Gesellschaftskritik in japanischen Kriminalromanen der Gegenwartsliteratur


Hausarbeit, 2013
11 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1 Einführung

2 Einblick in die Geschichte der Entwicklung des japanischen

Kriminalromans

3 „Umarmung des Todes“ und „Teufelskind“ - zwei Shakaiha-

Kriminalromane von Kirino Natsuo

4 Gesellschaftskritik in Kirino Natsuo Kriminalroman: Unterschicht,

Prekariat und die Stellung der japanischen Frau

5 Zusammenfassung und Fazit

6 Literaturverzeichnis

1. Einführung

Der Kriminalroman in Japan ist ein noch relativ junges Genre und trotzdem kann man Japan als ein „Krimi-Land“ bezeichnen. Der moderne japanische Krimi wird in Japan von allen Bevölkerungsschichten gelesen, er erfreut sich einer Millionenauflage und Kriminal-Serien sind aus dem japanischen Fernsehen nicht mehr wegzudenken. Die japanische Eisenbahngesellschaft JR bietet sogar „Mystery-Touren“ an, bei denen man berühmten Autoren und deren Geschichten auf die Spuren gehen kann. Auch an Universitäten gibt es fest etablierte Krimi- Clubs, von privaten Institutionen ganz zu schweigen. Der japanische Kriminalroman ist aus der modernen japanischen Literatur nicht mehr wegzudenken, er überzeugt ähnlich wie die westlichen Vorbilder, mit Spannung und einer subtilen Sozial- und Gesellschaftskritik. Vor allem in den letzten Jahren hat sich der japanische Krimi auch in Europa und Amerika durchsetzen können, nach wie vor ist die japanische Literatur aber in der englischen Sprache weitaus besser erschlossen als in anderen Sprachen.

Nachfolgend werde ich einen kurzen Einblick in die Entwicklungsgeschichte des japanischen Kriminalromans geben. Weiterhin wird der Kriminalroman der japanischen Gegenwartsliteratur mein Schwerpunkt sein. Dabei werde ich besonders auf die japanische Schriftstellerin Kirino Natsuo eingehen, die sich durch mehrere gesellschaftskritische Bücher als junge Autorin in der japanischen Literaturwelt etabliert hat. Ihre Romane beschäftigen sich dabei vor allem mit einer verzweifelten japanischen Unterschicht, weshalb ihre Krimis auch oft als „neoproletarische Literatur“ bezeichnet werden.

In meiner Zusammenfassung möchte ich einen kurzen Ausblick auf die Entwicklung der japanischen Kriminalliteratur geben, dabei versuche ich auch einen Vergleich mit dem europäischen Markt herzustellen.

Der japanische Kriminalroman wird in Japan nach wie vor als Kulturinstitution für einen westlichen Lebensstil verstanden1. Das von vielen Krimi-Autoren oft benutzte Prinzip des „locked room“ ist zum Beispiel so in Japan nicht möglich - da es in den traditionellen japanischen Häusern keine abschließbaren Zimmer gab. Der Vergleich von japanischen Krimis, die die westliche Kriminalliteratur als Vorbild nahmen, ist deshalb umso spannender, da sich in den Jahren nach dem Krieg eine eigene unabhängige japanische Kriminalroman-Form entwickelt hat.

Japanische Personennamen werden in dieser Arbeit nach japanischer Art geschrieben, d.h. zuerst den Familiennamen und dann den Vornamen.

2. Einblick in die Geschichte der Entwicklung des japanischen Kriminalromans

Der japanische Kriminalroman ( - tantei shosetsu) entwickelte sich gegen 1890 und ist deshalb eine relativ junge Gattung der japanischen Literatur. Der Krimi des „westlichen Stils“ hat in der Meiji-Zeit (1868-1912) Eingang in die japanische Literatur gefunden2. 1889 wurde der erste japanische Kriminalroman „Grausam“ ( - muzan) von Kuroiwa Ruiko veröffentlicht. Dies geschah fast

50 Jahre nach der Veröffentlichung von Edgar Allen Poes „Der Doppelmord in der Rue Morgue“. Seine Hochzeit erlebte der japanische Krimi um die 1920er Jahre, zu diesem Zeitpunkt zeichneten sich die Geschichten durch groteske Horror- Szenarien à la Edgar Allan Poe aus. Der berühmteste Vertreter vor dem zweiten Weltkrieg war der Schriftsteller und Literaturkritiker Edogawa Rampo (

), der als Begründer der japanischen Kriminalliteratur gilt. Sein Pseudonym, dass an die japanische Aussprache von Edgar Allan Poe angelehnt ist, zeigt seine Bewunderung für den amerikanischen Schrifsteller. Auch der Stil seiner Romane ähnelt dem amerikanischen Vorbild. Für Japan ist Edogawa Rampo das Statussymbol aller Kriminalgeschichten - jährlich wird der nach ihm benannte Edogawa-Rampo-Preis für Kriminalromane verliehen. Zum Ende der 50er Jahre hin entwickelte sich ein sozialkritischer und gesellschaftskritischer Kriminalroman

( - shakaiha), der das groteske und den Horror für eine Weile verdrängte.

Später, in den 1980er Jahren wurden Themen wie soziale- und politische Korruption Mittelpunkt in den japanischen Kriminalgeschichten. Auch ein westlicher Realismus findet sich nun in der japanischen Literatur wieder. In den späten 80er und 90er Jahren beschäftigten sich japanische Krimi-Autoren zunehmend mit einer Selbstbeobachtung und den Gefühlen und Problemen der Protagonisten.

Der japanische Nachkriegskrimi ist jedoch für viele Literaturwissenschaftler ein uneiniges Phänomen. Zwischen authentischen Krimis und gesellschaftskritischen Inhalten finden sich auch hard-boiled Elemente in der japanischen Kriminalliteratur wieder. In den letzten Jahren zeichnet sich dennoch in der Literaturlandschaft eine Homogenität aus, in dem alle Krimiarten unter dem Begriff „misuteri“ ( ) zusammengefasst wurden. Dieser Begriff umfasst alle Litraturarten, die eine Mischung aus Abenteuer, Schauer und/oder einen psychologischen Detektiv- oder Kriminalroman enthalten3. Unter den genannten Arten erfreuen sich die shakaiha-Krimis (gesellschaftskritische Krimis) und die hard-boiled Krimis der größten Beliebtheit. Auch heute noch sind sie ein fester Bestandteil der japanischen Unterhaltungsliteratur4.

Da die Terminologie für japanische Kriminalromane sehr vielseitig ist, werde ich mich in dieser Arbeit auf die gängigen Begriffe beziehen und die deutschen Termini „Krimi“ oder „Kriminalroman“ verwenden.

3. „Umarmung des Todes“ und „Teufelskind“ -

zwei Shakaiha-Kriminalromane von Kirino Natsuo Kirino Natsuo ist neben dem Roman-Autor Murakami Ryu die zweite wichtige Instanz der innerjapanischen Japankritik5. In ihren beiden Romanen „Umarmung des Todes“ (im Japanischen „OUT“) sowie „Teufelskind“ (im Japanischen „I'm sorry, Mama“) betreibt sie eine Entlarvung des japanischen Systems nach der Wirtschaftskrise und zeigt den verzweifelten Kampf japanischer Individuen um die Freiheit in einer Kontrollgesellschaft. Beide Romane sprengen die typischen Krimi-Genre-Grenzen. Es finden sich Horror-, Abenteuer- aber auch psychologischen Elemente, die es wiederum schwer machen, beide Romane als reine Krimis zu verstehen. Kirino Natsuos erstes Werk „Umarmung des Todes“ erschien aber im Gewand eines gesellschaftskritischen Krimis (shakaiha).

Die Hauptcharaktere in Kirinos Erstlingswerk „Umarmung des Todes“ arbeiten in einer Lebensmittelfabrik in Tokyo. Dabei werden Lunchpakete am Fließband hergestellt - eine Knochenarbeit, die in der Nachtschicht verrichtet werden muss. Im Roman werden vier Lebensläufe japanischer Frauen vorgestellt, die Kolleginnen in der Fabrik sind: Yayoi, die sanfte Ehefrau, die im Affekt ihren spielsüchtigen Ehemann tötet, Masako, die kluge Individualistin, deren Familienleben stark isoliert ist, Yoshie, die freundliche und aufopferungsvolle Familienmutter, die später ähnlich wie Yayoi einen radikalen Schlussstrich in ihrem Leben zieht. Und Kuniko, ein dreist-dummes Mädchen, dass besessen von Markenklamotten ist und unter ihrer unvorteilhaften Figur und ihrem hässlichen Gesicht leidet. Diese vier Frauen verbindet eine gewisse Hoffnungslosigkeit und die schlechte Arbeitssituation zeigt erneut, welche wichtige Stellung die Unterschicht in Kirino Natsuos Romanen einnimmt.

Nachdem Yayoi ihren Ehemann Kenji getötet hat, wendet sie sich in ihrer Verzweiflung an die kluge Masako und auch Yoshie wird schnell eingeweiht, da sie Geldsorgen hat und für ein paar Yen bereit ist, Straftaten zu begehen. Jumonji, ein Kleinkrimineller, bei dem sich Kuniko Geld geliehen hat, kommt schnell hinter das Treiben der Damen und wittert ein lukratives Geschäft. So wird aus dem ersten Verbrechen schnell ein Gewerbe, in dem in Masakos Badezimmer Leichen zerstückelt- und in Müllsäcke an verschiedene Deponien im ganzen Land versandt werden. Das professionelle Zerstückeln der Leichen ähnelt wieder der Arbeit am Fließband - während Nachts in der Fabrik gearbeitet wird treffen sich die vier Frauen tagsüber in Masakos Badezimmer. Die Polizei sowie einige kriminelle Vereinigungen versuchen gleichzeitig dieses Geschäft der vier Frauen zu vereiteln6.

Im Roman „Teufelskind“ lernen wir eine Unterschichtsheldin kennen, die bislang einzigartig für die zeitgenössische japanische Literatur sein dürfte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftskritik in japanischen Kriminalromanen der Gegenwartsliteratur
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut fuer Germanistik)
Veranstaltung
Zwischen psychologisierender Ausprägung und sozialkritischem Anspruch - Der Kriminalroman im internationalen Vergleich
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
11
Katalognummer
V321158
ISBN (eBook)
9783668203624
ISBN (Buch)
9783668203631
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kriminalroman, kirino natsuo, edogawa rampo, japan, deutschland
Arbeit zitieren
Friederike Börner (Autor), 2013, Gesellschaftskritik in japanischen Kriminalromanen der Gegenwartsliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321158

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