Goethes Homunculus zwischen Alchemie und synthetischer Biologie

Das „Natürliche“ und „Artifizielle“ in Faust II und „Summa Technologiae“ von S. Lem


Hausarbeit, 2016

12 Seiten, Note: 1.0

Elena Stegemeyer-Senst (Autor)


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Natürliche und das Artifizielle
2.1. Im „Faust II“ von Goethe, Szene „Laboratorium“
2.2. Im „Summa Technologiae“ von Stanislav Lem , Kapitel „Konstruktion des Lebens“

3. Diskurs „Das Natürliche vs. das Artifizielle“ in der Gegenwartsliteratur
3.1. Das Beispiel des „Neuromancer“ von William Gibson

4. Diskurs „Das Natürliche vs. das Artifizielle“ in der Gegenwartsforschung
4.1. Transhumanismus

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es ist nicht einfach, eine Grenzlinie zwischen den Begriffen „Natürliches“ und „Artifizielles“ zu ziehen. Der Blick in den Duden hilft uns da auch nicht besonders weiter. „Nicht künstlich von Menschen nachgebildet“ steht dort als Charakterisierung des Natürlichen. Man fragt sich allerdings, unter welche Kategorie dann beispielsweise Schnittblumen fallen. Obwohl diese organisch sind, kann man sie dennoch nicht als vollkommen natürlich bezeichnen, da sie stark vom menschlichen Handeln beeinflusst sind. Auch züchtet der Mensch äußerlich ansprechende und robuste Sorten, um derart die höchstmögliche Wirtschaftlichkeit zu erzielen. Nicht einmal den menschlichen Körper, den „Kranz der Schöpfung“, können wir aufgrund der vielen Einflüsse der Außenwelt auf ihn als vollkommen natürlich bezeichnen – seien es Impfungen bereits in den ersten Tagen des Lebens, Pflege, Bewegungstraining oder Erziehung. Auch in späteren Phasen des Lebens – bis hin zur Entscheidung, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, welche in einigen Ländern gesetzlich zulässig ist – wird massiv in die natürlichen Prozesse eingegriffen, so dass der Mensch – genauer gesagt die menschliche Hülle – eher als Produkt des Fortschritts angesehen werden kann als von der Natur geschaffen.

2. Das Natürliche und das Artifizielle

Nachfolgend werde ich auf die Thematik des „Natürlichen“ und des „Artifiziellen“ anhand zweier Kapitel aus Goethes „Faust II“ und Stanislav Lems Werk "Summa Technologiae" eingehen. Dabei bleibt die Begrifflichkeit bezüglich des „Natürlichen“ und des „Artifiziellen“ klar nach dem üblichen Verständnis eingegrenzt. Das von selbst Entstandene ist das „Natürliche“. Das von der menschlichen Hand Erschaffene, vom menschlichen Geist in Erwägung Gezogene, bleibt im Bereich des „Artifiziellen“ verankert.

2.1. Im „Faust II“ von Goethe, Szene „Laboratorium“

Mit seinem Homunculus-Motiv greift Goethe das Thema der Erschaffung eines künstlichen Menschen auf. Ein Thema, welches die Menschen seit Jahrtausenden beschäftigt und fasziniert und sowohl in wissenschaftlichen – beispielsweise bei Paracelsus – als auch in literarischen Werken – wie bei Mirijam Plessner und E. T. A. Hoffmann – in Form des Golems oder automatisierter Puppen vorkommt.

In der Szene „Laboratorium“ beobachten wir, wie ein apokalyptisches Ereignis stattfindet. „Es wird ein Mensch gemacht“ (V.6834) lautet die Antwort des Gelehrten Wagner auf die Frage Mephistopheles. Das alchemistische Experiment, das, neben der Erschaffung des Goldes, über Jahrhunderte die wissenschaftliche Welt reizte, scheint geglückt zu sein. „Ein artig Männlein“ wird geboren, der auch noch über unglaubliche, übermenschliche Fähigkeiten verfügt, beispielsweise über die Telepathie. Das kleine Wesen kann in den Traum des Faust eingreifen und diesen deuten. Aber auch sein kalendarisches Wissen ist beachtlich. Denn er weiß nahezu alles über die Herkunft seines „Vetters“ Mephistopheles und kann mit Genauigkeit über einige Ereignisse seines Schaffens berichten: „Du aus Norden, im Nebelalter jung geworden“ (V.6925-6926). Auch die Fähigkeit, Ereignisse vorherzusehen, ist dem Homunculus nicht fremd. Dieser weiß ganz genau, welchen Weg er einschlagen muss, um seine Ziele zu erreichen. Er muss nämlich zur klassischen Walpurgisnacht und weiß, dass Mephistopheles ihm dabei behilflich sein wird. Auch menschliche Seiten, wie ausgeprägter Humor und Spitzfindigkeit, besitzt der kleine Homunculus. Gerade „geboren“, spielt er mit seiner „Väterchen“-Anrede auf den göttlichen Schöpfungsprozess an. Diminutiv wird klarerweise parallel zum „Homunculus“ – kleiner Mensch – verwendet.

Nicht zum ersten Mal ist Wagner dabei, ein Wunder zu vollbringen und ein menschliches Wesen ohne Hinzunahme der üblichen Reproduktionsmethoden zu erschaffen. Sein sorgenvoller Ausruf „O daß ich’s diesmal nicht verliere!“ klingt wie die Sorge einer Schwangeren, die bereits die traurige Erfahrung einer Fehlgeburt erleiden musste. Auch die Anspielung Mephistos auf die Probleme Wagners mit dem anderen Geschlecht – „…Warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen? Du kommst, mein Freund, hierüber nie ins Reine“ (V.6899-6900) – lässt darauf schließen, dass der ganze Vorgang für Wagner eine zutiefst persönliche Bedeutung haben muss. Offensichtlich handelt es sich um einen „Kopf“-Menschen, der die andere, sinnliche Seite des Lebens schmerzhaft vermisst und dessen größter Traum es ist, dass „…so ein Hirn, das trefflich denken soll“ mittels des Geistes und wissenschaftlicher Methoden „…künftig auch ein Denker machen“ wird. Eine Sehnsucht, sich selbst, den eigenen Geist, in einem Kind weiter zu geben, spiegelt sich in Wagners Vorhaben wider.

Dieser urnatürliche Wunsch darf allerdings nicht auf natürlichem Wege verwirklicht werden. „So muss der Mensch mit seinen großen Gaben / doch künftig höhern Ursprung haben“ (V.6846-6847). Der natürliche, „schmutzige“ Prozess der Zeugung ist also nur durch einen wissenschaftlichen Vorgang möglich. Wagner erschafft sein Ebenbild in der Hoffnung, die Seiten, die ihm fehlen, in seinem Selfmade-Produkt wieder zu finden. Das große Experiment Wagners, einen Menschen zu erschaffen, der nicht nur intellektuell begabt ist, sondern auch Herz und Seele hat, scheitert, da Homunculus, als künstliche Geistlichkeit die rein theoretische, seelenlose Auffassung Wagners widerspiegelt. Diese Gewissheit hat auch Homunculus selbst. Er verspottet seinen Schöpfer und gibt ihm unmissverständlich zu verstehen, dass sein Vorhaben missglückt ist: „Komm, drücke mich recht zärtlich an dein Herz! / doch nicht zu fest, damit das Glas nicht spränge“ (V.6880-6881). Damit deutet Homunculus auf seine Unvollständigkeit hin. Das künstlich geschaffene Wesen agiert als körperloses Etwas, als reiner Geist und nur die Phiole verleiht ihm seine Körperlichkeit. Homunculus möchte Wagner Folgendes mitteilen: Ich bin wie deine seelenlose Wissenschaft, deine trockene Theorie, und aus etwas Statischem, Theoretischem kann nie etwas Beseeltes entstehen. Es folgt, nach dem Überspringen der Phasen der natürlichen Zeugung und des intellektuellen Reifens, die Phase der Selbstfindung. Homunculus möchte „entstehen“. Er möchte seine fehlende, beseelte Hälfte finden, um ein richtiger Mensch zu werden. Vom Drang nach Natürlichkeit erfüllt, begibt sich das künstliche Wesen in die große weite Welt und bestätigt damit seine eigene Aussage: „Das ist die Eigenschaft der Dinge: / Natürlichem genügt das Weltall kaum, / Was künstlich ist, verlangt geschloßnen Raum“ (V. 6882-6884).

Das Artifizielle, von Menschenhand Erschaffene, ist in seinen Möglichkeiten begrenzt. Das Natürliche dagegen bewegt sich immer weiter fort, ist immer in einem Selbstschaffens­prozess, so wie der Mensch selbst und das expandierende Universum. Für das Natürliche gibt es keine Kontrollinstanz, welche seine Entwicklungsschritte überwacht. Die Evolution hatte keinen Mentor, welcher sie in die eine oder andere Richtung lenkt. Andererseits versucht der Mensch seit spätestens den 1950er Jahren mit der Forschung auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz eine Entwicklung zu vollziehen, die zum Verlust der Kontrolle der menschlichen Machtposition führen kann. Das von Menschen Erschaffene würde dann die Rolle des Ersatzes aufgeben und die Macht gegenüber dem Natürlichen gewinnen.

Die Phiole mit Homunculus zerschellt an dem Thron der Galatea und die Schöpfung Wagners wird eins mit den unendlichen Weiten des Ozeans. Protagoras zufolge ist das Vorhaben Homunculus‘ in Erfüllung gegangen, da er sich mit dem Urelement der Schöpfung vereint hat.

Die durch den menschlichen Geist entstandene „künstliche Intelligenz“ Homunculus‘ versucht menschlich zu werden, wogegen sein Schöpfer Wagner seine Realisierung als Mensch nur mithilfe des wissenschaftlichen Fortschrittes und der technischen Errungen­schaften für möglich hält. Im Kapitel „Konstruktion des Lebens“ aus dem Buch „Summa Technologiae“ von Stanislaw Lem wird diese Problematik auch thematisiert. Darum geht es im nächsten Abschnitt.

2.2. Im „Summa Technologiae“ von Stanislav Lem , Kapitel „Konstruktion des Lebens“

„Summa Technologiae“ ist einer der wenigen diskursiven Bücher Lems. In diesem geht er, wie auch in seinen fantastischen Werken, auf die Fragen der Technisierung und der Identitätsproblematik der Menschheit ein, die mit der Entwicklung und dem Voranschreiten des technischen Fortschritts zusammenhängen.

Im Kapitel „Konstruktion des Lebens“ setzt Lem die technische Entwicklung in Analogie zur Entwicklung des Lebens auf der Erde. Die Evolution ist für ihn ein „Konstrukteur“, der alles Lebendige in mehreren Etappen nacheinander erschaffen hat. Als einen „blinden Konstrukteur“ (Lem, “Konstruktion des Lebens“) personifiziert Lem die Evolution und unterstreicht mit der Metapher die Unvorhersehbarkeit der natürlichen Entwicklung der Arten. Diese Personifikation ist in gewisser Weise paradox. Das Natürliche kennt keinen Schöpfer, es entsteht, es baut sich selbst auf und wird nicht von irgendjemandem erschaffen. Dies ist eine der grundlegendsten Charakteristika, die das „Natürliche“ vom „Artifiziellen“ unterscheidet.

Es gibt aber etwas, worin sich die biologische und technische Evolution ähneln: Denn laut Lem sind diese beiden Entwicklungen unvorhersehbar (Lem, Vorwort II, Z.24-25).

Im Zuge der letzten Forschungsergebnisse der Gentechnik und der Reproduktionsmedizin stellt sich die Frage, was uns in Zukunft erwarten kann, wenn bei biologischen Lösungen die Unvorhersehbarkeit entfällt. Wohin wird uns diese „gemachte“ Natürlichkeit führen, wenn wir der Natur die Richtung vorzeigen und beispielsweise nach Belieben Kinder mit bestimmten Fähigkeiten „konstruieren“ können? Auf die aktuellen Entwicklungen in diesem Zusammenhang werde ich im vierten Kapitel meiner Ausarbeitung eingehen.

Die technische Entwicklung soll laut Lem nach den Mustern der natürlichen Evolution vollzogen werden. Die Natur hat uns weise Lösungen vorgegeben, wie beispielsweise das Material und die Anpassungsfähigkeit der Arten. Es sind aber nicht nur die Ergebnisse wichtig. Ein erstrebenswertes Ziel der technischen Entwicklung selbst ist die Nutzung der Methoden der natürlichen Evolution, nach denen diese vorgeht, um Informationen zu sammeln.

Die biologische Evolution sei eine „milliardenjährige Zucht…der Informationen“ (L. Vorwort V). Um die technische Evolution voranzutreiben, soll die Menschheit sich der Methoden des „blinden Konstrukteurs“ bedienen. Hierin ist meiner Auffassung nach die wichtigste These Lems enthalten. Wir sind mittlerweile so weit, Vorgehensweisen der Natur, die uns selbst hervorgebracht hat, zu übernehmen. Dies ist nur ein Zwischenschritt. Das höchste Ziel des Fortschritts ist die Optimierung und Weiterentwicklung des Natürlichen. Der Mensch ist als ein Zwischenschritt in der Natur zu verstehen, da seine „eigenen Fähigkeiten weit hinter denen der Biologie zurückbleiben“ (Lem, “Konstruktion des Lebens“). Er „muß selbst erwachsen werden, um in der früheren Perfektion [der biologischen Lösungen, Bem. des Autors] die Schwäche zu erkennen“ (ebd.). Dann beginnt der Mensch, seine eigene Natur zu verändern und diese in eine ihm nützliche Richtung zu lenken. Das wird die Grenze „Natürlich – Künstlich“ verschwinden lassen. Ich kann mir vorstellen, dass Betroffene, bei denen „die Technisierung“ des Körpers medizinisch indiziert ist – beispielsweise Bein­amputierte – ihre Prothesen nicht mehr als künstlich empfinden, da „die Ersatzteile“ zu ihrem Körper gehören und ihnen ein adäquates Leben ermöglichen. Noch extremer in diesem Zusammenhang sind Apparate, die das Leben überhaupt erst ermöglichen, wie z.B. künstliche Herzklappen oder gar ein künstliches Herz. Wohin entwickelt sich die Begrifflichkeit der Zukunft? Was werden wir als „artifiziell“ oder „künstlich“ bezeichnen können, wenn unsere „natürliche“ Existenz gar nicht ohne Geräte denkbar wäre?

3. Diskurs „Das Natürliche vs. das Artifizielle“ in der Gegenwartsliteratur

Spätestens seit der Erfindung des Computers war es zum ersten Mal in der Geschichte möglich, das Artifizielle zu visualisieren und neue Welten zu erschaffen, die täuschend echt wirken. Viele Science-Fiction-Autoren widmeten ihre Werke dem Cyberspace – der virtuellen Welt hinter dem Bildschirm – sowie den Interaktionen des Individuums mit neuen Technologien. Das Anfang der 1980er Jahre in der Literatur entstandene Sub-Genre Cyberpunk wurde durch William Gibson ausgelöst und handelt, wie der Name schon sagt, von Personen, die am Rande der neuen Cyber-Gesellschaft stehen und ihre Regeln missachten – von Hackern.

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Details

Titel
Goethes Homunculus zwischen Alchemie und synthetischer Biologie
Untertitel
Das „Natürliche“ und „Artifizielle“ in Faust II und „Summa Technologiae“ von S. Lem
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Interdisziplinäre Studien,Aufbruch in die Moderne
Note
1.0
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V321262
ISBN (eBook)
9783668212459
ISBN (Buch)
9783668212466
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: sehr elaboriert argumentiert.
Schlagworte
Homunculus, Summa Technologiae, Neuromancer, human enhancement, Transhumanismus, Bioethik, Natürlichkeit
Arbeit zitieren
Elena Stegemeyer-Senst (Autor), 2016, Goethes Homunculus zwischen Alchemie und synthetischer Biologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321262

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