Der engere Hof Kaiser Ottos I. von 961-973. Kontinuitäten und Diskontinuitäten der personellen Zusammensetzung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Der Begriff des engeren Hofes - eine Eingrenzung
2.2. Der engere Hof Kaiser Ottos I
2.2.1. Ottos I. Italienzug 961-965
2.2.2. Ottos I. Aufenthalt im nordalpinen Reich 965-966
2.2.3. Ottos I. dritter Italienzug bis zu seinem Tod 966-973

3. Schlussbetrachtung

Quellen

Literatur

1. Einleitung

Der Legitimation, Festigung und Ausübung monarchischer Herrschaft auf dem europäischen Kontinent bedurfte es - betrachtet man als Beginn dieser Einschätzung die Ernennung Augustus’ zum Imperator des Römischen Reiches - nahezu 19 Jahrhunderte lang bestimmter Kriterien, Strukturen und Formen; sei es eine optimale Kriegführung, der ständisch- kaiserliche Dualismus, besonders ab der Frühen Neuzeit, oder eine ertragreiche Handels- und Finanzpolitik wie dem Kameralismus. Auch der Hof und höfisches Leben erwiesen sich dabei als wesentliche Elemente, sollte eine vorhandene Herrschaftskonzeption möglichst erfolgreich umgesetzt werden. So bildete der Hof gewissermaßen das Zentrum dieser Fürsten-, Königs- oder Kaiserherrschaften, das mit seinen diversen Aufgabenfeldern in direkter Wechselwirkung mit dem Herrscher bzw. der Herrscherin stand. Der Regent war gleichzeitig Teil des Hofes, jenes politisch-sozialen Wirkungs- und Geltungsbereiches, was zur Folge hatte, dass ein gut strukturierter und funktionierender Hof ebenso ein wichtiger Garant idealer Machtausübung war; des Weiteren ist diese Tatsache insofern von Bedeutung, als dass sich der Hof dadurch als ein geeigneter Forschungsgegenstand der Geschichtswissenschaft präsentiert. Somit bildet der Hof als eine historische Begrifflichkeit auch den thematischen Nucleus der folgenden Untersuchung.

Zunächst bedarf es jedoch dahingehend einer zeitlichen und zugleich strukturellen Unterscheidung des königlichen bzw. kaiserlichen Hofes; denn entgegen einer beispielsweise stark zentralistisch geprägten Variation von Herrschaft und Hof eines absolutistischen Frankreichs im 17. Jahrhundert - um das schillerndste Beispiel höfischer Repräsentation anzuführen - wird die Herrschafts- und Hofstruktur des in der Untersuchung fokussierten Hofes Kaiser Ottos I. durch das mitteleuropäische Reisekönigtum des 10. Jahrhunderts charakterisiert.1 Ein solcher Hof unterschied sich zum ersteren vor allem hinsichtlich seiner Dezentralität und seiner personellen Größenordnung - ganz abgesehen von der im 17. Jhd. bereits etablierten Vergabe bestimmter Ressorts, an die im Mittelalter, zumindest am weströmisch-lateinischen Hof, noch nicht zu denken war. Doch ohnehin sollen bestimmte Funktionen einzelner Hofangehöriger oder eine Analyse der höfischen Struktur unter Otto I. ein eher sekundäres Anliegen dieser Untersuchung sein. Vielmehr geht es um die Darstellung einer konkreten personellen Zusammensetzung des ottonisch-kaiserlichen Hofes von 962 bis zum Tode Ottos I. im Jahr 973. So wird die primäre Zielstellung die Erarbeitung eines Überblicks namentlich genau identifizierbarer Personen sein, die sich im genannten Zeitraum am Hof des Kaisers und damit in seiner unmittelbaren Umgebung befunden haben, wobei der Fokus auf den später in der Arbeit noch genauer zu klärenden Begriff des engeren Hofes Kaiser Ottos I. gelegt werden soll. Daneben soll hinsichtlich dieses Überblicks die Frage erörtert werden, inwieweit Aufenthalte bestimmter Personen am Hof mit dem Itinerar des Kaisers korrelierten und welche Veränderungen bzw. Kontinuitäten innerhalb des Personenverbandes sich beispielsweise bei den Zügen nach Italien ergeben haben. Dass dabei auch Aufgaben und Tätigkeiten der Protagonisten innerhalb des höfischen Verbandes erörtert werden, ergibt sich aus der konkreten Betrachtung der einzelnen Personen dann weitestgehend von selbst. Zumal angemerkt sein muss, dass sich, wie RÖSENER bereits konstatiert hat, die wichtigsten Hofämter des Marschalls, Truchsess’, Mundschenks und Kämmerers für die zu untersuchende Zeitspanne zwischen 962 und 973 ohnehin als nebulös erweisen und eine Zuweisung dieser Bereiche zu genauen Namen nahezu ausgeschlossen scheint.2

Im Allgemeinen ist die Quellenlage hinsichtlich der Kaiserzeit Ottos I. eine überschaubare. Berichte über die Zeit der Ottonen, welche ebenso einen Verweis auf gewisse Personenkonstellationen beinhalten, finden sich bei Thietmar von Merseburg,3 Widukind von Corvey,4 Liudprand von Cremona5 oder Adam von Bremen.6 Zu nennen ist hierbei in jedem Falle auch die Quellenkunde Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter7, welche die maßgeblichen Informationen zu den genannten Verfassern beinhaltet. Neben jenen Scriptores ist bei der Beschäftigung mit dem mittelalterlichen Hof des Weiteren die Heranziehung der zeitgenössischen Diplome unerlässlich, da sich vor allem durch sie - z.B. durch die Betrachtung der Petenten bzw. Intervenienten oder mithilfe der Analyse von Rekognitionszeile und Mundierung - Rückschlüsse auf etwaige Mitglieder der kaiserlichen Hofkapelle, und somit des Hofes, ziehen lassen.8 Ein dienlicher Umstand ist somit für die Untersuchung, dass sich die Diplomatik spätestens seit SICKEL9 oder BRESSLAU10 als ein eigenes Forschungsfeld etablieren konnte und die daraus gewonnenen Erkenntnisse so auch in die folgende Betrachtung mit einfließen, indem sie konsultiert, aber auch kritisch abgewogen werden sollen. Denn die besonders im 19. Jahrhundert manifestierten Forschungsergebnisse - so z.B. die Ansichten zur Struktur der Hofkanzlei oder der Mundierung von Diplomen - konnten in der Vergangenheit größtenteils durch neue Erkenntnisse und Untersuchungen widerlegt, aber auch erweitert werden.11

Bezüglich des Forschungsstandes zum Hof als einen historischen Gegenstand im Frühmittelalter ist zu konstatieren, dass, soweit es ein erster Blick suggeriert, relevante Darstellungen zur Thematik eher rar sind. Zwar sind neben der 2004 erschienenen Arbeit Hof und Theorie. Annäherung an ein historisches Phänomen12, die sich vor allem einer interdisziplinären Herangehensweise bedient, des Weiteren die Ergebnisse innerhalb der Publikation von BECHER und PLASSMANN13 sowie der bereits zitierten Arbeit von RÖSENER14 zu berücksichtigen; doch fand bis jetzt eine Zusammenfassung bzw. Eingrenzung des Personenkreises im Bereich eines ottonischen engeren Hofes keine Beachtung. Geschuldet ist dies aller Wahrscheinlichkeit nach der Tatsache, dass sich die zitierten Arbeiten in erster Linie damit befassen, den frühmittelalterlichen Hof eher strukturell und als sozial- oder machtpolitisches Element zu betrachten,15 wohingegen eine prosopographische Herangehensweise allenfalls mit Blick auf bestimmte Personengruppen, z.B. die, geistlicher Provenienz, im Zuge der Untersuchungen zur Hofkapelle ersichtlich wird.16 Die folgenden Ausführungen haben daher zum Ziel, einige dieser Lücken zu füllen bzw. bereits gewonnene Erkenntnisse hinsichtlich einiger Angehöriger des ottonischen Hofes zusammenzutragen oder neu zu diskutieren.

Das Vorgehen gestaltet sich dabei wie folgt. In einem ersten Teil der Arbeit wird sich mit dem Begriff des engeren Hofes auseinanderzusetzen sein, da sich dieser als die zu verwendende Schablone der Untersuchung erweist. Hierbei soll der Typus des engeren Hofes durch bestimmte Kriterien - so z.B. die Dauer eines Aufenthaltes und, soweit ermittelbar, den Bezug zu Kaiser Otto I. - eingegrenzt werden, sodass danach rasterförmig abgeglichen werden kann, wer sich zum engeren Hof zählen lässt oder wer in der zu betrachtenden Zeit durch etwaige Diskontinuitäten auffällt und somit einer anderen Form des Hofes zugerechnet werden kann - auf die im ersten Teil ebenfalls eingegangen wird. Der sich daran anschließende zweite Teil beinhaltet dann die konkrete Untersuchung anhand dieser begrifflichen Eingrenzung, wobei das Itinerar des Kaisers analysiert werden soll. Konkret werden dabei chronologisch die zwei Italienzüge Ottos seit seiner Kaiserkrönung und die dazwischen liegenden bzw. darauffolgenden Aufenthalte im nordalpinen Reich betrachtet. Sodann ergeben sich aus dieser Überlegung drei Abschnitte, und zwar Ottos I. zweite Italienreise von 961-965, der folgende einjährige Aufenthalt im nordalpinen Reich 965-966 sowie der dritte Italienzug 966-973, einschließlich Ottos I. Präsenz nördlich der Alpen in seinen letzten Monaten bis zu seinem Tod.17 Abschließend werden alle Ergebnisse in der Schlussbetrachtung noch einmal zusammengefasst und abgewogen.

2. Hauptteil

2.1. Der Begriff des engeren Hofes - eine Eingrenzung

Wie oben bereits erwähnt, erfolgte bisher keine Zusammentragung konkret benennbarer Personen infolge einer Betrachtung aus der Sicht eines engeren ottonischen Hofes. Jedoch bedeutet dies nicht, dass jener Terminus nicht bereits Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Untersuchungen war. So befasst sich beispielsweise SCHNEIDMÜLLER mit einer quantitativen Strukturierung des Hofes und rekurriert gleichsam auf die Begriffe der curia minor und der curia maior,18 also des engeren bzw. erweiterten Hofes. Wenngleich in einem anderen, hochmittelalterlichen Zeitfenster,19 so sind seine Ausführungen dadurch nicht weniger anwendbar auf das Frühmittelalter und die Ottonen. Übertragbar auf die zeitliche Perspektive der Ottonenherrschaft des 10. und 11. Jhdt. sind auch die Überlegungen von WINTERLING, wenn er konstatiert, dass sich aus „der konstitutiven Bedeutung von Anwesenheit […] die Differenzierung eines Hofes in verschiedene Personenkreise je nach Häufigkeit der Anwesenheit [ergibt]: In der Regel läßt sich ein ’engerer Hof’ täglich Anwesender von einem ’weiten Hof’ nur gelegentlich Erscheinender unterscheiden.“20

Entlang dieser dargelegten Merkmale bezüglich einer quantitativen Unterscheidung des Hofes werden sich auch die nachfolgenden Ausführungen orientieren. Wie es eine Beschäftigung im Kreise eines engeren Hofes impliziert, spielen dabei Personenkonstellationen im Umfeld des erweiterten Hofes, also die lediglich bei Hoftagen, christlichen Hochfesten oder Synoden Anwesenden, keine Rolle. Hierbei soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass eine Auseinandersetzung mit dem erweiterten Hof im Zuge einer Untersuchung des engeren Hofes durchaus sinnvoll sein kann, wenn beide beispielsweise komparatistisch gegenüberstellt werden. Aus Gründen einer gezielten Herangehensweise und um die feststellbaren Personen bezüglich des engeren Hofes präzise verorten zu können, werden sodann alle diejenigen zu diesem Verbund gezählt, die sich über mehrere Wochen und Monate bzw. länger als ein Jahr in Ottos I. Umfeld befunden haben. Dabei ist trotz dieser zeitlichen Festlegung aber nicht auszuschließen, dass sich eine oder mehrere Personen evtl.

weniger genau zuweisen lassen als es der Anspruch erforderlich macht. Angesichts dieses möglichen Umstandes ist die Frage zu beantworten, wie mit jenen Personen verfahren wird, welche sich nicht eindeutig einem engeren Hof zuordnen lassen - was u.a. dann der Fall ist, wenn sich eine Anwesenheit zwar über den Zeittraum eines Hoftages oder Hochfestes hinweg bezeugen lässt, dagegen jedoch die Dauer des Aufenthaltes am Hof über mehrere Monate nicht verifiziert werden kann oder von Diskontinuitäten, also häufig wechselnder An- und Abwesenheit, geprägt ist. In jenem Fall wird es im Verlauf der Untersuchung daher angebracht sein, sich des Begriffs einer Hybridform zu bedienen. So können auch jene Protagonisten kategorisiert werden, die nur mit Abstrichen einem engeren Hof zugerechnet werden können, sich in der Gesamtheit aber auch nicht ausschließlich dem erweiterten Hof zuweisen lassen Sich an der eben erörterten Verwendung der Begrifflichkeiten orientierend, wird im zweiten Teil der Arbeit nun darauf einzugehen sein, aus welchen Personen sich der ottonische engere Hof zwischen 962 und 973 konstituierte.

2.2. Der engere Hof Kaiser Ottos I.

2.2.1. Ottos I. Italienzug 961-965

Im Jahre 961 trat Otto I. seine Reise nach Italien an, um den Aufstand der von ihm abtrünnig gewordenen Könige Berengar II. und dessen Sohn Adalbert niederzuschlagen, im Gegenzug dafür vom Papst die Kaiserkrone zu erhalten und gleichsam das Königreich Italien als einen anerkannten und festen Bestandteil in seinen Herrschaftsbereich zu integrieren.21 Dass der König diese beschwerliche Reise über die Alpen, zumal mit einem perspektivischen Blick auf bevorstehende kriegerische Auseinandersetzungen, nicht allein antrat, ergibt sich nachvollziehbarerweise von selbst. So brach König Otto I. für seinen zweiten Italienzug cum magno exercitu in mense augusto22 von Augsburg aus in das südalpine Königreich auf. Dabei wurde Otto I. freilich nicht nur von seinem Heer, sondern auch von engen Ratgebern und Angehörigen der Hofkapelle begleitet, die neben der Sicherstellung geistlicher Belange am Hof, wie den Gottesdiensten, sowohl für die Beschaffung von Reliquien im fernen Italien23 als auch für die Kanzleitätigkeiten, also für die Entstehung, Mundierung und Ausfertigung von königlichen, später kaiserlichen Diplomen zuständig waren. So weist bereits DÜMMLER darauf hin, dass „[d]ie Königin Adelheid und ein zahlreiches Heer, darunter viele Bischöfe, [den König begleiteten] […].“24

Dabei war einer der engsten Vertrauten Ottos I., die mit ihm reisten, der Erzbischof von Bremen-Hamburg, Adaldag,25 bei dem davon auszugehen ist, dass er sich ständig im unmittelbaren Umfeld des Königs aufhielt, da er in Diplomen u.a. als nostri dilectissimi consiliarii in Erscheiung tritt.26 Vermutlich resultierte dieses vertraute Verhältnis zwischen dem König und dem als solchen betitelten Ratgeber aus einem einjährigen Aufenthalt Adaldags als Kanzler und Notar in königlichen Diensten, der schon mehrere Jahre zurücklag. So wurde er bereits im Jahr 936 Mitglied in der Hofkapelle, um im Jahr darauf von Otto mit dem Erzbistum belohnt zu werden;27 außerdem spielte er in den 940er Jahren eine entscheidende Rolle bei der Mission der Dänen und Slawen.28 Demnach mag es kaum verwundern, dass Otto I. bei seinem Vorhaben in Italien jenen treuen Vertrauten nicht missen wollte. Zumal es mit der perspektivischen Sicht auf die Kaiserkrone ohnehin von Vorteil war, ranghohe Geistliche nordalpiner Provenienz bei seinem Einzug in Rom im Gefolge zu haben und sich so einer gewissen Repräsentanz zu versichern. Dass der Erzbischof von Bremen- Hamburg jenes repräsentative Potential besaß und dass er daneben, wie schon erwähnt, einer der wichtigsten Vertrauten Ottos war, veranschaulicht wohl am eindrücklichsten das so genannte Ottonanium. In dieser Prunkurkunde vom 13. Februar 962, in der der Kaiser dem Papst diverse Gebiete bestätigt,29 erscheint Adaldag als erster Subskribent nach Otto I. in der Signumzeile.30 Betrachtet man dahingehend die Gesamtzahl der Subskribenten, die auf nicht weniger als 26 beziffert werden können, so ist jene Tatsache ein gewichtiges Indiz dafür, dass Otto in ihm seinen engsten Berater sah und sich dies durch die hohe Rangstellung im Eschatokoll des Diploms manifestiert. Ein weiterer Ausdruck der Relevanz des Bremisch- Hamburgischen Erzbischofs war dessen Anwesenheit bei der Synode zur Absetzung Papst Johannes’ XII. A Saxonia: Adeltac archiepiscopus et Landohardus episcopus Mimendensis31, bezeugt es Liudprand von Cremona in seiner Historia Ottonis, wenn er von jenem großen Ereignis berichtet. Es dürfte also kein Zweifel über die herausgehobene Stellung Adaldags am

Hof Ottos I. bestehen, was sich neben den genannten Umständen auch darin zeigt, dass der Erzbischof, wie Adam von Bremen berichtet, den Kaiser bis zu dessen Rückkehr in den nordalpinen Reichsteil 965 begleitete.32

Nimmt man das schon zitierte Ottonanium und die darin enthaltene Rangfolge der Subskribenten als einen Indikator für eine stetige Anwesenheit am Hof und eine Verbundenheit zum Kaiser, so treten aber noch andere Personen in Erscheinung. Sodann findet sich mit Drogo von Osnabrück ein weiterer Geistlicher nordalpiner Provenienz, der Otto I. über die Alpen und innerhalb Italiens begleitete. Sein Signum findet sich an dritter Stelle nach dem des Kaisers, was darauf schließen lässt, dass auch er zum engeren Kreis Ottos

I. zählte. Auch HOFMANN hat festgestellt, dass „Drogo, der von 952 bis zu seinem Tod 968 Bischof von Osnabrück war, […] getrost als enger Vertrauter Ottos I. angesehen werden [darf].“33 Zwar ist nicht sicher nachweisbar, ob Drogo sich während des gesamten Italienaufenthaltes am Hof des Kaisers befand, da er, soweit überschaubar, urkundlich erst wieder 965 auftaucht,34 doch ist davon auszugehen, dass er zumindest die mehrmonatige Reise nach Italien im Gefolge Ottos I. mit angetreten hat.

In diesem Zug über die Alpen befand sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch Dodo, der spätere Bischof von Münster. Nach FLECKENSTEIN trat er um 952 als Kaplan in die nähere Umgebung des Königs35 und ist dann wieder für das Jahr 964 bezeugt.36 Als Reliquiensammler in Italien findet er ebenso bei Thietmar von Merseburg Erwähnung, der ihm außerdem die Eigenschaft eines treuen Dieners des Kaisers zuschreibt.37 Es ist also anzunehmen, dass sich Dodo während des Italienaufenthaltes des Kaisers zumindest über mehrere Monate bzw. mit kurzen Unterbrechungen stetig am Hof Ottos I. aufhielt; wenngleich der „nicht immer einwandfrei[e] Erwerb von Reliquien […]“38 womöglich dazu beitrug, dass Dodo den dritten und letzten Italienzug Ottos I. nicht mehr mit antrat. Ein Beleg dafür, dass sich diese Abwesenheit mit einem Vertrauensverlust seitens Otto I. erklären lässt, findet sich jedoch nicht; im Gegenteil erhält Dodo im Jahr 969 den Bischofsstuhl in Münster. Von Interesse ist hinsichtlich Dodos Ausscheiden aus der Hofkapelle um 966 freilich, dass sich hier eine Änderung im Personenverband des Hofes konstatieren lässt.

[...]


1 Für einen geeigneten Überblick des mittelalterlichen Hofes vgl. RÖSENER, Werner, Leben am Hof. Königsund Fürstenhöfe im Mittelalter, Ostfildern 2008.

2 Vgl. RÖSENER (wie Anm. 1), S. 45.

3 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, hrsg. von HOLTZMANN, Robert (MGH SS rer. Germ. N.S. 9), Berlin 1935.

4 Vgl. Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, bearb. von HIRSCH, Paul (MGH SS rer. Germ. 60), Hannover 1935.

5 Vgl. Liudprand von Cremona, Opera omnia, hrsg. und ed. von CHIESA, Paolo, Turnhout 1998.

6 Vgl. Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, ed. von SCHMEIDLER, Bernhard (MGH SS rer. Germ. 2), Hannover/Leipzig ³1917.

7 WATTENBACH, Wilhelm/HOLTZMANN, Robert/SCHMALE, Franz, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Die Zeit der Sachsen und Salier, Bd. 1: Das Zeitalter des Ottonischen Staates (900-1050), Darmstadt 1967.

8 Für den Inhalt der Untersuchung vgl. Monumenta Germaniae Historica, Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser, Bd. 1: Die Urkunden Konrad I., Heinrich I., Otto I., hrsg. von SICKEL, Theodor, Hannover 1879.

9 Vgl. ebd.

10 Vgl. z.B. BRESSLAU, Harry, Handbuch der Urkundenlehre für Deutschland und Italien, Bd. 1, Berlin 1958.

11 Vgl. dahingehend z.B. SCHARER, Anton, Herrscherurkunden als Selbstzeugnisse?, in: MIÖG 119 (2011), S. 1- 13; HUSCHNER, Wolfgang, Die ottonische Kanzlei in neuem Licht, in: Archiv für Diplomatik. Schriftgeschichte, Siegel- und Wappenkunde 52 (2006), S. 353-370; DERS., Transalpine Kommunikation im Mittelalter. Diplomatische, kulturelle und politische Wechselwirkungen zwischen Italien und dem nordalpinen Reich (9.-11. Jahrhundert), 2 Bände, Hannover 2003, S. 105 ff.; HOFFMANN, Hartmut, Notare, Kanzler und Bischöfe am ottonischen Hof, in: Deutsches Archiv für die Erforschung des Mittelalters 61 (2005), S. 435-480.

12 BUTZ, Reinhardt/HIRSCHBIEGEL, Jan/WILLOWEIT, Dietmar (Hrsg.), Hof und Theorie. Annäherung an ein historisches Phänomen, Köln/Weimar/Wien 2004.

13 BECHER, Matthias/PLASSMANN, Alheydis (Hrsg.), Streit am Hof im frühen Mittelalter, Göttingen/Bonn 2011.

14 RÖSENER (wie Anm. 1).

15 Vgl. z.B. HIRSCHBIEGEL, Jan, Hof und Macht als geschichtswissenschaftliches Problem. Fragen, in:

HIRSCHBIEGEL, Jan/BUTZ, Reinhardt (Hrsg.), Hof und Macht. Dresdner Gespräche II zur Theorie des Hofes, Münster 2007, S. 5-13; DERS., Hof als soziales System. Der Beitrag der Systemtheorie nach Niklas Luhmann für eine Theorie des Hofes, in: BUTZ, Reinhardt/HIRSCHBIEGEL, Jan/WILLOWEIT, Dietmar (Hrsg.), Hof und Theorie. Annäherung an ein historisches Phänomen, Köln/Weimar/Wien 2004, S. 43-54.

16 Vgl. FLECKENSTEIN, Josef, Die Hofkapelle der deutschen Könige, Bd. 2: Die Hofkapelle im Rahmen der ottonisch-salischen Reichskirche, Stuttgart 1966, S. 20 ff.

17 Für Darstellungen zu den Ottonen im Allgemeinen und zu Otto I. speziell vgl. z.B. KELLER, Hagen, Die Ottonen, München 2001; FREUND, Stephan, Herrschaftsträger des Reiches. Konflikte und Konsens unter Otto I., in: PUHLE, Matthias/KÖSTER, Gabriele (Hrsg.), Otto der Große und das Römische Reich. Kaisertum von der Antike zum Mittelalter, Regensburg/Magdeburg 2012, S. 529-538; SCHNEIDMÜLLER, Bernd, Otto I. der Große (936-973), in: SCHNEIDMÜLLER, Bernd/WEINFURTER, Stefan (Hrsg.), Die deutschen Herrscher des Mittelalters. Historische Portraits von Heinrich I. bis Maximilian I. (919-1519), München2003, S. 35-61.

18 Vgl. SCHNEIDMÜLLER, Bernd, Hof und Herrschaft im 12. Jahrhundert, in: EHLERS, Caspar/REUß, Karl-Heinz (Hrsg.), Friedrich Barbarossa und sein Hof, Göppingen 2009, S. 14.

19 Vgl. zur Theorie von curia minor und curia maior in Bezug auf das 12. Jhdt. auch JOHANEK, Peter, Höfe und Residenzen, Herrschaft und Repräsentation, in: ECKART, Conrad Lutz (Hrsg.), Mittelalterliche Literatur im Lebenszusammenhang. Ergebnisse des Troisième Cycle Romand 1994, Freiburg (Schweiz), S. 54.

20 WINTERLING, Aloys, „Hof“. Versuch einer idealtypischen Bestimmung anhand der mittelalterlichen und

frühneuzeitlichen Geschichte, in: BUTZ, Reinhardt/HIRSCHBIEGEL, Jan/WILLOWEIT, Dietmar (Hrsg.), Hof und Theorie. Annäherung an ein historisches Phänomen, Köln/Weimar/Wien 2004, S. 79.

21 Vgl. KELLER (wie Anm. 17), S. 48 f.

22 Annales Sangallenses Majores, ed. von ARX, Ildefons, in: PERTZ, Georg Heinrich (MGH SS 1), Hannover 1826, S. 79.

23 Dies trifft z.B. auf Adaldag von Bremen-Hamburg zu, vgl. Adam von Bremen (wie Anm. 6), S. 68; außerdem auf Dodo von Münster und Othwin von Hildesheim, vgl. KOHL, Wilhelm, Das Bistum Münster 7,3. Die Diözese, Belin/New York 2003, S. 64.

24 KÖPKE, Rudolf/DÜMMLER, Ernst, Kaiser Otto der Große, Darmstadt ²1962, S. 325 f.

25 Vgl. Adam von Bremen (wie Anm. 6), S. 68.

26 Vgl. DD O. I. 248, 259, 274.

27 Vgl. BAUTZ, Friedrich Wilhelm, Art. Adaldag, Erzbischof von Hamburg-Bremen, in: BiographischBibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 1, Hamm 1975, Sp. 28.

28 Vgl. ebd.

29 Vgl. BÖHMER, J. F., Regesta Imperii II Sächsisches Haus (919-1024), 1: Heinrich I. und Otto I. 919-973, neu bearb. von OTTENTHAL, Emil von, Innsbruck 1893, Nr. 311.

30 Vgl. DD O. I. 235.

31 Liudprand von Cremona (wie Anm.5), S. 173.

32 Vgl. Adam von Bremen (wie Anm. 6), S. 68.

33 HOFMANN, Christian, Markt, Münze und Zoll zu Wiedenbrück. Die Urkunde König Ottos I. für den Osnabrücker Bischof Drogo vom 7. Juni 952, in: Osnabrücker Mitteilungen 108 (2003), S. 27.

34 Vgl. DD O. I. 302, auch hier der Verweis auf enge Verbundenheit: ob frequens servitium.

35 Vgl. FLECKENSTEIN (wie Anm. 16), S. 51.

36 Vgl. KOHL (wie Anm. 23), S. 64.

37 Vgl. Thietmar von Merseburg (wie Anm. 3), S. 56, imperatori diu fideliter serviret.

38 KOHL (wie Anm. 23), S. 64.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Der engere Hof Kaiser Ottos I. von 961-973. Kontinuitäten und Diskontinuitäten der personellen Zusammensetzung
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Höfe der Herrscher und Herrscherinnen im Hochmittelalterlichen Euromediterraneum
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
31
Katalognummer
V320746
ISBN (eBook)
9783668199866
ISBN (Buch)
9783668199873
Dateigröße
857 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kaiser, ottos, kontinuitäten, diskontinuitäten, zusammensetzung
Arbeit zitieren
Markus Biewald (Autor), 2015, Der engere Hof Kaiser Ottos I. von 961-973. Kontinuitäten und Diskontinuitäten der personellen Zusammensetzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320746

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der engere Hof Kaiser Ottos I. von 961-973. Kontinuitäten und Diskontinuitäten der personellen Zusammensetzung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden