„Den 5. Oktober 1988 wird man in Chile nicht so schnell vergessen: Tausende [Frauen] zogen schreiend, lachend und weinend durch die Straßen, umarmten verwirrte Polizisten und riefen siegessicher: „Wir sind frei!““(Stolz 1989: 9)
Bis zu diesem Datum allerdings, hatten die Frauen in Chile einen weiten Weg zurückzulegen. Sie kämpften gegen soziale Missstände, für ihre eigenen staatsbürgerlichen Rechte und nicht zuletzt auch immer wieder für eine Demokratie in Chile. Was haben sie heute erreicht? Wodurch haben sie Veränderungen erzielen können? Frauen in Chile mussten seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts sehr große Veränderungen durchleben. Aber ihr Aufbegehren war nicht umsonst und ausgehend von einer heute in Chile bestehenden Demokratie lassen sich zudem durchaus Erfolge auf gesellschaftlicher und politischer Ebene ausmachen.
Das in dieser Arbeit zu untersuchende Thema ist derartig weitläufig, sodass es sich schwer in einer solch begrenzten Spanne an Seiten völlig bearbeiten lässt. Es verläuft hingegen über Grenzen hinweg und hängt immer wieder von den politischen sowie auch wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten des Landes ab. Vor allem die geschichtlichen Hintergründe sind von großer Bedeutung, um die Entwicklung der Rolle der Frau in Chile darzustellen. Allerdings erwies sich die hierzu bereitgestellte Literatur als außerordentlich spärlich, da in den meisten Werken mit einer Untersuchung der Veränderung der traditionellen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau erst im Zusammenhang mit der Allende-Regierung begonnen wird. Die vorherigen, doch ebenso interessanten Aspekte, die zur Veränderung der Rolle der Frau beitrugen, werden in der Literatur kaum oder zumeist überhaupt nicht zur Sprache gebracht. Somit liegen der hier vorliegenden Arbeit in der Hauptsache die Werke von Iris Stolz und Barbara Potthast zugrunde. Im Wesentlichen hat die Literatur jedoch zum Thema der Entwicklung der Rolle der Frau in Chile - vor allem im 19. Jahrhundert - noch zu wenig hervorgebracht.
Nach einem kurzen Einblick in die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau in Chile im ausgehenden 18. Jahrhundert, folgt die Entwicklung der Rolle der Frau vom 19. zum 20. Jahrhundert, wobei immer ein Augenmerk auf den historischen Hinter-grund gelegt wird, der bezeichnend für entsprechende Veränderungen im Leben der Frauen war. Abschließend wird nochmals auf das Thema eingegangen, indem eine zusammenfassende Analyse erstellt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ein historischer Rückblick
3. Das 19. Jahrhundert – Ein Blick auf die Zeit
4. Die Entwicklung der Rolle der Frau im 19. Jahrhundert
5. Das 20. Jahrhundert – Ein Blick auf die Zeit
6. Die Entwicklung der Rolle der Frau im 20. Jahrhundert
7. Zusammenfassung
8. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der gesellschaftlichen Rolle der Frau in Chile im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sich die Stellung der Frau angesichts politischer, wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen in diesem Zeitraum gewandelt hat und welche Faktoren zur Emanzipation sowie zur Aufrechterhaltung patriarchaler Strukturen beigetragen haben.
- Traditionelles Frauenbild und die Rolle des Marianismo.
- Einfluss von Industrialisierung und Urbanisierung auf die Frauenrolle.
- Die politische Mobilisierung chilenischer Frauen im 20. Jahrhundert.
- Spannungsfeld zwischen privatem Familienleben und öffentlicher Erwerbstätigkeit.
- Einfluss politischer Regimes auf die Geschlechterrollen.
Auszug aus dem Buch
6. Die Entwicklung der Rolle der Frau im 20. Jahrhundert
Bereits in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts waren in Europa feministische Ideen aufgekommen, die sich, verstärkt durch die europäischen Einwanderungswellen, nun auch in Chile auszubreiten begannen. Die wirtschaftliche Modernisierung, die beginnende Industrialisierung, die Urbanisierung – all das waren Faktoren, die nun auch politische und gesellschaftliche Reformen nach sich ziehen sollten. Seit 1915 etablierte sich eine Frauenbewegung in Chile.
„Der Feminismus bettete sich ein in die politischen Strukturen der Zeit, und der allgemeine Wille zum Wandel gab den Anliegen der Frauen neue Anstöße.“ (Potthast 2003: 251)
So entwickelte sich schon bald eine Reihe von Frauenvereinen, in denen die staatsbürgerliche Rolle der Frau diskutiert wurde. Zunächst wurde eine Debatte über weibliche Bildung und politische Rechte für Frauen entfacht. Ab den 20er Jahren wurde dann das Augenmerk verstärkt auch auf soziale Missstände, wie Armut und Krankheit, gelegt. Beispielweise entstanden öffentliche Diskurse über das Frauenwahlrecht, welches die Gleichheit von Mann und Frau vor dem Gesetzt nach sich ziehen sollte. Dem entgegen stand aber das patriarchalische System, das die Forderung nach Gleichheit als Angriff verstand. Obwohl auch in der Verfassung keine Abgrenzung zwischen Mann und Frau herauszufiltern war, so zeigte sich in der sozialen Realität doch ein anderes Bild. Selbst Gerichte entschieden nach Klagen von Feministinnen zugunsten der Männer. Das Problem lag nur an der Verankerung in den alten kulturellen Ansichten und den Werten der katholischen Kirche.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, skizziert die historische Ausgangslage chilenischer Frauen und benennt die begrenzte Quellenlage sowie die Zielsetzung der Untersuchung.
2. Ein historischer Rückblick: Dieses Kapitel erläutert das traditionelle Frauenbild, das durch den Marianismo und eine strenge patriarchale Ordnung innerhalb der katholischen Tradition geprägt war.
3. Das 19. Jahrhundert – Ein Blick auf die Zeit: Hier werden die wesentlichen politischen und infrastrukturellen Entwicklungen Chiles im 19. Jahrhundert, wie die Unabhängigkeit und die Modernisierung, dargestellt.
4. Die Entwicklung der Rolle der Frau im 19. Jahrhundert: Das Kapitel analysiert den beginnenden Wandel, bedingt durch Industrialisierung und Einwanderung, der Frauen zunehmend in die Öffentlichkeit und in Fabrikarbeitsverhältnisse führte.
5. Das 20. Jahrhundert – Ein Blick auf die Zeit: Dieser Teil befasst sich mit den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts, einschließlich der Wirtschaftskrisen und der politischen Regimes wie der Allende-Regierung und der Militärdiktatur.
6. Die Entwicklung der Rolle der Frau im 20. Jahrhundert: Es wird die Etablierung von Frauenbewegungen und der Kampf um politische Partizipation sowie soziale Rechte detailliert nachgezeichnet.
7. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung bilanziert die Entwicklungen und stellt fest, dass trotz deutlicher Fortschritte im öffentlichen Leben die traditionelle patriarchale Struktur im Privaten weiterhin fortbesteht.
8. Schluss: Das Schlusskapitel resümiert, dass der Weg zur Gleichberechtigung zwar eingeschlagen wurde, jedoch trotz des gestiegenen Selbstbewusstseins der Frauen noch lang und herausfordernd ist.
Schlüsselwörter
Chile, Frauenrolle, Emanzipation, 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, Marianismo, Patriarchat, Frauenbewegung, Industrialisierung, Urbanisierung, Geschlechterverhältnis, Sozialismus, Militärdiktatur, Politische Teilhabe, Arbeitswelt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und den Wandel der sozialen Rolle der Frau in Chile vom 19. bis zum 20. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themenfelder umfassen das traditionelle Frauenbild, den Einfluss von Modernisierungsprozessen, die Entstehung der Frauenbewegung und die Rolle der Frau in Politik und Familie.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Forschungsfrage lautet, wie sich die Rolle der Frau durch gesellschaftliche und politische Umbrüche wandelte und inwieweit patriarchale Strukturen bestehen blieben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich primär auf eine Literaturanalyse historischer und sozialwissenschaftlicher Werke, um die Entwicklung nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in historische Analysen der jeweiligen Jahrhunderte, wobei die Auswirkungen von Industrialisierung, politischer Mitbestimmung und sozialen Bewegungen auf die Lebensrealität der Frauen im Fokus stehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Frauenrolle, Chile, Emanzipation, Patriarchat, Sozialismus, Modernisierung und Frauenbewegung.
Warum spielt der "Marianismo" eine so wichtige Rolle für das Verständnis?
Der Marianismo als religiös-kulturelles Konzept definierte die Frau über Tugenden wie Bescheidenheit und Aufopferung, was ihre Unterordnung unter den Mann über lange Zeit legitimierte.
Welchen Einfluss hatte der "Marsch der leeren Kochtöpfe" im Jahr 1971?
Dieser Marsch markierte ein politisches Erwachen chilenischer Frauen, die ihren traditionellen häuslichen Bereich verließen, um öffentlich gegen soziale Missstände zu demonstrieren und aktiv in das politische Geschehen einzugreifen.
- Quote paper
- Dorothee Scheffler (Author), 2012, Die Rolle der Frau in Chile. Die Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320832