren Strichen mit derartiger Leichtigkeit als wäre das genauso einfach wie seine Weste zuzuknöpfen“ (Mazzoni 2008, S. 237).

Van Gogh griff in seinen Werken japanische Farbholzmotive und Maltechniken, wie zum Beispiel das Punkt-Strichsystem von Hokusai, auf und interpretierte sie um (Siehe Anhang Abbildung 1 und 2). Durch den in die satt aufgetragene Farbfläche eingedrückten Pinselduktus, erreichte Vincent van Gogh mit graphischen Mitteln eine einzigartige Bewegtheit der Flächenfarbe. Auch andere Impressionisten übernahmen verschiedene Kompositionsformen, die für japanische Holzschnitte typisch waren, wie etwa einen asymmetrischen Bildaufbau, die „Vergitterung“ eines Bildes durch Bäume, die extrem in die Tiefe führende Diagonale, die Bild-im-Bild Anordnung und extreme Hoch- und Querformate (Broer et al. 1994, S. 221-223).

2. Vincent van Goghs Leben - Ein Künstler auf der Suche nach dem eigenen Ich

Vincent van Gogh wird am 30. März 1853 in Groot-Zundert geboren. Seine Geburt wird von einem tragischen Schicksalsschlag überschattet, denn auf den Tag genau ein Jahr vor ihm war den Eltern ein erster Sohn geboren worden, der kurze Zeit später wieder verstarb. Vincent van Gogh erhält von ihm den Vornamen und wird unter der gleichen Nummer 29 ins Personenstandsregister eingetragen. Vincent van Gogh kommt ohne eigene Identität zur Welt und soll den Platz des verstorbenen Bruders einnehmen. Es ist eine Rolle, die er nicht gerecht werden kann. Er selbst ist ein anderer. Aber wer ist er nur? Er entwickelt aus diesem Zustand heraus Angst- und Schuldgefühle. Sein Leben ist geprägt von einer fortwährenden Identitätssuche und einer seelischen Rastlosigkeit, die ihn bis zu seinem Tod im Jahre 1890 plagt (Nagera 1967, S. 112).

Die Umwelt, in die er hineingeboren wird, ist stark von Religion und Kunst geprägt. Sein Vater, Theodor van Gogh, und sein Großvater sind Pfarrer, und drei seiner Onkel sind Kunsthändler. Er ist der älteste von drei Brüdern und zwei Schwestern. Obwohl er ein Einzelgänger ist und ein gespaltenes Verhältnis zu seinen Eltern und zu seinen Geschwistern hat, entwickelt er trotz alledem eine starke Bindung zu seinem vier Jahre jüngeren Bruder Theo. Es sind über 600 Briefe, die Vincent Zeit seines Lebens an seinen Bruder Theo schreibt. Der Briefwechsel zwischen den beiden Brüdern ist essentiell, um die Bilder van Goghs zu verstehen, denn er gibt einen tiefen Einblick in Vincents psychische Verfassung und über das Leben, das er geführt hat (Leymarie 1968, S. 13).

Vincent van Gogh fängt erst mit Mitte Zwanzig an zu malen. Davor versucht er sich zwar als Kunsthändler, Lehrer und Laienprediger zu bewehren, aber scheitert kläglich (Mazzoni 2008, S. 236). Als Vincent seinem Bruder Theo ankündigt, dass er Maler werden möchte, ist dieser entsetzt. Vincent, der zuvor weder Talent noch Interesse an der Kunst gezeigt hat, stürzt sich so kompromisslos auf die Kunst, wie er sich zuvor in die Religion geworfen hatte. Vincent van Gogh lebt in Extreme und wirkt in seinem Handeln fast schon fanatisch. Im Jahre 1880 zieht er nach Brüssel, um an der Brüsseler Akademie Kunst zu studieren. Nur wenige Jahre später zieht er weiter nach Antwerpen, um an der Antwerpener Kunstakademie zu studieren. Jedoch realisiert van Gogh in Antwerpen, dass er nur in Paris, in der Stadt der Künstler, ein „wahrer“ Künstler werden kann und sucht seinesgleichen in der französischen Metropole im Jahre 1886 (Rademacher 2010, S. 114-115).

In seiner Schaffenszeit in Paris lernt er die Impressionisten kennen. Es ist für van Gogh wie ein Erweckungserlebnis. Wie die altniederländischen Meister malte er zuvor noch in dunkel gehaltenen Farben (Siehe Anhang Abbildung 3). Doch nun entdeckt er für sich die Schönheit der hellen Farben, der Kontraste und der Lichtstimmungen (Siehe Anhang Abbildung 4 und 5). Seine Faszination für die impressionistischen Farbkompositionen und Motive ist so stark, dass es ihn schließlich wieder fortzieht (Torterolo 1998, S. 39-59). In einem Brief an Theo schreibt er kurz vor seinem Umzug: „Mir scheint es fast unmöglich, dass man in Paris arbeiten kann, wenn man nicht einen Zufluchtsort hat, wo man sich erholen und Ruhe und Gleichgewicht wiederfinden kann.“ (Torterolo 1998, S. 60)

Van Gogh zieht in den Süden Frankreichs, in die provenzalische Stadt Arles (Leymarie 1968, S. 50-63). Als er am 29. Februar 1888 seine neue Wahlheimat erreicht, schreibt er seinem Bruder: „Der Süden regt die Sinne an, die Hand wird leichter, das Auge lebendiger, der Kopf klarer (…)“ (Torterolo 1998, S. 60). In Arles entwickelt van Gogh seinen Malstil weiter und kreiert Werke wie etwa „Das Schlafzimmer in Arles“ und „Caféterrasse am Abend“ (Siehe Anhang Abbildung 6 und 7), die heutzutage als einer seiner bedeutendsten Gemälde gehandelt werden. Jedoch bleibt der Künstler zu Lebzeiten verkannt. Von seinen Zeitgenossen wird er verachtet und verspottet. Da er kaum Bilder verkaufen kann, hilft ihm sein Bruder Theo mit Geld, Farbe und weiteren Malutensilien aus, welche er Vincent monatlich zukommen lässt. Es ist eine finanzielle und materielle Abhängigkeit, die Vincent bis zum Ende seines Lebens nicht mehr entkommt (Walther 1989, S. 421).

Obwohl er in Arles eine intensive Schaffensphase beginnt und Fortschritte als Maler macht, wird er jedoch psychisch immer labiler. Um seine Gesundheit im Allgemeinen ist es nicht gut bestellt. Ihn plagen Magenkrämpfe und fast unerträgliche Kopfschmerzen. Durch seine regelmäßigen Bordellbesuche infiziert er sich mit Geschlechtskrankheiten, wie etwa Syphilis, die zu seiner Zeit als unheilbar gilt. Zudem fallen ihm zehn Zähne nacheinander aus. Das Leiden befällt schließlich auch das Gehirn und die Nerven (Rademacher 2010, S.117). In Briefen an seinen Bruder Theo berichtet Vincent van Gogh von Wahnvorstellungen, die immer schlimmer werden (Mazzoni 2008, S. 237). Jedoch scheint Vincents größtes Problem die Einsamkeit zu sein. Er träumt davon, eine Künstlergemeinschaft zu gründen wie die holländischen Maler des 17. Jahrhunderts. Jedoch findet sich niemand, der zu dem kauzigen Maler in Arles ziehen möchte (Rademacher 2010, S.120).

Letztlich schaffen es Vincent und Theo Paul Gauguin mit einem passablen Arbeitshonorar in den Süden Frankreichs zu locken. Das Zusammenleben beider Maler wird zum Desaster und endet nach gerade mal zwei Monaten für Vincent van Gogh auf eine verhängnisvolle Weise. Am 22. Dezember 1888 geraten van Gogh und Gauguin in einen heftigen Streit aneinander. Angeblich beginnt es mit Gauguins Porträt, auf dem Vincent wie ein „Wahnsinniger“ aussieht. Aber was genau an dem besagten Tag passiert, wird nie aufgelöst werden, da es offenbar keine Zeugen gibt. Gauguin berichtet später der Polizei, dass er sich mit van Gogh gestritten, und anschließend die Nacht in einem Café mit Freudenmädchen verbracht hätte (Rademacher 2010, S.121).

Währenddessen soll Vincent in einem Anflug der schieren Verzweiflung und Wut sich einen Teil des linken Ohres abgetrennt haben. Jedoch besteht auch der Verdacht, dass es Gauguin war, der Vincent mit einem Messer attackierte. Wahrscheinlicher ist aber, dass es ein Akt der Selbstverstümmelung war, denn in der Lokalzeitung meldet ein Journalist danach: „Letzten Sonntag halb zwölf Uhr nachts erschien ein Maler namens Vincent van Gogh in dem Maison de Tolérance Nr. 1, fragte nach dem Rachel genannten Mädchen und überreichte ihm sein Ohr mit den Worten: ,Bewahre diesen Gegenstand sorgfältig.‘ Dann verschwand er. Die Polizei, von diesen Ereignissen in Kenntnis gesetzt, die man nur einem unglücklichen Irren zuschreiben konnte, begab sich am nächsten Morgen zu diesem Mann, den sie fast ohne Lebenszeichen in seinem Bett fand.“ (Vgl. ebd.)

[...]


[1] Zitat entnommen aus dem SPIEGEL-Artikel „Über den Aufbruch in der Kunst“, 1989

[2] Freilichtmalerei, welche auch „Pleinairmalerei“ genannt wird, bezeichnet eine Malereiform, in der der Künstler außerhalb des Ateliers arbeitet.

[3] Zitat entnommen aus dem GEO EPOCHE-Artikel „Vincent“, 2010

[4] Der Begriff „Japonismus“ beschreibt den Einfluss japanischer Kunst auf westliche Künstler.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
„Selbstbildnis mit verbundenem Ohr und Pfeife“ von Vincent van Gogh. Bildanalyse und Interpretation
Note
1,5
Autor
Jahr
2013
Seiten
28
Katalognummer
V320537
ISBN (eBook)
9783668196940
ISBN (Buch)
9783668196957
Dateigröße
1496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Van Gogh, Selbstbildnis, Ohr, Pfeife, Bildanalyse, Interpretation
Arbeit zitieren
Yasmin Barrachini-Haß (Autor), 2013, „Selbstbildnis mit verbundenem Ohr und Pfeife“ von Vincent van Gogh. Bildanalyse und Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320537

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