Wertschöpfung des KASUMAMA Afrika Festivals in Moorbad Harbach

Wirtschaftsgeographische Fallstudie eines außergewöhnlichen Kulturevents in einer kleinen Waldviertler Gemeinde


Diplomarbeit, 2013

186 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problematik
1.2. Ziel der Arbeit
1.3. Vorgangsweise
1.4. Befragungen
1.4.1. Befragung der Gemeindebürger
1.4.2. Befragung der Festivalbesucher

2. Grundlagen
2.1. Kulturtourismus
2.2. Kulturpublikum
2.3. Autonome Veranstalter
2.4. Der Kulturmarkt
2.5. Events
2.6. Kultur in der endogenen Regionalentwicklung

3. Der Wert von Kunst
3.1. Kunst und Kultur – ein Menschenrecht
3.2. Kunst – ein ökonomischer Sonderfall
3.3. Versuche Kunst zu bewerten

4. Die Effekte von Kulturveranstaltungen
4.1. Organisationsausgaben
4.2. Tourismusausgaben
4.3. Steuerliche Effekte
4.3.1. Die Abzugssteuer für ausländische Künstler
4.3.2. Das Ende der Lustbarkeitsabgabe
4.3.3. Das Ende der Ortstaxe
4.3.4. Der neu gestaltete Interessentenbeitrag
4.4. Enabling
4.5. Werbeeffekt
4.6. Imagewirkung
4.7. Lebensqualität
4.8. Kompetenz- und Netzwerkeffekte

5. Das KASUMAMA Afrika Festival in Moorbad Harbach
5.1. Die Abgrenzung des Untersuchungsraumes
5.2. Analyse der Standortgemeinde
5.3. Die Voraussetzungen
5.4. Entstehungsgeschichte
5.5. Daten und Fakten
5.6. Zielsetzung

6. Involvierte Interessengruppen
6.1. Die Gemeindebürger Moorbad Harbachs
6.2. Die Besucher des KASUMAMA Festivals

7. Auswirkungen des KASUMAMA Afrika Festivals
7.1. Organisations- und Infrastrukturausgaben
7.2. Tourismusausgaben
7.3. Steuerliche Effekte
7.4. Enabling
7.5. Werbeeffekt
7.6. Imagewirkung
7.7. Lebensqualität
7.8. Kompetenz- und Netzwerkeffekte

8. Schlussfolgerungen und Empfehlungen

9. Anhänge
9.1. Gemeindebürger Fragbogen
9.2. Festivalbesucher Fragebogen
9.3. Bürgerinformationsblatt

1. Einleitung

Ein großer Teil meiner Motivation ein Wirtschaftstudium zu beginnen war es meiner Heimatregion, dem Waldviertel, auf dem Weg in eine wirtschaftlich bessere Zukunft zu helfen. Aus dieser Motivation heraus entschloss ich mich auch ein kleines Festival nicht sterben zu lassen, aus dem für meine Heimatgemeinde Moorbad Harbach ein Meilenstein in der Kulturarbeit werden sollte, das KASUMAMA Afrika Festival.

Ursprünglich eine Initiative von Gudrun Schrenk und Gerhard Dogl, die bei einem Trommelworkshop bei Norbert Schmid - der in die Tiefen des Waldviertels gekommen war um Djemben (afrikanische Trommeln) zu bauen und Unterricht in deren Spiel zu geben - die Begeisterung für die afrikanische Musikkultur erstmals erlebten, war das Festival nach seiner ersten Austragung 2001 bereits in Gefahr wieder eingestellt zu werden, nachdem der wirtschaftliche Erfolg noch ausblieb. Doch das wirtschaftliche Potential und die kulturelle Hochwertigkeit der Veranstaltung war sooffensichtlich, das ich mich nach einigen Zögern darauf einließ die Obmannschaft unddie finanzielle Haftung für die Außenstände zu übernehmen, die nach der Aufbauzeit der ersten fünf Jahre zeitweise über 20.000€ betrugen.

1.1. Problematik

Nun droht der Kulturarbeit in den ländlichen Gebieten neben den bekannten Problemen eine weitere Gefahr. Die Wirtschaftskrise und ihre Folgen hatten nachhaltige negative Auswirkungen auf die Finanzsituation der österreichischen Gemeinden und damit unmittelbar auch auf die im Hinblick auf die chronische Unterfinanzierung der einkommensschwachen Landgemeinden oft am schwersten zu argumentierenden Budgetposten der Kommunen, die Kulturausgaben. Verschärft wird die Situation durch den abgestuften Bevölkerungsschlüssel beim österreichischen Finanzausgleich, der die Aufteilung der Steuereinnahmen auf den Bund die Länder und die Gemeinden regelt.Die Abstufung im Aufteilungsschlüssel bewirkt, dass den kleineren Gemeinden pro Kopf nur ein geringerer Betrag zuerkannt wird als den größeren. So lautet es im §10 Ziffer 10 des Gesetzestextes „Gesamte Rechtsvorschrift für Finanzausgleichsgesetz 2008, Fassung vom 30.01.2011:

„(10) Der abgestufte Bevölkerungsschlüssel wird für die Jahre 2011 bis 2014 folgendermaßen gebildet:

Die ermittelte Volkszahl der Gemeinden wird

bei Gemeinden mit höchstens 10.000 Einwohnern mit 1 1/2,

bei Gemeinden mit 10.001 bis 20.000 Einwohnern mit 1 2/3,

bei Gemeinden mit 20.001 bis 50.000 Einwohnern und bei Städten mit eigenem Statut mit höchstens 50.000 Einwohnern mit 2

und bei Gemeinden mit über 50.000 Einwohnern und der Stadt Wien mit 2 1/3 vervielfacht.

Zu diesen Beträgen wird bei Gemeinden, deren Einwohnerzahl im Bereich von 9.000 bis 10.000, von 18.000 bis 20.000 oder von 45.000 bis 50.000 liegt, bei Städten mit eigenem Statut jedoch nur bei solchen, deren Einwohnerzahl im Bereich von 45.000 bis 50.000 liegt, ein weiterer Betrag dazugezählt. Dieser beträgt bei Gemeinden bis 10.000 Einwohnern 1 2/3, bei den anderen Gemeinden 3 1/3 vervielfacht mit der Zahl, mit der die Einwohnerzahl die untere Bereichsgrenze übersteigt.“ 1

Das bedeutet grob vereinfacht gesprochen, dass beispielsweise die Gemeinde Wien bei Finanzausgleich für jeden Bürger um knapp 55,33% mehr aus den Ertragsanteilen bekommt als die Gemeinde Moorbad Harbach mit ihren 674 Einwohnern (Stand 1. Jänner2012)2. Das heißt, wenn Moorbad Harbach 100€ für die Versorgung der Gemeindebürger mit kommunalen Leistungen bekommt, erhält zur selben Zeit Wien 155,33€, obwohl allen ökonomischen Gesetzen folgend die Bereitstellung von kommunalen Diensten in größeren Agglomeraten wesentlich billiger ist und die Kleingemeinden somit zweifach benachteiligt sind. Einerseits haben sie größere Kosten per Capita und andererseits weniger Ertragsanteile pro Einwohner. Das ist eine politische Entscheidung die auf keinerlei stichhaltigen Fakten beruht. Diese chronische Ungleichbehandlung der Menschen und die dadurch bedingte Unterfinanzierung der Landgemeinden bewirkt in Verbindung mit der krisenbedingt zunehmend schlechteren Finanzsituation der Kommunen ein weiteres kulturelles Ausbluten der ländlichen Regionen.

Das Konzept, dass Zentrale Orte (größere Gemeinden) zentrale Dienste für ihr Umland anbieten, wie z.B. Spitäler, mittleres und höheres Schulwesen usw., halte ich für nicht mehr ganz zutreffend. Das Spital in Gmünd ist mittlerweile eine Landesklinik und jede Gemeinde muss für jeden Schüler an die entsprechende Schulgemeinde zahlen. Im Sinne einer gerechten Steueraufteilung müssen diese angeblichen zentralen Dienste bei der Ertragsanteilsaufteilung außer Ansatz bleiben und in der Folge durch andere Verrechnungskreise verrechnet, werden, was es eigentlich in vielen Fällen (Landeskrankenhäuser!) ohnehin schon lange wird!

Verschärfend gesellt sich auch die neuere Förderpraktik der Kulturabteilung des Landes3 dazu, die bevorzugt Fördermittel an jene Projekte vergeben möchte, die größere Rückendeckung durch die Gemeinden erfahren. Und Rückendeckung bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem auch monetäre Rückendeckung. Es entsteht hier eine doppelte Zwickmühle für die engagierten Kulturmacher und autonomen Kulturveranstalter in kleineren Gemeinden: Weniger Geld von der Gemeinde und dadurch weniger Geld vom Land, was zu einer direkten Abhängigkeit der Kulturschaffenden von den Entscheidungsträgern in den Gemeinden führt.

1.2. Ziel der Arbeit

In diesem Bereich der versiegenden Kulturfördermittel besteht nun unmittelbarer Handlungsbedarf, um schon in der ersten Zeit der neuen Förderpraxis des Landes und den Einsparungen im Kulturbereich seitens der Gemeinden gewichtige Argumente für die Unterstützung der autonomen Initiativen – gerade in den ruralen Bereichen – entgegenzustellen und sie diesen für eigene Berechnungen zur Verfügung zu stellen. Denn ohne die Beteiligung der Gemeinden wird auch und besonders zukünftig keine Kulturarbeit, die diesen Namen verdient, möglich sein.

Mein Ziel ist daher die vielfältigen positiven Wirkungen von Kulturveranstaltungen auf das Gemeinwohl von Kommunen und Regionen zu beschreiben und zu berechnen um den Kulturinitiativen in ihrem oft verzweifelten Kampf ums Überleben – ich spreche da aus persönlicher Erfahrung -nachhaltig helfen zu können.

1.3. Vorgangsweise

Als Beispiel werde ich in dieser Arbeit das KASUMAMA Afrika Festival im Detail analysieren. Dankenswerter Weise haben mir meine Kollegen und Kolleginnen aus dem Vorstand von KASUMAMA, dem Verein zur Förderung des interkulturellen Austausches, ganz der offenen Vereinsphilosophie entsprechend, die Erlaubnis gegeben, sämtliche Daten für eine präzise Berechnung zu verwenden und zu veröffentlichen. Dieser erstklassige Zugang auf jeden einzelnen Beleg der Gesamtausgaben von über 130.000€ und die sehr gute Gesprächsbasis mit allen Schlüsselpersonen für diese Studie, sowie das langjährig aufgebaute Wissen um die teilweise verschlungenen Zusammenhänge eines erfolgreichen Arbeitens in diesem Bereich, soll in die Arbeit einfließen und so noch weiteren Initiativen, besonders im Waldviertel wie ich hoffe, die Chance geben auch ihren erfolgreichen Weg zu finden. Das stellt einen logischen weiteren Schritt neben meiner Arbeit zur Kooperation und zum Marketingzusammenschluss der Waldviertler Musikfestivals unter der Dachmarke www.w4musikfestivals.at dar.

Durch das präzise Datenmaterial des Vereins und zwei weitere quantitative Befragungen wird eine genaue Analyse der Auswirkungen des Festivals möglich Eine Befragung wird versuchen die soziologischen Wirkungen auf die Lebensqualität der Gemeindebevölkerung zu erfassen und die zunehmende interkulturelle Offenheit der Menschen als Asset für die zunehmend auch von Migranten geprägten Kurtourismus herauszuarbeiten.

Die zweite Befragung wird versuchen von den Besuchern des Festivals Informationen zu gewinnen, die die Aussagen zu Image- und Werbewirkung für die Gemeinde und die Region präzisieren können und die Auskunft über die Ausgaben der der Besucher in der Region geben.

1.4. Befragungen

1.4.1. Befragung der Gemeindebürger

Zwei Befragungszielgruppen sind für diese Arbeit notwendig. Die Einheimischen sollen zu Ihren Einstellungen und Erfahrungen zum Festival befragt werden und die Besucher sollen zum Konsumverhalten und der Werbewirkung des Festivals befragt werden.

Um die Auswirkungen auf die heimische Bevölkerung und ihre Einstellungen zu untersuchen muss es eine effiziente und möglichst unbeeinflusste Erhebung geben. Daher wurde der Kontakt mit der Gemeinde gesucht und in einem Gespräch mit Frau Bürgermeisterin eine Zusammenarbeit vereinbart.4

Der Vorteil einer Umfrage die von der Gemeinde mitgetragen wird ist zum ersten der, dass die Motivation der Betroffenen und damit der Rücklauf höher sein wird als bei einer „Privatumfrage“ und zum zweiten auch der, dass die Kontaktierten viel offener mit Kritik umgehen werden als bei einer Befragung durch unbekannte Dritte oder gar von Mitarbeitern des Festivals selbst.

Eine gemeinsame Überarbeitung des Fragebogens stellt sicher, dass erstens alle Fragen von der Gemeindeführung so gebilligt werden können (die Gemeinde übernimmt ja formell die Federführung als auch Teile der Arbeit der Datenerhebung) und zweitens, dass auch Fragen beinhaltet sein werden, die die Gemeindeverantwortlichen selbst in diesem Zusammenhang an die Bürger hätten. Als Anreiz wurde der Gemeinde zugesagt, dass die gesammelten Informationen aufbereitet sowie Empfehlungen erarbeitet und der Gemeinde übergeben werden.

Die Methode meiner Wahl für diese Umfrage ist ein quantitativer Fragebogen per Post mit einzelnen qualitativen Fragen, der an die Haushalte versendet wird. Jeder Haushalt erhält auf diesem Weg zwei identische Fragebögen, die von verschiedenen Haushaltsmitgliedern ausgefüllt werden sollen. Einzelne Fragebögen bergen ein zu hohes Risiko nur die Haushaltsvorstände zu erreichen. Eingesammelt werden die Fragebögen mithilfe eines amtlichen Läufers.5 Dem Läufer liegen außerdem noch weitere leere Fragebögen samt kleinen Kuverts bei um jenen die Möglichkeit zu geben sich zu beteiligen, die die Postsendung nicht erhalten oder verloren haben.

Die quantitativen Fragen sollen die Einstellung der Bürger abbilden und die qualitativen Fragen dieses Ergebnis sozusagen verifizieren, sowie Handlungsempfehlungen geben. Ich erwarte ganz handfeste Erkenntnisse wie z.B. den Wunsch nach eventuellen Tempolimits auf den Straßen im Festivalareal, oder detailliertere Informationen betreffend der Auswirkungen des Lärms oder eventueller sonstiger negativer oder vielleicht auch positiver externer Effekte des Festivals zu erhalten.

Die Entscheidung einen Fragebogen zu verwenden ist durch die praktische Überlegung entstanden sich beim Einsammeln der ausgefüllten Fragebögen des amtlichen Läufers zu bedienen. Dieser Läufer (=Gemeindemitteilung in Briefform) besteht in Moorbad Harbach aus 15 Informationsbriefen, die vom Gemeindeamt auf 15 Ausgangshaushalte verteilt werden und dann auf einer jeweils gleichen Route von Hausbesitzer zu Hausbesitzer weitergetragen werden. So durchwandert jeder Gemeindebrief (=Läufer) durchschnittlich 22 Haushalte, die alle den Erhalt bestätigen. So werden alle 330 bestehenden Haushalte sicher erfasst.6 Bei dieser Methode kann der quasi-amtliche Charakter der Befragung noch mehr unterstrichen werden und die Rücklaufquote höchstwahrscheinlich noch einmal gesteigert werden. Praktisch funktioniert das Einsammeln so, dass ein dickes (C4) Kuvert zusätzlich zum üblichen Läuferkuvert mit weiteren Informationen für die Bevölkerung von Haus zu Haus wandert. Dem Läufer selbst liegt eine Liste bei, in der die Namen derer eingetragen werden, die den Fragebogen ausgefüllt haben und an der Verlosung der 60 Sachpreise der heimischen Wirtschaft und des Festivals teilnehmen wollen (20 Gastronomie-Gutscheine zu 10€, 20 Einkaufsgutscheine zu 10€ und 20 mal 2 Gratiseintritte zum Festival). Die ausgefüllten Fragebögen werden in das große Kuvert eingeworfen.

Außerdem wird den Bürgern auch noch die Möglichkeit eingeräumt, den Fragebogen per Post zu senden, am Gemeindeamt abzugeben oder bei mir im Gasthaus abzugeben, falls sie ihn nicht zeitgerecht für den Läufer beantworten können.

Die Gründe warum ich keine andere Befragungsart gewählt habe möchte ich hier kurz erläutern:

Online-Fragebogen – Diese Form der Befragung kommt hauptsächlich bei der zweiten Umfrage zum Einsatz, die sich an die Festivalbesucher richtet. Es gibt hier ein ausgereiftes Internet-Umfragetool der Wirtschaftsuniversität Wien, das für Diplomanden zur Verfügung steht. Zur flächendeckenden Befragung der Gemeindebürger ist aber eine Umfrage im Internet kaum geeignet, zu viele besitzen in diesem ländlichen Umfeld noch kein Internet. Aus diesem Grund kommt eine derartige Erhebungaufgrund der mangelnden Repräsentativität allein nicht in Frage. Allerdings wird eine Online-Version des Fragebogens erstellt und eine Einladung zur Beteiligung an alle Empfänger des elektronischen Läufers und an alle Moorbad Harbacher Mailadressen aus der Adressdatei des Kultur-Newsletters der Holzmühle versendet um ein breiteres Meinungsbild zu erzielen und vor allem auch jüngere Menschen zu erreichen, die beim Fragebogen voraussichtlich stark unterrepräsentiert sein werden. Die erhobenen Daten der Fragebögen aus dem Läufer werden auch in das Umfragetool eingegeben und dann gemeinsam mit den Internetdaten ausgewertet.

Telefonbefragung – Das Problem einer Telefonbefragung ist der hohe Zeitaufwand durch die zeitliche Einschränkung der Befragungszeiten auf den Abend und der tendenzielle Unwille sich an einer Telefonbefragung zu beteiligen. Oft müssen Befragungstermine vorher vereinbart werden um genügend Rücklauf zu erreichen. Aber vor allem kann hier nicht er volle Vorteil der Amtlichkeit ausgespielt werden wie bei einem amtlichen Läufer. Außerdem sind aus eigener Interviewerfahrung Fragen zur Einstellung anhand einer Skala telefonisch schwieriger zu beantworten als schriftlich. Die Vorteile einer Erklärungsmöglichkeit durch den Interviewer fallen daher hier nicht so ins Gewicht. Auch die weiteren Vorteile des Telefoninterviews, wie die Vollständigkeit (bei Unklarheiten kann Unterstützung gegeben werden) das Tempo (keine Rücksendezeit, direkte Eingabe der Ergebnisse in den Computer)und die Kosten (die Druck- und Portokosten einer schriftlichen Befragung sind mittlerweile in Österreich deutlich höher als die Telefonkosten bei einem dafür ausgewählten Telefontarif) können zu Gunsten der erwarteten besseren Rücklaufquote der quasi-amtlichen Fragebogenumfrage negiert werden.

Passantenbefragung - Diese Methode ist in einer Landgemeinde nicht durchführbar. Außerdem ist sie für ein flächendeckendes Meinungsbild wie ich es hier benötige ungeeignet.

Gezielte persönliche Befragung zufällig ausgewählter Personen aus der Gemeinde per Hausbesuch oder Telefoninterview mittels Einteilung in Befragungsgruppen - Das wäre höchstwahrscheinlich die ideale Lösung, da hier die beste Auswahl über die Alters-, Berufsgruppen und sonstigen hier möglicherweise relevanten sozio-ökonomischen Gruppen getroffen werden könnte und mit zufällig ausgewählten Vertretern jeder Gruppe somit das aussagekräftigste Ergebnis heraus käme. Jedoch würde in einer kleinen Gemeinde wie Moorbad Harbach bei den Befragten nicht das notwenige Gefühl von Anonymität erreicht werden können, das bei persönlichen Befragungen so wichtig wäre. Aus Zeitgründen kann diese Methode zudem nicht verfolgt werden, da im Zuge dieser Arbeit noch zwei weitere Erhebungen durchgeführt werden müssen und das den Rahmen einer Diplomarbeit doch deutlich sprengen würde.

1.4.2. Befragung der Festivalbesucher

Bei der Befragung der Festivalbesucher kämen anhand der verfügbaren Daten grundsätzlich drei Erhebungsarten in Frage. Eine Online-Befragung auf die über die vorhandenen Mailadressen der Verteilerliste des Vereins KASUMAMA in einem E-Mail hingewiesen würde, ein Erhebung mit Fragebögen per Post, die an die Adressen in der Kartei von KASUMAMA gesendet würden, oder schließlich eine Befragung der Besucher am Festival selbst.

Hier habe ich mich zu einer Online-Befragung entschlossen, weil das eine kostengünstige Variante darstellt, die sehr schnell umsetzbar ist und den Befragten auch genug Zeit lässt um die Fragen zu beantworten. Auch ist die Identifizierung der Besucher mit dem Festival erfahrungsgemäß derart hoch, dass ein ausreichender Rücklauf gewährleistet sein sollte. Als weiteren Anreiz stellt der Verein KASUMAMA 20 Festivalpässe für die ersten 20 Teilnehmer mit vollständig ausgefülltem Fragebogen und 20 weitere Festivalpässe im Wert von je 48€ zur Verlosung unter den restlichen Teilnehmern zur Verfügung. Außerdem werden 50 Essensgutscheine für das Festival verlost. Die Einladung zur Befragung wurde über den KASUMAMA-Mailverteiler an 4.4507 Empfänger des Festival-Newsletters versendet. Ebenso wurde die Umfrage auf die Homepage des Vereins (www.kasumama.at) gestellt, um auch Interessenten anzusprechen, die nicht vom Mailverteiler erfasst sind. Um hier die tatsächlichen Besucher bisheriger Festivals herauszufiltern wird es gleich zu Beginn eine diesbezügliche Frage geben, mit der Befragte die noch nie auf dem Festival waren andere Fragen beantworten können. Die Antworten der Nicht-Festivalbesucher wurden für den Verein KASUMAMA ausgewertet und flossen nicht detailliert in die Arbeit ein. Die Anonymität der Befragten ist trotz der nötigen Eingabe der Kontaktdaten für die Teilnahme am Gewinnspiel im WU-Umfragetool gewährleistet. Es gibt dort eine eigene Eingabemaske im Fragebogen, die die getrennte Erfassung der Kontaktdaten und der Fragebogendaten ermöglicht.

Die Gründe warum ich keine andere Befragungsart gewählt habe möchte ich auch hier kurz erklären:

Fragebogen per Post – Die Kosten einer Aussendung an die rund 3.500 Postadressen des Vereins KASUMAMA beläuft sich auf über 900€. Daher wäre der finanzielle Aufwand für diese kleine Studie viel zu groß, auch wenn nur einem Teil der Adressaten die Bögen zugesendet würden. Außerdem wäre auf diesem Weg mit erheblich höherem Zeitaufwand sowohl für die Befragten also auch für den Postweg selbst zu rechnen.

Befragung am Festival – Hier würden natürlich die besten Resultate zu erzielen sein, weil man bei einer Befragung am Festival die abzufragenden Werte ganz frisch aus dem Gedächtnis der Besucher erfragen könnte. Man könnte zielgenau die Zielgruppe befragen und könnte auch versuchen einen repräsentativeren Querschnitt über die sozioökonomischen Gruppen der Besucher zu erhalten. Auch ist aufgrund des enorm positiven Images des Festivals die Kooperationswilligkeit der Besucher sehr groß, wie frühere Befragungen ergaben. Sie fühlen sich wie die ehrenamtlichen Mitarbeiter auch verpflichtet ihren Beitrag zum Gelingen zu leisten.

2. Grundlagen

2.1. Kulturtourismus

Die Definition des Kulturtourismus ist nicht einfach. Bezeichnete man in früheren Erklärungsversuchen oft nur den Besuch von Objekten und Veranstaltungen auf hoher künstlerischer, historisch bedeutsamer8 oder eventuell noch auf brauchtümlicher Ebene als kulturell motivierten Tourismus, setzt sich heute eine umfassendere und meinem Empfinden nach richtigere Definition durch, die auch das Erleben der Alltagskultur am Zielort mit einbezieht. Es geht dabei um Atmosphäre und emotionalen Kontakt, der die Basis für das modernere Verständnis von Reisemotiven darstellt. In diesem ganzheitlichen Kulturbegriff werden der Mensch und seine Lebenswelt selbst zu einem kulturtouristischen Anziehungspunkt.9

Kulturtourismus wurde in vielerlei Weise zu gliedern versucht. Eine öfter verwendete Gliederung in Objekt-Kulturtourismus (Burgen, usw.), Gebiets-Kulturtourismus (Landschaften, ...), Ensemble-Kulturtourismus (Städte, usw.), Ereignis-Kulturtourismus (z.B. Festivals), Gastronomischer Kulturtourismus (z.B. Weinlese) und Fern-Kulturtourismus (Ethnoreisen, u.Ä.) von Jätzold10 mag für sich schlüssig sein, ein Erkenntnisgewinn für die praktische Umsetzung eines differenzierten Marketings ist hier aber nur sehr eingeschränkt möglich.

Brauchbarer erscheint für die Zwecke dieser Arbeit die Gliederung des Kulturtourismus nach Heinze. Für ihn liegt die Trennlinie einfach zwischen der klassischen Form des Kulturtourismus, der die Chance zur Hebung der Einkünfte aus dem Tourismus in der Erschließung von Orten Regionen und Ländern unter Betonung ihrer kulturellen Eigenart und Leistung sieht und mit dem Begriff Authentizität umrissen werden kann, und dem erlebnisorientierten Kulturtourismus.11

Der Ausgangspunkt für die hier betrachteten Kulturveranstaltungen und ihre Besucher ist somit der erlebnisorientierte Kulturtourismus.Der Begriff „ Erlebnis “ ist in den letzten Jahren zum wesentlichen Bestandteil beinah jedes touristischen Angebotes geworden und wenn eine Kulturveranstaltung touristische und somit überregionale Bedeutung haben soll, kommt man auch hier um den Erlebnischarakter nicht herum.

„Erlebnis“ ist begrifflich zwischen „Sensation“ und „Erfahrung“ einzuordnen. Es definiert sich nicht am äußeren Anlass wie die „Sensation“ (= das unerhörte, einmalige Erlebnis), sondern an den Gefühlen, die etwas Äußeres im Individuum hervorrufen. Diese Gefühle sind weniger dramatisch als die mit dem Wort „Sensation“ assoziierten, haben jedoch bleibenden Erinnerungswert und sind von hervorgehobener Bedeutung.

In Abgrenzung zu „Erfahrung“ hat das „Erlebnis“ eine stärkere Bindung an den äußeren Anlass. „Erfahrungen“ hingegen sind auch ohne herausragende, objektiv nachvollziehbare Anlässe in der Umwelt möglich12.

Die „Erfahrung“ ist somit ein wesentlicher Teil des authentischen Kulturtourismus der ein Erleben z.B. der Kulturlandschaft, von Sehenswürdigkeiten oder der persönlicher Lebenswelten in den Vordergrund stellt.

Der indieser Arbeit diskutierte Eventtourismus hat nun im Gegensatz dazu eine extrem starke Bindung an den Anlass. Eventtourismus gleicht einer Mischung aus Erlebnishunger, Bewegungslust und Happening zugleich. Das gebotene Spektakel ist eigentlich nur der Anlass, also „das“ gesellschaftliche Ereignis, um sich massenhaft in Bewegung zu setzen: Erlebnismobilität der besonderen Art. 43% der deutschen Bevölkerung strömen einmal im Jahr zu derartigen Massenspektakeln, die Erlebnisse und Wir-Gefühle vermitteln. Am meisten sind Open-Air-Konzerte gefragt. 13% der Bevölkerung ab 14 Jahren besuchen einmal im Jahr eine derartige Veranstaltung.13 Die Zahlen für Österreich werden wohl ähnlich sein.

2.2. Kulturpublikum

Oliver SCHEYTT wies schon im Jahr 2004 darauf hin, dass die Kulturmacher die wichtigste Akteursgruppe, nämlich das Publikum, nicht wirklich im Blickfeld haben, weil sie sich nicht ernsthaft genug mit ihren Erwartungen auseinandersetzen: „Wer geht zur Kultur? Welche Interessen hat das Publikum? Wie erreichen wir neue Publikumsschichten?“.14 Die Frage „Der Zuschauer – wer ist das? ... die große Unbekannte?“15 ist im aktuellen kulturpolitischen Diskurs tatsächlich ernst gemeint und wirft ein bezeichnendes Licht auf die Kulturszene. Jetzt, wo der Legitimationsdruck durch die wachsende Finanznot der Kommunen wächst, wird plötzlich nach dem Adressaten gefragt. Zu groß sind die Versäumnisse und Fehleinschätzungen der Kulturszene in den letzten Jahren gewesen.16

Wohin diese mangelnde Publikumsfokussierung der Kulturpolitik geführt hat erläutert Opaschowski sehr schlüssig in seinem Beitrag zum 3. Deutschen Kulturpolitischen Bundeskongress im Jahr 2005:

Das Kulturpublikum bleibt gespalten. Groß ist nach wie vor die Kluft zwischen höher gebildeten und bildungsfernen Schichten, wenn es um die Nutzung öffentlicher Kulturangebote geht. Offensichtlich kann die Kulturpolitik Versäumnisse der Bildungspolitik kaum oder gar nicht mehr ausgleichen. In allen Bereichen der Kultur - der Hochkultur genauso wie der Breitenkultur - dominieren die höher gebildeten: Beim Besuch des Theaters (+ 15 Prozentpunkte), des Konzerts (+ 12), der Oper (+ 8), des Balletts (+5) und des Museums (+ 23). Selbst beim Popkonzert (+ 24 Prozentpunkte) oder im Kino (+ 27) sind die Besucher mit höherer Bildung deutlich überrepräsentiert.17 Zwischen Nutzern und Nichtnutzern liegen Welten.

Die kulturelle Spaltung („cultural divide“) nimmt eher zu als ab. Das Gerede von der Wissens-, Bildungs- und Kulturgesellschaft zerplatzt wie eine Seifenblase, wenn fast jeder zweite Bürger in Deutschland nie eine Oper, ein Konzert oder ein Theater besucht (45%). Daraus folgt: Das existierende Kulturangebot ist ein Nischenmarkt für Minderheiten. Unter den Nichtbesuchern sind Hauptschulabsolventen fast viermal so häufig vertreten (48%) wie Befragte mit Gymnasialabschluss (14%). Dadurch werden bildungsferne Schichten von lebensbereichernden Angeboten weitgehend ausgeschlossen. Die aktive Teilnahme am kulturellen Leben ist aber nicht nur eine Bildungsfrage. Noch mehr Sorgen sollte den Kulturpolitikern und -machern die Tatsache bereiten, dass sich die Schere zwischen Besuchern und Nichtbesuchern weiter öffnet. Mit anderen Worten: Immer mehr bleiben zu Hause. Landbewohner (41%) sowie Bezieher von Haushaltsnettoeinkommen unter 2.500 Euro (50%) sind in der Gruppe der Nie-Besucher deutlich überrepräsentiert.18

Als Lösung für dieses Problem schlägt Opaschowski unter anderem eine Auflösung der Grenze zwischen Hoch- und Breitenkultur vor da er den Schritt zwischen diesen beiden Seiten als wesentlich leichter einschätzt als den Schritt vom Nichtbesucher zum Besucher. Somit können Menschen über dem Umweg über die viel marktorientiertere Breitenkultur viel eher für die sogenannte Hochkultur begeistert werden:

Das Denken in Kategorien von Angebot und Nachfrage erklärt schließlich die Attraktivität breitenkultureller Angebote wie Popkonzerte (37%), Sportveranstaltungen (56%) oder Freizeitparks (58%). Hier „bringen“ innovatives Marketing und professioneller Vertrieb Angebote zu den Menschen und sprechen und ziehen auf diese Weise viele Interessenten an. Das können Live-Entertainment-Angebote, aber auch kreative Produktionen sein. Die Bundesbürger gehen lieber ins Kino (68%) als ins Theater (55%), mehr ins Musical (41%) als in die Oper (23%) und besuchen öfter Open-Air- (40%) als Klassik- Konzerte (29%) In der öffentlichen Förderung der Kulturangebote sollten die Grenzen zwischen Hoch- und Breitenkultur fließender werden. Beide ergänzen sich und schließen sich nicht gegenseitig aus.19

Damit kann als Handlungsempfehlung für die Politik gelten, dass wenn man Nichtkulturkonsumenten zur Hochkultur bringen will, das am besten über die Breitenkultur machen kann. Somit dürfen diese Bereiche keinesfalls zu kurz kommen.

Für die optimale Nutzung einer Veranstaltung für den Tourismus vor Ort und für die Gewinnung der Kulturbesucher als nachhaltige Gäste für die heimischen Betriebe wäre es für die Tourismusverantwortlichen extrem wichtig sich Strategien für die optimale Ausnutzung der positiven Wirkungen einer Veranstaltung zu überlegen. Auch die Unterstützung der Tourismusvereine oder anderer Träger könnte an die Umsetzung derartiger Strategien gekoppelt sein. Hier eine systematische Aufstellung von Vorgehensweisen um eine optimale Verbindung zwischen Gemeinede/Region und Veranstaltung herzustellen:

Grafik: Strategien zur Integration von Events mit Destinationen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Zur Funktionsweise von Sportevents20

Co-Branding ist die systematische Zusammenarbeit zweier etablierter Marken zur besseren Vermarktung ihrer jeweiligen Produkte.Die Marken sind jedoch weiterhin unabhängig und bleiben auch als eigenständig erkennbar.21 In diese Richtung gibt es schon Vorgespräche der von mir ins Leben gerufenen Dachmarke der Waldviertler Musikfestivals mit der Brauerei Zwettl, die zum Ziel hat, der Festivalkooperation auf den Bierflaschen von Zwettler Bier im Festivalsommer Präsenz zu geben und im Gegenzug Zwettler Bier als das Bier der Waldviertler Festivals zu positionieren. Im Moment kaufen die verschiedenen Festivals bei drei verschiedenen regionalen Brauereien.

Match-Up Hypothese beschreibt zwei Produkte, die werbetechnisch miteinander verbunden werden sollen und wo angenommen wird, dass der zu erzielende Effekt größer ist, wenn das Image der Produkte ähnlich ist.22 Diese Hypothese spielt im Imagetransfer des Sponsorings eine bedeutende Rolle. Die Zielgruppen der Hauptsponsoren und des KASUMAMA Afrika Festivals überschneiden sich deutlich. Daher führt die Werbung der Sponsoren auch immer zu Besuchen und Einkäufen der Festivalbesucher in den Firmenwelten von Sonnentor, GEA und Zwettler.

Am weitesten gehen Bundling-Techniken, wo Angebote von mehreren Attraktionen in einer Destination mit dem Eventals touristisches Paket zu einem Einheitspreis verbunden werden könnten. Ein klassischer Fall wäre z.B. ein Wellness-Wochenende in der Region mit einem inkludierten Festivalticket anzubieten. Die Niederösterreich-Card ist auch eine Aktivität genau in diese Richtung und könnte für das Festival ein möglicher Partner sein. Bemühungen hier ein Reisebündel mit einem Reisebüro anzubieten sind bisher leider gescheitert.

Um ein Mindestmaß an Nutzen für eine Region aus einem Event wie einem Festival zu ziehen, ist eine zentrale Koordinationsstelle wichtig, die eine thematische Koordination des Festivals mit dem Umfeld übernimmt. Die dazu von Chalip und Leyns vorgeschlagene, als „ Event-Leveraging23 bezeichnete Strategie zielt darauf ab, die Ausgaben der Besucher zu maximieren, sowie die der Ortsansässigen konstant zu halten. Das Ausgabeverhalten von Eventbesuchern kann sich nämlich stak von dem anderer Touristen unterscheiden, weshalb ohne entsprechende Maßnahmen Mehreinnahmen in der erhofften Höhe ausleiben können!24

Die Strategie des „Event-Leveraging“ funktioniert laut CHALIP am besten durch Einführung eines gemeinsamen oder der Nutzung des bestehenden Eventthemas, das z.B. Impulskäufe der Besucher auslösen soll.

Bei Musikfestivals ist das eine eher schwierige, aber keine unlösbare Aufgabe. Etwa beim Musikfestival in Waidhofen an der Thaya gibt es eine beispielhafte Umsetzung des Event-Leveraging in Form des „Warming-Up-Days“, an dem in allen Lokalen der Stadt am Vorabend des Festivals Musik zum Besten gegeben wird, bevor sich das Geschehen am Gelände des Folkclubs konzentriert. Aber auch beim KASUMAMA Afrika Festival gäbe es Möglichkeiten in diese Richtung zu arbeiten und zu einer besseren Kooperation mit den heimischen Tourismusbetrieben abseits einer bloßen Zimmervermittlung oder einer Restzimmerbörse an der Festivalkasse zu finden. Am Ende könnte hier sogar eine gemeinsame Programmierung und Ausrichtung des Festivals stehen.

Moorbad Harbach mit seinem Laufzentrum und der Ausrichtung der Hotel-Werbekooperation Xundheitswelt auf Laufsport, könnte beispielsweise eine hervorragende Kulisse für ein Laufevent mit afrikanischer Beteiligung bieten und so die hervorragenden Verbindungen des Afrika Festivals nutzen. Oder das Testimonial der Xundheitswelt, Chris Lohner, könnte von einer anderen Seite kennengelernt werden: sie engagiert sich intensiv für Hilfsprojekte in Afrika. Hier könnte das „Testimonial Lohner“ mit noch mehr positiver Emotion „aufgeladen“ werden. Beispiele zu sinnvollen Verknüpfungen zwischen Event- und Tourismusverantwortlichen gäbe es noch viele. Ich würde in jedem Fall dem Tourismusverein dazu raten Events auf ihre Eignung für die touristische Promotion „abzuklopfen“, hier vorbehaltlos und nüchtern zu analysieren und schließlich den Kontakt zu den autonomen Veranstaltern nicht nur misstrauisch zuzulassen sondern zu suchen.

2.3. Autonome Veranstalter

Aber auch bei den Kulturveranstaltern selbst fehlt es oft an touristischem Weitblick. Die meisten Veranstalter sehen sich leider nur als Kulturmanager und nicht auch als Kulturtouristiker. Die Herkunft der Gäste einer Veranstaltung (ob Touristen oder Einheimische) hat daher für sie keinerlei Bedeutung. Doch da der der Besuch durch Nächtigungstouristen (es werden von Nächtigenden bis zu viermal so hohe Ausgaben getätigt als von Tagestouristen - mehr Information dazu in Kapitel 4.2.) eine viel höhere Wertschöpfung in der Region auslöst, wird ein Veranstalter gut beraten sein diese Fakten nicht aus den Augen zu verlieren und sich eng mit den Touristikern und anderen Stellen zu vernetzen.

Fast alle Veranstalter sind auf Unterstützung angewiesen, sei es durch finanzielle Zuschüsse, oder nur durch die auftretende Müll-, Lärm- oder Verkehrsproblematik. Hier gibt es nun endlich einen Bereich wo ein Veranstalter seiner Gemeinde oder Region etwas zurückgeben kann und wo sich zukünftig viel Austausch mit dem Tourismus ergeben wird. Denn im Arbeitsfeld der Tourismusverantwortlichen ist zunehmend der Trend zu beobachten, dass sie sich zunehmend mit Veranstaltungs-organisation beschäftigen müssen um ihre Destinationen durch Veranstaltungen im Gespräch zu halten.25

Als Beispiel für die Wirkung von Veranstaltungen z.B. auf die Präsenz im Internet kann hier ein Vergleich in Moorbad Harbach zwischen dem beinahe völlig ehrenamtlich betriebenen KASUMAMA Afrika Festival und der äußerst professionellen und wirtschaftlich sehr erfolgreichen Xundheitswelt, einer Marketing-Kooperation vom Moorheilbad Harbach, dem Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs, dem Lebens.Resort Ottenschlag, dem Brauhotel Weitra, der Waldpension Nebelstein, der Pension Kristall sowie der Pension Nordwald dienen.

Bei Veranstaltungen multipliziert sich die Werbewirkung gegenüber herkömmlicher Werbung über Leute die davon berichten, die Bilder ins Internet stellen, Gruppen bilden und vieles mehr. So kommt auch die erstaunliche Tatsache zustande, dass bei einer Suche nach „KASUMAMA“ in der Suchmaschine Google 44.700 Hits angezeigt werden, während bei der Suche nach „Xundheitswelt“ lediglich 11.700 Hits erzielt wurden.26 Im Vorfeld des Festivals im Juni 2012 hat sich die Lücke noch weiter vergrößert: 147.000 Hits für KASUMAMA im Vergleich zu 19.700 für die Xundheitswelt.27 Hier erweist sich ganz klar der VorteilWerbung und PR für oder über ein Event zu machen, das die Menschen berührt und sie zum Austausch über die modernen Medien bewegt, denn viele dieser Hits sind einfach die Einträge von Fans und Besuchern, die durch Ihre emotionale Verbindung zu Werbeträgern werden.

In Moorbad Harbach gab es auch schon einen missglückten Versuch die Destinationswerbung mit einem Großevent zu beleben. Von 2001 bis 2008 veranstaltete die Xundheitswelt, ein großes Erntedankfest mit Hauptschauplatz in Moorbad Harbach, das nach hervorragenden Besucherzahlen von mehr als 4.500 Gästen leider aufgrund schrumpfenden Besucherinteresses wieder eingestellt werden musste. Der Versuch die gesamte Inszenierung bäuerlicher Kultur allein zentral undkommerziell durch die Mitarbeiter des Moorheilbades und die Hilfe der angeschlossenen Bauern des Ökologischen Kreislaufs Moorbad Harbach durchzuführen scheiterte leider. Dem Fest fehlte unglücklicherweise die Seele, die ein Erntedankfest ausmacht. Hier wäre es ganz wichtig gewesen dem Gast als Erlebnis z.B. die echte Freude der Bauern über eine erfolgreiche Ernte fühlbar zu machen.

Derartige Inszenierungen lassen sich nicht mit bezahlten Mitarbeitern glaubhaft erzählen. Die Stimmung eines Erntedankfestes muss von einheimischen Akteuren erzeugt werden, aber genau das fehlte aber hier leider in erheblichem Maß. Statt einer Einbeziehung der örtlichen Bevölkerung und eventuell von Vereinen in einem Versuch das Fest zu einer Feier des ganzen Ortes werden zu lassen, kam bei den letzten Erntedankfesten schon das Bundesheer mit einer Leistungsschau zum Einsatz, was für sich gesehen ein interessanter, publikumswirksamer Programmpunkt ist, doch war hier die Szenerie nicht mehr schlüssig. Events brauchen eine funktionierende Inszenierung. Hier hätte eine enge Zusammenarbeit zwischen den Touristikern und den veranstaltungserfahrenen Vereinen ein Ansatzpunkt zu Rettung der Veranstaltung sein können. Geteilte Einnahmen hätten über die lange Sicht doppelte Einnahmen werden können.

Es ist wichtig einen Knowhow-Transfer zwischen Tourismus und Kulturvereinen oder Vereinen und Feuerwehren, die sehr stark die regionale Kultur verkörpern zu forcieren. Es würde sich oft lohnen die beiden Bereiche mehr zu verknüpfen und voneinander lernen zu lassen. Eitelkeiten sind hier fehl am Platz, denn jeder kann etwas Wichtiges beitragen. Nachdem klar ist, dass Events entscheidendes zum Marketing eines Ortes beitragen können sind Touristiker gut beraten auf vorhandene oder aufkommende Initiativen zu reagieren und sie, wenn irgend möglich, in ihre Überlegungen mit einzubauen.

Ein erster Schritt könnte hier der Versuch sein derartige touristische Events mit Nächtigungswirkung gemeinsam zu terminisieren und auf touristisch weniger frequentierte Zeiträume zu legen, dafür könnte im Gegenzug der Tourismus finanzielle Unterstützung anbieten. Oder die Vertreter des Tourismus könnten als Mindestvoraussetzung mit den Festivalveranstaltern eine „Restplatzbörse“ an den Festivalkassen ermöglichen, wo man dann Auskunft über freie Zimmer geben könnte. Viele kleine erste Schritte würden sich hier anbieten.

2.4. Der Kulturmarkt

Kultur und ihre Ausdrucksform, die Kunst, trägt einen erklecklichen Teil zum Bruttonationalprodukt der westlichen Staaten bei. Die OECD schätzt beispielsweise die Beiträge der Kulturindustrie in Kanada mit 3,5% (2002), in Frankreich mit 2,8% (2003), in Großbritannien mit 5.8% (2003) und in den USA mit 3,3% (2002) ein.28

Laut einer 2006 veröffentlichten Studie der EU-Kommission trägt der Kulturbereich 2,6 % zum BIP der EU bei und beschäftigt mindestens 5,8 Millionen Europäer – mehr Menschen als insgesamt in Griechenland und Irland zusammengenommen berufstätig sind. Darüber hinaus liegen seine Wachstumsraten über dem Durchschnitt der übrigen Wirtschaftssektoren.

Ján Figeľ, der für allgemeine und berufliche Bildung, Kultur und Mehrsprachigkeit zuständige Europäische Kommissar meinte bei der Studienpräsentation:

„Diese Studie trägt dazu bei, mit überkommenen Vorstellungen vom kulturellen und kreativen Sektor aufzuräumen. Sie bestätigt, dass Kunst und Kultur wirtschaftlich keineswegs eine marginale Rolle spielen. Ganz im Gegenteil bieten sie viele Arbeitsplätze und tragen als Wirtschaftssektor zur Innovation sowie der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der EU, ihrer Regionen und ihrer Städte bei. Der Kultursektor ist die Triebkraft der Kreativität, und Kreativität ist die Grundlage für soziale und wirtschaftliche Innovationen. Ich bin fest davon überzeugt, dass in der EU Kunst und Kultur als ein dynamischer wirtschaftlicher und sozialer Stimulus bei der Schaffung von mehr Wachstum sowie mehr und besseren Arbeitsplätzen wirken.“

In dem Text werden der direkte Beitrag (zum BIP sowie zu Wachstum und Beschäftigung) sowie der indirekte Beitrag (Zusammenhang zwischen Kreativität und Innovation, Verknüpfungen mit dem IKT-Sektor, mit der Regionalentwicklung und der Attraktivität der Regionen) des kulturellen und kreativen Sektors zur Verwirklichung der Lissabon-Agenda herausgestellt. Nachstehend folgen die Hauptergebnisse der Studie:29

In wirtschaftlicher Hinsicht:

- Der Sektor trug 2003 2,6 % zum EU-BIP bei, was über dem Beitrag der Chemie-, Gummi- und Kunststoffindustrie lag (2,3 %).

- Der Sektor beweist mit einem wachsenden Anteil an der Wirtschaftstätigkeit seine Leistungsfähigkeit.

- Das Wachstum des Sektors zwischen 1999 und 2003 lag um 12,3 % über dem Wachstum der europäischen Wirtschaft insgesamt.

- Der Umsatz betrug mehr als 654 Milliarden Euro im Jahre 2003

In sozialer Hinsicht:

- 5,8 Millionen Menschen (2004) arbeiteten in dem Sektor, was 3,1 % der Gesamtzahl der Beschäftigten in der EU der 25 entspricht, mehr als die Gesamtzahl der in Irland und Griechenland Berufstätigen zusammengenommen.

- Während die Beschäftigung in der EU im Zeitraum 2002-2004 zurückging, stieg die Beschäftigung in dem Sektor (+1,85 %) in diesem Zeitraum an.

- Somit wird durch die Studie bewiesen, dass Ausgaben für Kultur solide Investitionen sind.

In der Studie wird auch eine kohärente Strategie für den kreativen Sektor gefordert und sie enthält ein Bündel von strategischen Empfehlungen, mit deren Hilfe das „Lissabon-Potenzial“ der Kulturwirtschaft in Europa freigesetzt werden soll.

Die vorgeschlagene zukünftige Strategie setzt sich aus drei Hauptteilen zusammen:30

- Verbesserte Beschaffung statistischer Nachweise für die Bedeutung des Kultursektors in Europa;

- Verstärkung des Beitrags zur Erreichung der Ziele der Lissabon-Strategie durch intensivere Nutzung der EU-Programme, Förderung der Kreativität, Zusammenfassung von Technologie und kreativen Aktivitäten in gemeinsamen Plattformen, Förderung von Investitionen in Kulturindustrien und Einbeziehung der Kulturdimension in internationale Kooperationsvereinbarungen zwischen der EU und Drittländern;

- Strukturreform über eine verstärkte Koordinierung von Aktivitäten und Maßnahmen mit Auswirkungen auf den kulturellen und kreativen Sektor innerhalb der Europäischen Kommission.

Diese Einschätzung der Europäischen Kommission ist beeindruckend. Doch wo liegen die Gründe für diese erfreuliche Entwicklung des Kulturmarktes? Was ist der Hintergrund für die Hinwendung und ist die Kulturindustrie gut genug aufgestellt um diesen Trend zu nützen? Hier möchte ich eingangs wieder den Zukunftsforscher Horst Opaschowski mit seinem Vortrag beim 3. Kulturpolitischen Bundeskongress im Jahre 2005 zitieren31:

„Die Zukunft wird zunehmend der Sinnorientierung gehören – realisiert in der Formel: Von der Flucht in die Sinne zur Suche nach dem Sinn. Die Sinnorientierung wird zur wichtigsten Ressource der Zukunft und zu einer großen Herausforderung der Wirtschaft werden. Denn mit jedem neuen Konsumangebot muss zugleich die Sinnfrage „Wofür das alles?“ beantwortet werden. Zukunftsmärkte werden immer auch Sinnmärkte sein – bezogen auf Gesundheit und Natur, Kultur, Bildung und Religion.

Ist die Kulturpolitik auf diesen Sinnes-Wandel angemessen vorbereitet? Oder muss die traditionelle „Angebots“-Orientierung der Kultur um eine neue „Nachfrage“-Orientierung, also um eine Kulturpolitik vom Publikum aus erweitert werden? Auf den ersten Blick bietet die Kulturszene ein blamables Bild: Weniger statt mehr Publikum, Hochkultur für wenige statt Breitenkultur für viele. Die Kulturanbieter haben zunehmend mit Konkurrenten außerhalb des eigenen Lagers zu kämpfen, weil nicht nur die Interessenvielfalt der Besucher, sondern auch das außerkulturelle Angebotsspektrum zunimmt.

Zum Bildungsanspruch gesellt sich der Unterhaltungswert. Auch Liedersänger, Straßenkünstler und Kabarettisten, Popsänger und Kinostars können Anregungen zum Nachdenken geben. Die Weltkonferenz der UNESCO brachte schon 1982 in ihrer kulturpolitischen Erklärung von Mexiko-Stadt zum Ausdruck, dass die Kultur nicht nur Kunst und Literatur einschließt, sondern auch Lebensformen und Wertsysteme, wodurch der Mensch befähigt wird, über sich selbst nachzudenken und nach neuen Sinngehalten zu suchen. Das macht noch immer den qualitativen Unterschied zwischen Kultur und Konsum aus. Mit Kultur ist immer auch ein Sinnanspruch verbunden. Für die Zukunft gilt: Kultur, die den Unterhaltungswert vernachlässigt, also keinen Gesprächsstoff liefert und keine Diskussionen auslöst, hat einen schweren Stand. Zur Kultur gehört der Konversationscharakter: Kultur „sagt etwas“ und regt zum Gedankenaustausch an: „Man redet darüber“ – und zwar über Inhalte und nicht nur über Verpackungen. Das bloß Kontemplative wird im modernen Kulturverständnis ein kommunikativer Prozess: Macher und Mitmacher, Akteure und Zuschauer tauschen sich aus, auch im Streit. Das Kulturangebot macht aus Unterhaltung Interaktivität mit Gleichgesinnten. Im Einzelfall kann das gemeinsame Kulturerlebnis mit Freunden fast die Bedeutung einer „zweiten Familie“ bekommen.

Wenn es der Kulturpolitik gelingt, den sozialen Rahmen dafür zu schaffen, also Gelegenheiten und Treffpunkte für kulturelle Ereignisse zu arrangieren, dann bekommt auch der kommunikative Kern der Integrationskultur als E- und U-Kultur (ernste Kultur und Unterhaltungskultur) einen neuen Sinn und der Anteil der Kulturinteressenten und - besucher wird wieder steigen.“

Grafik: Kulturelle Zukunftspotenziale

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Freizeitwirtschaft – Die Leitökonomie der Zukunft32 (Befragung aus Deutschland)

In seinem Szenario für die nächsten Dekaden erwartet der Zukunftsforscher Horst Opaschowski 33 mehr Veranstaltungen mit Eventcharakter in den Tourismusdestinationen:

In Zukunft werden viele Städte dazu übergehen, einen eigenen Kultursommer zu kreieren, eine Art fünfte Jahreszeit, die allen Städtetouristen und Daheimurlaubern Kulturangebote rund um die Uhr bietet: Festivals und Open-Air-Konzerte, Theaterpremieren und Kunstausstellungen, Kultur- und Kreativwochen. Eine Mischung aus Rock und Rokoko, Sommerakademie und Festspiel.

Für die Zukunft trifft zu: Der Kultursektor wächst schneller als die Gesamtwirtschaft. Kultursponsoring macht die Kultur auch für die Privatwirtschaft attraktiv. Der Wachstumsfaktor Kultur hört auf, ein bloßer Kostgänger des Staates zu sein. Jeder vom Staat für das Theater ausgegebene Euro kommt erfahrungsgemäß mindestens ein- bis zweimal wieder zurück. Kultur zahlt sich aus, lockt Touristen in die Stadt und macht Subventionen langfristig zu Investitionen, wenn die Kulturpolitik ihre Berührungsängste gegenüber breitenkulturellen Angeboten im Bereich von Enter-, Info- oder Edutainment aufgibt. Auch Eventkultur ist Stadtkultur. Eine breite öffentliche Diskussion über das Kulturverständnis und die kulturelle Grundversorgung, auf die alle Bürger einen Anspruch haben, steht in Deutschland noch aus.“

2.5. Events

Touristische Events, die zur Unterhaltung der anwesenden Besucher dienen sind nicht mit Event-Tourismus gleichzusetzen, wo Events zum Hauptmotiv einer Reise werden.34 Touristisch relevante Events zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie die Eventbesucher zu einem vorübergehenden Ortswechsel veranlassen, meist verbunden mit einer oder mehreren Übernachtungen. Ist der vorübergehende Ortswechsel für den Eventbesuch dagegen nicht notwendig, kann nicht von einer

direkten touristischen Relevanz des Events gesprochen werden, da die Eventbesucher keine Reise im tourismuswissenschaftlichen Verständnis hin zu der Veranstaltung unternehmen.“35

Anhand dieser Betrachtung der Wirkungen von Kulturveranstaltungen ist für eine Veranstaltung wie ein Musikfestival die Bezeichnung Event angebracht, da dieser Begriff auch all die nötigen Vernetzungen und große mögliche Breitenwirkung aufzeigt, die meiner Ansicht nach hier erzielt wird. Der Begriff Event bezeichnet etwas einmaliges, oder zumindest seltenes, etwas das sich von anderen Ereignissen abhebt und als Mischung aus Happening und dem Stillen des Erlebnishungers inszeniert wird. Eventtourismus ist daher die logische Folge der zunehmenden kulturbezogenen Reisegestaltung und des gestiegenen Erlebniskonsums der Touristen. Auch den ortsansässigen Bewohnern bieten Events Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und Erhöhung der Lebensqualität. Es sind Inszenierungen mit hohem Erlebnisfaktor und großer Emotionalität. Events erfordern definitionsgemäß auch die zielgerichtete und systematische Planung des Erlebens durch den Veranstalter und sind daher auch hervorragend als Marketinginstrument einsetzbar. Eventmanagement und Eventmarketing sind daher eines der am schnellsten wachsenden Teilsegmente der Tourismuswirtschaft. Die Salzburger Land Tourismus GmbH hat mittlerweile eine eigene Abteilung für Eventmarketing.36

Wie professionelles Eventmanagement, erfordert die Festivalkonzeption und die oftmals mit ehrenamtlichen Mitarbeitern durchgeführte Umsetzung einen so komplexen Ansatz, dass die Schritte professioneller Eventorganisation hier wichtig sind. Ich folge hier der Ablaufgrafik und der Erklärung der Eventorganisation nach MATZKA et al.

Grafik: Phasen der Eventorganisation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Kultur-Tourismus37

In der POTENZIAL- UND VORBEREITUNGSPHASE muss das Potenzial des ausgewählten Veranstaltungsortes beurteilt werden. Ist die nötige Eventinfrastruktur vorhanden, hat der Ort die nötige Attraktivität für ein Event, wie ist die Kapazität der örtlichen Tourismuswirtschaft und die Erreichbarkeit? Das sind die wichtigsten Fragen, die zu beantworten sind. Oftmals sind Festivals nun aber ein von Idealisten aus dem Ort geplantes Happening und der Standort wird daher nicht anhand der Bedingungen ausgewählt die er bietet. Trotzdem müssen diese Potenziale des Veranstaltungsortes durchdacht und beim Fehlen nach Alternativen gesucht werden.

So gibt es beim KASUMAMA Afrika Festival einen Shuttledienst, der die mangelnde öffentliche Erreichbarkeit des Ortes wettmachen soll. Daneben gibt es ein intensives Lärmschutzprogamm, das die Auswirkung auf die nahegelegene Kuranstalt minimieren soll. Darunter fallen die Überwachung der Musiktechnik (immer stärkeres Herausnehmen der Bässe zu späterer Stunde) der Besucher (Einrichtung abgeschirmter Bereiche für das nächtliche Trommeln der Besucher) Permanente Rücksprache mit dem Moorheilbad, Informationsaushang im Moorheilbad um die Bedeutung der Veranstaltung in das richtige Licht zu rücken, große Ermäßigungen für Kurgäste und freier Eintritt für die Anrainer. Die Ausstattung des Beobachtungsraums mit touristischer Infrastruktur ist im Falle von Moorbad Harbach gut. Trotzdem werden auch jährlich die Tourismusvereine der Nachbarorte eingeladen ihre Zimmerlisten auf der Homepage von KASUMAMA zu veröffentlichen und der Shuttledienst steht auch spätabends zur Verfügung um den fehlenden öffentlichen Verkehr zu ersetzen.

Außerdem wurde durch kluge Beteiligung an der Planung des Genossenschaftsabwasserkanals dafür gesorgt, dass die Hauptkanaltrasse geändert und über das Festivalgelände gelegt wurde. Außerdem wurde im Zuge der Kanalarbeiten auch gleich ein Anschluss für das Festivalgelände eingebaut und gleichzeitig alle Versorgungsleitungen von Wasser bis Strom mit verlegt. Das war nur möglich durch enge Kooperation mit den handelnden Personen beim Bau des Kanals, der Abwassergenossenschaft und der Gemeinde.

In der BEREITSTELLUNGSPHASE wird bei großen Events ein Komitee gegründet, in dem die beteiligten Interessensgruppen wie Vereine oder öffentliche Stellen beteiligt sein sollen. Bei Musikfestivals ist dieses Involvieren der betroffenen Gruppen besonders wichtig, weniger, weil sich die Durchführung selbst so schwierig darstellt, sondern weil immer große externe negative Effekte zu erwarten sind.

Gerade bei Events gibt es in der Personalplanung immer den Gegensatz von bezahlten und unbezahlten Arbeitern. Das gilt insbesondere für Megaevents wie Olympische Spiele oder eben Events wie Musikfestivals, die oft ebenso nur durch ehrenamtliche Mitarbeit möglich werden. Hier Spannungen zu vermeiden verlangt viel Fingerspitzengefühl und ein ausgeklügeltes System von unbaren Benefits für die Helfer.

Die Finanzplanung steht ebenso immer in einem Spannungsfeld zwischen dem öffentlichen Interesse und der privatwirtschaftlichen oder Vereinsstruktur. Hier steht immer ein möglicher Gewinn einem finanziellen Engagement der öffentlichen Hand, der Sponsoren und vielleicht der Tourismusverbände gegenüber. Daraus ergibt sich naturgemäß die Frage, was wird mit möglichen Überschüssen geschehen, wenn andererseits öffentliche Gelder zur Unterstützung fließen? Zu den selbst generierbaren Mitteln zählen die Ticketeinnahmen, Gastroeinnahmen oder Merchandisingumsätze.

Marketing umfasst hier im Besonderen die Schätzung des Besucherpotentials, die Organisation eines flächendeckenden Vorverkaufs, der heute oft über Banken, eine gemischte Struktur mit Internetshop wie Ö-Ticket oder eine reine Internetplattform wie Eventjet erfolgen kann, Zusammenarbeit mit Reiseveranstaltern und nicht zuletzt kommunikationspolitische Maßnahmen wie Medienkampagnen, Plakatserien oder Ticketverlosungen bei einschlägigen Veranstaltungen.

Rechtsfragen umfassen hier vor allem Vertragsrecht, Unfallhaftungsfragen, Versicherungen der ehrenamtlichen Mitarbeiter und die Ausfallhaftung.

In der DURCHFÜHRUNGSPHASE wird das Dienstleistungsbündel des Events muss stimmig für die Gäste umgesetzt sein. Nachkorrekturen sind nur sehr bedingt möglich, weil die Leistung als Dienstleistung gleichzeitig erstellt und konsumiert wird. Leistungen der Medien und der umgebenden Tourismuswirtschaft wirken begleitend.

In der ERGEBNIS- UND NACHBEARBEITUNGSPHASE ist es wichtig die Wirkung auf die Konsumenten und die Tourismuswirtschaft zu erheben. Das kann einerseits mit Befragungen und andererseits mit Gästestatistiken wie Autozählungen, Website-Zugriffszählungen u. Ä. erfolgen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Event erfordert in manchen Definitionen in der Literatur eine Mindestgröße. Doch ein Event ist sicher nicht an der absoluten Größe festzumachen, denn das Wort „Groß-“ ist hier eine sehr relative Bewertung. Aus regionaler Sicht können Veranstaltungen sogar schon als Großevents bezeichnet werden, wenn sie eine hohe Event-Intensität haben. Die Event-Intensität drückt in Analogie zu Tourismusintensität aus, wie die lokalen Kapazitäten zu einem bestimmten Grad aus- oder überlastet werden, z.B. durch das Verhältnis von Besuchern zu Einwohnern, oder den Anteil der Eventgäste an allen Gästen des Ortes.39

Die meisten Großveranstaltungen entstehen aus nicht-touristischen Anlässen, doch gerade ihre systematische Nutzung für den örtlichen Tourismus kann das ursprüngliche touristische Angebot möglicherweise sehr gut ergänzen. Inwieweit die Veranstaltung in das Marketing des Ortes einbezogen werden soll hängt von den möglichen Synergien oder möglichen Widersprüchen zu den sonstigen Angeboten ab. Es ist aber auch möglich ein Event bewusst als wichtiges Marketinginstrument einzusetzen. Der Schiort Ischgl ist ein wichtiger Vertreter dieses Ansatzes.

Ischgl – Erfolg mit Eventmarketing!40

Manche Orte haben die Tourismuswerbung ganz auf Eventmarketing ausgerichtet. Ischgl verzichtet auf Vermarktung durch Werbeagenturen und setzt voll auf die Eventschiene. Ischgl hat pro Jahr 170.000 Ankünfte und 8.800 Betten. Im Winterhalbjahr 1996/97 wurden 920.843 Nächtigungen gezählt, wovon 90% Ausländer sind. Seit Anfang der 90er gibt es diese Konzentration auf Eventmarketing. Es gab den größten Schneemann der Welt, ein Wintermärchen von Schneekünstlern, die Mailänder Scala hatte ihren ersten Open-Air-Auftritt, es gab eine Modenschau mit Naomi Campbell. Im Skysurfen wurde ein Weltrekord aufgestellt.

Zum Abschluss der Saison im April gab es auf 2.300m immer das Frühlingsschneefest mit Openair-Konzerten mit Stars wie Jazz Gitty, Boney M., Hot Chocolate, Elton John, John Bon Jovi, und Tina Turner. Der Aufwand für Tina Turner und Elton John betrug 440.000€ bzw. 580.000€ und bewirkte 24 Vollbelegstage im April mit einem Umsatz von 29 Millionen Euro. 1998/99 wurde der Thriller „Die Skitour“ von Curt Faudon, der in Ischgl gedreht wurde auf einer Großbildleinwand zur Saisoneröffnung gezeigt. Der Ischgler Tourismusverband hat ein Jahresbudget von 2 Millionen Euro, das diese Events mit zusätzlichen Sponsoren ermöglicht. Diese Investitionen sind dazu gedacht in den Städten in Süddeutschland im Gespräch zu bleiben, denn 78% der Gäste kommen aus dem süddeutschen Raum.

Doch Events sprechen oft ein anderes als das bestehende Publikum an, daher besteht immer die Gefahr, dass andere Zielgruppen verschreckt werden. Besonders in einem Kurort wie Moorbad Harbach wird eher die Ruhe als Event-Aktion gesucht.41 Aus diesem Grund muss hier besonders auf ein gedeihliches Nebeneinander geachtet werden.

Trotzdem darf niemals vergessen werden, dass eine Diversifizierung der Gästeschichten immer auch eine große Chance darstellt. Es kommt für die Tourismusverantwortlichen darauf an mit diesen Eventgästen klug umzugehen und den Veranstalter im Gegenzug für die gezielte Unterstützung ebenso in die Pflicht zu nehmen. Unterstützungsmöglichkeiten sind für den Tourismus im Idealfall der bewusste Einbau der Veranstaltung in das Ortsmarketing, die Verteilung von Werbematerial für das Festival (Messen, Versand von Infomaterial und Prospekten) oder auch eine direkte finanzielle Unterstützung. Die Veranstalter sollten im Sinne einer möglichst guten Zusammenarbeit ihrerseits alles tun um die gewonnenen Gäste für die Region zu begeistern. Sie kennen Ihre Zielgruppe und sollten daher versuchen genau für sie maßgeschneiderte Attraktionen in der Umgebung zu bewerben.

2.6. Kultur in der endogenen Regionalentwicklung

Der ehemalige deutsche Präsident Johannes Rau sagte einmal: „Kultur soll nicht das Obers auf dem Kuchen sein, sondern die Hefe im Teig.“ Das ist ein Schlüsselsatz, der das Potenzial zum Ausdruck bringt, das der Kultur innewohnt. Kultur kann, wenn sie richtig unterstützt wird, das endogene Regionalentwicklungspotenzial enorm fördern. Ein ganz wichtiger Effekt von Kulturveranstaltungen ist die Bildung von Kompetenzen und Netzwerken in der Region. Es steigt das Ortsimage und Lebensqualität, was die Basis für ein innovatives Milieu und somit Innovationen bildet, die der entscheidende regional beeinflussbare Bestimmungsfaktor von Wirtschaftswachstum sind.42

Schon die Existenz eines Events wie dem KASUMAMA Afrika Festival oder des Musikfests Waidhofen beweist eine enorme endogene Kraft zur Entwicklung, die der Abwanderung und der strukturellen Schwächung durch den Verlust von geistigem Potential entgegentritt. Es gibt nicht viele Hebel an denen die Politik in diesem Bereich gegen die starke Entleerung des ländlichen Raums stellen kann, aber die Kulturpolitik ist einer davon.

In Moorbad Harbach wirkt nach dem Aufhalten der großen Abwanderung seit dem Jahr 1980 (konstante Bevölkerung mit ca. 700 Einwohnern) das Rezept Tourismus alleine langsam nicht mehr. Es kommt wieder zu einem Schrumpfen der Bevölkerung. Ein Grund könnte die „Abwanderung der 2. Generation“ sein. Das ist eine meines Wissens noch nicht eingehend untersuchte Erscheinung in Orten, wo es durch die Schaffung von touristischen Arbeitsplätzen bei nicht gleichzeitiger Entwicklung weiterer höherwertiger Branchen (sehr gut in Moorbad Harbach zu beobachten) wieder zu einer starken Abwanderung der gut ausgebildeten Jugend kommt. Mit dem höheren Familieneinkommen der touristisch Beschäftigten wird ihren Kindern eine bessere Ausbildung ermöglicht, was zu einer Überqualifikation für die bestehenden touristischen Arbeitsplätze führt. Diese Arbeitsplätze werden dann zunehmend von einpendelnden Kräften oder Gastarbeitern übernommen (im Moorheilbad gibt es schon eine größere Menge an ostdeutschen Therapeuten), während sich der eigene Ort weiter entleert, wenn es nicht zu einem Zuzug der neuen Einpendler kommt. In Moorbad Harbach ist das heute das Problem:Es gibt unter den einpendelnden Beschäftigten keinen Zuzug.

Ein Versuch, der auch in Moorbad Harbach unternommen wurde und jetzt wieder wird, ist die Belebung der Orte durch Dorferneuerungsvereine. Nach 1945 priorisierte die Kulturabteilung der Landesregierung Niederösterreichs vor allem noch die Renovierung von Baudenkmälern und den Erhalt des Niederösterreichischen Tonkünstlerorchesters;Kulturinitiativen entstanden vor Ort und nicht auf zentrale Initiative. Man war mit einigen Festspielen zufrieden, denn im Bewusstsein der Menschen war verankert, dass sich „Kultur“ in Wien abspielte und Sommerfestspiele wurden rein als touristische Anziehungspunkte gefördert. Erst zu Beginn der 80igerjahre wurde der von Hilmar Hofmann geprägte Ruf „Kultur für alle“43 auch in Niederösterreich langsam wahr. Kulturinitiativen wurden vermehrt gegründet und Bühnengasthäuser entstanden.44

In dieser Zeit (1985) wurde auch die Dorferneuerung in Niederösterreich vom damaligen Landeshauptmannstellvertreter Dr. Erwin Pröll ins Leben gerufen. Seitdem hat die Dorferneuerung die Entwicklung des Landes NÖ mitgeprägt. Sie begann mit einer Initiative zur Dorfverschönerung, die blinder Renovierungswut Berater zur Seite stellte, die dafür sorgten, dass der Charakter eines Dorfes erhalten blieb. Das geschah auch im Hinblick auf den Fremdenverkehr. Aus dieser architektonisch ausgerichteten Dorferneuerung heraus wurden schließlich im Herbst 2003 fünf Schwerpunkte für die zukünftige Dorferneuerung gesetzt, die nunmehr auch „Geistige Dorferneuerung“ umfassen soll:

- Soziale Aufgaben auf Dorfebene erfüllen können
- Bildung und Kultur
- Wirtschaft
- Siedeln, Bauen und Wohnen
- Verkehr und Mobilität45

Vor allem im Bereich Bildung, Kultur und (Tourismus-)Wirtschaft ergeben sich zahlreiche Berührungspunkte mit der Kulturpolitik des Landes, die nunmehr versucht Initiativen anzuregen, die dann von der Dorfgemeinschaft selbst getragen werden. Seit dem Jahr 2000 entstanden durch die Dorferneuerung Themendörfer, wie das Mohndorf Armschlag. Der Gedanke dahinter ist, Besuchern einen Anlass zu bieten einen Ort aufzusuchen. Aber auch darstellende Kunst wurde auf diesem Weg gefördert, so entstand das Theaterdorf Ziersdorf, das Passionsspieldorf Dorfstetten oder das Kulturdorf Reinsberg.46

In diesem Geist verabschiedete unabhängig davon auch der Kulturausschuss des Deutschen Städtetages 1997 in Hanau eine Erklärung zu Kulturpolitik und Bürgerengagement, in dem Kultureinrichtungen und somit implizit auch Kulturautoritäten aufgefordert werden, dass kulturelle Aktivitäten so umgesetzt werden sollen, dass sie von der Bevölkerung nicht nur als Besucher aufgesucht, sondern als Förderer unterstützt werden.Wobei „Förderung“ Engagement in Form von materieller Hilfe (Mäzenatentum, Sponsoren und Stiftungen) umfasst, aber vor allem auch Engagement in Form von Einbringung intellektueller und sozialer Kompetenzen der Bevölkerung als wichtige Ressource der Kulturpolitik bedeutet.47

Daher sollten Kultureinrichtungen, Kulturpolitiker und in weiterer Konsequenz Tourismusverantwortliche:

- sich die vielfach vorhandene kulturelle, künstlerische und soziale Kompetenz der Bürgerschaft zunutze machen
- engagierten Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zur gestaltenden Mitwirkung in Kultureinrichtungen geben
- die freiwillige und ehrenamtliche Mitarbeit von Bürgerinnen und Bürgern suchen und fördern
- mit einem zeitgemäßen Fund-Raising nicht nur die Finanzierungsstruktur verbessern, sondern auch ihre Verankerung in der Bevölkerung stärken (Friend-Raising)48

Das ist ein sehr wichtiger Anknüpfungspunkt für jeden Versuch eine Destination mit einem kulturellen Event oder einem Thema zu beleben. Die Dorferneuerung bietet hier sehr gute Werkzeuge, die von den Verantwortlichen zum Aufbau einer touristischen Nutzung von Events angewendet werden können. Als Vorstandsmitglied der Dorferneuerung „pro Lauterbach“ und des Tourismusvereins musste ich leider erleben, wie der Tourismusverein die Mitarbeit geradezu ausschlug, es kam in all den Jahren zu keinem konstruktiven Gespräch, das das zweifellos vorhandene Potential der Dorferneuerung für den Tourismus nutzbar gemacht hätte.

3. Der Wert von Kunst

3.1. Kunst und Kultur – ein Menschenrecht

Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte sieht das Recht auf kulturelle Selbstbestimmung und die damit verbundene freie Entwicklung der Persönlichkeit als so wesentlichen Bestandteil des menschlichen Lebens an, dass es sogar in zwei getrennten Artikeln Erwähnung findet:49

Artikel 22

Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.

Artikel 27

1. Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.

2. Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen.

Am Rande: Um diese hier verlautbarte kulturelle freie Entfaltung der Persönlichkeit zu gewährleisten ist auch die Einhaltung der entsprechenden Freiheitsrechte (Gedanken- Gewissens- und Religionsfreiheit sowie Meinungsfreiheit und Recht der Minderheiten auf ihr eigenes kulturelles Leben) essenziell.50

Zur Durchsetzung dieses Menschenrechts hat sich aus Anfängen im Schauspielhaus Wien 2003 eine interessante Aktion in Zusammenarbeit mit der Armutskonferenz herausgebildet: „ Hunger auf Kunst und Kultur “. Zu Beginn nur auf das Schauspielhaus beschränkt, gibt es heute die Aktion österreichweit in sechs Bundesländern - Wien, Salzburg, der Steiermark, Oberösterreich, Vorarlberg, Tirol und der Stadtgemeinde Tulln - und mehr als 450 Kulturveranstalter sind Partner.

Hier Auszüge aus der Tätigkeitsbeschreibung:51

Die Teilhabe am kulturellen Leben ist ein Grundrecht, das in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert ist, jedoch immer mehr Menschen aufgrund steigender Armut verwehrt bleibt. Hier hilft die Aktion "Hunger auf Kunst und Kultur" mit dem "Kulturpass", der sozial benachteiligten Menschen den freien Eintritt in zahlreiche Kultureinrichtungen ermöglicht.

Zu Gute kommen soll diese Aktion allen, die gerne am kulturellen Leben teilnehmen möchten, es sich aber nicht leisten können: Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, die Sozialhilfe oder Mindestpension beziehen, Menschen mit Notstandshilfe und Flüchtlinge. Diverse soziale und karitative Hilfsorganisationen, Beratungs- und Betreuungsstellen sind für die Ausgabe des Kulturpasses verantwortlich. In Wien und in der Steiermark ist auch das Arbeitsmarktservice (AMS) Ausgabepartner.

Jede Kultureinrichtung, die Partner der Aktion ist, ermöglicht KulturpassbesitzerInnen einen unentgeltlichen Eintritt. Sie ist für die Finanzierung dieser Karten u.a. durch Spenden von Privatpersonen, Institutionen oder Sponsoren selbst verantwortlich. In jenen Kultureinrichtungen, die über begrenzte Sitzplätze verfügen, sind in der Regel Kontingente für KulturpassbesitzerInnen vorgesehen. Der/die KulturpassbesitzerIn kann bzw. muss reservieren.

Fest steht, Kunst und Kultur ist für die menschliche Entwicklung wichtig. Doch aus welchem Grund ist ein derartig elementares Bedürfnis trotzdem so schwer finanzierbar, Stichwort:„hängt am Tropf der Steuerzahler“ und ist trotzdem noch

immer kein allgemein leistbares Gut geworden? Dieser Frage liegen - unter Anderem - tiefergehende ökonomische Wirkungsweisen zugrunde, die ich im Folgenden möglichst verständlich aufklären möchte.

3.2. Kunst – ein ökonomischer Sonderfall

Kunst ist Schön, macht aber viel Arbeit.52 - Die Kunst als öffentliches Gut mit meritorischem Charakter53:

In der volkswirtschaftlichen Theorie wird zwischen privaten, öffentlichen und meritorischen Gütern unterschieden. Öffentliche Güter zeichnen sich durch zwei Eigenschaften aus, die gleichzeitig vorliegen müssen: Nichtrivalität im Konsum und Nichtanwendbarkeit des Ausschlussprinzips. Diese zwei Eigenschaften sind wie folgt definiert:

1. Öffentliche Güter, z.B. „innere Sicherheit“, „Landesverteidigung“ etc., können von mehreren Individuen konsumiert werden, ohne dass dabei zusätzliche Kosten entstehen oder ein anderes Individuum in der Nutzung beeinträchtigt wird. Im Gegensatz dazu kann ein privates Gut nicht von zwei Individuen gleichzeitig konsumiert werden, es herrscht Rivalität im Konsum.

2. Bei privaten Gütern kann jedes Individuum von der Nutzung eines Gutes ausgeschlossen werden, wenn es nicht bereit ist, den jeweiligen Marktpreis zu bezahlen. Da aber niemand von der Nutzung eines öffentlichen Gutes, beispielsweise von der Nutzung der Landesverteidigung, ausgeschlossen werden kann, würde sich auch niemand finden, der freiwillig dafür bezahlt (Trittbrettfahrerverhalten daraus folgt Marktversagen bei öffentlichen Gütern). Es existiert daher kein Anreiz für ein privates Wirtschaftssubjekt, ein öffentliches Gut anzubieten. Aus diesem Grund entstehen für die Gesellschaft Kosten bei der Bereitstellung erwünschter öffentlicher Güter, wodurch eine politische Entscheidung über den Umfang des Angebots an öffentlichen Gütern unabdingbar ist.

Die Frage, ob Güter tatsächlich existieren, die sich säuberlich durch die oben genannten Eigenschaften charakterisieren lassen, kann in der ökonomischen Theorie nicht eindeutig mit „ja“ oder „nein“ beantworten werden. In jedem Fall existieren mehrere Grenzfälle, die wie folgt gruppiert werden54:

- Güter, die sich durch Nichtrivalität im Konsum kennzeichnen, aber ausschließbar sind: Eine Webseite im Internet, für deren Nutzung eine Gebühr zu entrichten ist, ist beispielsweise für alle Besitzer eines Computers mit Internetanschluss verfügbar.

- Güter, die als nicht ausschließbar betrachtet werden, für die aber doch Rivalität im Konsum besteht. Ein Beispiel hierfür wäre die Situation einer überfüllten Straße mit Verkehrsstau.

- Güter, die ihrer Natur nach privat sind, die aber wie öffentliche Güter behandelt werden. Zum Beispiel ist der Besuch einer kulturellen Veranstaltung dem Wesen nach ein privates Gut: Er ist ausschließbar und weist Rivalität im Konsum auf. Das Angebot der Kulturveranstaltung als öffentliches Gut hängt daher von der politischen Entscheidung des Staates ab.

Die Legitimität einer staatlichen Einmischung in den Markt wurde durch die Einführung des Begriffes „ meritorisches Gut“ durch MUSGRAVE theoretisch fundiert. Ein meritorisches Gut (meritorisch - veraltet für „verdienstvoll“) ist ein Gut, bei dem die Nachfrage der Privaten hinter dem gesellschaftlich gewünschten Ausmaß zurückbleibt.55 Der Begriff bezeichnet Güter, die ein Mensch unabhängig von seiner individuellen Leistung „verdient“.Beispiele sind für meritorische Güter Leistungen im Gesundheits- und Bildungswesen, Kunst, Kultur, Sport etc. Umgekehrt bezeichnet man ein Gut als „ demeritorisch “, wenn dessen Nachfrage über dem gesellschaftlich erwünschten Maß liegt und daher behindert werden sollte. Beispiele hierfür sind Alkohol, Tabak, Drogen etc.56

Aus dem Zurückbleiben des Absatzes wird in der Regel abgeleitet, dass er durch staatliches Handeln gefördert werden sollte, auch wenn die Bereitstellung der Güter weiterhin privatwirtschaftlich erfolgt. Diese Förderung meritorischer Güter wird Meritorisierung genannt.57 Dieser Eingriff des Staates in die Konsumentensouveränität ist nur zu rechtfertigen, wenn die individuellen Präferenzen verzerrt sind. Dafür gibt es u.a. vier Hauptgründe: Die Unkenntnis über den Nutzen bestimmter Güter, das heißt unvollständige Informationen, dann irrationales Verhalten, wie das Nichtanlegen des Sicherheitsgurtes oder der Konsum von Drogen, weiters die Nichtbeachtung externer Effekte (Beispiel: die Besitzerin eines denkmalgeschützten Hauses hat keinen über das Bewohnen hinausgehenden Nutzen, der darüber hinaus gehende Nutzen für die Passanten muss durch Auflagen oder Subventionen gesichert werden.) undinsbesondere die Minderschätzung zukünftiger Bedürfnisse (Beispiel: Sozialversicherungspflicht).58

Dem Staat wird in diesen Fällen zugebilligt, dass er den wahren Nutzen besser erkennen kann als Einzelne. Die Legitimation erhält der Staat durch die Bürgerbeteiligung am politischen Entscheidungsprozess über meritorische Güter durch Wahlen. Bei Kunst- und Kulturgütern kann der meritorische Charakter etwa aus dem Intrinsischen Nutzen von McCarthy59, wie etwa kognitivem Wachstum, Stärkung der sozialen Bande oder schlicht einem Bildungs- und Erziehungseffekt abgeleitet werden.

Eine zweite ökonomische Besonderheit besteht in dem Problem, dass sich menschliche Arbeit im Kulturbetrieb nur in geringem Maße automatisieren lässt. Daher kann die Produktivität kaum gesteigert werden. Sänger, Musiker und andere darstellende Künstler brauchen Ruhezeiten, die ihnen auch tariflich zugesichert sind. Ein effizienteres Proben oder Kürzungen der Stücke haben immer Auswirkungen auf die Qualität. Diese Besonderheit, die hier im Kulturbetrieb und auch in anderen Dienstleistungen und im öffentlichen Sektor auftritt, wird als „ Baumol´s Disease “ oder Kostenkrankheit bezeichnet. Sie wurde 1966 in der Studie „Performing Arts – the Economic Dilemma“ von Baumol und Bowen beschrieben, die seither das Basiswerk der Kunstökonomie darstellt.60 Sie endeckten dabei eine Gesetzmäßigkeit, nach der die Produktivität der Arbeit und der Gesamtvolkswirtschaft durch neue Technologien ständig steigt. Somit steigt auch der Wert der Arbeit. Dieser Wert der Arbeit bleibt aber in den produzierenden Künsten gleich, obwohl auch dort der Preis für die Arbeit langfristig im gesamtwirtschaftlichen Maß steigen muss. Diese Schere zwischen Produktivität und Arbeitskosten kann nach Ansicht dieser Theorie nur durch – immer steigende – öffentliche Zuschüsse geschlossen werden.

[...]


1 http://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung/Bundesnormen/20005610/FAG%202008%2c%20
Fassung%20vom%2030.01.2011.pdf abgerufen am 26.04.2012

2 http://de.wikipedia.org/wiki/Moorbad_Harbach abgerufen am 26.04.2012

3 aus einem Gespräch mit dem Leiter der Abteilung für Regionalkultur des Landes NÖ Herrn Hofrat Mag. Andreas Lebschik im Jahr 2010.

4 Telefonat am 1. Februar 2011

5 Ein Läufer ist eine altbewährte, in manchen Landgemeinden noch verwendete Methode um die Gemeindebevölkerung durch Weitertragen einer amtlichen Mitteilung von Haus zu Haus zuverlässig zu verständigen. Der Erhalt wird auf einer beigelegten Liste mit Datum und Unterschrift bestätigt.

6 Auskunft des Gemeindesekretärs Walter Pichler am 14.04.2011

7 Stand 2. Februar 2011, laut Auskunft von Frau Mag. Katrin Pröll, der Koordinatorin des KASUMAMA Afrika Festivals.

8 vgl. Eder (1993), S. 165

9 vgl. Wolber (1997), S. 54

10 Jätzold (1993), S. 138

11 vgl. Heinze (2009), S. 120

12 Heinze (2009), S. 120

13 Opaschowski (2002), S. 248

14 Scheytt (2004), S. 48

15 Iden (2004), S. 77

16 vgl. Opaschowski (2005), S. 5

17 Ebenda, S.7

18 Opaschowski (2005), S. 8

19 Ebenda, S. 7

20 Hallmann Kirstin (2010),S. 61

21 Ebenda, S. 43

22 Chalip, Leyns (2002), S. 134

23 Ebenda, S. 135

24 Daniels, Norman (2003), S. 216

25 vgl. Matzka et al. (2003), S. 99

26 Testsuche in der Suchmaschine Google am 14. 04. 2011

27 Testsuche in der Suchmaschine Google am 03. 06. 2012

28 Gordon, Beilby-Orrin (2007), S. 6

29 Presseaussendung Nr. IP/06/1564, Brüssel, den 15. November 2006, http://europa.eu/rapid/press-release_IP-06-1564_de.htm

30 Presseaussendung Nr. IP/06/1564, Brüssel, den 15. November 2006: http://europa.eu/rapid/press-release_IP-06-1564_de.htm

31 Opaschowski (2005), S. 2ff.

32 Opaschowski, Pries, Reinhardt (2007),S. 267

33 Opaschowski (2005), S. 16

34 vgl. Freyer (2004), S.605

35 Scherhag (1998), S. 89

36 Matzka et al., (2003),S. 99

37 Matzka et al., (2003),S. 102

38 Matzka et al., (2003), S. 103

39 Freyer Walter (2005), S. 64

40 Matzka et al. (2003), S. 104

41 Freyer (2005), S. 74

42 Zakarias (2005), S. 86

43 Hoffmann (1979),Titel

44 vgl. Hotz (2010),S. 75ff

45 vgl. http://www.dorfwiki.org/wiki.cgi?DorfErneuerung

46 vgl. Hotz (2010),S. 75ff

47 vgl. Heinze (2009), S. 72

48 vgl. Heinze (2009), S. 72

49 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

50 Sommermann (1997), S. 245

51 www.hungeraufkunstundkultur.at abgerufen am 16.11.2012

52 Zitat von Karl Valentin

53 vgl. Felderer et al.(2008), S. 12ff

54 vgl. Althaler et al. (1999), S. 32

55 vgl. Musgrave (1994), S. 126

56 vgl. Felderer et al. (2008), S. 13ff

57 http://de.wikipedia.org/wiki/Meritorisches_Gutam 14.11.2012

58 ebenda, am 14.11.2012

59 McCarthy et al. (2004), Summary-S. xiii

60 Baumol, Bowen (1966), S. 42ff

Ende der Leseprobe aus 186 Seiten

Details

Titel
Wertschöpfung des KASUMAMA Afrika Festivals in Moorbad Harbach
Untertitel
Wirtschaftsgeographische Fallstudie eines außergewöhnlichen Kulturevents in einer kleinen Waldviertler Gemeinde
Hochschule
Wirtschaftsuniversität Wien  (Institut für Wirtschaftsgeographie & Geoinformatik)
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
186
Katalognummer
V321079
ISBN (eBook)
9783668206083
ISBN (Buch)
9783668206090
Dateigröße
2509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wertschöpfung, kasumama, afrika, festivals, moorbad, harbach, wirtschaftsgeographische, fallstudie, kulturevents, waldviertler, gemeinde
Arbeit zitieren
Markus Müller (Autor:in), 2013, Wertschöpfung des KASUMAMA Afrika Festivals in Moorbad Harbach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321079

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