Der Pietismus stellt heute einen unübersehbaren Forschungsgegenstand dar, der vor allem durch eine interdisziplinäre Auseinandersetzung geprägt ist und sich in den letzten Dekaden als wissenschaftlicher Interessenschwerpunkt auch über die Grenzen Europas hinweg etabliert hat.
Initiiert vom Dänischen König Friedrich IV., unter Mitwirkung seines Hofpredigers Franz Julius Lütken und Franckes selbst, verließen am neunundzwanzigsten November 1705 Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau nach ihrer Ordination in Kopenhagen ihre vertraute Umgebung, um nach Ostindien zu segeln. Am 9. Juli 1706 trafen sie in Tranquebar ein, einer Stadt, die als Dänische Handelskolonie an der Koromandelküste gelegen war.
Der sicherlich nicht immer unbeschwerten Reise sollten jedoch Jahre ganz anderer Hürden folgen. Wirft man einen Blick auf das soziokulturelle Geflecht Tranquebars, mag es nicht verwundern, dass eine pietistische Missionsbewegung weitaus bessere Startbedingungen als die gegebenen hätte haben können. Neben der indigenen tamilischen Bevölkerung – zumeist Hindus – lebten dort arabische Muslime, Portugiesen katholischer Konfession und dänische Lutheraner. So waren die konfessionellen – und gleichsam kulturellen – Diskrepanzen ein Teil der Startbedingungen, mit dem man sich wohl oder übel zu arrangieren hatte. Hinzu kam das keinesfalls marginale Problem der Sprachbarriere.
Jene Sachlage, vor allem die Konflikte, die aus der faktisch alleinigen Autorität der DOK in der Kolonie resultierten, sollen in dieser Arbeit erörtert werden. Dabei spielen die beinahe schon als Antagonismus zu bezeichnenden Schwierigkeiten zwischen den Missionaren und Johan Sigismund Hassius, Vertreter der Handelskompanie und Kommandant Tranquebars, eine entscheidende Rolle. Die aufeinander prallenden weltlichen und geistlichen Interessensgegensätze sollen fokussiert und aufgezeigt werden. Dabei gilt es, Auswirkungen und Merkmale dieses anfänglichen Abschnitts pietistischer Missionsgeschichte in Tranquebar präzise zu veranschaulichen – vor allem anhand des persönlichen Schriftverkehrs der Protagonisten und der Korrespondenz zwischen Europa und den Missionaren in Übersee. Ursachen, Verläufe und Darstellungen der Begebenheiten sollen so festgehalten und in den lokalen politischen und sozialen Rahmen eingebettet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Die Dänische Ostindien-Kompanie – Politische Autorität in Tranquebar
2.2 Konflikte und Probleme der Missionare innerhalb Tranquebars
3. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Spannungsfelder zwischen der frühen dänisch-halleschen Mission und der Dänischen Ostindien-Kompanie (DOK) in Tranquebar im Zeitraum von 1706 bis 1708. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse der politisch-administrativen Rahmenbedingungen sowie der daraus resultierenden Konflikte zwischen den Missionaren und der lokalen Handelsvertretung.
- Strukturen und Machtverhältnisse der Dänischen Ostindien-Kompanie in der Kolonie
- Konfliktlinien zwischen geistlichem Sendungsbewusstsein und wirtschaftlichen Interessen
- Die Rolle der Sprachbarriere und soziokultureller Diskrepanzen
- Reaktionen und Wahrnehmungen der Akteure (Missionare vs. Kommandant Hassius)
Auszug aus dem Buch
2.2 Konflikte und Probleme der Missionare innerhalb Tranquebars
Erst jüngst verwies Liebau in einem Aufsatz auf Dispute durch die missionarische Tätigkeit in europäischen Kolonien in Indien, die infolge des Aufeinandertreffens lokaler Gewohnheiten mit translokalen Einflüssen durch die verschiedenen Missionspraktiken resultierten. Das hier zu behandelnde Beispiel pietistischer Mission in Tranquebar spiegelt die Theorie Liebaus wider. Vieles davon wird aus den persönlichen Berichten der Protagonisten deutlich.
Bereits wenige Monate nach ihrer Ankunft, hält Ziegenbalg einige Eindrücke und zukünftige Vorhaben fest. Geplant waren u.a. der Bau einer Schule und eine Übersetzung der Bibel ins Tamilische. Außerdem verweist er auf die Schwierigkeit bei der Erlernung dieser komplizierten Sprache. Auch wird eine der ersten schon existierender Schwierigkeiten angesprochen, und zwar der akute Geld- und Ressourcenmangel. „Es mangelt uns nur an gehörigen Mitteln, nähmlich (sic!) an zulänglichem Gelde, ohne welches solch Werk weder recht angefangen noch fortgesetzt werden kann.“ Nichtsdestoweniger setzten Plütschau und Ziegenbalg ihre Arbeit rasch in Gang und gaben so der Mission erste Konturen; in der Gestalt z.B., dass sie einige Sklaven Hassius´ im Christentum unterrichteten, Gottesdienste für die deutschsprachige Bevölkerung in dem ihnen zugedachten Haus abhielten oder das Vorhaben in Angriff nahmen, eine ihnen gerechte Missionskirche zu errichten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des Pietismus als transnationale Missionsbewegung ein und skizziert die Ausgangslage der Missionare Ziegenbalg und Plütschau nach ihrer Ankunft in Tranquebar.
2. Hauptteil: Der Hauptteil beleuchtet die wirtschaftlich-politischen Rahmenbedingungen durch die Dänische Ostindien-Kompanie und analysiert die daraus entstehenden Konflikte mit den Missionaren, gipfelnd in der Verhaftung Ziegenbalgs.
3. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel resümiert die ersten Jahre der Mission, die durch eine pragmatische Koexistenz nach anfänglichen massiven Spannungen zwischen weltlicher und geistlicher Macht gekennzeichnet waren.
Schlüsselwörter
Pietismus, Tranquebar, Dänische Ostindien-Kompanie, Mission, Bartholomäus Ziegenbalg, Heinrich Plütschau, Johann Sigismund Hassius, Kolonialgeschichte, Missionsgeschichte, Indische Geschichte, Religionsgeschichte, Konfliktmanagement, Dänisch-hallesche Mission.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frühphase der dänisch-halleschen Mission in Tranquebar und der Interaktion zwischen den Missionaren und der örtlichen Handelskolonie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Machtstrukturen der Dänischen Ostindien-Kompanie sowie die soziokulturellen und ökonomischen Herausforderungen, denen die Pioniere der Mission begegneten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Ursachen und den Verlauf der Konflikte zwischen den Missionaren und dem Kommandanten Hassius im Kontext der kolonialen Rahmenbedingungen zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Untersuchung basiert primär auf einer quellenorientierten historischen Analyse, insbesondere unter Einbeziehung des zeitgenössischen Briefwechsels der Akteure.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die administrative Kontrolle der Handelskompanie, die soziokulturellen Probleme in der Kolonie sowie die konkreten Konfrontationen, die zur Verhaftung Ziegenbalgs führten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Pietismus, Tranquebar, DOK, Missionierung, Interessenkonflikte und koloniale Verwaltung.
Warum kam es zu so gravierenden Spannungen zwischen Hassius und den Missionaren?
Der Konflikt entsprang dem Spannungsfeld zwischen der strengen Profitorientierung der Handelsgesellschaft und dem unkonventionellen, teils als störend wahrgenommenen missionarischen Eifer.
Welche Rolle spielten die Sklaven der europäischen Einwohner in diesem Konflikt?
Das Katechisieren dieser Sklaven wurde vom Kommandanten Hassius als aufrührerisch betrachtet, da es die gewohnte soziale Hierarchie und die Servilität der Untertanen infrage stellte.
Wie wirkte sich der Geldverlust im Jahr 1708 auf die Mission aus?
Der Verlust der für die Missionsarbeit bestimmten 2000 Taler verschärfte die diplomatische Krise und führte zu einer weiteren Eskalation zwischen Ziegenbalg, Plütschau und der lokalen Obrigkeit.
- Quote paper
- Markus Biewald (Author), 2014, Die pietistische Mission in Tranquebar in ihren Anfangsjahren. Problemfelder und Konflikte zwischen 1706-1708, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320748