Die Gläubiger-Schuldner Beziehung im Bezug auf das Individuum bei Lazzarato und Rabelais


Seminararbeit, 2015

13 Seiten, Note: 5,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rabelais
2.1 Der Autor Rabelais und der Romanzyklus Gargantua und Pantagruel
2.2 Das Lob der Schulden
2.3 Die Schulden und das Individuum

3. Lazzarato
3.1 Lazzarato und Die Fabrik des Verschuldeten Menschen
3.2 Der Neoliberale Schuldenzugriff
3.3 Die Schulden und das Individuum

4. Vergleich der beiden Werke
4.1 Die Gläubiger-Schuldner Beziehung
4.2 Gemeinsamkeiten

5. Fazit

1. Einleitung

„Schulden: ein genialer Ersatz für die Kette und Peitsche des Sklaventreibers“ (Bierce, 1906, S͘ 99). In diesem Zitat deutet der US-amerikanische Journalist und Satiriker Ambrose Gwinnett Bierce an, dass das Mittel zur Unterdrückung der Menschen sich ändert, respektive geändert hat. Der Schuldner ist in der schwachen Position; ein Sklave, der seinem Herren gehorchen muss. Doch ist das Verhältnis zwischen Gläubigern und Schuldnern tatsächlich eine Beziehung, welche durch Unterdrückung und Versklavung gekennzeichnet ist?

In der vorliegenden Seminararbeit sollen zwei unterschiedliche Blickweisen auf diese Thematik analysiert und miteinander verglichen werden. Hierfür werden die beiden Textauszüge „Panurg“ oder „Das Lob der Schulden“ aus dem dritten Buch von Rabelais (1546) und „Der Neoliberale Schuldenzugriff“ aus „Die Fabrik des verschuldeten Menschen“ von Maurizio Lazzarato (2012) untersucht. Die Forschungsfrage lautet in diesem Kontext, wie sich die Beziehung zwischen Gläubigern und Schuldnern in Bezug auf das Individuum bei den beiden Autoren gestaltet.

Dies soll anhand einer Literaturanalyse untersucht werden. Hierfür wird im ersten Teil der Arbeit ein Grundverständnis des Textausschnittes von Rabelais geschaffen, um daraufhin innerhalb des Textes das Schuldverständnis und das Individuum zu betrachten. Auf Basis dieser Analyse soll die Ansicht des Autors anschaulich dargestellt werden, damit ein umfassendes Verständnis der jeweiligen Schuldbeziehung möglich ist und um die Blickweise auf die Schulden Thematik herauszuarbeiten. Anschliessend wird der Text von Lazzarato mit der gleichen Methodik analysiert. Den dritten Teil bildet der Vergleich der beiden Werke, bei welchem speziell darauf eingegangen wird, wie Schulden und das Individuum jeweils bei den beiden Autoren behandelt werden.

2. Rabelais

Die folgenden drei Kapitel befassen sich mit der nalyse des Textes Panurg oder „Das Lob der Schulden“ aus dem dritten Buch Pantagruel von François Rabelais (1552) (Originaltitel: Le tiers livre des faicts et dicts héroïques du bon Pantagruel).

2.1 Der Autor Rabelais und der Romanzyklus Gargantua und Pantagruel

François Rabelais (ca. 1494-1553) wurde in Chinon in Frankreich geboren und lebte nach seiner Priesterweihe in einem Franziskanerkloster. Er entwickelte dort ein starkes Interesse am Humanis- mus, aufgrund dessen er zum Benediktinerorden übertreten musste um sein Studium der geistigen Strömung fortsetzen zu können. Im Jahre 1530 begann er mit der Arbeit an seinem bekanntesten satirischen Romanzyklus, welcher die Abenteuer der Riesen Gargantua und seinem Sohn Pantagruel erzählt. (Feld, 1994, S. 1159)

Charakteristisch für den Romanzyklus ist, dass er eine Satire der damaligen Politik, Religionsvorstel- lungen und Denkweisen der Gesellschaft darstellt. Die Ansichten, welche von den Protagonisten vertreten werden, werfen ein Schlaglicht auf die damalige Situation und sollen als Instrument fungie- ren, die damalige Gesellschaft zu kritisieren. Die Dialoge in seinen Werken sind oft mit unorthodoxen Anspielungen und Redewendungen sowie Verspottungen religiöser Praktiken gespickt. (Bakhtin, 1965/1984, S. 59-63)

2.2 Das Lob der Schulden

Bei dem in dieser Arbeit thematisierten Textauszug handelt es sich um die ersten beiden Kapitel des dritten Buches des Romanzyklus. Es setzt nach dem Sieg Pantagruels über die feindlichen Dipsodier ein und erzählt die Geschichte vom Aufbau einer neuen Kolonie um die Herrschaft des Riesen zu festigen. Pantagruels Freund Panurg erhält in diesem Zug von ihm ein Lehen, dessen Einnahmen der nächsten drei Jahre er jedoch innerhalb von zwei Wochen durch rauschende Feste und Gelage ver- geudet. Er rechtfertigt sich vor Panurg dadurch, dass die Anhäufung von Reichtum sinnlos sei, da der Schuldner sich, aufgrund der Tatsache, dass sein Wohlergehen dem Gläubiger am Herzen liegt, im- mer in einer deutlich besseren Position befindet. (Rabelais, 1546/1960, S. 154-155)

Die spöttische Ausführung und Argumentation für ein Dasein als Schuldner wird später als das „Lob der Schulden“ bekannt (Graeber, 2012, S͘ 132-134).

2.3 Die Schulden und das Individuum

Schulden und vor Allem Schuldverhältnisse spielen im ersten und zweiten Kapitel des Werkes Panurg oder „Das Lob der Schulden“ eine wesentliche Rolle͘ Die rt und Weise wie sich Rabelais der Thematik nähert, ist auf den ersten Blick sonderbar, da das Individuum und die Schuldenthematik kontraintuitiv behandelt werden.

So sind Schulden nach Panurg gottgewollt, denn durch sie wird auch der Schuldner zum schöpferi- schen Gott, welcher Gläubiger kreiert (Rabelais, 1546/1960, S. 154). Er betrachtet die Gläubiger als „schöne, gute, fromme Geschöpfe“ (Rabelais, 1546/1960, S. 154), für welche das Wohlergehen ihrer Schuldner oberste Priorität hat, da sie ansonsten Gefahr laufen, ihr Geld nicht mehr zurückzube- kommen. Dieses Verhältnis führt dazu, dass die Gläubiger zu nahezu allem bereit sind, von öffentli- chen Huldigungen bis zur Bereitstellung von mehr Geld, damit der Schuldner in einem guten Licht dargestellt wird. Somit kann der Schuldner also Geld und wohlwollende Gläubiger aus dem Nichts erschaffen (Rabelais, 1546/1960, S. 154).

Die sich hier abzeichnende Erhebung des Individuums in einen gottähnlichen Zustand lässt einen Rückschluss auf die Macht zu, die Rabelais in seinem Werk dem Schuldner zuschreibt. Er erhebt die Stellung des Schuldners über die des Gläubigers und statuiert, dass sich die Gläubiger unablässig um das Wohlergehen des Schuldners sorgen, ihm sogar dienen und sich ihm unterwerfen, da ihr Schicksal direkt von seinem abhängt. (Rabelais, 1546/1960, S. 154).

Die Situation der Gläubiger bei Rabelais vergleicht Graeber (2012, S. 132-134) mit der von Sklaven in der Vergangenheit, welche bei der Beerdigung ihres Herrn geopfert wurden. Dies wissend wünsch- ten sie ihm immer ein langes Leben sowie Gesundheit und waren um das Wohlergehen ihres Herrn stets bemüht.

Panurg führt seinen Gedanken weiter aus und deklariert Schulden als die treibende Kraft im Univer- sum, ohne die Chaos herrschen würde. Die zentrale Aussage, warum Schulden in dieser Welt essen- tiell sind, besteht darin, dass Schuldverhältnisse für Individuen überlebensnotwendig sind. Ohne ein bestehendes Schuldverhältnis wäre kein Mensch bereit, seinem Mitmenschen zu helfen. Eine Per- son, die in eine Notlage gerät sowie keine Schulden bei jemand anderem besitzt, würde komplett seinem Schicksal überlassen werden. Niemand hätte ein Interesse daran ihm zu helfen, da keine ökonomischen Gründe für eine Unterstützung gegeben sind. Doch ganz anders sieht es im Falle des Schuldners aus. Ihm würden sofort alle Gläubiger zur Seite stehen, da ansonsten ihr geliehenes Geld verloren wäre und sie nur sich selbst schaden würden (Rabelais, 1546/1960, S. 155).

Was Panurg hier beschreibt ist die logische Schlussfolgerung, die reductio ad absurdum, aus seiner Argumentation. Er deklariert das Schuldverhältnis als Basis der Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und vor Allem einer Beziehung, unter der Annahme, dass jedes menschliche Verhältnis auf Basis des Austausches von irgendeiner Art von Materie, Dienstleistung oder ähnlichem stattfindet. Dies impliziert, dass eine weiterführende und anhaltende Beziehung zwischen zwei Menschen nur durch ein Schuldverhältnis aufrecht erhalten werden kann, da die Transaktion noch nicht abgeschlossen ist und der Tauschpartner noch darauf bedacht ist, seinen Teil zu erhalten. Eine perfekte und harmonische Welt würde dann nach der Meinung Panurgs aus einem weltumspannenden Schuldner- Gläubigerverhältnis zwischen jedem Erdenbürger bestehen. (Rabelais, 1546/1960, S. 155)

3. Lazzarato

Dieses Kapitel befasst sich mit der Analyse des Textes „Der Neoliberale Schuldenzugiff“ aus „Die Fabrik des verschuldeten Menschen“ von Maurizio Lazzarato (2012).

3.1 Lazzarato und Die Fabrik des Verschuldeten Menschen

Maurizio Lazzarato lebt und arbeitet als unabhängiger Philosoph und Soziologe in Paris. Seine For- schungsgebiete umfassen neben kognitivem Kapitalismus auch die immaterielle Arbeit und die Onto- logie der Arbeit. Er arbeitete lange für die Zeitschrift Futur Antérieur und ist Gründungs- und immer noch Redaktionsmitglied der Zeitschrift Multitudes, eine politische, künstlerische und philosophische Zeitschrift. 2012 publizierte er sein neuestes Werk „Die Fabrik des verschuldeten Menschen͘ Essay über das neoliberale Leben“ welches hohes Aufsehen erregte. (Europäisches Institut für progressive Kulturpolitik, o.D., S. 1)

In seinem Essay verbindet Lazzarato, aufbauend auf Deleuze und Guattari, Nietzsche und Marx um seine eigene Theorie über Schulden zu entwickeln. Eine Theorie die statuiert, dass die Macht der Kredite, welche von zentraler Bedeutung für den Neoliberalismus sind, die Konstruktion eines verschuldeten Individuums benötigt. Diese Produktion eines verantwortlichen und schuldigen Subjekts beinhaltet die Bedingung, dass Individuen und Gesellschaften vor einer unendlichen sozialen Schuld stehen. (Charbonneau & Hansen, 2014, S. 1039-1041)

3.2 Der Neoliberale Schuldenzugriff

Der behandeltet Textauszug stellt das dritte Kapitel des Essays „Die Fabrik des Verschuldeten Menschen“ von Maurizio Lazzarato dar.

In diesem Kapitel analysiert Lazzarato (2012) den Übergang des Disziplinarregimes zum Neolibera- lismus in seiner heutigen Form (S. 89-94). Unter Einbezug des französischen Philosophen Foucault kommt er zu dem Schluss, dass eigentlich keine Krise des Kapitalismus vorliegt, sondern es sich stattdessen um eine neoliberale Herrschaftsform handelt. Im Laufe der letzten Krisen führte diese Herrschaftsform dazu, dass aufgrund von immer grösseren Defiziten im Finanzhaushalt, aber auch aufgrund der Verallgemeinerung von Privatschulden zu Staatsschulden, beispielsweise die der Ban- ken im Zuge der Finanzkrise, staatliche Sozialleistungen verringert, respektive abgebaut wurden (S. 90-91). Dies führt zum Aufbau gesellschaftlicher Schulden (Schulden des Sozialstaates), die somit letztendlich auf das Individuum umgelegt werden. Die so entstehende Versorgungslücke soll der Bürger selbst, respektive selbstverantwortlich übernehmen und dafür aufkommen. (Lazzarato, 2012, S. 109-115)

3.3 Die Schulden und das Individuum

Die Analyse der Beziehung zwischen Schulden und dem Individuum wird bei Lazzarato (2012) mit der Betrachtung der Entwicklung des Arbeitsmarktes in der Vergangenheit begonnen.

Lazzarato (2012) führt aus, dass aus der normalen Arbeitskraft hin zum Humankapital ein Manager gemacht werden soll, beziehungsweise gemacht wurde (S. 88), der im Falle von Arbeitslosigkeit im Rahmen der stetig voranschreitenden Externalisierung der Sozialleistungen für seine Ansprüche entweder bereits individuell selbst vorgesorgt hat und/ oder eine Schuldnerposition einnehmen muss (S.111-112). Im Falle einer Arbeitslosigkeit werden nun individuelle Verträge mit den Beziehenden der Leistungen abgeschlossen, abhängig von bestimmten Kriterien die die Arbeitslosen erfüllen müssen (S. 112-114). Darüber hinaus wird der Beziehende der Leistung dazu verpflichtet, diese in Form von Teilnahmen an Unterrichtsmassnahmen, aktiver Jobsuche und weiteren Massnahmen zurück zu „vergüten“ und Rechenschaft zu leisten (S. 114-115).

Hier werden die Sozialhilfen zu Schulden gemacht, welche vor Allem mit der Disziplinierung des Lebens zusammenhängen. Sie soll mit der Arbeit der Person an sich selbst, durch die unterschiedlichen Programme, an welchen sie teilnehmen muss, entschädigt werden. Obgleich das Individuum die bezogenen Leistungen nicht direkt zurück zu bezahlen hat, so wird es doch in der Beziehung in die schwächere und vor Allem abhängige Position gebracht, in welcher der Staat Auflagen definieren kann, welche eine Beziehung auf Augenhöhe verunmöglichen und das Individuum zum Schuldner macht. Ein Schuldner von Gehorsamkeit.

Die breite Verschuldung der Individuen ist darüber hinaus ein Prozess, den der Neoliberalismus mit sich gebracht hat. Die damit einhergegangene Fixierung von Löhnen, in Kombination mit Kürzungen der Sozialausgaben, führt zur Produktion eines verschuldeten Menschen. Sozialleistungen des Staates werden nun sukzessive auf die Individuen übertragen, die unabhängig von Arbeitslosigkeit, aufgrund wirtschaftlicher und demographischer Entwicklungen Leistungen des Staates selbst übernehmen oder aufstocken müssen. Diese Form der Generalisierung und der Übertragung von Privatschulden auf die Gemeinschaft wurde vom Finanzsektor perfektioniert. Bestes Beispiel hierfür sind private Rentenversicherungen und Vorsorgepläne. (Lazzarato, 2012, S. 100)

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Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Gläubiger-Schuldner Beziehung im Bezug auf das Individuum bei Lazzarato und Rabelais
Hochschule
Universität Zürich
Note
5,5
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V320952
ISBN (eBook)
9783668202283
ISBN (Buch)
9783668202290
Dateigröße
668 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rabelais, Lazzarato, Die Fabrik des verschuldeten Menschen, Panurg, Das Lob der Schulden, Schuldner, Gläubiger, Beziehung Schuldner Gläubiger
Arbeit zitieren
Max Maier (Autor), 2015, Die Gläubiger-Schuldner Beziehung im Bezug auf das Individuum bei Lazzarato und Rabelais, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320952

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