Möglichkeiten der Erschließung einer Fabeldefinition über die Textstruktur und die Textfunktion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

12 Seiten, Note: 2,0

Leander Thon (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Problematiken und Möglichkeiten von Fabeldefinitionen

3. Textstruktur

4. Anthropomorphisierung und Typisierung

5. Textfunktion

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Forschen bedeutet Wissen zu generieren. Wie kann man aber mit etwas arbeiten, wovon man nicht genau weiß, was es denn überhaupt ist? Die Fabel ist eine vielfach untersuchte epische Kurzform, die jedoch in ihrer Definition häufig wenig differenziert oder lediglich abgrenzend von anderen Gattungen betrachtet wird. Die Wichtigkeit einer Bestimmung der Fabel ist jedoch unumstritten, da ohne sie keine klaren Aussagen über Zusammenhänge innerhalb der Gattung getätigt werden können. Diese Problematik ist, auch aufgrund ihrer Relevanz, in der Forschung stark präsent. Einige Fabeltheoretiker gehen tatsächlich davon aus, dass eine allgemeingültige Definition der Fabel nicht für möglich sei:

Wer sich aufmacht, die idealtypische Form der Fabel zu finden, um dann an ihr die Wirklichkeit zu messen, dem geht es hoffentlich so wie Lessing[…]. Die Wirklichkeit der vorhandenen Fabeln ist offensichtlich weiter, als die bisherigen Versuche der Bestimmung eines uniformen Strukturgesetzes es ahnen lassen. Des halb sind […] die Bedenken gegenüber einer engen Gattungsbestimmung offen eingestanden. (Doderer 1970, 10)

In der vorliegenden Arbeit wird eine Möglichkeit der Fabeldefinition über das Verhältnis von Textstruktur und Textfunktion untersucht. Es wird herausgearbeitet, inwiefern dieser Ansatz eine Aussage über die Fabel geben kann. Zusätzlich wird die Beeinflussung der Textstruktur und der Textfunktion durch die Anthropomorphisierung und Typisierung in der Fabel thematisiert. Die Arbeit hat nicht die Intention eine determinierte und elementare Fabeldefinition zu geben. Es soll lediglich die Frage beantwortet werden, ob der Ansatz, eine Begriffsbestimmung aus der Beziehung von Textstruktur und Textfunktion zu erarbeiten, ausreichend ist, um eine differenzierte Definition einer Fabel zu erreichen.

Zunächst werde ich jedoch allgemeine Aspekte zur Definition von Fabeln erläutern. Dazu werde ich auf Problematiken der Fabeldefinition eingehen und den in dieser Arbeit untersuchten Ansatz genauer einschränken und erläutern.

2. Problematiken und Möglichkeiten von Fabeldefinitionen

Eine uneingeschränkte und allgemeingültige Definition für die Fabel zu finden ist problematisch. Diese bereits in der Antike entstandene Textform hat sich im Laufe der Zeit stetig weiterentwickelt oder wurde von Schriftstellern und Gelehrten neu interpretiert. Die Entwicklung der Fabel in seiner Gänze darzustellen würde dem Rahmen dieser Arbeit nicht gerecht, dennoch soll ein kurzer Überblick über drei wichtige historische Phasen der Fabeldichtung gegeben werden. Darauf aufbauend werde ich die Fragestellung dieser Arbeit erläutern und in den darauffolgenden Kapiteln genauer betrachten.

Der Ursprung der Fabeldichtung wird dem Griechen Äsop im sechsten Jahrhundert vor Christus zugesprochen. Zwar gab es auch zuvor bereits fabelähnliche Texte, diese konnten aber weder in der Qualität noch in der Quantität eine Konkurrenz für Äsop darstellen. Noch heute ist der Begriff äsopische Fabel eine feste Bezeichnung für eine der über dreihundert Texte von Äsop (vgl. Dithmar 1970, 13ff.). Auch in anderen kulturellen Kreisen fanden sich Textstücke mit fabelähnlichen Inhalten und Strukturen.1

Im deutschen Mittelalter wird besonders der lehrhafte Charakter der Fabel betont. Die Fabelsammlung „der Edelstein“ aus dem Jahr 1349 von Ulrich Boner ist eine der ersten deutschsprachigen Übersetzungen von Fabeln aus dem Lateinischen. Durch die deutsche und einfach gehaltene Schreibweise ist die Lehrhaftigkeit einer großen Gesamtheit zugänglich und führt die Fabel vom Mündlichen in die schriftliche Form (vgl. Dithmar 1970, 27f.).

Eine weitere wichtige Epoche der Fabeldichtung ist die Aufklärung. Hierbei sind die Fabeltheorien von Gotthold Ephraim Lessing besonders bedeutsam. Dieser stellt in seinen theoretischen Abhandlungen über das Wesen der Fabel wichtige Bestandteile eines Textes der Fabelgattung heraus. In einem Definitionsversuch von ihm werden „fünf entscheidende Gesichtspunkte“ von Dithmar (1970) herausgearbeitet: „Der allgemeine moralische Satz; der besondere Fall; die Wirklichkeit; die Geschichte; die anschauende Erkenntnis“(Dithmar 1970, 59).

Die Abhandlungen von Lessing sind ein bedeutsamer Grundstein für die Fabelforschung. Er spricht sich deutlich für eine kurze und prägnante Form der Fabel aus, damit die lehrende Funktion dieser nicht hinter der künstlerischen Gestaltung verloren ginge. „In Lessings Fabeltheorie wird die didaktische Gebrauchsfunktion erneut zum gattungsbestimmenden Fundament, die Form soll dieser Funktion untergeordnet sein“ (Nickel-Bacon 2014, 75).

Eine Korrelation zwischen Textfunktion und Textstruktur führt demnach zu unterschiedlichen Möglichkeiten des Gattungsverständnisses. Kann eine künstlerisch-sprachlich variierte Fabel der Unterhaltung dienen und lediglich angenehm zu lesen sein, so ist die Hauptaufgabe einer prägnant und kurz gehaltenen Fabel (wie Lessing sie fordert) zu belehren.

In den folgenden Kapiteln werde ich untersuchen, wie die Textstruktur und Textfunktion in der Fabelgattung realisiert werden. In der Strukturuntersuchung soll ein Grundgerüst der Fabelstruktur erläutert werden. Die Funktionsanalyse wird eine Fokussierung auf die Lehrhaftigkeit der Fabel enthalten. Es wird zu fragen sein, ob es möglich ist, über ein solches differenziertes Verfahren zu einer Fabeldefinition zu gelangen.

3. Textstruktur

Zunächst möchte ich mich mit der Textstruktur von Fabeln auseinandersetzen. Die Zentralität der Fabelform wird relativiert durch die Problematik, eine einheitliche Form von allen vorhandenen Fabeln zu finden. Zwar gibt es gewisse Grundzüge, die sich durch die historische Entwicklung der Fabel ziehen, dennoch ist eine einheitliche Form aller Fabeln nicht zu definieren. Lediglich ein „Grundgerüst“ für die Fabel kann klar herausgearbeitet werden. So wird in Dithmar (1970) erklärt, dass eine prototypische Fabel die Elemente actio, die Auslösung einer Handlung, reactio, der Reaktion des Betroffenen, und dem Ergebnis der Handlung, dem eventus beinhalte (vgl. Nickel-Bacon 2014, 74). Dem ergänzend fügt Schrader (1980, 114) die „Ausgangssituation“ als viertes Handlungselement hinzu. In dieser werde die die Fabel durch die Nennung von den Protagonisten der Handlung, dem Raum und der Zeit konstituiert. In der Fabel „der Affe“ von Babrios wird die Fabel lediglich durch die Nennung der Protagonisten und des Ortes konstituiert:

Ein Affe kam aus dem Walde an den Meeresstrand und beobachtete einen Fischer, wie er erst das gefüllte Netz aus dem Wasser holte und es dann zum Trocknen in der Sonne ausbreitete. (nach Babrios 1955)

Diese Einleitung findet sich jedoch nicht elementar in jeder Fabel. Besonders in den Fabeln von Lessing wird die Kürze der Fabel und damit die Konzentration auf die Darstellung des Konfliktes charakteristisch. Es werde sich auf die Elemente beschränkt, die dazu dienen, die Lehre zu verstehen. So beginnt die Fabel „Der Pfau und der Hahn“ von Gotthold Ephraim Lessing unmittelbar mit dem Beginn des Konfliktes, also dem Element actio.

Einst sprach der Pfau zur Henne: „Sieh einmal, wie hochmütig und trotzig ein Hahn einhertritt! Und doch sagen die Menschen nicht: Der stolze Hahn; sondern nur immer: der stolze Pfau.“ (Lessing 1955)

Es findet keine einführende Aussage statt. Weder der Ort noch die Zeit sind für die Thematik der Fabel relevant und werden daher von Lessing ausgelassen. Auch aufgrund dieser Argumentationsbasis der geringen lehrenbezogenenen Relevanz der Ausgangslagenbeschreibung ist von einer dreiteiligen Form der Fabel auszugehen. Auch in Schrader (1980) wird diese Form letztendlich favorisiert: „Die Schilderung des Geschehensraumes fällt entweder ganz fort oder ist auf knappste Angaben beschränkt“ (Schrader 1980, 117).

Grundsätzlich wird zwischen einer Bild- und einer Sachebene innerhalb der Fabel unterschieden (vgl. Nickel-Bacon 2014, 73). Dieser Theorie folgend ist die erzählte Geschichte mit der oben beschriebenen dramatischen Struktur die Bildebene der Fabel. Die Handlung in der Fabel zielt auf eine Pointe ab, die auf eine textexterne Realität, also auf die Sachebene, verweist. Zumeist beschreibt diese Handlung lediglich eine temporär eingeschränkte Situation an einem einzigen Ort.

Ebenso ist die Nutzung eines so genannten Promythion oder Epimythion charakteristisch für die Fabel. In diesen vorgestellten oder angehangenen Textpassagen wird die Lehre der Geschichte wiedergegeben und erläutert. Besonders dieser Bereich der Fabel dient als belehrendes Textelement sowie als Vermittlungselement von der Bild- auf die Sachebene (vgl. Nickel-Bacon 2014, 74). Die Form in der diese Lehren dargestellt sind variiert je nach Autor. So findet man in Fabeln von Martin Luther häufig einen eigenen Absatz, der die Lehre explizit formuliert, wie in dem folgenden Beispiel der Fabel „Vom Kranich und Wolfe“:

Lehre: Wer den Leuten in der Welt will wohltun, der muß sich erwägen, Undank zu verdienen. Die Welt lohnt nicht anders denn mit Undank wie man spricht: Wer einen vom Galgen erlöst, dem hilft derselbige gern dran. (Luther 1955)

Anders wird die Lehre in der oben bereits eingeführten Fabel „der Affe“ verkündet. In diesem Text wird die Lehre vom Tier selbst formuliert: „Den nahen Tod vor Augen, seufzte er: ´Das Zusehen allein genügt noch nicht, um eine Arbeit zu verstehen. ´“ (nach Babrios 1955, 33). In Leibfried (1982,30) ist diese Art der Lehre eigentlich symptomatisch für eine dramatisierte Fabel, die hauptsächlich aus Dialogen zwischen den Tieren bestehe.

Die Struktur der Fabel kann letztendlich nicht grundlegend determiniert werden. Die Tendenzen von unterschiedlichen Strukturelementen variieren von Epoche zu Epoche und von Autor zu Autor. Im Folgenden soll zunächst die Rolle der handelnden Tiere genauer betrachtet werden, bevor die Textfunktion untersucht wird.

4. Anthropomorphisierung und Typisierung

Wie oben bereits beschrieben teilt sich die Fabel in eine Bild- und eine Sachebene. Typisch für die Bildebene der Fabel ist das antirealistische Erzählen. „Durch verschiedene Mittel wird geradezu verhindert, daß das Erzählte für ein wahrscheinliches Geschehen gehalten wird.“ (Schrader 1980, 115). In Bezug auf die Fragestellung muss untersucht werden, inwiefern die Anthropomorphisierung und Typisierung der Tiere die Textstruktur und die Textfunktion beeinflussen. Zunächst muss allerdings eine Begriffsbestimmung vorgenommen werden.

Unter Anthropomorphisierung versteht man das vermenschlichen von unbelebten bzw. nicht-menschlichen Handelnden. So werden in Fabeln Tiere, Pflanzen oder auch andere Naturgegenstände zu Handlungsträgern. Den Akteuren werden menschliche Eigenschaften und Charakterzüge zugesprochen (vgl. Schrader 1980, 116). Diese anthropomorphisierten Handelnden sind in allen Fabeln jedoch genau gleich charakterisiert und somit typisiert. Die Typisierung führt zu einer Manifestierung der Figureneigenschaften, die nicht umgekehrt werden kann: „Der Fuchs ist nicht dumm und der Esel nicht schlau“ (Leibfried 1982, 22).

Durch diese festgelegte Typisierung entfällt in der Struktur der Fabel die Beschreibung der Handelnden. Tatsächlich geht Leibfried (1982, 23) davon aus, dass die Handlung bei der Fabel etwas Sekundäres sei, da sie durch die feststehenden Charaktere beeinflusst sei.

[...]


1 Hier ist besonders die Pantschatantra, eine Fabelsammlung aus Indien, zu nennen, die zwischen 600 und 200 v.Chr., aufbauend auf vielen äsopische Fabeln, verfasst wurde.

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Details

Titel
Möglichkeiten der Erschließung einer Fabeldefinition über die Textstruktur und die Textfunktion
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistik)
Veranstaltung
Fabeln
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V321044
ISBN (eBook)
9783668203402
ISBN (Buch)
9783668203419
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
möglichkeiten, erschließung, fabeldefinition, textstruktur, textfunktion
Arbeit zitieren
Leander Thon (Autor), 2016, Möglichkeiten der Erschließung einer Fabeldefinition über die Textstruktur und die Textfunktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321044

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