Der Roman "Transit" von Anna Seghers. Die Figurenkonstellation (Teil III)


Scientific Essay, 2016
26 Pages

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Erzähler als Zentralfigur

2. Das Beziehungsgeflecht der Figuren
2.1 Erzähler, Arzt, Weidler und Marie
2.2 Weitere Figurenkombinationen
2.2.1 Erzähler und Nadine
2.2.2 Erzähler und Kapellmeister
2.2.3 Erzähler und Mittransitär
2.2.4 Erzähler und Achselroth

Zusammenfassung

Textausgaben

Einleitung

In kritischen Analysen von Anna Seghers' Roman "Transit" wird häufig auf den episodenhaften Handlungsaufbau, die Vielschichtigkeit und Komplexität des Geschehens und das komplizierte Beziehungsgeflecht der Figuren hingewiesen. Schon der Erzähler, der zugleich die Zentralfigur der Romanhandlung ist, kann dem Leser einiges Kopfzerbrechen bereiten. Als homodiegetischer Erzähler ist er Teil der Diegese (des erzählten Geschehens). Er ist aber auch ein autodiegetischer Erzähler, der retrospektiv (d. h. zurückschauend) seine eigene Geschichte erzählt. Als erzählende und im Romangeschehen involvierte Figur übernimmt er daher zwei Funktionen, die nicht immer ohne weiteres auf einen Nenner zu bringen sind. Eine Schwierigkeit ergibt sich allein schon daraus, dass er als Erzähler zu dem berichteten Geschehen, zu bestimmten Figuren (einschließlich zu sich selbst) und bestimmten Ereignissen im Moment des Erzählens eine andere Haltung einnimmt als im Moment des Geschehens. Wiederholt informiert er seinen anonymen Zuhörer, der selbst nie zu Wort kommt, und damit auch den Leser (als den eigentlichen Adressaten), dass er inzwischen seine Meinung geändert oder Stimmungsumschwünge erlebt hat, die ihn zu einer unterschiedlichen Bewertung des Gleichen geführt haben.

Darüberhinaus gibt es eine Vielzahl weiterer Figuren mit verschiedenen Funktionen. Es gibt zum Beispiel in wechselnden Abständen periodisch auftretende Figuren, an deren Schicksal sich bestimmte Missstände oder Problembereiche ablesen lassen. Dazu im Gegensatz stehen einmalig auftretende und wieder verschwindende Figuren ohne nachhaltige Bedeutung oder bleibende Wirkung, die man als repräsentativ für die Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit vieler Begegnungen auffassen kann. Im Verhältnis zur Zentralfigur kann man Mitspieler und Gegenspieler (Rivalen oder Konkurrenten) unterscheiden. Eine Reihe von Figuren sind sowohl handelnde als auch symbolische Figuren. Sie verkörpern bestimmte Wesenszüge wie beispielsweise Marie als Paradigma der unablässig suchenden und selbstlos liebenden Ehefrau. Beim Erzähler selbst handelt es sich um eine vielschichtig angelegte, widersprüchliche Figur mit unterschiedlichen Wesenszügen und wechselnden Stimmungslagen. Sie besitzt Merkmale einer gebrochenen Figur, der man nicht ohne weiteres vertrauen kann und mit Skepsis begegnen sollte. Andere Figuren sind eher eindimensional oder flächig konzipiert, mit wenigen individuellen Eigenschaften ausgestattet und auf bestimmte Typen reduziert.

Viele dieser Figuren bilden ganz bestimmte Konstellationen oder Konfigurationen. Zwischen ihnen entstehen Beziehungsgeflechte, so dass man sie zum Beispiel als Figurenpaare oder Dreiecksfiguren betrachten und untersuchen kann, wie sie sich gegenseitig anziehen oder auch abstoßen, miteinander kooperieren oder rivalisieren und inwieweit sie davon profitieren oder auch darunter leiden. Zwischen manchen Figuren - wie zum Beispiel zwischen dem Erzähler und Nadine - besteht ein wechselndes Verhältnis von Sympathie und Antipathie, Annäherung und Entfernung bzw. Vertrautheit und Entfremdung, das man als typisch für die Situation vieler Menschen im Roman ansehen kann. Der nie versiegende Strom der Flüchtlinge in Marseille, die bornierten, arroganten Beamten und Angestellten in den verschiedenen Behörden, die gelangweilten Besucher der vielen Cafés und die Heerscharen abreisewilliger Passagiere geraten darüberhinaus als omnipräsente Kollektivfiguren immer wieder in den Fokus der Erzählung. Der bunt zusammengewürfelte Haufen der in den Cafés herumlungernden Tagediebe erinnert ein wenig an die beiden skurrilen Figuren Wladimir und Estragon in Samuel Becketts absurden Theaterstück "Warten auf Godot", die mit sinnlosen Spielchen und albernem Geschwätz die Zeit totschlagen und vergeblich auf ein Ereignis warten, das nie eintreten wird.

1. Der Erzähler als Zentralfigur

Als zentrale Handlungsfigur im Romangeschehen kann man den Erzähler mit Hans-Albert Walter als eine aus verschiedenen Elementen zusammengesetzte "Kunstfigur" auffassen, die die Autorin "zu einem geschlossen wirkenden Ganzen" zusammenmontiert hat.[1] Es ist unübersehbar, dass es sich - wie soeben ausgeführt - um eine widersprüchliche und mehrfach gebrochene Figur handelt, die bei genauerer Betrachtung kein gerundetes Ganzes ergibt. Es beginnt schon damit, dass der Erzähler im mexikanischen Konsulat in Paris seinen Namen nicht preisgeben will ("Mein eigener Name blieb aus dem Spiel") und stattdessen "einen falschen Namen" angibt, den er zuvor bereits einer Zimmerwirtin genannt hatte. (T 1/3, 24 und T 1/4, 32) Ruft ihn jemand "bei dem echten Namen" (der allerdings nie genannt wird), so zuckt er vor Schreck zusammen. (T 6/5, 155) Das mag damit zusammenhängen, dass er als aus einem deutschen Konzentrationslager geflohener Häftling ständig in der Furcht lebt, von Spitzeln und korrupten Zimmerwirtinnen an Nazi-Häscher bzw. an die französische Geheimpolizei verraten zu werden, entspricht aber durchaus auch seiner Neigung, sich mit dem Nimbus eines Mr. Nobody zu umgeben und in die Rolle eines geheimnisvollen Unbekannten zu schlüpfen, der gerne Fäden im Verborgenen zieht. Es gehört zu seinem Selbstbild, dass er sich für klug, listig und gerissen hält und für jemanden, dem es Spaß macht, "durcheinandergeratenes Garn zu entwirren" und umgekehrt "glattes Garn durcheinander zu bringen". (T 1/3, 21) Auf hübsche Frauen - auch, wenn sie sich als korrupt erweisen - reagiert er allemal positiv, wie auf die bereits genannte Zimmerwirtin, die "über den Durchschnitt hübsch" ist und "eine weiße Seidenbluse" trägt. (Ebd.)

Mit den meisten anderen in Marseille gestrandeten und auf ihre Weiterreise nach Übersee wartenden Flüchtlingen verbindet ihn eine "tödliche Langeweile" (T 1/4, 25) und "eine gottlose Leere, den Cafard" (trübe Stimmung oder Weltschmerz, ebd., 24), der droht, ihn "mit Leib und Seele" (ebd., 25) zu verschlingen. Er wird überhaupt von wechselnden Stimmungslagen und plötzlich auftretenden Stimmungsumschwüngen geplagt. Zu der Frage, ob er - wie die große Zahl der Flüchtlinge - Marseille nur als Zwischenstation auf dem Wege in die Freiheit jenseits des Meeres betrachten und möglichst bald eine Schiffspassage buchen soll, verhält er sich gespalten. Zunächst belehrt ihn der "kleine Kapellmeister", den er eines Tages - wie so viele andere Menschen - zufällig in einem "schäbigen Café" trifft (T2/4, 45), über das komplizierte Prozedere, das man durchlaufen muss, um überhaupt an ein "Visa de sortie" (Ausreisevisum) und ein "Transit" zur Durchquerung betroffener Länder zu gelangen. Eigentlich - so meint er - sei es nur ein "Glücksfall" oder vielleicht auch "die Vorsehung selbst" (ebd., 47), die ein solches "Wunder" (ebd., 48) bewirken könne. Woraufhin der gerade vor Kurzem in Marseille angelangte und zu diesem Zeitpunkt noch gänzlich unerfahrene Erzähler erwidert, er habe nur den einen Wunsch, "eine Zeitlang in Ruhe zu bleiben". (Ebd., 49) Dieser scheinbare Entschluss erweist sich im weiteren Verlauf des Geschehens als keinesfalls unumstößlich, sondern wird - je nach Stimmungslage und veränderter Situation - von dem wankelmütigen Erzähler immer wieder mal zurückgenommen, um bei anderer Gelegenheit erneut ins Spiel gebracht zu werden. Gleich darauf, allein in seinem Zimmer, kommen ihm bereits erste Zweifel. Unschlüssigkeit macht sich breit. Er überlegt hin und her, was nun zu tun sei und erkennt, dass er "keinesfalls zu den Auserwählten" (T 3/2, 58) bzw. den Glücklichen gehört, denen - wenn sie es nur wollten - eine baldige Abreise beschieden ist. Die Frage, ob jemand überhaupt abreisen kann oder nicht, hängt von einer Vielzahl komplizierter Bestimmungen ab, die nach der paradoxen Logik der Behördenvertreter auf die Formel gebracht werden können: "Ein Transit - das ist die Erlaubnis,ein Land zu durchfahren, wenn es feststeht, daß man nicht bleiben will." (T2/4, 47) Und das bedeutet in den Worten des kleinen Kapellmeisters: "Man läßt Sie hier nur eine Zeitlang in Ruhe bleiben, wenn Sie nachweisen, daß Sie abfahren wollen." (Ebd., 49)

Dieser äußerst verwickelte und verzwickte Sachverhalt und die darin begründete, nicht auflösbare Paradoxie tragen in erheblichem Maße zur Wankelmütigkeit des Erzählers bei. Jedoch lernt er im Laufe der Zeit dazu, so dass die andere Seite seines Wesens (nämlich: Listigkeit, Gerissenheit, Schlagfertigkeit und Witz) immer stärker zum Vorschein tritt. Eine weitere Komponente kommt dadurch ins Spiel, dass der Erzähler Freude daran empfindet, andere Menschen an der Nase herumzuführen, zu bluffen, zu täuschen, zu tricksen, so zu tun als ob, während er in Wirklichkeit hinter der Maske des Biedermannes unbeirrt seine Ziele verfolgt. Bald darauf erzählt er dem Beamten auf dem Fremdenamt, "bereits gewitzt, ich sei gekommen, um meine Abreise vorzubereiten" (T 3/4, 64) und erhält auf diese Weise "das Aufenthaltsrecht in Marseille für vier Wochen". (Ebd.) Voller Stolz konstatiert er, er habe nun eigentlich festen Boden unter den Füßen und beginnt bereits, sich heimisch zu fühlen: "Ich fühlte mich schon ganz eingemeindet. Ich hatte ein Zimmer, einen Freund und eine Geliebte." (Ebd., 66) Nach Ablauf dieser Frist erfasst ihn jedoch sogleich wieder die Unruhe, und er erkennt: "Ich brauchte also sofort den Nachweis zur Abfahrt, damit man mich bleiben läßt." (T 3/5, 67) Ein erneuter Stimmungsumschwung wird von den für ihn typischen körperlichen Symptomen begleitet: "Da fing ich an zu zittern. Ich zitterte vielleicht im tiefsten Innern ... Ich war gar nicht eingemeindet." (Ebd.) Es gelingt ihm schließlich, eine erneute einmonatige Verlängerung seines Aufenthaltsrecht zu erwirken, was seinem Selbstbewusstsein großen Auftrieb verleiht, so dass er nicht nur vor sich selbst bestätigen kann "Ich bin ja jetzt gewitzt" (T 3/5, 68), sondern sich in einem Anflug von Anmaßung und Überheblichkeit, die ebenfalls einen erheblichen Teil seines Wesens ausmachen, zu der Behauptung versteigt: "Ich fühlte so stark wie noch nie den Wunsch, noch schlauer zu sein ..., noch gerissener, mich unter allen Umständen durchzuschlagen." (Ebd., 68)

Hier greifen mehrere Komponenten ineinander: zum einen die Paradoxie der äußeren Verhältnisse, das unaufhaltsame Rotieren eines sich verselbstständigenden komplizierten Regelwerks widersprüchlicher Bestimmungen, zum anderen die Wankelmütigkeit und die wechselnden Stimmungslagen des Protagonisten und schließlich - unübersehbar - seine Lern- und Anpassungsfähigkeit, die zunehmende Bereitschaft, seine Vorteile zu nutzen, sich gegenüber bornierten und blasierten Behördenvertretern durchzusetzen und sie für seine Ziele einzuspannen. Auch das Verhältnis zu seiner Freundin Nadine unterliegt äußerst wechselvollen Zuständen. War er noch vor Kurzem in sie verliebt und sie in ihn (vgl. T 3/4, 65 f.), wird er ihrer bald darauf schon überdrüssig. Nadine geht es ebenso. In schöner Einmütigkeit erkennen sie, obwohl es so nicht ausgesprochen wird, "daß wir uns beide beschwindelten, und auch, daß solche Art Lüge viel besser, viel anständiger ist als die Wahrheit." (T 3/5, 69) Auch in der Beziehung zwischen Frau und Mann gehören Lügen und Betrügen mithin gleichsam zum Handwerk und werden von beiden einvernehmlich akzeptiert.

Von seinem ehemaligen Lagerkumpan Paul Strobel, der auch nicht auf den Kopf gefallen ist, erhält der Erzähler einen nützlichen Tipp, den er gleich darauf in die Tat umsetzt. Die Hilfskomitees der Stadt Marseille, die sich um das Wohl der Flüchtlinge kümmern, lassen sich nicht vorgaukeln, man suche Arbeit und benötige in der Übergangszeit etwas Geld für den Lebensunterhalt. Behauptet man aber, man wolle alles aufgeben und umgehend abreisen, erhält man ohne Weiteres zur Überbrückung der Wartezeit beträchtliche Summen, mit denen man bequem über die Runden kommt. Auch hier macht man wieder die Erfahrung: "Sie belohnen allein die Abfahrtsbereiten, die alles aufgaben. Also stellte ich mich von nun an abfahrtssüchtig, worauf ich genug Geld bekam für die Wartezeit auf das Schiff." (T 3/7, 75) Wie schon vorher, so auch jetzt: Alles ist nur eine Frage der Taktik. Der gewitzte Mensch lernt schnell dazu und stellt sich um.

Der Bezeichnung "abfahrtssüchtig" haftet indessen auch etwas Pathologisches an. In der Tat ist der Erzähler nicht nur wechselnden Stimmungslagen ausgesetzt, d. h. Gemütszuständen, die in den Bereich der Normalität einzuordnen wären und nichts Bedrohliches an sich haben. Er ist auch umgeben von einem "Gewimmel" (T 1/4, 31), einem "verwilderten Durcheinander" (ebd., 33) von "erbärmlichen Menschenhaufen" (T2/1, 36), vor allem aber von einem "Nebel von Visumbesessenheit" (T 5/8, 131) und - schlimmer noch - einer um sich greifenden "Transitärwut" (ebd.), die ihn "angesteckt", "krank", "abfahrtssüchtig" (T 8/7, 222) und damit zu einem pathologischen Fall gemacht hat, gegen den kein Kraut auf dieser Erde gewachsen ist. Der Wunsch abzufahren, ist zu einem gefährlichen Krankheitssymptom degeneriert, das sich unkontrolliert und mit epidemieartiger Geschwindigkeit ausbreitet und auch den Protagonisten erfasst hat[2], der eigentlich davon überzeugt war, ihm könne das nicht passieren: "Ich würde ... niemals abfahren ... Zum Glück kommt das alles für mich nicht in Betracht." (T 2/4, 49) So wie sich die Dinge im Laufe der Zeit entwickeln, muss man indessen zu dem Schluss kommen, dass der Erzähler nicht nur andere, sondern auch sich selbst belügt und betrügt. Da er von der Realität jedoch immer wieder eingeholt und eines Besseren belehrt wird, muss er bereit sein, sich zu revidieren und den Gegebenheiten anzupassen. Zu Beginn des sechsten Kapitels (d. h. etwa zur Hälfte des Romans) stellt er rückschauend, scheinbar ernüchtert und so, als ob es ihn selbst gar nichts angehe, seinen bisherigen Werdegang bilanzierend fest: "Damals hatten alle nur einen einzigen Wunsch: abzufahren. Alle hatten nur eine einzige Furcht: zurückzubleiben. Fort, nur fort aus diesem zusammengebrochenen Land, fort aus diesem zusammengebrochenen Leben, fort von diesem Stern!" (T 6/1, 142) Wie es sich bald darauf herausstellt, hat ihn nun auch die Angst gepackt, allein zurückzubleiben: "Ich sah mich allein, als sei ich auf einer Insel im Ozean, ja auf einem Sternchen im Weltall. Ich war allein mit der schwarzen vierarmigen Riesenkrabbe, dem Hakenkreuz." (T 9/8, 254) Und so sagt er dem Beamten im amerikanischen Reisebüro - wiederum scheinbar fest entschlossen: "Ich will auch abfahren ... mit dem Martiniquedampfer. [...] Ich muß mit diesem Schiff abfahren. Es kann das letzte sein." (Ebd., 254 f.)

Der Wunsch abzufahren, angeheizt durch die Angst vor dem Alleinsein, erfasst ihn mit übermächtiger Gewalt, der er in diesem Moment anscheinend nichts entgegenzusetzen hat. Es geht ihm aber auch darum, Marie, in die er sich inzwischen verliebt und zu deren Schutzpatron er sich erkoren hat, nicht aus den Augen zu verlieren. Sie scheint entschlossen, mit dem befreundeten Arzt abzufahren. Das muss er um jeden Preis verhindern. (Vgl. T 10/4, 264) Er träumt von einem Leben mit Marie und redet sich in einem erneuten Anflug von Überheblichkeit ein: "Ich würde endlich alles zurücklassen und neu anfangen. Ich würde spotten über das unerbittliche Gesetz, daß das Leben einmalig ist und eingleisig." (Ebd.) Schließlich, endgültig ernüchtert und auf festen Boden zurückgekehrt, erkennt er jedoch seine wahre Bestimmung darin, nicht abzufahren, sondern sich mit den Binnets zu verbünden und mit ihnen gemeinsam ein neues Leben auf dem Lande zu beginnen. Wie zu Beginn des Romans zieht er sich in die Pizzeria (den symbolischen Zufluchtsort) zurück. Im Unterschied zu vorher, setzt er sich aber mit dem Rücken zur Tür, um so auszudrücken, dass er von den eintretenden Besuchern nichts mehr erwartet und von seiner "Abfahrtskrankheit" endgültig geheilt ist.

Bisher war die Rede von der Erwachsenenseite des Protagonisten, von seiner Unschlüssigkeit und Zwiespältigkeit, seiner inneren Zerrissenheit, aber auch von seiner Gewitztheit, seiner Raffinesse und seiner Lern- und Anpassungsfähigkeit. Es gibt aber noch andere Facetten seines Wesens, die im Folgenden erörtert werden sollen. Eines dieser Wesensmerkmale kommt besonders dann zum Vorschein, wenn er sich allein fühlt und - als Folge davon - schutzsuchend den Mitgliedern der Familie Binnet zuwendet. Schon früh im Roman spricht er davon, dass die Binnets seine "alten Freunde" seien. (T 1/3, 13) Wie er es erwartet, wird er von ihnen freundschaftlich aufgenommen. Interessant ist dabei, dass er offenbar mit Yvonne Binnet ein Liebesverhältnis hatte, die inzwischen mit ihrem Vetter verheiratet ist. (Vgl. T 2/1, 39) In der Liebe hat er - wenn man ihm glauben darf - bisher keine guten Erfahrungen gemacht. So kam er zu der Erkenntnis, dass "Liebe manchmal auf Leid reimt" und nimmt resignierend die Haltung eines desillusionierten, wenn auch nicht weiser gewordenen und geläuterten jungen Mannes ein, der "von Kopf bis Fuß nicht auf Liebe eingestellt" ist. (T 1/3, 14))

Stattdessen kommt es immer wieder zu Momenten der inneren Einkehr. In solchen Momenten zieht sich der Protagonist in sein Zimmer zurück, wo er ungestört seinen Gedanken nachhängen kann. In einem dieser Momente vertieft er sich - ganz gegen seine Gewohnheit - in die Lektüre des von ihm aufbewahrten Romanfragments des Schriftstellers Weidel. Er assoziiert das Romangeschehen mit den Leseerlebnissen seiner Kindheit und ist enttäuscht, dass die Erzählung plötzlich abbricht und nicht weiter geführt wird. Bei seiner nächsten Begegnung mit den Binnets verstärkt sich das während seiner abenteuerlichen Flucht durch das besetzte Frankreich verdrängte Bedürfnis nach Ruhe und Geborgenheit. Er erlebt sich als eltern- und schutzloses Kind, das den chaotischen Verhältnissen seiner Umgebung ausgeliefert ist und fühlt sich verloren "in dem Haufen von Soldaten, Flüchtlingen, Demobilisierten, die die Züge und Straßen unentwegt füllten". (T 2/2, 40) Verzweifelt sucht er "ein bekanntes Gesicht, irgendeinen, der etwas mit meinem alten Leben zu tun gehabt hatte." (Ebd., 40 f.) Die bisher unterdrückte Sehnsucht nach einer behüteten Kindheit wird plötzlich übermächtig: "Also hing ich an der Familie Binnet wie ein Kind, das seine eigene Mutter verloren hat und sich an den Rock einer anderen Frau hängt, die seine Mutter zwar nie sein kann, aber doch etwas Güte abgibt." (Ebd., 40) In der Vorstellung des Protagonisten scheint die Liebe zur Mutter (als kindliches Grundbedürfnis) mit der Liebe zu einer Frau (als Wesensmerkmal des Erwachsenen) zu verschmelzen. Obwohl der erwachsene Erzähler - wie er in lichten Momenten unumwunden zugibt - "manche Schliche" kennt und von seinem Kumpel Heinz gelernt hat, wie man Papiere fälscht (vgl. T 3/8, 81), kann er nicht leugnen, dass es schlecht um ihn steht, dass er "nur diese eine Jugend" hat und sich "kindisch auf das Wiedersehen" mit seinem Lagerkumpan Heinz freut. (Ebd.)

Noch stärker erfasst ihn der Jammer um seine verlorene Kindheit, als er etwas später - wie so oft - in einem Café an der Cannebière sitzt, von wo er den Alten Hafen überblicken kann. Das Leben und Treiben der Menschen, ihr sinnloses Geschwätz vom Abreisen und von abgelaufenen Pässen, erinnert ihn an das "uralte Hafengeschwätz" vergangener Zeiten, wobei er sich auch selbst "uralt" vorkommt. (T 4/2, 88 f.) Dann erfolgt jedoch die Umkehr, und das "schutzbedürftige Kind" meldet sich zu Wort: "Verzweiflung überkam mich, Verzweiflung und Heimweh. Mich jammerten meine siebenundzwanzig vertanen, in fremde Länder verschütteten Jahre." (Ebd., 89) Die Sehnsucht nach der behüteten Kindheit überdeckt alle anderen Gedanken und Gefühle: "Ich sehnte mich nach einem einfachen Lied, nach Vögeln und Blumen, ich sehnte mich nach der Stimme der Mutter, die mich gescholten hatte, als ich ein Knabe gewesen war." (Ebd.) Interessant ist in diesem Zusammenhang die Beobachtung, dass er als "Kind" offensichtlich die Liebesbeziehung zu einer erwachsenen Frau verleugnen muss, um sich seine Kinderliebe zur Mutter bewahren zu können. Als nicht lange darauf seine Freundin Nadine das Café betritt, beteuert er mit Nachdruck dem stillen Zuhörer seiner Erzählung: "Sie war und ist mir einerlei." (T 4/4, 93) Als Erwachsener kann er Nadine - wie eine digital gespeicherte Fotografie -beliebig oft aufrufen und wieder verschwinden lassen. Demgegenüber erscheint seine Kindheit fast wie ein geheiligter Bezirk, dessen Wirksamkeit auf sein Gemüt er sich nicht entziehen kann. Bei aller scheinbaren Souveränität des Erwachsenen, der sich zum Bleiben entschlossen hat, kann er die Sehnsucht nach Geborgenheit und Freiheit nicht einfach abschalten. Die Schiffe erlebt er nicht nur als unwirkliche "Phantomschiffe" (T 4/7, 103), die geisterhaft auftauchen und wieder verschwinden. Sie bleiben nicht etwa mit gesichtslosen Figuren irgendwo in unpassierbaren Meerengen hängen, sondern sind für Hunderte verzweifelter Menschen starke Hoffnungsträger auf dem Weg in die Freiheit: "Auf einem solchen Schiff wäre ich auch gern gefahren, mit solchen Mitreisenden." (T 4/7, 101)

Das "Kind im Mann" sucht "das gewöhnliche Leben" (T 3/4, 65), sucht "nach dem, was für immer vorhält" (T 5/6, 125), nach Geborgenheit und Verlässlichkeit, nach etwas, an dem es sich festhalten kann und das es nicht im Strom der Heimatlosen, Wurzellosen, Gestrandeten und Gescheiterten mit sich fortreißt. Wenn es diese Gewissheit hat, kann der erwachsene Mann - wie der Erzähler Marie gegenüber - zur Schutzfigur werden und auf andere achtgeben. (Vgl. 5/10, 141) Er kann "seine zahllosen Tricks und Zauberkunststücke" (T 6/1, 145) vergessen und muss sich nicht mehr "in meiner eigenen List, in meiner eigenen Undurchschaubarkeit" (T 6/1, 144) bestätigt sehen. Er muss sich nicht mehr erschrecken, wenn ihn jemand bei seinem wahren Namen ruft. Er muss sich nicht mehr verstellen, um irgendein wichtiges Ziel zu erreichen. Er kann sein "Daheimsein" (T 7/1, 175) beruhigt genießen, muss sich nicht "mit böser, kranker Freude" vor einem Menschen verstecken, den man - wie der Erzähler Marie - im Grunde liebt und beschützen will (T 7/6, 197), und er muss sich auch nicht missgestimmt in sein Zimmer zurückziehen, in dem er sich wie in einer "Höhle" (ebd.) vorkommt.

Freilich kann er nur weiter kommen, indem er sich den Bedingungen der "Obrigkeiten" (T 2/1, 37) und "Menschenfänger" (T 2/3, 41) stellt, die dafür sorgen, dass der menschliche Abschaum wie ein "Rinnsal" (ebd. 42) ins Meer abfließt. Als Realist weiß er, dass kein Weg darum herumführt: er kann diese Bedingungen nicht umgehen, wenn er dem Strom der Gescheiterten entkommen will. Um ein "Transit" zu erwerben, muss er, wie alle anderen, einen Fragebogen ausfüllen mit einem Netz von Fragen, das "so dicht, so ausgeklügelt, so unentrinnbar" ist und das Leben eines Flüchtlings so lückenlos erfasst, dass ein Bild entsteht, in dem "alle Einzelheiten stimmten. Was macht es [also] aus, daß das Ganze nicht stimmte?" (T 8/1, 203) Wenn man Glück hat - und ist das in dieser Welt nicht eigentlich das Hauptkriterium für Erfolg? - trifft man in einer solchen Behörde auf einen "Schutzengel" mit "schwarzen Locken" und "brauner Haut" (ebd.), der einen zur Hauptuntersuchung vor das "Jüngste Gericht" (ebd.) geleitet, wo man auf Herz und Nieren geprüft wird. Die meisten Opfer dieses unbarmherzigen Ausleseprozesses müssen jedoch endlos lange in den "Wartesälen" des Exils ausharren und werden gnadenlos durch die bürokratischen Mühlen getrieben. Zur Beschreibung ihrer Qualen eignet sich eigentlich viel treffender das Bild der "Hölle", das vom "kahlen Mittransitär" mit seinem "Märchen vom toten Mann" evoziert wird, wo "man das Warten um des Wartens willen tut und das, worauf man wartet, unerheblich ist." Mit anderen Worten: Es ist "ein blödsinniges Warten auf nichts." (T 8/2 + 3, 208 f.)

Wenn es eine Möglichkeit gibt, die kindliche Sehnsucht nach einem einfachen Leben und die komplizierte Welt des "Heilung" (T 8/8, 230) suchenden Erwachsenen auf einen Nenner zu bringen, und wenn man nicht an "Glücksfälle" oder "Zufälle" glaubt, wo wäre dieses Heil zu finden? Findet man es, wenn man rückwärtsgewandt von seiner "Kindheit" und seiner "Heimatstadt" (T 9/2, 238) träumt? Oder indem man sich aufrafft, aktiv wird, sich Ziele setzt, neue Horizonte erobert und bereit ist, seine Umgebung mit anderen Augen zu betrachten? Der Erzähler wählt überraschenderweise den letzteren Weg, wobei man durchaus die Frage stellen kann, ob sich diese Wahl mit seinem bisherigen Werdegang vereinbaren lässt. Nach einer durchwachten Nacht und reiflicher Überlegung beobachtet er seine Umgebung und erkennt plötzlich:

Der Zeitungsjunge, die Fischerfrauen auf dem Belsunce, die Händlerinnen, die ihre Läden öffneten, die Arbeiter auf dem Wege zur Frühschicht, sie alle gehörten zur Menge derer, die nie abfahren, mag geschehen, was will. Der Einfall, abzufahren, kommt ihnen so wenig, wie einem Baum oder einem Grasbüschel. (T 10/7, 270)

[...]


[1] Walter, Hans-Albert: Anna Seghers' Metamorphosen. Frankfurt a. M.: Büchergilde Gutenberg 1985, 89

[2] Vgl. dazu folgende Äußerung des Protagonisten: "Plötzlich schüttelte mich wie ein Fieber der Wunsch, rasch abzufahren." (T 10/4, 264) Symptomatisch ist hier die Plötzlichkeit, mit der sich sein Unbewusstes überfallartig seiner bemächtigt, als seien alle Kontrollfunktionen seines bewussten Ich in diesem Moment ausgeschaltet

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Details

Title
Der Roman "Transit" von Anna Seghers. Die Figurenkonstellation (Teil III)
College
University of Hannover  (Deutsches Seminar)
Course
----------------------------------------
Author
Year
2016
Pages
26
Catalog Number
V321516
ISBN (eBook)
9783668212091
ISBN (Book)
9783668212107
File size
469 KB
Language
German
Tags
Anna Seghers, Transit, Figurenkonstellation
Quote paper
Hans-Georg Wendland (Author), 2016, Der Roman "Transit" von Anna Seghers. Die Figurenkonstellation (Teil III), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321516

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