Die NATO-Militärstrategien 1949-1991. Entwicklung und Inhalt der militärischen Einsatzplanungen unter amerikanischem Uni- und Multilateralismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
30 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1 Die Gründungsphase, Anfangsplanungen und Zielsetzung der NATO

2 Der Planungszeitraum bis 1957 und die ersten Konzepte
2.1 Das erste strategische Konzept 1949 und deren Umsetzung
2.2 Das militärische Kräfteverhältnis von 1950 und die „forward strategy“

3 Die Strategie der „Massiven Vergeltung“ (MC 48 und MC 14/2)
3.1 Vorangehende Planungen und „New Look“
3.2 Entwicklung und Inhalt der „Massiven Vergeltung“

4 Das Umdenken und die Strategie der „flexible response“ (MC 14/3)
4.1 Die militärischen Kräfteverhältnisse USA - UdSSR um 1960
4.2 Die Zusammensetzung der „flexible response“ und die Bedeutung des Harmel Berichts.

5 Schlussbetrachtungen und die multilaterale Prägung der NATO in der neuen Strategie von Rom 1991.

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Die Gründungsphase, Anfangsplanungen und Zielsetzung der NATO

Die NATO („North Atlantic Treaty Organization“), also vielmehr die Umsetzung des Nordatlantikvertrags1 verdankte seine Entstehung zum einen der Tatsache, dass die beiden Weltmächte USA und UdSSR es nach dem zweiten Weltkrieg nicht in der Lage waren, auf der Basis der Vereinten Nationen ein globales System kollektiver Sicherheit zu schaffen. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann keine Phase des weltweiten Friedens, und der Gegensatz zwischen den Siegermächten, nämlich den Westalliierten auf der einen und der Sowjetunion auf der anderen Seite, trat immer mehr zu Tage. Es war klar, dass sich bei abschließender Betrachtung nur zwei Wege anboten, um die Sicherheit, den Schutz und die Verteidigungsfähigkeit Europas gegenüber den Expansionsbestrebungen der sowjetischen Militärmacht zu gewährleisten. Zum einen war dies die Bildung einer eigenständigen westeuropäischen Verteidigungsorganisation. Als einen ersten Schritt dorthin kann der Brüsseler Vertrag vom 17. März 1948 bezeichnet werden. Darin schlossen sich Frankreich, Großbritannien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg zu einem Bündnis für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zusammenarbeit sowie zur kollektiven Selbstverteidigung zusammen.2 Da aber zu dieser Zeit, nur drei Jahre nach Kriegsende, einer militärischen Einbeziehung Deutschlands in eine derartige Organisation die noch weit verbreiteten Ressentiments der ehemaligen Kriegsgegner gegenüberstanden, rückte diese Alternative in weite Ferne. Die Ressourcen der Bundesrepublik Deutschland wären bei der Bildung einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft unverzichtbar gewesen.

Die zweite, aussichtsreichere Alternative war die Bildung eines europäisch-atlantischen Bündnisses unter Einschluss der nordamerikanischen Staaten. Unter den Eindrücken der Berlin-Blockade, der Zündung der ersten sowjetischen Atombombe, dem Februarputsch in der Tschechoslowakei 1948, des Korea-Krieges und der stetigen Sowjetisierung von Mittel- und Osteuropa schlossen sich daher die Mitglieder des Brüsseler Vertrages sowie die USA und Kanada zu einem wechselseitigen militärischen Bündnis europäischer und nordamerikanischer Staaten zusammen. Dieser am 4. April 1949 in Washington gegründete Nordatlantikpakt, welcher sich im Nordatlantikvertrag manifestierte, war die Geburtsstunde der NATO und setzte der sowjetischen Militärmacht ein militärisch in etwa gleichwertiges Gebilde entgegen.3 Gründungsmitglieder waren Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Belgien, Italien, Dänemark, Luxemburg, Norwegen, Island, Portugal, die USA und Kanada. Weitere europäische Länder, die der NATO beitraten, waren Griechenland, die Türkei, die Bundesrepublik Deutschland und schließlich Spanien.4

Die grundlegende, anfängliche Zielsetzung der NATO war schlichtweg die kollektive Verteidigung ihrer Außengrenzen mit Blick auf die Abwehr eines sowjetischen Angriffs und Schaffung größtmöglicher Sicherheit für Ihre Mitglieder.5

Die folgende Arbeit hat die Aufgabe, die strategischen Einsatzplanungen der NATO nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Ende des Ost-West Konfliktes in ihren grundlegenden Zusammensetzungen und Aussagen, sowie deren Entstehung unter dem Eindruck von uni- oder multilateraler amerikanischer Außenpolitik zu untersuchen und zu beleuchten. Hierbei soll abschließend vor allem die Frage geklärt werden, in wie weit sich bei den Planungen der Strategien und deren Umsetzungen die Amerikaner uni- oder multilateral verhalten haben. Die Basis für die Untersuchungen bilden hierbei die strategischen Dokumente, die vom NATO-Hauptquartier SHAPE (Supreme Headquarters Allied Powers Europe) herausgegeben wurden. Es erschien mir hierbei am günstigsten, die einzelnen Planungen und Strategien der NATO chronologisch und weitestgehend separiert zu betrachten. Ich betrachte dies als notwendig, um den amerikanischen Einfluss sowohl bei den Einflussfaktoren zur Entstehung als auch bei den Maßnahmen zur Umsetzung besser untersuchen zu können.

2 Der Planungszeitraum bis 1957 und die ersten Konzepte

Schon bald machten sich die zuständigen Organe der NATO daran, ein erstes grundlegendes Konzept für eine Strategie zu diskutieren, mit der man das Vertragsgebiet gegen eine massive sowjetische Invasion verteidigen konnte. Um die notwendigen Verteidigungspläne und Strategien zu erarbeiten musste, parallel zum militärischen Aspekt auch der Aufbau einer wirkungsvollen und effizienten Planungs- und Weisungsorganisation in den NATO-Strukturen in Angriff genommen werden. Bei seiner ersten Sitzung am 17. und 19. September 1949 in Washington schuf der NATO-Rat einen Verteidigungsausschuss (Defence Committee), bestehend aus den Verteidigungsministern der einzelnen Mitgliedsstaaten, weiter einen Militärausschuss (Military Committee), bestehend aus den Generalstabschefs der jeweiligen beteiligten Länder. Auch wurde eine „Ständige Gruppe” (Standing Group), bestehend aus drei hohen Offizieren Frankreichs, der USA und Großbritanniens, als ein ausführendes Organ des Militärausschusses geschaffen, und schließlich wurden fünf regionale Planungsgruppen (Regional Planing Groups) etabliert. Diese bestanden aus den drei Planungsgruppen Nord-, West- und Südeuropa, sowie den Planungsgruppen für die USA/Kanada und für den Nordatlantik. Diese Gruppen waren verantwortlich für die Entwicklung von Verteidigungsplänen für ihre jeweiligen Regionen.6

2.1 Das erste strategische Konzept 1949 und deren Umsetzung

Es gelang tatsächlich, im Zeitraum von Oktober 1949 bis Janur 1950 ein militärisches Grundkonzept für die Verteidigung des NATO- Vertragsgebietes zu beschließen.7 Am 10. Oktober 1949 legte die oben erwähnte „Standing Group“ ein erstes Ergebnis ihrer Überlegungen unter dem Titel „Das strategische Konzept zur Verteidigung des nordatlantischen Raumes” („The Strategic Concept for the Defense of the North Atlantic area“) vor und leitete es am 19. Oktober 1949 dem Militärausschuss weiter. Schließlich wurde es vom Verteidigungsausschuss unter dem Titel DC 6/1 am 1. Dezember 1949 verabschiedet und am 6. Januar 1950 vom Nordatlantikrat genehmigt. Es kann daher als die erste NATO-Strategie und richtungsweisendes Dokument verstanden werden. DC 6/1 enthielt erste fundamentale Ziele und Maßnahmen für die militärische Planung durch die fünf regionalen Planungsgruppen der NATO. Daher waren die Ausführungen des Dokumentes in großen Teilen sehr allgemein gehalten. Es umfasste insgesamt acht Seiten, und erst im vierten Kapitel wurde eine konkrete Verteidigungsplanung erläutert. Das Bündnis sollte die Fähigkeit einer strategischen Bombardierung unter Einsatz aller Waffen, also auch von Atomwaffen, als Antwort auf eine Aggression bereit halten. Dies fiel in erster Linie in den Verantwortungsbereich der USA.8 Daher sah das Konzept auch die Einrichtung einer permanenten amerikanischen strategischen Bomberflotte vor. Die Masse der Landstreitkräfte für die Verteidigung ihres Staatsgebietes sollte von den Kontinentaleuropäern gestellt werden. Auch sei die Sicherung der Nachschubwege über den Atlantik primär Aufgabe der USA und Großbritanniens.9

Bei den in DC 6/1 enthaltenen kurz- und mittelfristigen Planungen für eine Verteidigung Westeuropas traten jedoch zwischen den USA und den europäischen NATO-Partnern schon bald heftige Differenzen zu Tage. Denn die amerikanischen Kriegspläne sahen angesichts der Anzahl der verfügbaren Streitkräfte maximal eine Verteidigung des Rheins, eines Teiles Skandinaviens und Italiens vor. Somit zeigten sich massive Widersprüche zwischen den Plänen der USA und den Vorstellungen der NATO. Diese sahen nämlich in einer ersten entscheidenden Phase den Schwerpunkt einer Verteidigung soweit wie möglich im Osten Europas.10

Ebenfalls war der Punkt umstritten, nach dem die Abwehr feindlicher Angriffe und Gegenangriffe mit allen Mitteln in der Luft, zur See und auf dem Land erfolgen sollte. Der Kern der Landstreitkräfte sollte hierfür wie bereits erwähnt durch die Europäer gestellt werden. Diese hatten jedoch wenig Interesse daran, dass im Kriegsfall die USA nur die strategischen Luftstreitkräfte, die kontinentalen Bündnispartner aber die Masse der Bodentruppen zu stellen hatten.11 Denn auch die gesamte Luftabwehr fiel nach DC 6/1 in den Verantwortungsbereich der Europäer. Zwar rangen die Bündnispartner bei den Verhandlungen den USA den Zusatz ab, „daß sie nur anfänglich allein für die Verteidigung auf dem Kontinent zuständig sein sollten“12, aber die USA waren nicht bereit, wesentliche Verstärkungen für Europa im Kriegsfall fest zuzusagen, da in den USA selbst die Wirkung eines strategischen Luftkrieges auf die in Westeuropa angreifenden sowjetischen Truppen umstritten war.13

2.2 Das militärische Kräfteverhältnis von 1950 und die „forward strategy“

Der wesentliche Grund für das Scheitern einer übereinstimmenden Verteidigungskonzeption zu diesem Zeitpunkt mag aber auch daran liegen, dass die Europäer eine Verteidigung des Kontinents planten, für die ihnen am Ende die Ressourcen fehlten. Die USA waren dazu auch auf Grund eines eher besorgniserregenden Zustandes ihrer in Europa zu diesem Zeitpunkt stationierten Landstreitkräfte nicht in der Lage.14

Doch die Bedrohungslage von 1949/50 änderte das Bild grundlegend. Der Korea Krieg und der Sieg der Kommunisten in China trugen zur Verschärfung des Bedrohungsbildes im Westen bei. Als wesentlicher Punkt ist aber zu nennen, dass die Sowjetunion 1949 ihre erste Atombombe zündete, und damit waren nun auch die britischen Inseln und zum Teil auch der nordamerikanische Kontinent bedroht. Zur ohnehin konventionellen Überlegenheit der UdSSR in Europa kam nun auch die nukleare Komponente. Auch wenn es strittig war, in wie fern es dadurch eine gesteigerte Bedrohung in Europa geben würde, so unterstrich diese nukleare Komponente doch zusätzlich die konventionelle Überlegenheit der Sowjetunion in Europa.15

1950 konnte man in etwa folgendes militärisches Kräfteverhältnis in Europa zwischen der NATO auf der einen und der Sowjetunion bzw. des Warschauer Paktes auf der anderen Seite feststellen:16 Die NATO besaß zu diesem Zeitpunkt in Europa ein militärisches Personal von 880000 Mann, die Sowjetunion hingegen eine mobilisierbare Armee von ca. 5 Millionen Mann. Dies entsprach in etwa 14 Divisionen bei der NATO und fast 200 Divisionen bei der Sowjetunion. Auch bei ausgewählten wichtigen Waffengattungen wie bei den Kampfpanzern und Flugzeugen herrschte ein deutliches Übergewicht zugunsten der UdSSR. Das Verhältnis belief sich in etwa auf 80:1 bei den Panzern und 20:1 bei den Flugzeugen. Angesichts dieser Tatsache, dass die Sowjetunion unter einem sich langsam gegenseitig neutralisierenden Nuklearschirm diese konventionelle Überlegenheit voll ausspielen könnte, fand auch auf amerikanischer Seite ein Umdenken statt, nicht zuletzt deswegen, da die USA und ihre Verbindungsbasen nun auch selbst bedroht waren.17 Aus diesem Grund wurde vom NATO-Militärausschuss die strategische Richtlinie MC 14/1 erarbeitet. Diese Richtlinie basierte auf dem strategischen Konzept zur Verteidigung des Nordatlantikraums (DC 6/1) der NATO und diente primär dazu, Verteidigungskonzepte für die neuen Zuständigkeitsbereiche der regionalen Planungsgruppen zu erarbeiten. Diese hatten in diesem Dokument für alle gleichlautende aber auch spezifisch unterschiedliche Aufgaben.18 Man befürchtete aber zum einen eine geographische „Zersplitterung“ der Planung und der Strategie. Auch die Tatsache, dass das Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland, Österreichs und der Schweiz, welche keine NATO-Mitglieder waren, einen räumlichen Zusammenschluss der drei NATO-Planungsgruppen Süd-, West- und Nordeuropa verhinderte, machte eine Vereinheitlichung erforderlich. Daher und im Vorgriff auf einen NATO- Beitritt der Bundesrepublik, legte der NATO-Rat auf Basis dieser Richtlinien die „forward strategy“ für den gesamten europäischen Vertragsraum der NATO fest.19 Wie bereits erwähnt war in diesem neuen strategischen Konzept auch die Verteidigung des Territoriums der Bundesrepublik Deutschland gegenüber Streitkräften des Warschauer Paktes enthalten. Es beinhaltete aber weiterhin eine massive Verteidigungslinie am Rhein. Westdeutschland galt dabei als primäre Kampfzone und Verzögerungsraum gegenüber einer sowjetischen Offensive aus dem Osten. Der Angreifer sollte so lange wie möglich dicht am „Eisernen Vorhang“ aufgehalten werden, um weitere stabile Verteidigungsfronten aufzubauen und auf diese Weise so viel eigenes Territorium wie möglich zu halten. Auch sollten so weitere Kräfte mobilisiert werden können. Das militärstrategische Prinzip dieser beweglich geführten „Vorneverteidigung“ basierte auch auf der Überlegenheit der NATO an Atomwaffen. Generelles Ziel dieser neuen NATO-Verteidigungsstrategie war es, die UdSSR zu überzeugen, dass sich ein militärischer Konflikt in Europa nicht lohnen würde. Auch sollte im Falle eines Kriegsausbruchs eine erfolgreiche Verteidigung des NATO-Gebiets sichergestellt werden.20 In den Folgedokumenten, wie z.B. DC 13, wurden diese strategischen Richtlinien weiter konkretisiert und durch die Arbeit der regionalen Planungsgruppen auch erweitert.21 In jedem Fall aber war eine Aufrüstung und Aufstockung der Streitkräfte in Europa vorgesehen. Im Kriegsfall sollten parallel zu der sowjetischen Offensive in Westeuropa strategische Luftoffensiven gegen das Gebiet des Warschauer Paktes stattfinden. Der Einsatz von Atomwaffen galt hierbei auch als eine Option der NATO. Das abschließende und umfassende strategische Ziel der NATO im Falle eines Krieges war es, nach der erfolgreichen Verteidigung Europas strategische Großoffensiven in Westeurasien zu beginnen. Diese sollten die Möglichkeiten des Warschauer Paktes, einen weiteren Krieg zu führen, Schritt für Schritt reduzieren und schließlich völlig ausschalten.22 Man kann festhalten, dass es von den europäischen Verbündeten wohl als selbstverständlich angesehen wurde, dass die strategischen Planungen der Amerikaner auch die NATO-Planungen beeinflussen würden. Als treffendes Beispiel, wie massiv die USA sowohl die organisatorischen wie auch die strategischen Konzeptionen der NATO zu Beginn beeinflussten, sind hier die von ihnen gestellten Bedingungen für eine Waffenhilfe an die künftigen NATO-Partner zu nennen. Die Frage, in wie weit das Zustandekommen der ersten Verteidigungskonzepte der NATO für Europa und den gesamten euroatlantischen Raum von uni- oder multilateraler amerikanischer Außenpolitik eingefärbt ist, lässt sich hier nur differenziert beantworten. Die USA nutzten nicht nur ihre eigenen Verteidigungspläne, und machten sie zu den Grundlagen der anfänglichen NATO-Planungen, sie hielten im ersten Konzept auch fest, dass sie nicht bereit und auch nicht in der Lage waren, Europa im Fall eines massiven sowjetischen Angriffs in umfassender Weise konventionell beizustehen. Die Vereinigten Staaten wiesen damit frühzeitig die Verantwortung für die konventionelle Anfangsverteidigung Europas den Europäern zu, die unter dem nuklearstrategischen Schutz der USA mit konventionellen Kräften und Mitteln einen Angriff aus dem Osten zum Stehen bringen sollten. Man kann festhalten, dass für die USA die NATO hier zwar formell ein multilaterales Instrument war, aber weniger für multilaterale, sondern eher für eine unilaterale Außenpolitik benutzt wurde. Als ein weiteres Beispiel ist hier die Umwandlung des am 28.10.1949 zum Gesetz gewordenen „Mutual Defence Assistance Act” in jeweils bilaterale Abkommen mit den jeweiligen nutznießenden Staaten zu nennen. In diesen Abkommen forderten die Amerikaner eine Reihe multilateraler Verpflichtungen von den Europäern für sich ein.23 Die Unzufriedenheit der NATO Partner auf dem europäischen Kontinent über den ihrer Meinung nach unzureichenden Beitrag der USA für die Anfangsverteidigung Europas führte logischerweise zu erheblichen Forderungen nach mehr Einsatz konventioneller Kräfte durch die USA.24 Allerdings muss betont werden, dass die geostrategische logische Aufgabenzuteilung bei den Streitkräften 1950 einen gravierenden Fehler hatte. Es waren nach wie vor einfach noch zu wenige konventionelle Kräfte in Europa verfügbar, um die Verteidigungsvorstellungen der europäischen NATO-Partner umzusetzen. Daher war es nachvollziehbar, dass die USA die Europäer aufforderten, mehr konventionelle Streitkräfte aufzustellen. Es lässt sich allerdings erst mit der Änderung der Bedrohungslage um 1950 und der Einbindung der Bundeswehr in die NATO erkennen, dass die USA zu einem eher multilateralen Handeln in der NATO bereit waren und Anzeichen erkennen ließen, weitere konventionelle Mittel bereitzustellen.

3 Die Strategie der „Massiven Vergeltung“ (MC 48 und MC 14/2)

3.1 Vorangehende Planungen und „New Look“

Im Februar 1952 wurde auf der Tagung des NATO- Rates in Lissabon ein Streitkräfteprogramm verabschiedet, das endlich eine Verbesserung im Hinblick auf den Ausgleich bei konventionellen Truppen in Europa bewirken sollte. Es sah die Aufstellung von konventionellen Streitkräften im Bereich Europa in einer Stärke von 50 Divisionen und ca. 4000 Flugzeugen bis Ende 1952 vor. Auch sollten starke Seestreitkräfte zur zusätzlichen Verteidigung aufgestellt werden.25 Bis 1954 sollten für den Bereich des amerikanischen Oberbefehlshabers in Europa sogar 90 Divisionen, 9965 Flugzeuge und 8807 Schiffe zur Verfügung stehen.26 Bereits auf der Tagung des NATO-Rates im November 1951 in Rom stellte der neue NATO-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower in einem ersten Report seine Streitkräfteziele vor, welche die Basis für Lissabon bilden sollten. Dennoch bleibt zu konstatieren, dass auch aufgrund der Tatsache, dass die Vorgaben von Lissabon nicht erreicht wurden, die Nuklearwaffen immer mehr an Bedeutung gewannen. Dies schlug sich nicht zuletzt in der amerikanischen, und am Ende auch in der NATO-Strategie nieder. Am 9. Dezember 1952 legte die ständige Gruppe der NATO einen Bericht mit der Bezeichnung MC 14/1 vor. Er war im Wesentlichen das Ergebnis einer Überarbeitung von MC 14 und enthielt auch nach wie vor die maßgeblichen Bestimmungen von DC 13. So enthielt das Dokument beispielsweise noch die gleichen vier Phasen für einen Krieg mit der UdSSR wie DC 13.27 Es ersetzte die beiden vorherigen Dokumente und stützte sich auf die in Lissabon tatsächlich beschlossenen, aber noch bei weitem nicht erreichten Streitkräftezahlen. Hier muss allerdings betont werden, dass diese Planung bei umfassender Betrachtung nicht so unrealistisch war, wie die zahlreichen Kritiker ihr vorhielten.

Eine weitere Grundlage der Planung der „Massiven Vergeltung“ bildete die bis in die späten 50er Jahre reichende Überlegenheit der USA an atomaren Waffen. Allerdings hatte sich daraus bisher kein strategischer Vorteil ergeben. Als klar wurde, dass die Streitkräftevorgaben von Lissabon, trotz des Beitrittes der Bundesrepublik zur NATO, zunehmend utopisch wurden, verstärkte sich auf amerikanischer Seite die Unzufriedenheit über die hohen Verteidigungsausgaben und die extensive Ausgabenpolitik.28 Unter der neuen Administration Eisenhowers setzte gerade in dieser Beziehung ein radikales Umdenken ein: Man plante, eine erhebliche nukleare Aufrüstung bei gleichzeitigem Abbau konventioneller Streitkräfte zu betreiben. Letztere wurden als ein immenser Kostenfaktor gesehen, den es einzudämmen galt. Konventionelle Waffen und Soldaten sollten gegen mehr Kernwaffen eingetauscht werden, um damit die Kosten für den Verteidigungshaushalt zu senken. Das Dokument NSC 162/2 begründete diesen „New Look“ der Regierung unter Eisenhower. Es bildete nicht nur die Basis für einen „New Look” in der militärische Ausgabenplanung, sondern auch für einen umfassenden strategischen „New Look“ in der amerikanischen Sicherheitspolitik. In dem Dokument wurde explizit die Notwendigkeit der strategischen und auch der taktischen Kernwaffen als ein wesentlicher und unverzichtbarer Beitrag der USA für die freie demokratische Welt hervorgehoben. Die oberste militärische Führung erhielt darin die Weisung, diese Waffen überall dort auch einzuplanen und einzusetzen, wo es militärisch günstig erschien.29 Damit war die politische und planerische Grundlage der „massive retaliation“ geschaffen.

3.2 Entwicklung und Inhalt der „Massiven Vergeltung“

Die Grundannahme des „New Look“ lautete, dass die strategische Sicherheit der USA und ihrer Verbündeten, beeinflusst durch innenpolitische Faktoren und die konventionelle Unterlegenheit, nur durch den Einsatz eines zahlreichen und hoch entwickelten Potentials nuklearer Abschreckung gesichert werden konnte. An diesen globalen Sicherheitsanstrengungen der USA sollten auch die NATO-Bündnispartner beteiligt werden. Diese Sichtweise hatte auch massive Auswirkungen auf die weiter vereinbarte Aufrüstung und konventionelle Verstärkung der NATO-Verbündeten in Europa, die nach wie vor nicht im geforderten Umfang umgesetzt werden konnte.30 Die Strategie der „Massiven Vergeltung“ wurde von US-Außenminister John Foster Dulles 1954 vor dem NATO-Rat vorgestellt.31 Angesichts der nach wie vor bestehenden konventionellen Überlegenheit des Warschauer Paktes in Europa auf der einen und der gleichzeitigen amerikanischen Überlegenheit an strategischen Atomwaffen auf der anderen Seite, sollte jegliche Aggression gegen ein Territorium eines NATO-Staates mit massiver und uneingeschränkter atomarer Vergeltung beantwortet werden.32 Die Anpreisung der neuen umfassenden Strategie führte schließlich ebenfalls 1954 zur Annahme des Konzeptes durch die NATO-Minister.33 Am 23. Mai 1957 wurde sie schließlich im bekannten Dokument MC 14/2 manifestiert, welches das konkrete offizielle Vorgehen der NATO im Kriegsfall definierte. Auch die umfassend veränderte Streitkräfteplanung und die notwendige Anpassung und Modernisierung der konventionellen Kräfte in Europa wurden ebenfalls am 23. Mai 1957 mit dem Dokument MC 48/2, welches die Umsetzung der in MC 14/2 beschriebenen strategischen Ziele beinhaltete, genehmigt.34 Die Meinungen, in welchem Dokument die Strategie nun genau festgeschrieben wurde, gehen dabei auseinander.35 Für die spätere Planung der NATO war es ebenso wichtig festzuhalten, dass die nuklearen Offensivkräfte, die auf dem Boden aller NATO Staaten, also auch auf dem Boden der europäischen Verbündeten der USA, stationiert waren, in der Forschung und Analyse als „sword“ bezeichnet wurden.

[...]


1 Vgl. „Nordatlantikpakt“ in: Der Brockhaus in 5 Bänden,10. neu bearbeitete Auflage, Mannheim 2003.

2 Vgl. Hauser, Gunther: Das europäische Sicherheits- und Verteidigungssystem und seine Akteure, BMLV/Landesverteidigungsakademie, Wien, 2008, S. 17

3 Golz, Hans-Georg: Editorial, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Aus Politik und Zeitgeschichte, NATO, Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“, 15-16/2009, Bonn 2009, Z. 2f.

4 Schätz, Alfred: Die sowjetische Militärpolitik und die österreichische dauernde Neutralität, Dissertation an der Universität Wien, Wien 2008, S. 144, Z. 8 ff.

5 Vgl. Golz: Editorial, in: NATO, 2009.

6 Vgl. NATO Facts and Figures: NATO Information-Service, Brüssel 1971, S.26f.

7 Greiner, Christian: Militärstrategische Konzeptionen für die Verteidigung Westeuropas 1948 – 1950, in: Wiggershaus, Norbert; G. Foerster, Roland (Hrsg.): Die westliche Sicherheitsgemeinschaft 1948-1950. Gemeinsame Probleme und gegensätzliche Nationalinteressen in der Gründungsphase der Nordatlantischen Allianz, Boppard am Rhein 1988, S. 271, Z. 22 f.

8 Vgl. DC 6/1 in: Pedlow, Gregory, W.; Chief, Historical Office Supreme Headquarters Allied Powers Europe (Editor): NATO Strategy documents 1949 – 1969. In collaboration with NATO International Staff Central Archives, 1997. (Alle weiteren Texte oder Textausgaben zu Strategiedokumenten der NATO bis1989 werden dieser Veröffentlichung entnommen, nachfolgend aufgeführt unter der Abkürzung: „NATO Strat Doc 1997”)

9 Vgl. Ebd.

10 Greiner: Militärstrategische Konzeptionen für die Verteidigung Westeuropas 1948 – 1950, 1988, S. 272, Z. 21ff.

11 Vgl. Kaplan, Lawrence, S.: Amerika und die Bündnisverstrickungen 1949 - 1956, in: Wiggershaus Norbert, Heinemann Winfried (Hrsg.) Nationale Außen- und Bündnispolitik der NATO-Mitgliedsstaaten, Oldenbourg 2000, S. 10.

12 Greiner,: Militärstrategische Konzeptionen für die Verteidigung Westeuropas 1948 – 1950, 1988, S. 271, Z. 34f.

13 Vgl. Ebd., S. 272,

14 Vgl. Ebd., S. 273f.

15 Vgl. Ebd., S. 275f

16 Vgl. Hubatschek, Gerhard: 50 Jahre NATO, in: Soldat und Technik, Nr. 3/1999, S. 133.

17 Vgl. Greiner, Christian: Entwicklung der Bündnisstrategie 1949 bis 1959, in: Thoß, Bruno: (Hrsg.): Die NATO als Militärallianz. Strategie, Organisation und nukleare Kontrolle im Bündnis 1949 bis 1959, München 2003, S. 66.

18 Vgl. MC 14/1, S. 98 - 99 in: NATO Strat Doc 1997.

19 Vgl. Greiner: Entwicklung der Bündnisstrategie 1949 bis 1959, 2003, S. 71

20 Vgl. MC 14/1, S. 94 in: NATO Strat Doc 1997.

21 Vgl. Pedlow, Dr. Gregory W.; Chief, Historical Office; Supreme Headquarters Allied Powers Europe: The evolution of NATO Strategy 1949 - 1969, in: NATO-Strategy Documents 1949 - 1969, SHAPE 1997, S. XIV.

22 Vgl. D.C. 13, S. 120 in: NATO Strat Doc 1997.

23 Vgl. Kaplan, Lawrence S.: Amerika und die Bündnisverstrickungen 1949 - 1956, 2000, S. 10

24 Vgl. Greiner, Christian: Die alliierten militärstrategischen Planungen zur Verteidigung Westeuropas 1947 - 1950, in: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.) An-fänge westdeutscher Sicherheitspolitik 1945 - 1956, Bd. 1, München, Wien 1982, S. 276.

25 Vgl. NATO Facts and Figures, 1971, S. 32.

26 Vgl. Greiner, Christian: Von der massiven Vergeltung zur flexiblen Antwort, in: Truppenpraxis/

Wehrausbildung 4/1997, S. 256155 Greiner: Massive Vergeltung, S. 256

27 Vgl. MC 14/1, S. 206 in: NATO Strat Doc 1997.

28 Vgl. Hecht, Rudolf: USA, Europa, Sowjetunion: Politik und Strategie 1950 – 1960 in : ÖMZ 5/ 1986, S. 419

29 Vgl. Kissel, Hans: Doktrin und Strategie der „flexible response”,in: ÖMZ 3/1969, S. 195

30 Vgl. Weigl, Ludwig: Strategische Einsatzplanungen der NATO. Einflussfaktoren, Inhalte, Umsetzungsmaßnahmen. Dissertation an der Universität der Bundeswehr München, Neubiberg 2005, S. 175f.

31 Vgl. Stromseth, Jane E.: The Origins of Flexible Response. NATO’s Debate over Strategy in the 1960s. Houndmills, Basingstroke, Hampshire 1988, S. 13.

32 Vgl. MC 14/2 in: NATO Strat Doc 1997.

33 Vgl. Stromseth: The Origins of Flexible Response, 1988, S. 13f.

34 Vgl. MC 48/2 in: NATO Strat Doc 1997.

35 Vgl. Pedlow, The Evolution of Strategy, in: NATO Strat Doc 1997, S. XVIII.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die NATO-Militärstrategien 1949-1991. Entwicklung und Inhalt der militärischen Einsatzplanungen unter amerikanischem Uni- und Multilateralismus
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Amerikanische Außenpolitik zwischen Uni- und Multilateralismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
30
Katalognummer
V320922
ISBN (eBook)
9783668202382
ISBN (Buch)
9783668202399
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nato-militärstrategien, entwicklung, inhalt, einsatzplanungen, uni-, multilateralismus
Arbeit zitieren
Christian Rucker (Autor), 2012, Die NATO-Militärstrategien 1949-1991. Entwicklung und Inhalt der militärischen Einsatzplanungen unter amerikanischem Uni- und Multilateralismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320922

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