Das Gesundheitswesen und seine Unsitten sind ein Thema, das sich geradezu leitmotivisch durch Molieres Schaffen zieht. In insgesamt 6 Bühnenwerken spielen Mediziner eine wichtige – und stets der Lächerlichkeit anheimgegebene – Rolle. Ziel dieser Arbeit ist es am Beispiel des „eingebildeten Kranken“ nachzuvollziehen, wie der Autor aus dem sich rund um die Medizin formierenden Themenkomplex – zu dem die Begriffe von „Therapie“, „Tod“, „Krankheit“, „Arzt und Arztwesen“ gehören – komödiantisches Potential schlägt. Zum einen soll hierbei die lange – und dies soll gleich ausdrücklich gesagt werden, sicherlich nur eingeschränkt für Moliére zugängliche – Tradition „medizinischer Komik“ auf den Bühnen der Theatergeschichte betrachtet werden. Zum anderen ist es ein Anliegen dieser Arbeit, die satirische Komik innerhalb des „Eingebildeten Kranken“ aufzuspüren. Satirisch heißt hier: Wo transportiert Molière nicht nur althergebrachtes Komikpotential der Medizin, sondern nutzt die Komödie auch, um sich über die zeitgenössischen Ärzte, Krankheiten und Therapieformen der Gesellschaft in der er lebt und für die er schreibt, kritisch zu äußern? Eine Trennung, die mit Sicherheit problematischer ist, als sie klingt, denn es wird sich zeigen, dass Tradition und Zeitkritik durchaus nah beieinanderliegen und ineinander verflochten sein können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Komik und Komödie
2.1 Theoretische Vorüberlegungen
2.2 Die grundlegende Prämisse der Komik in „Der eingebildete Kranke“
3. Traditionen „medizinischer Komik“ im Theater
3.1 Molière und die Theatertradition
3.2 Die Commedia dell´arte und ihr Einfluss auf Molière
3.3 Tradierte Elemente medizinischer Komik im „Eingebildeten Kranken“
3.3.1 Der komische Arzt
3.3.2 Anale und fäkale Komik
3.3.3 Lachen über den Tod
4. Kritik an der zeitgenössischen Medizin
4.1 Die Position des Arztes und deren Missbrauch
4.2 Die Schädlichkeit der Therapie
4.3 Die Fortschrittsfeindlichkeit der Medizin
4.4 Argans Doktorpromotion
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Molière in seinem Bühnenwerk „Der eingebildete Kranke“ medizinische Themen und das Arztwesen als komödiantisches Potenzial nutzt, um gleichzeitig eine satirische Kritik an der zeitgenössischen Medizin und ihren Vertretern zu üben.
- Analyse der Komik und ihrer Bedeutung für die Gattung Komödie.
- Untersuchung der theatergeschichtlichen Traditionen medizinischer Komik.
- Erforschung des Einflusses der Commedia dell'arte auf Molières Werk.
- Kritische Auseinandersetzung mit der ärztlichen Praxis und dem Missbrauch der Patientenangst.
- Reflektion über das Verhältnis von Tradition und medizinischer Zeitkritik im 17. Jahrhundert.
Auszug aus dem Buch
Die Position des Arztes und deren Missbrauch
Und zwischen allen komischen Verwicklungen und Verwirrungen blitzt immer wieder eine Facette seiner Tragik besonders hervor. „Oh mein Gott, die lassen mich hier sterben“ schreit Argan, als auf sein Klingeln zunächst niemand erscheint. Als Toinette ihm empfiehlt, sich tot zu stellen, fragt er ängstlich: „Ist es nicht gefährlich, sich totzustellen?“ In diesen Momenten klingt die zutiefst menschliche Angst vor dem Tod als einer der Gründe für Argans Krankheitswahn an. Und gerade mit diesem Aspekt gehen Molières Ärzte besonders verantwortungslos um.
Während Thomas Diafoirus einen eher allgemeinen Mangel an Takt und Einfühlungsvermögen demonstriert, ist Purgon ein Musterbeispiel für den Mißbrauch der Todesangst der Patienten. Nicht nur, dass er, der vielleicht einzige der es tatsächlich könnte, Argan nicht einfach über seine tatsächliche Gesundheit aufklärt und ihm die Todesangst damit nimmt – dies kann man angesichts seiner Unfähigkeit ihm schwerlich ankreiden. Purgon vertieft Argans permanente Todesangst aber sogar. Nachdem Argan das Klistier abgelehnt hat, verflucht er ihn geradezu: „Und ich will, daß ich Euch noch vor dem Ablauf von vier Tagen in einem unheilbaren Zustand befindet“ an dessen Ende „der Tod selbst“ steht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage vor, wie medizinische Komplexe wie Therapie und Krankheit in Molières Werk in komödiantisches Potenzial übersetzt werden.
2. Komik und Komödie: Dieses Kapitel definiert den theoretischen Rahmen der Komik als zentrales Gattungsmerkmal und erläutert die spezifische Rolle der Mängelkomik am Beispiel der Figur Argan.
3. Traditionen „medizinischer Komik“ im Theater: Hier werden die historischen Wurzeln der medizinischen Komik beleuchtet, wobei besonders der Einfluss der Commedia dell'arte und spezifische Elemente wie der komische Arzt und anale Komik untersucht werden.
4. Kritik an der zeitgenössischen Medizin: Das Kapitel arbeitet die medizinkritischen Aspekte heraus, insbesondere den Machtmissbrauch durch Ärzte, die Gefährlichkeit damaliger Therapien und die Ignoranz gegenüber wissenschaftlichem Fortschritt.
5. Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass das Stück durch seine zeitlose satirische Kraft auch heute noch aktuell ist und die Kritikpunkte an der Medizin ihren Kern bewahrt haben.
Schlüsselwörter
Molière, Der eingebildete Kranke, Medizinkritik, Komik, Commedia dell'arte, Arztbild, Theatergeschichte, Satire, Therapie, Krankheitswahn, Argan, Medizingeschichte, Bühnenwerk, Lächerlichkeit, Tradition
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von komödiantischer Tradition und medizinischer Gesellschaftskritik in Molières Komödie „Der eingebildete Kranke“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Komiktheorie, die Theatertraditionen (insbesondere Commedia dell'arte) sowie die zeitgenössische Kritik am ärztlichen Stand des 17. Jahrhunderts.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Molière den Themenkomplex Medizin für komödiantische Effekte nutzt, ohne dabei die zugrunde liegende soziale und institutionelle Kritik zu vernachlässigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text auf theatergeschichtliche Bezüge untersucht und mit medizin- und kulturhistorischen Kontexten abgleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Traditionen der „medizinischen Komik“ und die Analyse der spezifischen Kritikpunkte an der zeitgenössischen Medizin.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Medizinkritik, Mängelkomik, Commedia dell'arte, zeitgenössische Therapiemethoden und satirisches Potenzial charakterisiert.
Wie bewertet der Autor den Einfluss der Ballettelemente im Stück?
Der Autor diskutiert, dass die musikalischen Zwischenspiele ursprünglich dazu dienten, den ernsten Kern der Krankheitsthematik abzumildern und die heitere Stimmung der Komödie zu bewahren.
Warum wird die Figur Purgon als „Musterbeispiel für Missbrauch“ bezeichnet?
Purgon wird so beschrieben, weil er die existenzielle Todesangst seines Patienten Argan nicht lindert, sondern diese aktiv vertieft, um seine eigene Machtposition zu festigen und Patienten an sich zu binden.
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- Mario Fesler (Author), 2003, Komik der Medizin. Kritik an der Medizin in Molieres "Der eingebildete Kranke", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32130