Hilfen für Eltern mit geistiger Behinderung. Unterstützungsmöglichkeiten vor und während der Elternschaft


Akademische Arbeit, 2012

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Methoden, Materialien und Werkzeuge
1.1 Der Kinderwunsch als Anlass, in das Gespräch zu kommen
1.2 Sexualpädagogische Materialien
1.3 Begleitung während der Schwangerschaft

2. Unterstützungsnetzwerke als Hilfen bei der Ausübung der Elternschaft

3. Hilfen bei der Ausübung der Elternschaft durch die Bundesarbeitsgemeinschaft ‚Begleitete Elternschaft‘
3.1 Die Bundesarbeitsgemeinschaft ‚Begleitete Elternschaft‘
3.2 Ziele und Aufnahmebedingungen
3.3 Räumliche Ausstattung
3.4 Aufgaben und Qualifikation der BegleiterInnen
3.5 Rechtliche Grundlagen und Finanzierung
3.6 Arbeitsweisen/ Methoden
3.6.1 Vermittlung von Informationen
3.6.2 Alltagssituationen begleiten
3.6.3 Beratungsgespräche
3.6.4 Erläutern und Erlernen
3.6.5 Übernahme von Tätigkeiten, Entlastungsgespräche
3.6.6 Aufbau und Koordination des sozialen und institutionellen Netzwerkes
3.6.7 Termine und Gespräche begleiten
3.6.8 Förderung der Kinder

4. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Anhang 1: Fragekatalog der AWO

Anhang 2: Zusammenfassung zum Thema Liebe und Partnerschaft und Kinderwunsch/Elternschaft in leichter Sprache

Anhang 3: Leitfaden zu Begleitung von Schwangerschaften

„Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein umso mehr". Dies gilt insbesondere, wenn zu der großen Herausforderung „Elternschaft“ eine weitere hinzukommt, zum Beispiel in Form einer geistigen Behinderung eines oder beider Elternteile. Die folgende Arbeit zeigt, über welche Unterstützungsmöglichkeiten Eltern mit geistiger Behinderung vor, während und nach der Schwangerschaft verfügen.

1. Methoden, Materialien und Werkzeuge

In dem folgenden Abschnitt wird erläutert, wie das erste Gespräch im Zusammenhang mit Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung aussehen kann und was dort zu beachten ist. Hier wird davon ausgegangen, dass der Kinderwunsch der Anlass der Beratung ist. Anschließend werden sexualpädagogische Materialien vorgestellt, die die Elternschaft von individuell beeinträchtigten Menschen thematisieren und die sich auch laut verschiedenen Publikationen als erfolgreich erwiesen haben. Und schließlich wird angesprochen, wie eine Begleitung während der Schwangerschaft aussehen kann.

1.1 Der Kinderwunsch als Anlass, in das Gespräch zu kommen

Der Wunsch eines Menschen mit individuellen Einschränkungen nach einem Kind sollte ernst genommen werden. Dabei ist es wichtig die Beweggründe für ein Kind zu erfassen. Manchmal ist es der Wunsch nach mehr Nähe und Zuwendung, der Wunsch nach einer Lebensbereicherung oder auch der Wunsch gebraucht zu werden. Hier gilt es herauszufinden, ob der Wunsch nach einem Kind wirklich im Interesse der Person liegt, oder ob nur verschiedene andere Bedürfnisse befriedigt werden sollen. Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass die von den Personen genannten Motive für Kinder in erster Linie dazu dienen sollen, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen. Dies gilt für behinderte wie für nicht behinderte Menschen.[1] Jedoch verdeutlicht Pixa-Kettner vor dem Hintergrund der besonderen Situation von Menschen mit Behinderung zusätzlich den Aspekt, dass ein Kinderwunsch auch Ausdruck von Normalität und Erwachsenheit sein kann.[2]

Die Beweggründe ein Kind zu bekommen, erfahren in der Gesellschaft unterschiedliche Hinterfragungen. „Während sich nicht behinderte Frauen tendenziell dafür rechtfertigen müssen, wenn sie sich kein Kind wünschen, müssen sich geistig behinderte Frauen rechtfertigen, wenn sie sich ein Kind wünschen.“[3]

In der Praxis ist der Umgang mit dem Kinderwunsch von Menschen mit individuellen Einschränkungen von großer Hilflosigkeit geprägt. Hier scheint es noch immer ein Grundsatz zu sein, das Thema Kinderwunsch nicht anzusprechen, um nicht unnötig die Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken. Die Ablehnung der Gesellschaft ist den Menschen mit Behinderung durchaus bewusst. Aus diesem Grund verbergen sie ihren Kinderwunsch auch, oder verheimlichen eine Schwangerschaft über lange Zeit. Jedoch ist es wichtig Wünsche anzusprechen, auch wenn sie nicht erfüllt werden können. Die Person muss ernst genommen werden mit ihrem Wunsch ein Kind zu bekommen. Dies gewährleistet einen angemessenen Entscheidungs- und Verarbeitungsprozess und sichert, dass sie sich mit ihren Wünschen, Träumen und Vorstellungen auseinandersetzt.[4]

Bei einem frühzeitigen Angebot in Beratungsgesprächen kann der Wunsch nach einem Kind umfassend reflektiert werden. Es kann gemeinsam besprochen werden, ob ein Kind die gewünschten Erwartungen erfüllen kann und welche Konsequenzen und Veränderungen eventuell auftreten können.[5] Das Ziel des ersten Gespräches sollte es sein, die Menschen mit geistiger Behinderung eine eigene Antwort finden zu lassen auf ihre Fragen, Wünsche und Vorstellungen. Das Gesprächsangebot sollte niedrigschwellig, einladend und wertschätzend gestaltet sein. Wichtig ist aber auch, dass dieses Gespräch informativ ist, und Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl steigert, damit selbstständiges Handeln und Entscheiden ermöglicht werden kann.[6] Dazu sollen in Anlehnung an Corinne Wohlgensinger einige Punkte aufgeführt werden, die im Zusammenhang mit einer Entscheidung für ein Kind thematisiert werden sollten:

- „Die eigene Identität und verschiedene Faktoren einer Partnerschaft.
- Motive des Kinderwunsches.
- Wissen, wie ein Kind entsteht und wie man eine Schwangerschaft verhindern kann.
- Der Zeitpunkt und die Dauer der Schwangerschaft.
- Die Geburt und die Geburtsvorbereitung.
- Was bedeutet es ein Kind zu versorgen und was sind meine individuellen Kenntnisse/ Defizite?
- Die Veränderung der Wohn- und Lebenssituation um mit dem Kind zusammen leben zu können.
- Die Ökonomische (sic!) Situation.“[7]

Um jedoch nicht zu viele Themen in einem Gespräch unterzubringen, sollte eine Terminabfolge geplant werden (hierzu Anhang 1: Fragekatalog der AWO).[8]

1.2 Sexualpädagogische Materialien

Im Folgenden werden Hilfsmittel aufgeführt, die sich mit dem Thema Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung befassen. Bei der Sichtung der sexualpädagogischen Materialien für geistig behinderte Menschen fällt zunächst auf, dass dies ein sehr junges Thema ist (die ältesten Publikationen sind etwa von 1994). Außerdem ist zu bemerken, dass es überhaupt wenige sexualpädagogische Materialien gibt und sich die wenigsten konkret mit dem Thema Kinderwunsch bzw. Elternschaft befassen.

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe (Hrsg.) erstellte 1999 „Sexualpädagogische Materialien für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen“. 2005 wurde dazu bereits die fünfte Auflage veröffentlicht. In diesem Buch findet man sexualpädagogische Grundlagen, zielgruppenspezifische Bildungsangebote, sowie Materialien zur sexualpädagogischen Begleitung für Fachleute, Eltern und Angehörige. Arbeitsblätter zur eigenständigen Handhabung für Menschen mit Behinderung sind außerdem zu verschiedenen Themen („Ich als Mann/Frau“, „Kinderwunsch und Elternschaft, Schwangerschaft und Geburt“) vorhanden. Die meisten Arbeitshilfen sind durch Piktogramme und Bilder verdeutlicht, da viele Menschen mit geistiger Behinderung ein geringes oder gar kein Leseverständnis haben. In dem Kapitel zum Thema „Kinderwunsch und Elternschaft, Schwangerschaft und Geburt“ beinhaltet das Erkennen und Bewusstwerden der Verantwortung und der Aufgaben, die ein Kind mit sich bringt. Außerdem eröffnet es umfassende Informationen über Schwangerschaft und Geburt.[9]

Der Praxisleitfaden ‚Liebe(r) selbstbestimmt‘ für die psychosoziale Beratung und sexualpädagogische Arbeit mit Menschen mit Behinderung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ist Teil eines von der Aktion Mensch geförderten Projektes, welches neben diesem Leitfaden auch die Entwicklung eines Beraterangebotes (Beratungsstellen für Menschen mit Behinderung in Nordrhein-Westfahlen) umfasst. Dieses Handbuch beinhaltet neben sexualpädagogischen Informationen, Informationen über Liebe und Partnerschaft und Kinderwunsch/ Elternschaft für Berater auch immer eine Zusammenfassung in leichter Sprache (Anhang 2: Zusammenfassung zum Thema Liebe und Partnerschaft und Kinderwunsch/ Elternschaft in leichter Sprache). Dazu enthält das Nachschlagewerk Beispiele für Projekte und Seminarkonzepte zu verschiedenen Themen. Schließlich implizieren die 165 Seiten auch rechtliche Grundlagen bezüglich Sexualität, Partnerschaft und Elternschaft von Menschen mit Behinderung. Es ist also ein sehr guter Wegweiser, der das Thema Sexualpädagogik von Menschen mit Behinderung gut verständlich, aber auch umfassend erklärt.[10]

Ursula Pixa-Kettner und ihre Kolleginnen entwickelten das sogenannte „Kinderwunschspiel“[11]. Dies stellt eine Hilfe zum Gesprächsbeginn dar und somit eine Erleichterung der Kommunikation untereinander. Ziel dieses Spiels ist es, den möglichst offenen Austausch über eigene Wünsche und Vorstellungen im Zusammenhang mit einem Kind anzuregen und dabei realistische Abwägungen zu treffen. Dafür wurde eine Sammlung von 36 kurzen und einfach formulierten Aussagen zusammengestellt, die sich auf Vorstellungen über den Elternstatus beziehen. Diese stellen positive (+), negative (-) und neutrale (?) Aussagen über ein Leben mit einem Kind dar. Es sind sowohl Aussagen enthalten, die sich auf die Einzelperson beziehen, aber auch auf Paare. Die überwiegende Anzahl der Fragen lässt keine Richtig-Falsch-Beantwortung zu und bietet damit Raum für die subjektive Bewertung.[12]

Ursprünglich in der Jugendarbeit in den USA von den Diplompädagoginnen Stemmer-Schaich und Schultz-Brunn wurde 2001 das „Elternpraktikum“ mit Babysimulatoren entwickelt[13]. „Sogenannte Babysimulatoren machen all das, was auch normale Säuglinge tun – mit dem Unterschied, dass sie vorher programmiert wurden und dass die Daten im Anschluss ausgelesen werden können.“[14] Ziel des Projektes ist es zu zeigen, welche große Verantwortung die Betreuung eines Kindes mit sich bringt. Es ist nicht nur süß, es muss rund um die Uhr versorgt werden. TeilnehmerInnen werden somit in die Situation des Eltern-Seins versetzt.[15] Sie sollen erkennen, dass Eltern dafür verantwortlich sind, ihr Kind liebevoll zu erziehen und dass die Versorgung eines Kindes mit einem großen emotionalen und zeitlichen Aufwand verbunden ist und somit das eigene Leben umfassend verändert. Durch dieses Praktikum können Grundkenntnisse in der Säuglingspflege und Ernährung, sowie einige kindliche Bedürfnisse vermittelt werden. Auch für Menschen mit Behinderung erscheint das Baby-Bedenkzeit-Projekt für begrenzte Zwecke sinnvoll. Möglicherweise können hier auch die Belastungen, die durch ein Kind entstehen realistisch aufgezeigt werden.[16]

1.3 Begleitung während der Schwangerschaft

Auch wenn der Kinderwunsch von Menschen mit Behinderung ein relevantes Thema ist, ist es laut der Studie von Pixa-Kettner/Bargfrede/Blanken nicht so, dass die Schwangerschaften letztendlich geplant sind. Nur ein Drittel bis ein Viertel der befragten Personen bzw. Paare hatten die Schwangerschaft beabsichtigt. Bei den anderen sei es „halt so passiert“[17]. Trotz alledem haben sich fast alle Personen über die Schwangerschaft gefreut. Das Umfeld, hierbei sogar das Fachpersonal, reagierte meist mit Ablehnung. Nur eine Mutter (von 28 befragten Personen) erhielt eine auf sie zugeschnittene Vorbereitung auf die Geburt und die folgende Kinderbetreuung und –pflege, bei den anderen wurde Unverständnis gezeigt, oder es wurde sogar für einen Abbruch plädiert (acht Betroffene).[18]

Aufgrund dieser Ergebnisse ist es sicher nachvollziehbar, dass eine Frau mit geistiger Behinderung bzw. ein Paar eine Schwangerschaft lange verschweigt. Hier ist die Angst davor, dass ihnen das Kind ausgeredet und eine Abtreibung empfohlen wird, zu groß.[19] Erfahren Unterstützerpersonen dann von der Schwangerschaft, ist meist noch wenig Zeit. Dennoch ist hier der Weg in eine Schwangerschafts(konflikt)beratungsstelle sehr entscheidend. Die werdenden Eltern haben ein Recht auf Informationen über den Verlauf der Schwangerschaft, die Geburt, die Zeit danach und sie haben auch ein Recht auf Unterstützung in dieser Zeit. MitarbeiterInnen in diesen Beratungsstellen sind Fachfrauen/männer zu allen Themen rund um Schwangerschaft und Geburt, so dass sie viele Fragen klären können und nötige Maßnahmen veranlasst werden können.[20]

Eine zweite wichtige Anlaufstelle ist das Jugendamt. Hier besteht die Möglichkeit während der Schwangerschaft Hilfen im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe anzunehmen. An dieser Stelle ist es entscheidend, Vertrauen zu den MitarbeiterInnen des Jugendamts aufzubauen, um später eine umfassende Unterstützung leisten zu können. Auch hier wird die werdende Mutter bzw. das Paar über Schwangerschaft und Geburt informiert. Während der Schwangerschaft wird vom Jugendamt ergänzende Unterstützung geleistet, wie zum Beispiel die Vermittlung an andere Professionelle. Neben der Schwangerschafts(konflikt)beratung ist eine gynäkologische Behandlung von enormer Wichtigkeit. Hier wird die schwangere Frau angemessen beraten und die medizinische Versorgung kann geleistet werden. Sinnvoll wäre auch der Besuch eines Geburtsvorbereitungs- und Säuglingspflegekurses. Auch der Kontakt zur Hebamme sollte rechtzeitig hergestellt werden, denn auch sie kann ausführlich über die Geburt informieren und Anleitung geben. Zusätzlich ist auch festzulegen, wer die werdende Mutter bei der Geburt begleitet und unterstützt. Das Jugendamt legt außerdem viel Wert auf die Vorbereitung der Lebenssituation und die Planung der Unterstützung nach der Geburt. Neben der Bedarfserhebung (Wohnsituation, erwartende Schwierigkeiten, Unterstützung in der Alltagspraxis, Pflege und Versorgung des Kindes etc.) muss auch ein Unterstützungsnetz aufgebaut werden (Hebamme, Familienmitglieder, Freunde, Kindsvater, etc.). Letztlich stellt sich die Frage, wie sich die wirtschaftliche Situation gestaltet (Beantragung von Kinder- und Elterngeld, Zuschüsse für die Erstausstattung etc.).[21] Im Anhang 3 (Anhang 3: Leitfaden zu Begleitung von Schwangerschaften) befindet sich ein Leitfaden zur Begleitung von Schwangerschaft, um einen Überblick über die notwendigen Schritte zu erlangen.

2. Unterstützungsnetzwerke als Hilfen bei der Ausübung der Elternschaft

Elternschaft findet heute bei behinderten und nichtbehinderten Menschen meistens durch eine Reihe von Unterstützern (Familie, Freunde, Nachbarn, Kindergärten, Schulen etc.) statt. An dieser Stelle ist zu bemerken, dass ein Unterstützungsnetzwerk auch dann wichtig ist, wenn eine geistige Behinderung nicht angeboren ist und erst im Laufe des Lebens entsteht. Möglicherweise ist die intensive Begleitung hier nicht von Geburt an notwendig, sondern erst später. Auch im folgenden Absatz wird auf die Studie von Pixa-Kettner/Bargfrede/Blanken zurückgegriffen, da es im deutschsprachigen Raum keine vergleichbare Untersuchung gibt.[22] Zunächst sollen die Begriffe Soziales Netzwerk und soziale Unterstützung geklärt werden.

Ein Soziales Netzwerk ist ein „(…) Beziehungsgeflecht eines einzelnen (sic!) mit Menschen seiner sozialen Umgebung.“[23] Dabei wird unterschieden zwischen informellen (Familie, Freundeskreis, NachbarInnen, ArbeitskollegInnen) und formellen Beziehungen (professionelle Einrichtungen). Durch Kontakte zu pädagogischen und sozialen Berufen und zu Institutionen, nehmen die formellen Beziehungen bei Menschen mit Lernschwierigkeiten einen hohen Stellenwert ein. Die Qualität des sozialen Netzwerkes ist jedoch nicht von seiner Größe abhängig, sondern bestimmt sich im individuellen Kontext.[24]

Die ‚Soziale Unterstützung‘ ist der „(…) Grad der sozialen Bedürfnisbefriedigung eines Individuums durch signifikant andere Mitglieder seines sozialen Netzwerkes.“[25] Diese zeigen sich in Form von praktischen Hilfen (z.B. Unterstützung im Haushalt), Rat und Information, emotionale Hilfen (z.B. Zuneigung, Einfühlungsvermögen), bewertungsbezogene Unterstützung (z.B. Wertschätzung) und soziales Beisammensein (Zugehörigkeit). Eine soziale Unterstützung muss nicht immer positiv sein, da eine erbrachte Leistung mit Erwartungen und Gegenerwartungen verbunden ist.[26]

Eine gute soziale Unterstützung ist notwendig für Eltern, um einer Überforderung vorzubeugen und fehlende elterliche Kompetenzen auszugleichen. Laut Pixa-Kettner/Bargfrede/Blanken ist eine informelle Hilfe für Eltern mit Lernschwierigkeiten durch ihre Herkunftsfamilien jedoch selten vorhanden.[27] Leider bietet auch ihr eingeschränktes soziales Umfeld ihnen nicht die Möglichkeit Erfahrungen und Fähigkeiten durch Anschauen und Kopieren zu erlernen. Auch professionelle Hilfe ist für viele Eltern mit geistiger Behinderung aufgrund von Diskriminierungen, Vorurteilen oder mangelnder Ausbildung der MitarbeiterInnen nur schwer erhältlich. Mangelnde Schreib- und Lesefähigkeit können diese Isolation noch verstärken, da sie den Zugang zu Informationen über Ihre Rechte, sowie zu Beratungseinrichtungen erschweren. Spezielle Angebote für Eltern mit geistiger Behinderung sind viel zu selten zu finden und befinden sich aufgrund ihrer Minorität meist nicht in Wohnortnähe. Auch wird berichtet, dass professionelle Hilfe häufig wenig koordiniert sei, da oft mehrere MitarbeiterInnen gleichzeitig eine Familie betreuen und die Hilfeleistung durch unterschiedliche Ratschläge erschweren.[28]

Grundsätzlich ist zu sagen, dass funktionierende soziale Netzwerke wesentlich sind für das Gelingen der Elternschaft. Deshalb ist es die Aufgabe professioneller Helfer, stabile und langfristige Unterstützungsnetzwerke zu fördern. An dieser Stelle sollen unterstützende Beziehungen zu Nachbarn, Freunden und der weiteren Familie hergestellt werden. Auch müssen anderweitige Ressourcen genutzt werden und der Zugang zu öffentlichen Einrichtungen, wie Vereine, allgemeine Dienstleistungen oder Selbsthilfegruppen muss eröffnet werden. Dies dient dazu die Identität der Eltern als Mitglied der Gesellschaft zu bekräftigen und das Selbstbewusstsein und somit auch die eigenen Kompetenzen zu stärken. Die beste Form der Unterstützung ist eine Mischung aus formellen und informellen Beziehungen: „What worked best for the mothers in this study was when the mothers got help, both from their extended family and the service system. The mothers said that their families gave them the most important support to keep their children.”[29] Jedoch sollten Eltern mit Unterstützungsbedarf (und andere Eltern auch) immer die Wahlmöglichkeit haben, wie und durch wen sie unterstützt werden. Diese Hilfeleistung müsste dann individuell auf die jeweilige/n Person/en zugeschnitten sein und an die spezifischen Bedürfnisse angepasst werden. Netzwerkarbeit ist hier als ein Teil der professionellen Arbeit zu sehen, wobei informelle Netzwerke nie formelle ersetzen sollten.[30]

[...]


[1] Pixa-Kettner, Bargfrede 2006 In: Pixa-Kettner (Hg.) 2006, 74

[2] Pixa-Kettner 1999 In: Lenz u.a. 2010, 167

[3] Pixa-Kettner, Bargfrede 2006 In: Pixa-Kettner (Hg.) 2006, 75

[4] ebd., 76f.

[5] AWO (Hrsg.) 2006, 191 f. In: Lenz u.a. 2010, 169

[6] ebd., 78

[7] Wohlgensinger 2007, 107f In: Kreisz 2009, 48

[8] AWO (Hrsg.) 2006, 191 f. In: Lenz u.a. 2010, 169

[9] Bundesvereinigung Lebenshilfe (Hrsg.) 2009, 98 ff.

[10] AWO (Hrsg.) 2006

[11] Pixa-Kettner, Bargfrede 2006 In: Pixa-Kettner (Hg.) 2006, 83

[12] AWO (Hrsg.) 2006, 191ff. In: Lenz u.a. 2010, 170f.

[13] ebd., 81

[14] Rödiger, Allgemeiner Anzeiger Eichsfeld, 18. April 2012, 1

[15] ebd.

[16] Pixa-Kettner, Bargfrede2006 In: Pixa-Kettner (Hg.) 2006, 82

[17] Bundesminister für Gesundheit (Hrsg.), Pixa-Kettner/Bargfrede/Blanken 1996, 54

[18] ebd.

[19] ebd.

[20] Lenz u.a. 2010, 172

[21] ebd., 173

[22] Schneider 2006 In: Pixa-Kettner (Hg.) 2006, 254

[23] Badura 1981, 25 In: Schneider 2006 In: Pixa-Kettner (Hg.) 2006, 254

[24] Schneider 2006 In: Pixa-Kettner (Hg.) 2006, 254

[25] ebd., 255

[26] ebd.

[27] Bundesminister für Gesundheit (Hrsg.), Pixa-Kettner/Bargfrede/Blanken 1996, 71

[28] Schneider 2006 In: Pixa-Kettner (Hg.) 2006, 257 ff.

[29] Traustadóttir & Sigurjónsdóttir 2000, 254 In: Schneider 2006 In: Pixa-Kettner (Hg.) 2006, 257 ff. zu Deutsch: Was am besten für die Mütter in dieser Studie funktionierte war, wenn die Mütter Hilfe bekamen aus ihrer Großfamilie und dem Service-System. Die Mütter sagten, dass ihre Familien ihnen die wichtigste Unterstützung war, ihre Kinder zu behalten.

[30] Schneider 2006 In: Pixa-Kettner (Hg.) 2006, 272 ff.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Hilfen für Eltern mit geistiger Behinderung. Unterstützungsmöglichkeiten vor und während der Elternschaft
Hochschule
Fachhochschule Erfurt  (Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
32
Katalognummer
V321525
ISBN (eBook)
9783668202009
ISBN (Buch)
9783668202016
Dateigröße
878 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hilfen, eltern, behinderung, unterstützungsmöglichkeiten, elternschaft
Arbeit zitieren
Gabriele Marx (Autor), 2012, Hilfen für Eltern mit geistiger Behinderung. Unterstützungsmöglichkeiten vor und während der Elternschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321525

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