Die Knidia gilt als das berühmteste Werk des Praxiteles und wurde schon in der Antike von den Autoren als weltbedeutendes Meisterstück bewundert. Neben dem olympischen Zeus und der Athena Parthenos ist sie die in der uns erhaltenen antiken Literatur am häufigsten genannte und am meisten gefeierte Plastik. Doch was machte sie so besonders? Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, ob die knidische Aphrodite eher Scham oder Souveränität in ihrer Rolle zeigt und was Praxiteles bewegt haben könnte, die Göttin in eben dieser speziellen Gestalt auszuarbeiten.
Die beiden erstgenannten Statuen wurden von den antiken Schriftstellern aus religiösen oder patriotischen Gefühlen heraus gerühmt. Aber „die knidische Aphrodite stand nicht an einem Ort, der den Griechen im Allgemeinen heilig und teuer war, sie war aus demselben Material gefertigt wie Hunderte von anderen Statuen, sie war nicht von ungewöhnlicher Größe, kurz, sie war von keinem äußeren Glanz umstrahlt. Nur ihre reine Kunst redete ihr das Wort.“ Setzt man Reinheit gleich mit Natürlichkeit und diese wiederum mit Nacktheit, so lässt sich der Stellenwert der Aphrodite von Knidos leicht nachvollziehen, denn sie gilt als die erste uns bekannte griechische Frauenstatue, die von allen Seiten vollständig nackt zu sehen war.
Schon in der Antike betrachtete man die Figur in der Kunst als vollkommenstes Standbild einer nackten Göttin und Frau und sie konnte diesen beispiellosen Ruf über Jahrtausende hinweg halten. Die Statue wurde in der Zeit von der griechischen Klassik bis zur Renaissance zur Leitfigur für die Passion Lust. Doch bis dahin brauchte es einen langen Weg der Entwicklung, welchen ich im ersten Teil meiner Arbeit in einer kurzen Ikonographie der Aphroditedarstellungen nachzeichnen werde, für die ich vor allem das Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae unterstützend zu Rate gezogen habe.
Nach diesem Schritt bei der Knidia des Praxiteles angekommen, wird eine grundlegende Beschreibung eben dieser an zwei ausgewählten Beispielen von Repliken folgen, wobei ich mich innerhalb der Forschungsliteratur unter anderem auf Blinkenberg, Hinz, Klein und Kraus stütze. Um aber die Bedeutung dieser Statue vollständig erfassen zu können, ist ebenfalls eine Betrachtung des Entwicklungsprozesses der Rolle der Frau und des Umgangs mit weiblicher Nacktheit notwendig. Diese werde ich, unter der Berücksichtigung der Werke von z.B. Neumer-Pfau und Himmelmann, in einem eigenen Kapitel anschließen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ikonographie
2.1. Die Entwicklung des Aphroditebildes in der Großplastik
2.2. Aphrodite? – Nackte Frauengestalten in der Kleinkunst
2.3. Exkurs – Motiv des Badens
3. Die Aphrodite von Knidos
3.1. Die Knidia in antiken Quellen und ihre Identifizierung
3.2. Allgemeine Gemeinsamkeiten aller Repliken
3.3. Der ruhig stehende Typus – Venus Colonna
3.4. Der ängstliche Typus – Die Venus vom Belvedere
4. Die Rolle der Frau und der Umgang mit weiblicher Nacktheit in der Antike
4. 1. Entdeckung der Weiblichkeit in der Kunst
4. 2. Das Motiv der Nacktheit
4. 3. Aphrodite und die Rolle der Frau
5. Deutung der Bewegungsweise der Knidia
5. 1. Vergleich zwischen ruhig stehendem und ängstlichem Typus
5.2. Vergleich zur Kapitolinischen Venus
6. Intentionen des Praxiteles für diese spezielle Ausarbeitung der Aphrodite
7. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die kunstgeschichtliche Entwicklung und Bedeutung der Aphrodite von Knidos, dem ersten nackt dargestellten Frauenbildnis der antiken Großplastik. Ziel ist es, die künstlerische Intention des Praxiteles, die gesellschaftliche Rolle der Frau in der Antike sowie die verschiedenen Rezeptionstypen der Statue wissenschaftlich einzuordnen.
- Ikonographie der Aphroditedarstellungen von der Archaik bis zum Hellenismus
- Einfluss des Motivs der Körperpflege auf die Skulptur
- Unterscheidung zwischen dem "ruhig stehenden" und "ängstlichen" Typus der Repliken
- Soziokultureller Kontext der weiblichen Nacktheit und Sittsamkeit
- Analyse von Praxiteles' Intentionen und Materialwahl
Auszug aus dem Buch
3.3. Der ruhig stehende Typus – Venus Colonna (Tafel 5, Abb. 16)
Die Venus Colonna in den Vatikanischen Museen zählt zum ruhig stehenden Typus. Sie gilt als bekannteste Kopie der Knidia und wird von vielen Forschern als die zuverlässigste Replik des Urbildes angenommen. Aus diesem Grund möchte ich die Statue noch einmal etwas ausführlicher betrachten. Die Colonna hat ein Figurenmaß von ca. 205 Zentimetern. Sie steht komplett nackt aufrecht, nur ein Armreif oder Band ist um den linken Oberarm gelegt, während sie ihren Kopf leicht nach links neigt. Ihr Gewicht lagert auf dem rechten Bein, das linke ist nach vorn gesetzt und der Fuß leicht zur Seite gestellt. Die Knie sind nah beieinander, wodurch die Kontur ihrer Hüften betont wird. Die Statue ist mit einem klassischen Kontrapost dargestellt, wobei sich der gesamte Körper chiastisch aufeinander in gegenseitiger Abhängigkeit bezieht. Die ungleiche Verteilung von Gewicht bei einer menschlichen Figur entwickelte sich in der griechischen Skulptur der Klassik und kreierte einen Effekt von Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit. Außerdem zeugt diese Ausarbeitung abermals von der Natürlichkeit der Knidia, denn es ist tatsächlich einfacher, in dieser Weise zu stehen als starr aufrecht, da der gesamte Körper Träger des Gleichgewichts ist und in dieser Position länger gehalten werden kann.
Ihren rechten Arm hält sie mit abgesenkter Schulter vor ihren Schoß. Die Finger der rechten Hand muss man sich wohl ursprünglich ausgestreckt vorstellen. Die Geste verbarg jedoch das intimste Ziel erotischer Begehrung nicht. Man erkennt, dass der Schoß nur in einer Wölbung im Dreieck der Leistenbeuge abgebildet ist, was als einziger Part der Statue nicht von der Natur der Frau zeugt. Der Unterleib war vorher in der griechischen Plastik noch nie unverhüllt präsentiert worden und man entschließ sich wohl aus ästhetischen Gründen für den negierten Schoß. Der linke Arm wird auf Bauchhöhe gehalten und fasst ein gebündeltes Gewand, dessen Enden die Spitze eines großen Gefäßes bedecken. Diese Attribute sind nicht nur eine Stütze für die Marmorfigur und Aphrodite lehnt sich auch nicht gegen das Gewand. Vielmehr gehören sie zur Gesamtkomposition und schaffen eine ergänzende Kulisse.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Bedeutung der Knidia als berühmtestes Werk des Praxiteles und Darlegung der methodischen Vorgehensweise.
Ikonographie: Untersuchung der Entwicklung des Aphrodite-Ideals von früharchaischen Stücken bis zur nackten Großplastik unter Einbeziehung von Kleinkunst und Bad-Motiven.
Die Aphrodite von Knidos: Analyse der antiken Überlieferungen durch Plinius und Pseudo-Lukian sowie Identifizierung der wesentlichen Merkmale des Originals.
Allgemeine Gemeinsamkeiten aller Repliken: Definition der grundlegenden Körperhaltung, der Haartracht und der kompositorischen Elemente, die alle Repliken teilen.
Der ruhig stehende Typus – Venus Colonna: Detaillierte Untersuchung der als zuverlässig geltenden Venus Colonna und ihrer formalen Ästhetik.
Der ängstliche Typus – Die Venus vom Belvedere: Gegenüberstellung der belvederischen Replik und deren Interpretation als ängstliche Variante im Gegensatz zur ruhigen Colonna.
Die Rolle der Frau und der Umgang mit weiblicher Nacktheit in der Antike: Analyse des soziokulturellen Rahmens, in dem die nackte Darstellung einer Göttin als revolutionär und teils kontrovers empfunden wurde.
Entdeckung der Weiblichkeit in der Kunst: Untersuchung des Wandels in der künstlerischen Darstellung weiblicher Formen und des Körperideals.
Das Motiv der Nacktheit: Beleuchtung des Zusammenhangs zwischen idealer Schönheit, Moral und künstlerischem Stellenwert der Nacktheit.
Aphrodite und die Rolle der Frau: Historische Einordnung der gesellschaftlichen Stellung der Frau und deren Einfluss auf die zeitgenössische Kunstwahrnehmung.
Deutung der Bewegungsweise der Knidia: Interpretation der Gestik der Statue im Hinblick auf Scham, Souveränität und Bezug zum Betrachter.
Vergleich zwischen ruhig stehendem und ängstlichem Typus: Kritische Analyse, welche Typologie dem Original nähersteht.
Vergleich zur Kapitolinischen Venus: Einordnung der Kapitolinischen Venus als spätere hellenistische Entwicklung mit ausgeprägtem Pudica-Gestus.
Intentionen des Praxiteles für diese spezielle Ausarbeitung der Aphrodite: Reflexion über die Beweggründe des Bildhauers bezüglich Motivwahl, Material und menschlicher Darstellung.
Zusammenfassung: Fazit über die Bedeutung der Aphrodite von Knidos als Pionierleistung der europäischen Kunstgeschichte.
Schlüsselwörter
Aphrodite von Knidos, Praxiteles, griechische Klassik, weibliche Nacktheit, Ikonographie, Venus Colonna, Venus vom Belvedere, Kapitolinische Venus, antike Kunstgeschichte, Plastik, Körperideal, Sittsamkeit, Kontrapost, Statuetten, antike Quellen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das berühmte Meisterwerk des Praxiteles, die Aphrodite von Knidos, und deren kunstgeschichtliche Bedeutung als erste lebensgroße, vollständig nackte Frauenfigur der griechischen Klassik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung umfasst die Ikonographie der Göttin, die Einordnung der verschiedenen Kopien und Repliken, das antike Rollenbild der Frau sowie die philosophisch-moralischen Aspekte der Nacktheit in der antiken Kunst.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, wie Praxiteles die Aphrodite in dieser speziellen Form schuf und ob die Knidia aufgrund ihrer Bewegungsweise eher als "schamhaft" oder "souverän" zu deuten ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit basiert auf einer ikonographischen und kunsthistorischen Untersuchung, die antike schriftliche Quellen, vergleichende Analysen vorhandener Repliken und das Studium der Forschungsliteratur kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Beschreibung der verschiedenen Typologien der Repliken (ruhig stehend vs. ängstlich), dem Einfluss des Materials Marmor auf die ästhetische Wirkung und dem soziokulturellen Kontext weiblicher Darstellung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Publikation?
Zu den zentralen Begriffen zählen unter anderem Ikonographie, Kontrapost, Pudica-Gestus, Hellenismus, antike Plastik und das Ideal der Kalokagathie.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen dem "ruhig stehenden" und "ängstlichen" Typus eine so große Rolle?
Diese Unterscheidung ist entscheidend, um zu klären, welche der heute existierenden Nachbildungen dem verlorenen Original des Praxiteles in Form und Aussage am nächsten kommt.
Welche Bedeutung misst der Autor dem Material Marmor bei der Ausarbeitung bei?
Der Autor argumentiert, dass Praxiteles den Marmor wählte, um die feine Hautbeschaffenheit und das Leben der Göttin besser darzustellen, als es in einem Bronzeguss möglich gewesen wäre.
- Arbeit zitieren
- Katrin Skibbe (Autor:in), 2010, Schamgefühl oder Souveränität. Wie zeigt sich die Aphrodite von Knidos in ihrer Rolle als erste nackte Frau der Großplastik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321223