Platons Theorien und Ansätze sind nach wie vor derart anwendbar, dass es bemerkenswert ist. Aber war Platon auch Feminist? Es gibt Stimmen im wissenschaftlichen Diskurs, welche für diese These plädieren, doch ist man im Allgemeinen hierüber noch nicht zu einer Einigung gekommen. Diese Arbeit hat es sich zum Ziel gesetzt, ausgehend von Platons Frauenbild in der "Politeia" und Bezug nehmend auf die verschiedenen wissenschaftlichen Positionen, ein für und wider dieser Frage zu beleuchten.
Platon war weise. Platon war seiner Zeit voraus. Platons Theorien und Ansätze sind nach wie vor derart anwendbar, dass es bemerkenswert ist. Aber war Platon auch Feminist?
Fragt man nach der Möglichkeit feministischen Gedankenguts in Platons "Politeia", ist es wichtig, vorab eine andere, in der Wissenschaft uneinheitlich ausgelegte Fragestellung zu klären, beziehungsweise darauf hinzuweisen, dass diese im Raum steht: Ist der von Platon beschriebene Idealstaat als Gleichnis für die Gerechtigkeit und damit für das Glück in der Seele des Individuums zu verstehen, wie er in der Mitte des zweiten Buches eingeleitet wird, oder aber als ausschließlich politisches Modell? Da es sich hierbei um eine grundlegende Frage zur Bedeutung des gesamten Werkes handelt, sollen diese zwei Lesarten sowie ihre potentiellen Auswirkungen auf die Feminismus-Debatte um Platon als Einstieg in die Thematik dienen.
Inhaltsverzeichnis
1 Ziel und Aussichten
2 Platons Politeia: Staatsmodell oder Gerechtigkeitsgleichnis?
2.1 Aufbau und Differenzierung der zwei Thesen in der Politeia
2.2 Individualität in Platons Staat
3 Platons Frauenbild in der Politeia
3.1 Die Gleichheit der Frauen des Wächterstandes
3.2 Die Frauen- und Kindergemeinschaft
3.3 Die Feminismus-Unterstellung
4 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die kontroverse Frage, ob Platons Politeia als feministisches Werk interpretiert werden kann, indem sie das dort entworfene Frauenbild in den Kontext seiner politischen Staatsutopie und Gerechtigkeitstheorie setzt.
- Analyse der Politeia als politisches Staatsmodell versus Gerechtigkeitsgleichnis.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen individueller Freiheit und dem Wohl des Staates.
- Kritische Beleuchtung des platonischen Frauenbildes und der Wächterinnen.
- Diskussion der Frauen- und Kindergemeinschaft als strukturelles Instrument der Macht.
- Rezeption platonischer Thesen in der modernen Feminismus-Debatte.
Auszug aus dem Buch
Die Gleichheit der Frauen des Wächterstandes
Platon lässt Sokrates als erste Woge für eine gleichartige und gemeinsame Erziehung der Geschlechter plädieren (vgl. ebd.: S. 246). Dabei gründet er seine Argumentation auf die, in den voran gegangenen Büchern der Politeia, getroffene Feststellung, dass jeder Staatenbürger eine ganz bestimmte Befähigung und Eignung habe, die seinem Charakter und seinen Stärken entsprechend während der Erziehung heraus zu arbeiten seien, und dass das Entsprechen dieser Fähigkeiten durch Ausübung des einen, passenden Berufs, das Gerechte im Staat sei (vgl. ebd.: S. 224 f.). In diesem Punkt sind sich die Gesprächspartner um Sokrates bereits einig geworden (vgl. ebd.). Jedoch wurde die Frau in dem Konzept bislang nicht genauer betrachtet.
Platon lässt Sokrates erkennen, dass unterschiedliche menschliche Naturen bis zu diesem Punkt der Diskussion ausschließlich in Hinblick auf die Zuordnung der unterschiedlichen Befähigungen und Eignungen der Menschen zu Berufsbildern besprochen wurden (vgl. ebd.: S. 251). Auch wenn somit, wie auch immer geartete Unterschiede zwischen Frauen von Männern weiterhin als gegeben anerkannt bleiben, können die Geschlechter doch – nach der Logik der Berufseignung – die gleiche Natur haben (vgl. ebd. 252). So beschreibt Sokrates, dass der biologische Unterschied zwischen Mann und Frau, welcher ausschließlich im Bereich der Fortpflanzung liegen würde, ebenso wenig eine Aussage über die Eignung oder nicht Eignung zu einem Beruf im Staat treffen könne, wie etwa eine biologische Veranlagung zu vollem oder schütterem Haar (vgl. ebd.: S. 249).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Ziel und Aussichten: Einführung in die Problematik, ob Platon aufgrund seiner Politeia als Feminist bezeichnet werden kann, unter Berücksichtigung der Frage, ob das Werk als Staatsmodell oder Gleichnis fungiert.
2 Platons Politeia: Staatsmodell oder Gerechtigkeitsgleichnis?: Erläuterung der zwei grundlegenden Lesarten des Werkes, die entweder das Wohl des Individuums oder das übergeordnete Wohl des Staates in den Mittelpunkt stellen.
2.1 Aufbau und Differenzierung der zwei Thesen in der Politeia: Untersuchung der Gerechtigkeitsdebatte in den ersten beiden Büchern und der Verschiebung des Fokus hin zur detaillierten Konstruktion des Idealstaates.
2.2 Individualität in Platons Staat: Auseinandersetzung mit der Rolle des Individuums im Spannungsfeld zwischen persönlicher Entfaltung und staatlicher Unterordnung sowie der Sichtweise auf den Staat als Lebensraum.
3 Platons Frauenbild in der Politeia: Darstellung der extremen Ambivalenz in Platons Aussagen, die einerseits biologische Unterschiede in der Berufseignung ablehnen, andererseits jedoch weibliche Attribute abwerten.
3.1 Die Gleichheit der Frauen des Wächterstandes: Analyse der platonischen Argumentation zur gleichen Erziehung der Geschlechter basierend auf der Logik der Berufseignung und dem potentiellen, aber eingeschränkten feministischen Gehalt.
3.2 Die Frauen- und Kindergemeinschaft: Untersuchung der zweiten Woge, in der durch die Aufhebung von Eigentum und Familie die Frauen von typisch weiblichen Pflichten befreit werden sollen, um vollwertig im Wächterstand zu agieren.
3.3 Die Feminismus-Unterstellung: Diskursübersicht über die wissenschaftliche Rezeption von Platons Frauenbild und die verschiedenen feministischen Strömungen, die das Werk unterschiedlich bewerten.
4 Fazit: Zusammenfassende Einschätzung, dass Platon trotz zukunftweisender Ansätze zur Trennung von Natur und Kultur im modernen Sinne nicht als Feminist betrachtet werden kann, da das Individuum stets dem staatlichen Gefüge untergeordnet bleibt.
Schlüsselwörter
Platon, Politeia, Feminismus, Gerechtigkeit, Staatsmodell, Wächterstand, Gleichheit, Individuum, Frauenbild, Geschlechterdiskurs, Philosophie, Antike, Erziehung, Geschlecht, Rolle der Frau.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die philosophische Frage, ob Platon in seinem Hauptwerk "Politeia" Ansätze verfolgt hat, die mit dem modernen Begriff des Feminismus vereinbar sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Auslegung der "Politeia" als Staatsutopie, der Rolle der Frau im Wächterstand und der Auseinandersetzung mit Gerechtigkeitstheorien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, ein "Für und Wider" der Feminismus-Debatte um Platon zu beleuchten, indem die Widersprüche zwischen seiner Gleichheitsthese und der staatlichen Unterordnung analysiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse und Diskursuntersuchung, die aktuelle feministische Interpretationen mit dem Originaltext Platons konfrontiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Staatsaufbaus, des Frauenbildes, der Rolle der Wächterinnen und eine Zusammenfassung der verschiedenen Forschungsansätze zur Feminismus-Unterstellung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Schlüsselwörter sind unter anderem Platon, Politeia, Feminismus, Gerechtigkeit, Staatsmodell, Wächterstand sowie die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur.
Wie bewertet die Arbeit die "Frauen- und Kindergemeinschaft"?
Das Werk stellt fest, dass die Gemeinschaft der Frauen und Kinder vor allem als Machtinstrument dient, um die Wächter von persönlichen Bindungen und egoistischen Motiven zum Wohle des Staates zu lösen.
Warum kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass Platon kein Feminist ist?
Obwohl Platon geschlechterübergreifende Eignungen betont, bleibt das Individuum in seinem Modell immer dem übergeordneten Ziel eines elitären Staatsgefüges unterworfen, was dem feministischen Grundgedanken der Freiheit entgegensteht.
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- Natalie Zoghbi (Autor), 2013, Die Frauen in Platons "Politeia". War Platon Feminist?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321056