Reflexionen auf die Freundschaft durchziehen die Praktische Philosophie von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Von Platon bis Foucault, von Aristoteles bis Derrida scheint das Nachdenken über Freundschaft immer wieder neu und anders anzusetzen. Noch vor zwanzig Jahren wurden Interpretationen über die Freundschaftsabhandlung in der Nikomachischen Ethik mit dem Hinweis eingeleitet, dieses Thema sei, obwohl es bei Aristoteles breiten Raum einnimmt, in der Forschung wenig beachtet worden. Das hat sich offenbar geändert. In jüngerer Zeit findet das Thema Freundschaft vermehrt Interesse. Nicht nur in philosophischen Abhandlungen als Aristoteles-Rezeptionen- und Interpretationen, Veröffentlichungen über Glück und Lebenskunst6, sondern auch in den populärwissenschaftlichen Medien erscheinen Bücher und Zeitschriftenartikel über Freundschaft, Liebe, Glück und Lebenskunst.
Zeeb bemerkt, daß in den letzten Jahren das Interesse der zeitgenössischen philosophischen Forschung an der Thematik der Freundschaft stetig gestiegen ist. Sie weist dabei auf drei unterschiedliche Arten der Annäherung hin: Die erste reflektiert die Wirkung der Freundschaft auf die Identität der Freunde, die zweite widmet sich dem komplexen Zusammenhang von Freundschaft und Moral, die dritte untersucht das politische Potential der Freundschaft. Die Soziologie befaßt sich mit dem Phänomen Freundschaft als einer zwischenmenschlichen Beziehung. Soziologische Theorien sehen die Lebensbedingungen in den gegenwärtigen westlichen Gesellschaften durch Prozesse der Individualisierung und Ausdifferenzierung gekennzeichnet. Der Einzelne findet sich in seinem Lebensvollzug aus historisch vorgegebenen Sozialformen wie Ehe und Familie weitgehend herausgelöst. Instanzen normierender Sinnstiftung wie Religion, Beruf oder Geschlecht verlören an unhinterfragter Akzeptanz. Freundschaft könne eine Alternative zu nicht vorhandenen traditionellen Bindungen darstellen, wie zu Ehe oder Familie und Verwandtschaft. Bei Aristoteles war die Freundschaft Bestandteil der Beziehungen innerhalb der Familie und Verwandtschaft. Freundschaft kann individuelle und soziale Bedürfnisse abdecken, ohne die soziale Autonomie und Unabhängigkeit zu beschneiden. [...]
Inhaltsverzeichnis
Fragestellung und Vorgehensweise
Einleitung
1 Begriffsbestimmung (semantisch)
1.1 Zur Unterscheidung von eros, philia und ágápe
1.2. Zum Begriff der Liebe
1.2.1. Zum Liebesbegriff bei Luhmann
2 Historischer Rückblick
3 Aristotelische Konzeption
3.1 Zum Zusammenhang von eudaimonia, areté und philia
3.1.1 areté und philia
3.1.2 eudaimonia und philia
3.2 Die Arten der Freundschaft in Aristoteles‘ Nikomachischer Ethik
3.2.1 Die vollkommene, wahre oder eigentliche Freundschaft
4 „Und wo bleibt die Liebe?“
Schlußbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Liebes- und Freundschaftsbegriff "philia" auf der Grundlage von Aristoteles' "Nikomachischer Ethik" und hinterfragt, inwiefern eine moderne Philosophie der Freundschaft ohne die Integration der Liebe denkbar ist.
- Semantische Ausdifferenzierung von philia, eros und agapé.
- Historische Einordnung der Freundschaftskonzepte von der Antike bis zur Moderne.
- Untersuchung der aristotelischen Freundschaftsarten und ihrer Bedeutung für die eudaimonia.
- Diskurs zwischen soziologischen, psychologischen und philosophischen Perspektiven.
- Entwicklung einer Hypothese zur notwendigen Verschmelzung von Liebe und Freundschaft.
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Arten der Freundschaft in Aristoteles‘ Nikomachischer Ethik
Aristoteles unterscheidet drei Arten von Freundschaft, die aufgrund des Guten, des Angenehmen und des Nützlichen (NE VIII, 3). Für alle gelten die Kriterien der Wechselseitigkeit der Beziehung. In der ersten Version (das Angenehme und Nützliche) wünscht man dem Freund nicht das Gute um seinetwillen; diese Menschen bezeichnet A. nur als Freunde im akzidentellen Sinn, sie lieben den anderen nicht aufgrund dessen, daß er ist, was er ist (1156a17 f.). Diese Formen sind sekundär, da sie sich auflösen, wenn die alleinige Grundlage des Nutzens und des Angenehmen fehlt. Man ist versucht, zu fragen, ob solche Freundschaften überhaupt als solche bezeichnet werden können oder ob es sich hier um ein bloßes Benutzen des anderen handelt. Wolf vertritt die Ansicht, daß Aristoteles die Nutzenfreundschaft anders auffaßt. Gemeint sei vielmehr eine Beziehung, in der die eine Person der anderen das Gute wünscht im Hinblick auf den von beiden erstrebten Gegenstand des Nützlichen, ihr also das für sie Nützliche wünscht und nicht das Gute um seinetwillen. Analoges gilt für die Lust als dem Grund der Freundschaft.
Als die dritte Form der Freundschaft beschreibt Aristoteles die philia im eigentlichen oder vollkommenen Sinn als die Freundschaft guter und an Tugend sich ähnlicher Menschen, „[…] denn sie wünschen einander gleichmäßig Gutes, insofern sie gut sind, und sie sind gut an sich. Die aber dem Freunde um seiner selbst willen Gutes wünschen, sind Freunde im vollkommenen Sinne“(1156b 10). Diese Freundschaft wird auch als Charakterfreundschaft bezeichnet, weil beide Freunde die ethische areté besitzen.
Zusammenfassung der Kapitel
Fragestellung und Vorgehensweise: Die Einleitung steckt den Rahmen der Arbeit ab und erläutert die Absicht, den antiken Begriff der philia in einen zeitgenössischen Diskurs zu überführen.
Einleitung: Dieses Kapitel verortet das Thema Freundschaft im philosophischen, soziologischen und psychologischen Kontext der Gegenwart.
1 Begriffsbestimmung (semantisch): Es erfolgt eine semantische Analyse der Begriffe philia, eros und agapé, ergänzt durch Theorien zur Liebe von Denkern wie Luhmann und Augustinus.
2 Historischer Rückblick: Dieser Abschnitt beleuchtet die Entwicklung des Freundschaftsverständnisses von der Antike bis zu Foucault.
3 Aristotelische Konzeption: Die aristotelische Ethik und die Rolle der Freundschaft als Tugend und Weg zur Eudaimonia werden im Detail analysiert.
4 „Und wo bleibt die Liebe?“: Das Kapitel führt die Forschungsfrage zurück auf die existenziellen Aspekte menschlicher Bindungen und plädiert für eine Integration von Liebe und Freundschaft.
Schlußbetrachtung: Zusammenfassend wird die Hypothese gestützt, dass eine wahrhaftige Philosophie der Existenz Freundschaft und Liebe als Einheit denken muss.
Schlüsselwörter
philia, Aristoteles, Nikomachische Ethik, Freundschaft, Liebe, Eudaimonia, Tugend, areté, Charakterfreundschaft, Lebensweise, Luhmann, Foucault, Sinnstiftung, soziale Bindung, Existenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den antiken Begriff der "philia" bei Aristoteles und hinterfragt, wie Liebe und Freundschaft in der heutigen Zeit neu verstanden werden können.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung und mögliche Verbindung von Liebe und Freundschaft, die aristotelische Tugendethik sowie die Bedeutung der Freundschaft für das glückliche Leben.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, wo die Liebe in der aristotelischen Freundschaftskonzeption verbleibt und ob eine neue Denkweise, welche beide Phänomene integriert, sinnvoll ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Untersuchung, die sowohl textanalytisch (Aristoteles, Nikomachische Ethik) als auch komparativ vorgeht, indem sie historische Positionen und aktuelle Theorien einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der semantischen Klärung, dem historischen Wandel des Begriffs, der aristotelischen Konzeption der Freundschaft als Tugend und der kritischen Reflexion über das Fehlen einer Philosophie der Liebe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind philia, Aristoteles, Tugendethik, Eudaimonia, Liebe und Lebensweise.
Warum spielt die Unterscheidung von eros, philia und agapé eine so große Rolle?
Diese Unterscheidung ist notwendig, um die Vielschichtigkeit des antiken Begriffs philia zu verstehen, der heute oft zu kurz greifend nur als Freundschaft übersetzt wird.
Welche Bedeutung kommt der "Charakterfreundschaft" bei Aristoteles zu?
Sie gilt als die vollkommene oder wahre Freundschaft, da sie auf gegenseitiger Tugendhaftigkeit beruht und das Wohl des anderen um seiner selbst willen in den Mittelpunkt stellt.
Inwiefern beeinflusst die moderne Kommunikation die Freundschaft?
Die Arbeit diskutiert, dass soziale Netzwerke und die Digitalisierung unpersönliche Beziehungen fördern, was die Notwendigkeit unterstreicht, das Konzept der persönlichen Freundschaft neu zu reflektieren.
- Citar trabajo
- B.A. Christina Hirschochs (Autor), 2012, Der Liebes- und Freundschaftsbegriff „philia" auf der Grundlage von Aristoteles‘ Nikomachischer Ethik, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320710