Mittelalterliche jüdische Grabsteine. Erfurter Funde und deren Bedeutung


Hausarbeit, 2016

11 Seiten, Note: 1,7

Carolin Menzel (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bedeutung & Geschichte

3. Gestaltung
3.1 Form
3.2 Inschriften
3.3 Symbolik

4. Weiterverarbeitung und Funde

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Will man sich näher mit der Materie von jüdischen Grabsteinen befassen, kommt man nicht umhin sie in der Gesamtheit des Friedhofes zu betrachten. Friedhöfe spielen nicht nur im religiösen Sinne eine tragende Rolle, sie sind ebenso essenziell für die geschichtliche Entwicklung eines Ortes. An diesen nahezu unverwüstlichen Zeitzeugen lassen sich damalige Situationen widerspiegeln und zum Teil archivieren.

Speziell die mittelalterlichen Grabsteine Erfurts haben eine Sonderstellung, sind sie doch als viertgrößter Korpus an jüdischen Grabsteinen der aschkenasischen Jude und zugleich ein Teil der Bewerbung für den erfurter Antrag zum UNESCO-Weltkulturerbe. 110 komplett oder zumindest zum Teil erhaltene Grabsteine kann Erfurt sein Eigen nennen und dazu noch einige Besonderheiten der hiesigen.

Es war eine außergewöhnliche Möglichkeit die erhaltenen Grabsteine in dieser großen Zahl selbst beschauen zu können und ebenfalls in der Gruppe darüber ins Gespräch zu kommen.

Im folgenden wird der Friedhof, inklusive der Bedeutung als Ganzes, als neuen Punkt mit einbezogen und eine kleine Vertiefung dargelegt.

2. Bedeutung und Geschichte

Grabsteine sind Teil des jüdischen Bestattungswesens und ein unverzichtbarer Teil eines jeden Grabes, denn ohne ihn kann ein Mensch nach dem Tod keine Ruhe oder Frieden finden. Dem jüdischen Glauben nach ist ein Grab, oder größer gefasst der gesamte Friedhof, kein Ort des Todes sondern vielmehr ein Ort der Ruhe. Aus diesem Grund sind Friedhofsbezeichnungen wie 'Haus der Ewigkeit' oder 'Haus des Lebens' gängig. Die Ewigkeit charakterisiert das Warten auf die Erlösung in der messianischen Zeit, wie es in Hesekiel 37 geschrieben steht. Alle Beerdigten schlafen diesem Tag des jüngsten Gerichts und ihrer Auferstehung entgegen. Somit ist der Friedhof die wichtigste Institution einer Gemeinde und essenziell für ihr bestehen.[1] Bevor der Friedhof als solches existierte, bestattete man die Verstorbenen in Höhlengräbern, angelegten Grabkammem oder Katakomben. Das erste Grab in der Bibel wird im 1. Mos. 23 beschrieben, wo Abraham seine Frau Sarah in der Höhle Machpela, auf dem eigens dafür gekauften Stück Land, bestattet. Daran schließt sich ebenfalls im 1. Mose eine erste grabsteinähnliche Beschreibung in der Torastelle „Rachel starb und wurde auf dem Wege nach Ephrata, das heißt Bethlehem, begraben. Jakob errichtete einen Gedenkstein auf ihrem Grabe. Es ist der Denkstein auf dem Rachelgrabe bis auf den heutigen Tag.“ (1. Mos 35, 19-20) Hier erkennt man eindeutig den Charakter einer Grabmarkierung, diese könnte aber auch gleichzeitig als Schutz vor wilden Tieren interpretiert werden.

Lange haben sich diese Formen der Bestattung bewährt. Jedoch geschah in dem Übergang der Spätantike zum frühen Mittelalter gleichzeitig ein Wandel im Bestattungswesens, von den Massengräbern in Höhlen oder angelegten Grabkammern hin zu Einzelgräbern und Erdbestattung. Bezeichnend für diesen neuen Grabtyp sind die Gräber oberhalb der 20. Katakombe in dem Ort Beth Schearim. Im Gegensatz zu den Bestattungen innerhalb der Kammern finden sich dort mehrere Einzelgräber, „die von oben ausgehoben und mit horizontalen oder schräg gestellten Platten bedeckt sind“[2]. Im Inneren der Katakomben lassen sich zudem Markierungen der einzelnen Gräber in Form von Marmortafeln finden, die bis auf das Sterbedatum den Namen, familiäre Zusammenhänge sowie vereinzelt Sprüche beinhalten. Diese Begräbnisstätte wurde ca. ab dem 3. Jahrhundert genutzt, wobei die oberhalb liegenden Einzelgräber aus dem 4. Jahrhundert stammen sollen.[3] Jener friedhofsartige Ansatz hat sich ab diesem Zeitpunkt langsam als übliche Bestattungsart durchgesetzt, bis er im 8./9. Jahrhundert als abgeschlossen gilt.[4]

Mit dieser Standardisierung im Mittelalter wurden zum Bestattungswesen die meisten Bestimmungen in der Halacha festgesetzt. Da die Ewigkeit angestrebt wird, ist das Grab und die den Toten umgebende Erde sein Eigentum. Folglich darf es keine Neubelegung oder Auflösung geben. Wenn Platzmangel auf Friedhöfen herrschte, Bestand die Möglichkeit eine zweite Person über einem bereits bestehenden Grab, aber mit einem Mindestabstand von 60cm, zu beerdigen.[5] Der neue Grabstein wurde neben den alten gesetzt, dennjeder Verstorbene besitzt einen eigenen, wobei nur Doppelgrabsteine die Ausnahme bildeten, wenn Familienangehörige kurz aufeinander verstorben sind. Der Stein wird erst nach einem Trauerjahr bei der der Zeremonie 'Gilui Mazewa' gesetzt. Für eine ewige Ruhe und Frieden ist er verpflichtend und befindet sich am Kopfende, in Ausnahmen steht er auch am Fußende damit die richtige Ausrichtung nach Osten (Jerusalem) und somit dem Messias entgegen, gewährleistet wird.

Um der Beständigkeit und Unvergänglichkeit des Toten zu Gedenken existiert der Brauch, kleine Kieselsteine auf dessen Grabstein abzulegen. Der Ursprung dessen geht wahrscheinlich auf den antiken Bestattungskult mitsamt den Grabhöhlen zurück, welche mit großen Felsen verschlossen wurden. Um diese zu befestigen wurden kleine Steine, hebräisch dofèk, verkeilt. Diese einerseits praktische Funktion, stellte auch eine Art Gruß in Form anklopfen dar, da dofèk von dafar abgeleitet wird, was klopfen bedeutet. Somit „klopft“ man bei dem Verstorbenen an und gedenkt seiner, bei Ablage eines solchen Sternchens.[6] Dieser grundlegende Umgang mit den Gräbern inklusive der Grabsteine hat sich bis heute bewährt und wird nach den halachischen Setzungen umgesetzt.

3. Gestaltung

3.1 Formen

Das Ziel des Grabsteines einem Verstorbenen ein Zeichen zu setzen, verbunden mit dem Glauben, dass alle Juden nach dem Tod gleich seien, bedingt die schlichte und einfache Form der anfänglichen Grabsteine in der Spätantike. Klare Linien zeichnen die rechteckige Form des Steines aus, dessen oberer Abschluss nicht nur gerade, sondern auch in einer halbrunden zu finden sein konnte. Seltener auch mit einer Krone als Abschluss.

Ebenso variabel war die Breite des Rahmens, der die meist tiefer liegende Inschrift einschloss, jedoch musste der Stein immer mehr hoch als breit sein und sich in die Gleichförmigkeit des damaligen Friedhofes einpassen. In Aschkenas stellte man die Grabsteine, im Gegensatz zu den Sephardim aufrecht gen Jerusalem zeigend, an dem Kopfende des Toten auf. Die Steine fungierten als Grabeingrenzung, weshalb man von liegenden Grabplatten spricht. Zur Verarbeitung wurde meist Sandstein sorgfältig bearbeitet, oder zum Teil auch nur grob um den Findlingscharakter aufrechtzuerhalten.

Speziell achtete man innerhalb von Familien auf eine hohe Ähnlichkeit um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Besonderheiten bildeten die für die Beerdigung von zeitnah verstorbenen Verwandten und insbesondere Geschwistern, vorgesehenen Doppelgrabsteine. Mit dem Einsetzen der Haskala begann ein großer Wandel im Aussehen der Grabsteine. Alles wurde durch Verzierungen auffälliger, und selbst die Inschriften mussten langsam weichen, denn ,, Andere Zeichen als die der hebräischen Buchstaben signalisierten Weltoffenheit und kulturelle Zeitgenossenschaft, Zugehörigkeit auch zu einer über die jüdische Gemeinde hinausreichenden größeren Welt."[7] Schrittweise wurde durch den Einfluss von außen Hebräisch langsam verdrängt. Waren im Mittelalter noch alle in hebräischer Sprache verfasst, wanderte diese nun auf die Rückseite der Steine, sodass die deutschen Inschriften die Vorderseiten zierten. Die Trennlinie zwischen jüdischen und den christlichen Bestattungswesen verwischt immer mehr, sie zu erforschen war aufgrund des fehlenden Erforschens der wenigen christlichen Gräbern erschwert. „Unter diesen Bestrebungen und Einflüssen wurden die jüdischen Steine äußerlich und inhaltlich der bürgerlich-christlichen Grabmalen immer ähnlicher“[8] Diese damalige Anpassung an die Umwelt lässt heutige Steine oft nur noch anhand von jüdischen Symbolen als jüdische Zugehörigkeit erkennen.

3.2 Inschriften

Bei Inschriften handelt es sich um den schwerwiegendsten Teil eines Grabes, da sie die wichtigsten Daten des Verstorbenen für die Nachwelt erhalten. Ebenso wie die Steinform bis zu der Haskala eher mit schlichtem Stil überzeugt um eine Gleichheit der Juden nach dem Tod zu repräsentieren, verhält es sich bei den Aufschriften.

Erst gegen Ende des Frühmittelalters, als sich der Friedhof endgültig durchgesetzt hatte, wurden fast alle Steine wieder in Hebräisch verfasst und die davor zumeist verwendeten Sprachen

[...]


[1] Vgl. Boyarín, Daniel/ Siegel, Seymour, Art. „Resurrection“, in: Encyclopaedia Judaica, Detroit 22007, Bd. 17, S. 240.

[2] Künzl, Hannelore, Jüdische Grabkunst von derAntike bis heute, Darmstadt : Wiss. Buchges., 1999, S. 30.

[3] Vgl. Ebd..

[4] Vgl. Ebd., S. 9.

[5] Vgl. Ydit, Meir, Art. „Cemetery“, in: Encyclopaedia Judaica, Detroit 22007, Bd. 4, S. 538. Der Abstand wurde im m Mittelalter noch als 6 Handbreit bezeichnet.

[6] Vgl. https://jhva.wordpress.com/2010/ll/16/warum-legt-man-kleine-steine-auf-judische-grabsteine/.

[7] Brocke, Michael; Ruthenberg, Eckehart; Schulenburg, Kai Uwe, Stein und Name: die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (neue Bundesländer/DDR und Berlin), Berlin: Inst. Kirche und Judentum 1994, S. 38.

[8] Ebd., S. 39.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Mittelalterliche jüdische Grabsteine. Erfurter Funde und deren Bedeutung
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V320785
ISBN (eBook)
9783668208056
ISBN (Buch)
9783668208063
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judentum, Grabsteine, Friedhof
Arbeit zitieren
Carolin Menzel (Autor), 2016, Mittelalterliche jüdische Grabsteine. Erfurter Funde und deren Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320785

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Mittelalterliche jüdische Grabsteine. Erfurter Funde und deren Bedeutung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden