Filmemacher des Dokumentarfilms. Zwei Bergsteiger-Dokumentationen im Vergleich

"Gasherbrum – der leuchtende Berg" (1984) von Werner Herzog und "Am Limit" (2007) von Pepe Danquart


Hausarbeit, 2014

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dokumentarfilm
2.1 Definition des Dokumentarfilms
2.2 Dokumentarfilm und Filmgeschichte

3. Spurensuche/Fallanalyse
3.1 Fiktion und Non-Fiktion
3.2 Kamera und Einstellungsgrößen
3.3 Grenzerfahrungen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - , Super-Totale’ vom Gasherbrum im Schneesturm

Abbildung 2 - , Totale’ - Expeditionsgruppe auf dem Weg ins Basislager

Abbildung 3 - ,Amerikanisch’ - Interviewsituation mit Reinhold Messner

Abbildung 4 - ,Halbnah’ - Reinhold Messner bei der Besorgung von Proviant

Abbildung 5 – ,Nah’ - emotionale Interviewsituation mit Reinhold Messner

Abbildung 6 - ,Detail’ - Geballte Faust in Klettersituation mit Alexander Huber

Abbildung 7 – ,Nah’ - Interviewsituation mit Thomas und Alexander Huber

Abbildung 8 - Technische Ausrüstung ‚in der Wand’ in ca. 1000m Höhe

1. Einleitung

Die Luft zum Atmen scheint kaum auszureichen. Der Wind weht kalt, unerbittlich seit vielen Tagen und unter den schweren Wanderstiefeln knackt verräterisch der Schnee. Gletscherspalten und metertiefes Eis lauern bei jedem Schritt. Weit und breit ist keine Menschenseele. Der einzige stete Begleiter ist die Gewissheit, dass, wenn jetzt etwas passiert, niemand helfen kann und keine Rettung kommen wird. In der Nacht sinken die Temperaturen weit unter null Grad Celsius und nagen an den Kräften des menschlichen Körpers. Angetrieben von einer schier unfassbaren Willenskraft werden die letzten Reserven mobilisiert und der Aufstieg auf den in 8000 Metern Höhe liegenden Gipfel verwirklicht. Der Gewinn: Freude über das Erreichte und die Klarheit, dass einem dieser Augenblick für immer gehört. Der Verlust: möglicherweise Nahtoderfahrungen und Todesangst. Im geringsten Fall erfrorene Finger oder Zehen. Naturgewalten bestimmen den Menschen, doch dieser begibt sich freiwillig in die Extremsituation und nimmt in Kauf, dass am Ende der Expedition der Tod warten könnte. Was treibt Menschen dazu solche Strapazen auf sich zu nehmen und den Kampf gegen die Natur zu wagen? Warum ist es so wichtig, dass wir an unsere Grenzen gehen? Wer hält es für die Nachwelt fest und mit welchen Mitteln? Wer macht die Anstrengungen für die Menschen, die es nicht selbst erlebt haben, sichtbar und greifbar?

Diese und weitere Fragen werden in der vorliegenden Arbeit behandelt und untersucht. Mit Hilfe des Dokumentarfilms sollen Rückschlüsse auf das Handeln und die Motivation von Extrem-Bergsteigern ermöglicht werden. Weiterführend wird der Dokumentarfilm als filmisches Medium definiert und in die Geschichte des Films eingeordnet. Nachfolgend werden zwei Dokumentarfilme genauer betrachtet, auf ihre filmischen Mittel untersucht und gegenübergestellt. Eine entscheidende Rolle spielen hierbei die Filmemacher, die scheinbar mit jeweils unterschiedlichen Intensionen und Methoden das Thema Bergsteigen erfassen und aufarbeiten. In dieser Arbeit werden die Filme „Gasherbrum - der leuchtende Berg“ (1984) von Werner Herzog und „Am Limit“ (2007) von Pepe Danquart miteinander verglichen. Die zeitliche Spanne von 21 Jahren zwischen den beiden Dokumentarfilmen ist ebenfalls ein interessanter Aspekt und kann in den folgenden Ausführungen nur ansatzweise berücksichtigt werden. Am Ende werden beide Filme in einem Fazit ausgewertet und die Handlungsmotive der einzelnen Akteure weitgehend zusammengefasst.

2. Dokumentarfilm

Als Grundlage für die kommende Kurzanalyse sollen die folgenden Abhandlungen ein Basiswissen zum Dokumentarfilm darstellen und diesen definieren, als auch in die Geschichte des Films einbetten.

2.1 Definition des Dokumentarfilms

„Mit seiner grundsätzlichen Definition „Nonfiktion“ bildet er den Gegenpol zum Spielfilm mit der grundsätzlichen Definition „Fiktion“.“ (Schadt, 2012, S. 21). Glaubt man den Ausführungen von Jacobs und Lorenz spielen nicht nur Fiktion und Non-Fiktion eine große Rolle, sondern auch die Glaubwürdigkeit der aufgearbeiteten Themen gegenüber des Rezipienten (Vgl. Jacobs/Lorenz, 2014, S. 49). Folgt man diesen beiden Ansätzen könnte man schnell den Eindruck gewinnen, dass sich der Dokumentarfilm gänzlich vom Spielfilm unterscheidet und abgrenzt. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Auch wenn Mikos den Dokumentarfilm klar als eigene Gattung vom Spielfilm trennt (Vgl. Mikos, 2008, S. 263), so beschreibt Schadt, dass sich der Dokumentarfilm mehr und mehr an der formalen Perfektion des Spielfilms orientiert und sich der filmischen Gestaltungsmöglichkeiten bedient, um die zwangsläufigen „Auslassungen“ und „Lücken“ seiner non-fiktionalen Handlung zu füllen (Vgl. Schadt, 2012, S. 20 f.). Umgekehrt „[...] setzt der Spielfilm immer öfter auf die weniger perfekte Ästhetik des Dokumentarischen“ (ebd., S. 20). Wichtig ist Schadt nur, dass Inszenierungen, die im Dokumentarfilm verwendet werden, auch als solche erkennbar sein müssen. Alles andere ist für ihn eine Täuschung, welche unbewusst oder bewusst vollzogen wird (Vgl. Schadt, 2012, S. 21). Der Filmemacher Pepe Danquart unterstützt diesen Ansatz auf eine eigenwillige Art und Weise: „Definieren will ich keinen der gefragten Begriffe, vielleicht Glaubwürdigkeit: Sie liegt beim Autor. Ob er den Zugang zu seinem Gegenstand wirklich oder nur produktorientiert gesucht hat. Welche Mittel er benutzt ist scheißegal.“ (Danquart, 1999, S. 20; zit. In: Schadt, 2012, S. 19). Die vereinzelten Ansätze zur Definition des Dokumentarfilms stellen nur einen geringen Anteil derer dar, die in der Fachliteratur zu finden sind. Als Grundlage für die Betrachtungen in dieser Arbeit soll folgende Zusammenfassung von Thomas Schadt dienen: „[...] Dokumentarfilm ist Film. Er dokumentiert ein Stück Realität mit filmischen Mitteln, mit bewusst gestalteten Kamerabildern; mit genau gehörten und sorgfältig erfassten Originaltönen; mittels einer Montage, die ihren Schnittrhythmus nicht einem Zeitgeist nachempfindet, sondern ihn von Gehalt und Inhalt des Film(-materials) ableitet.“ (Schadt, 2012, S. 25).

2.2 Dokumentarfilm und Filmgeschichte

Für den Film „Nanuk der Eskimo“ (Nanook of the North) von Robert Flaherty wurde der Begriff Dokumentarfilm das erste Mal benutzt (Vgl. Ordolff, 2005, S. 264, zit. In: Jacobs/Lorenz, 2014, S. 58). Grierson, der den benannten Film als Erster untersuchte, wird später als der „Vater der Dokumentarfilmbewegung in der englischsprachigen Welt“ bezeichnet (Vgl. Barsam 1972, S. 77, zit. In: Eva Hohenberger, 1998, S. 12). Eva Hohenberger sieht sowohl Grierson als auch den Russen Vertov als die Begründer der Begriffsbestimmung zum Dokumentarfilm. Während Grierson den Dokumentarfilm als eine kreative Behandlung der Wirklichkeit beschreibt, formuliert Vertov in seinen „Manifesten“ die Idee vom „Film der Fakten“, welcher in einer Art „Fabrik der Fakten“ hergestellt wird. (Vgl. Eva Hohenberger, 1998, S. 10 ff.). Hoffmann verdeutlicht diese Forderung von Vertov und bezeichnet sie als die „Dechiffrierung der vorgefundenen Wirklichkeit“ (Vgl. Hoffmann, 2012, S. 25). Gemeint sind hierbei vor allem die politischen und sozialen Verhältnisse in Russland zu Zeiten vor und nach der Revolution, geprägt vom Übergang des Zarismus zum Kommunismus. Die darauffolgenden Jahre wurde der Dokumentarfilm vor allem für politische Zwecke im Zweiten Weltkrieg und Kalten Krieg genutzt. Kreimeier bezeichnet diese Zeit als die „babylonische Gefangenschaft“ des Genres. (Vgl. Kreimeier, 1993, S. 394, zit. In: Eva Hohenberger, 1998, S. 15). Das Fernsehen, als neues Leitmedium, und die aus den USA stammende Form des Dokumentarfilms direct cinema eröffnen dem Dokumentarfilm in den 50-er und 60-er Jahren eine neue unverfälschte Realitätsabbildung. Mit Hilfe von leichten 16mm-Kameras und tragbaren Synchrontongeräten können Aufnahmen zu jeder Zeit und an jedem Ort durchgeführt werden. In Deutschland zeichnet sich vor allem der Dokumentarist Klaus Wildenhahn als prominentester Vertreter des direct cinema aus und treibt die unvermittelte Realitätsabbildung voran (Vgl. ebd., S. 16). Für Hohenberger lässt sich ab hier keine weitere Abfolge einzelner Denker rekapitulieren. Vielmehr erfährt der Dokumentarfilm eine „[...] Zugriffsgeschichte auf Problematiken, die ihr sowohl die Geschichte des Gegenstandes als auch die klassischen Theorien hinterlassen haben.“ (Vgl. Eva Hohenberger, 1998, S. 18).

3. Spurensuche/Fallanalyse

Nachdem eine, für diese Arbeit, begriffliche Definition des Dokumentarfilms gewählt und eine grobe und überaus kurze Abhandlung zur Filmgeschichte des Dokumentarfilms verfasst wurde, sollen auf den folgenden Seiten zwei Dokumentarfilme zum Thema Bergsteigen gegenübergestellt und auf Merkmale der genannten Gattung überprüft werden. „Mit den drei grundlegenden Gestaltungsformen Einstellungswechsel, Einstellungsgröße und Montage bzw. Schnitt, die im Verlauf der Filmgeschichte immer differenzierter und verfeinerter „erzählen lernen“, wird dem Zuschauer die Handlung angeboten.“ (Vgl. Béla Balázs 1980, S. 20, In: Ortrud Rubelt, 1994, S. 243). Die von Balázs vorgeschlagene Einteilung der Unterscheidungsmerkmale von Dokumentarfilmen wird in dem folgenden Vergleich zwar benannt, aber nicht nur als Hauptuntersuchungsmerkmale festgelegt. Vielmehr geht es dem Autor um die Spurensuche nach Fiktion und Non-Fiktion, den verwendeten Kameras wie den eingesetzten Einstellungsgrößen und den Grenzerfahrungen, die die Filmemacher während des Drehens möglicherweise erleben. Eine erschöpfende Fallanalyse kann in dieser kurzen Arbeit nicht erfolgen. Aus diesem Grund wird für jedes Untersuchungsmerkmal eine Eingrenzung vorgenommen. Der Autor muss aus Gründen der Knappheit davon ausgehen, dass Inhalte und Filme bekannt sind. Eine Rezension der Dokumentarfilme ist an dieser Stelle nicht möglich.

3.1 Fiktion und Non-Fiktion

In der Untersuchungseinheit Fiktion und Non-Fiktion wird vor allem überprüft, ob die Filmemacher Herzog und Danquart auf die „reine“ Wiedergabe der wahrgenommenen Wirklichkeit Wert legen oder ob sie ihre Werke mit fiktionalen Details versehen haben. Nach der Definition unter Punkt 2.1 gemäß Schadt ist beides möglich, solange eine klare Abgrenzung für den Zuschauer erkennbar ist.

Der Film „Gasherbrum - der leuchtende Berg“ von Werner Herzog zeichnet sich vor allem durch seine extreme Non-Fiktion aus. Zu jeder Zeit hat der Rezipient das Gefühl, er würde echte und unverfälschte Bilder sehen. Im Laufe des Films wechseln die Szenen von weiträumigen Naturaufnahmen des zu besteigenden Berges zu Eindrücken und Aufnahmen der Expeditionsgruppe bis hin zu skurrilen Interviews mit den beiden Protagonisten Kammerlander und Messner. „Während der Spielfilm sich selbst darstellt, ist der Dokumentarfilm sozusagen Zeuge der Realität [...].“ (Schillemans, 1995, S. 16). Herzog setzt seine Kameras als Beobachter der Wirklichkeit ein. Einzig in der zehnten Minute scheint die Aufnahme verändert („Gasherbrum – der leuchtende Berg“, 1984, TC 00:09:55 – 00:10:33). Während die Träger der Expedition mit schwerem Gepäck einen Abhang hinuntersteigen, rollen im Vordergrund des Bildes jede Menge Geröll und Steine herab. Diese Szene wirkt stark inszeniert, da die kleinen Gebirgsteile nur im Vordergrund des Bildes fallen und weniger an den Stellen, an denen die Helfer den Berg tatsächlich hinabsteigen. Darüber hinaus wirken die Felsbrocken zu groß und scheinen mit überhöhter Geschwindigkeit den Hang herunterzustürzen. Diese eine Szene arrangiert Herzog und passt die Wirklichkeit seiner künstlerischen Subjektivität an. „Der sogenannte Dokumentarist versucht zu zeigen, was er für die Wirklichkeit hält, was er in die Wirklichkeit hineinliest und was er von der Wirklichkeit wahrnimmt.“ (Leiser, 1994, S. 37, zit. In: Jacobs/Lorenz, 2014, S. 51). Zwar grenzt Herzog hier keine eindeutige Non-Fiktion von Fiktion ab, aber er schafft Letzteres. Der Einfluss auf den Dokumentarfilm ist jedoch so gering, dass er an dieser Stelle für den Verlauf und die Glaubwürdigkeit des Dokumentarfilms vernachlässigt werden kann.

In dem Dokumentarwerk von Pepe Danquart sind die abgrenzbaren Szenen zwischen Non-Fiktion und Fiktion leichter zu erkennen als bei Herzog. Danquart grenzt eindeutiger ab. Als Beispiel ist hier die Traumszene von Thomas Huber in der siebten Minute zu benennen („Am Limit“, 2007, TC 00:06:19 – 00:08:08). Durch klare Bilder ist zu sehen, dass Thomas Huber in seinem Schlafsack liegt und schlecht träumt. Der rasch wechselnde Schnitt zwischen der Traumszene, welche aus tatsächlich aufgenommen und inszenierten Bildern besteht, und dem unruhigen Schlaf ist für den Zuschauer während der gesamten Sequenz erkennbar. Zum Teil schafft Danquart diesen Effekt über die unterschiedlichen Tonsegmente, die in den wechselnden Einstellungen zu hören sind, aber auch über die strikte Trennung von Tages- und Nachtaufnahmen, die jeweils den fiktionalen Teil vom non-fiktionalen trennen. Am Ende der Szene arbeitet Danquart sogar mit einer schwarzen Blende und beendet mit dieser offensichtlich die genannte Albtraumszene für den Zuschauer. Schnitt und Montage spielen hier eine große Rolle als Wegweiser für den Rezipienten. „Der Schnitt ist der - indirekte Kommentar des Filmemachers zur fokussierten Wirklichkeit.“ (Rubelt, 1994, S. 311). Dies ergibt sich in dem genannten Beispiel vor allem daraus, dass Danquart den Albtraum von Thomas Huber zwar fiktional darstellen kann, dieser aber immer nur eine subjektive Realität des Filmemachers bleibt. „Der Dokumentarfilm hat das Ziel, dem Zuschauer eine ihm sonst verborgene Welt (aus Sicht des Autors) zu eröffnen.“ (Jacobs/Lorenz, 2014, S. 55).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Filmemacher des Dokumentarfilms. Zwei Bergsteiger-Dokumentationen im Vergleich
Untertitel
"Gasherbrum – der leuchtende Berg" (1984) von Werner Herzog und "Am Limit" (2007) von Pepe Danquart
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Medienforschung)
Veranstaltung
Geschichte des Films und der Filmemacher von George Méliès bis Martin Scorsese
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V321654
ISBN (eBook)
9783668211995
ISBN (Buch)
9783668212008
Dateigröße
697 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Werner Herzog, Pepe Danquart, Gasherbrum - der leuchtende Berg, Dokumentarfilm, Am Limit
Arbeit zitieren
Frank Melz (Autor), 2014, Filmemacher des Dokumentarfilms. Zwei Bergsteiger-Dokumentationen im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321654

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