Die Kunst oder Die Künste? Ein Essay zum Kunstbegriff


Essay, 2004

5 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Die Kunst oder Die Künste?

Nachdenken über Kunst

Essay

Gibt es die Kunst oder kann man die Künste nur als je eigenes Genre begreifen?

Können wir die Kunst als eine Einheit verstehen oder nur als die Vielheit der Künste?

Es stellt sich zuerst einmal die Frage, ob es sinnvoll ist, die Kunst zu vereinheitlichen oder ob es nicht den Künsten eher gerecht wird, über ihre je spezifischen ästhetischen Prinzipien nachzudenken.

Für die Überlegungen hierzu habe ich folgende Arbeitsthesen aufgestellt:

These

Man kann die Kunst nur in der Unterteilung in einzelne Künste begrifflich fassen.

Antithese

Nur in der Einheit der Künste existiert der Begriff Kunst.

Synthese

Der Begriff Kunst ergibt sich aus dem Spannungsfeld durch die Interaktionen der einzelnen Künste.

Zu der These, dass man die Kunst nur in der Unterteilung in einzelne Künste begrifflich fassen kann, finden sich in der Literatur und der Philosophie verschiedene Möglichkeiten, die Künste zu unterteilen.

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) unterteilt die Künste in Raum- und Zeitkünste. Er hat im Jahr 1766 in seinem kunstkritischen Traktat Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie, eine Unterscheidung unter den Künsten entwickelt, die seitdem zu einem Gemeinplatz des Nachdenkens über Kunst geworden ist: Die Raumkünste sind Architektur, Plastik und Malerei; Zeitkünste hingegen Literatur und Musik. Für die Raumkünste gilt, dass sie ein Nebeneinander von Elementen realisieren, die im Raum gleichzeitig wahrgenommen werden. Ganz anders ist dies bei den Zeitkünsten. Die Literatur kann ich ästhetisch nur über die Zeit erfahren. Der Text hat eine bestimmte Dauer, innerhalb derer er sich entfaltet. Seine ästhetischen Elemente stehen nicht nebeneinander sondern nacheinander. Zu den Zeitkünsten gehört nach Lessing auch die Musik, für die gilt, dass sie Zeit benötigt, um stattfinden zu können. Die Musik hat noch mehr als die Literatur eine Dauer, die ihr gesetzt ist. Wenn ich nicht genügend Zeit aufwende, kann ich eine Oper nicht im Zusammenhang hören.

Eine weitere Unterscheidung wäre die der Aufführungskünste und der Ausstellungskünste. Die Musik und die Literatur zählen zu den Aufführungskünsten. Architektur, Bildhauerei und Malerei sind in diesem Sinne Ausstellungskünste.

Nun könnte man sich berechtigterweise fragen, wo zum Beispiel bleibt der Tanz. Der Tanz, wie schon seine Verbindung zur Musik zeigt, ist eine Kunst, die sich in der Zeit entfalten muss, aber auch zugleich des Nebeneinanders im Raum bedarf. Und man kommt automatisch zu der Überlegung, ob sich nicht auch die anderen Künste in der Zeit- und Raumeinteilung Lessings überschneiden. Ist die Entfaltung der Musik nicht doch auch an eine Räumlichkeit gebunden und benötige ich nicht auch Zeit, um eine Skulptur, ein Gemälde und ein Gebäude ästhetisch zu erfahren. Die Abgrenzung Lessings erscheint nicht so eindeutig wie anfangs gedacht.

Es lässt sich noch eine weitere Differenzierung anführen, die man Friedrich Nietzsches (1844-1900) Traktat Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik entnehmen kann. Nietzsche spricht nicht von einer Grenze, sondern von zwei unterschiedlichen ästhetischen Prinzipien, die er unter Rekurs auf zwei Götter der griechischen Antike formuliert hat. Auf der einen Seite steht Dionysos, der Gott des Rausches und der Ekstase. Ihm gegenüber steht Apollo, der Gott des Traumes und des schönen harmonischen Scheins. Zu den dionysischen Künsten kann man die Musik zählen, die in Nietzsches Betrachtungen – Nietzsche war zur Zeit der Niederschrift seines Traktats ein glühender Verehrer der Musik Richard Wagners – eine zentrale Stellung inne hat. Die dionysischen Künste agieren rauschhaft und ekstatisch, was natürlich nicht auf alles zutrifft, was wir unter Musik verstehen. Auch ein Action Painting Jackson Pollocks ist eher dionysisch, zumindest in seiner Entstehung.

Zu den sogenannten apollinischen Künsten würde man die Malerei zählen und die Künste mit klarer Form und Struktur. Darstellende Malerei, Skulpturen, Architektur, Literatur, Fotografie und Film haben eine klare Struktur und bauen übersichtliche Welten, Ordnungen und Zusammenhänge. Sie entfalten eine strukturierte Wirklichkeit.

Genauso wie bei den Raum- und Zeitkünsten verwischen sich auch hier die Grenzen. Eindeutig sind die Künste also nicht zu differenzieren.

Man kann natürlich die Künste noch auf andere Weise unterscheiden, zum Beispiel in allographische und autographische Künste, wie Nelson Goodman (1906-1998) dies in Sprachen der Kunst herausgearbeitet hat. Allographisch sind Künste, bei denen die Unterscheidung zwischen einem Original und einer Fälschung keinen Sinn ergibt. Ein literarisches Werk kann sooft gedruckt werden wie man will, es wird dadurch nie eine Fälschung. Ein zweites Exemplar eines Gemäldes stellt dagegen eine Kopie oder eine Fälschung dar, gehört also zu den autographischen Künsten. Auch Architektur und Plastik gehören hierzu. Jede Realisierung dieser Künste stellt ein Original, einen Autograph dar.

Eine weitere Unterscheidung trifft Walter Benjamin (1892-1940) in seinem Text Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, allerdings bezieht er sich ausschließlich auf Malerei und Fotografie bzw. Film, also nicht auf die Künste insgesamt. Es geht ihm darum, darzulegen, dass die Reproduktionskünste Fotografie und Film den Begriff der Kunst insgesamt verändert. In diesem Zusammenhang führt er für die Malerei, die eben nicht reproduzierbar ist, ohne als Kopie oder Fälschung zu gelten, den Begriff der Aura ein. Es existieren bis heute verschiedene Deutungsmöglichkeiten und es ist letztlich nicht eindeutig erklärt, was Benjamin genau damit meint. Man könnte die Aura eines Kunstwerkes mit Respekt und Ehrfurcht charakterisieren, die der Rezipient beim Betrachten erfährt, durch die Einmaligkeit und die Geschichte, die dahintersteht. Der Betrachter erlebt das Kunstwerk aus einer gewissen Distanz, er versenkt sich in die Anschauung. Fragt sich, welche Künste sind die nicht-auratischen Künste? Die Malerei, die Plastik und die Literatur könnte man zu den auratischen Künsten zählen. Musik, Architektur und Film hingegen wären nach Benjamin nicht auratisch.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Die Kunst oder Die Künste? Ein Essay zum Kunstbegriff
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
5
Katalognummer
V321678
ISBN (eBook)
9783668210530
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kunst, künste, essay, kunstbegriff, Gesamtkunstwerk, Wagner
Arbeit zitieren
Christina Hirschochs (Autor), 2004, Die Kunst oder Die Künste? Ein Essay zum Kunstbegriff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321678

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Kunst oder Die Künste? Ein Essay zum Kunstbegriff



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden