In der vorliegenden Arbeit wird eine Möglichkeit der Fabeldefinition über das Verhältnis von Textstruktur und Textfunktion untersucht. Es wird herausgearbeitet, inwiefern dieser Ansatz eine Aussage über die Fabel geben kann. Zusätzlich wird die Beeinflussung der Textstruktur und der Textfunktion durch die Anthropomorphisierung und Typisierung in der Fabel thematisiert. Die Arbeit hat nicht die Intention eine determinierte und elementare Fabeldefinition zu geben. Es soll lediglich die Frage beantwortet werden, ob der Ansatz, eine Begriffsbestimmung aus der Beziehung von Textstruktur und Textfunktion zu erarbeiten, ausreichend ist, um eine differenzierte Definition einer Fabel zu erreichen.
Zunächst werde ich jedoch allgemeine Aspekte zur Definition von Fabeln erläutern. Dazu werde ich auf Problematiken der Fabeldefinition eingehen und den in dieser Arbeit untersuchten Ansatz genauer einschränken und erläutern.
Forschen bedeutet Wissen zu generieren. Wie kann man aber mit etwas arbeiten, wovon man nicht genau weiß, was es denn überhaupt ist? Die Fabel ist eine vielfach untersuchte epische Kurzform, die jedoch in ihrer Definition häufig wenig differenziert oder lediglich abgrenzend von anderen Gattungen betrachtet wird. Die Wichtigkeit einer Bestimmung der Fabel ist jedoch unumstritten, da ohne sie keine klaren Aussagen über Zusammenhänge innerhalb der Gattung getätigt werden können. Diese Problematik ist, auch aufgrund ihrer Relevanz, in der Forschung stark präsent.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Problematiken und Möglichkeiten von Fabeldefinitionen
3. Textstruktur
4. Anthropomorphisierung und Typisierung
5. Textfunktion
6. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern eine Fabeldefinition auf Basis des Verhältnisses von Textstruktur und Textfunktion gelingen kann. Dabei wird analysiert, wie diese beiden Aspekte durch Anthropomorphisierung und Typisierung beeinflusst werden, um eine differenzierte Gattungsbestimmung zu erreichen.
- Historische Phasen der Fabeldichtung
- Das Grundgerüst der Fabelstruktur
- Die Rolle von Anthropomorphisierung und Typisierung
- Didaktische Gebrauchsfunktion der Fabel
- Verhältnis von Bild- und Sachebene
Auszug aus dem Buch
4. Anthropomorphisierung und Typisierung
Wie oben bereits beschrieben teilt sich die Fabel in eine Bild- und eine Sachebene. Typisch für die Bildebene der Fabel ist das antirealistische Erzählen. „Durch verschiedene Mittel wird geradezu verhindert, daß das Erzählte für ein wahrscheinliches Geschehen gehalten wird.“ (Schrader 1980, 115). In Bezug auf die Fragestellung muss untersucht werden, inwiefern die Anthropomorphisierung und Typisierung der Tiere die Textstruktur und die Textfunktion beeinflussen. Zunächst muss allerdings eine Begriffsbestimmung vorgenommen werden.
Unter Anthropomorphisierung versteht man das vermenschlichen von unbelebten bzw. nicht-menschlichen Handelnden. So werden in Fabeln Tiere, Pflanzen oder auch andere Naturgegenstände zu Handlungsträgern. Den Akteuren werden menschliche Eigenschaften und Charakterzüge zugesprochen (vgl. Schrader 1980, 116). Diese anthropomorphisierten Handelnden sind in allen Fabeln jedoch genau gleich charakterisiert und somit typisiert. Die Typisierung führt zu einer Manifestierung der Figureneigenschaften, die nicht umgekehrt werden kann: „Der Fuchs ist nicht dumm und der Esel nicht schlau“ (Leibfried 1982, 22).
Durch diese festgelegte Typisierung entfällt in der Struktur der Fabel die Beschreibung der Handelnden. Tatsächlich geht Leibfried (1982, 23) davon aus, dass die Handlung bei der Fabel etwas Sekundäres sei, da sie durch die feststehenden Charaktere beeinflusst sei. „Handlungen bei denen Tiertypen im Mittelpunkt stehen und das Geschehen bestimmen, so bestimmen, daß man den Ausgang schon nach der Exposition, der Vorstellung der Handelnden, kennt“ (Leibfried 1982, 23f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Problematik der Fabeldefinition dar und skizziert das Forschungsziel, die Gattung über Textstruktur und Textfunktion neu zu erschließen.
2. Problematiken und Möglichkeiten von Fabeldefinitionen: Dieses Kapitel gibt einen historischen Abriss über die Fabeldichtung und erläutert die Definitionsansätze von Äsop, dem deutschen Mittelalter und der Aufklärung.
3. Textstruktur: Hier wird das Grundgerüst der Fabel (actio, reactio, eventus) sowie die Abgrenzung zwischen Bild- und Sachebene analysiert.
4. Anthropomorphisierung und Typisierung: Der Abschnitt befasst sich mit der Vermenschlichung der Akteure und der Festlegung von Typen als wesentliche strukturelle und funktionale Merkmale.
5. Textfunktion: Es wird die didaktische Funktion der Fabel und deren Vermittlung durch Pro- und Epimythien sowie der sozialkritische Gehalt der Gattung beleuchtet.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine rein deterministische Fabeldefinition schwierig bleibt, der Ansatz über Struktur und Funktion jedoch eine wichtige Basis bildet.
Schlüsselwörter
Fabel, Textstruktur, Textfunktion, Anthropomorphisierung, Typisierung, Gattungsdefinition, Äsop, Gotthold Ephraim Lessing, Didaktik, Lehre, Bildebene, Sachebene, Epimythion, Promythion, Sozialkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literaturwissenschaftlichen Definition der Fabel und untersucht, inwieweit das Zusammenspiel von Textstruktur und Textfunktion eine präzise Bestimmung dieser Gattung erlaubt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind das Grundgerüst der Fabel, historische Definitionen der Fabel, die Rolle von Typisierung und Anthropomorphisierung sowie die didaktische Funktion der Belehrung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu prüfen, ob der Ansatz, die Fabel über die Beziehung von Struktur und Funktion zu definieren, ausreicht, um eine differenzierte Gattungsbestimmung vorzunehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf dem Vergleich theoretischer Fabelkonzepte (u.a. von Lessing, Schrader und Dithmar) und der strukturellen Untersuchung von Beispieltexten basiert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Im Hauptteil wird das Grundgerüst der Fabeln beleuchtet, die Funktion der Anthropomorphisierung für die Charakterisierung sowie die Bedeutung der didaktischen Lehre für den Transfer von der Bild- zur Sachebene.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Fabel, Textstruktur, Textfunktion, Anthropomorphisierung, Typisierung und didaktische Belehrung kennzeichnen.
Inwiefern beeinflusst die Typisierung die Struktur der Fabel?
Durch die Typisierung der Akteure entfällt in der Fabel weitgehend die detaillierte Beschreibung der Charaktere, da diese bereits durch ihre feststehenden Eigenschaften (z.B. der schlaue Fuchs) definiert sind.
Warum ist laut Autor die Fabel ein politisches Kampfmittel?
Aufgrund der Verschlüsselung von Wahrheiten in einer bildhaften Tiergeschichte erlaubt die Fabel, sozialkritische Aussagen indirekt zu äußern und so Zensur oder Unterdrückung zu umgehen.
- Citation du texte
- Leander Thon (Auteur), 2016, Möglichkeiten der Erschließung einer Fabeldefinition über die Textstruktur und die Textfunktion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321044