Die Inszenierung der frouwe bei Heinrich von Morungen


Hausarbeit, 2014

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Der Begriff der Hohen Minne
2.2 Analyse der Lieder
2.2.1 Lied I (MF 122,1 – 123,9)
2.2.2 Lied XXV (MF 140,32 – 141,8)
2.2.3 Lied XXXIV (MF147,7 – 147,16)

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

5 Anhang
5.1 Lied I (MF 122,1 – 123,9)
5.2 Lied XXV (MF 140,32 – 141,8)
5.3 XXXIV (MF147,4 – 147,16)

1 Einleitung

Heinrich von Morungen, eine der großen Persönlichkeiten des Hochmittelalters, zählt zu den bedeutendsten Repräsentanten des deutschen Minnesangs im 12. Jahrhundert[1]

Sein Name ist auf die Burg Morungen bei Sangerhausen in Thüringen zurückzuführen. Diese Annahme wird dadurch untermauert, dass er mit einem Ministerialiengeschlecht in Verbindung gebracht werden kann, welches sich in eben dieser Gegend seit dem Jahr 1226 urkundlich nachweisen lässt. Zudem wird vermutet, dass er mit Hendricus de Morungen identisch ist, dessen Existenz Anfang des 13. Jahrhunderts urkundlich bezeugt wird.[2]

Heinrich von Morungen wird der dritten Phase des klassischen Minnesangs zugeordnet, welche die Zeit von 1190 bis 1230 umschloss und auch unter dem Namen „zweite Hochphase“ bekannt ist. Eine unverwechselbare Individualität der verschiedenen Minnesänger war in diesem Zeitraum ein charakteristisches Merkmal.[3] So zeichnete sich speziell Morungen dadurch aus, dass er sich ganz dem Versuch hingab, die frouwe als poetisches Erzeugnis durch den Gebrauch sinnlicher Metaphorik wiederzugewinnen.[4]

Aus seiner Schaffenszeit, welche er ganz in den Dienst der Minne stellte, sind der Nachwelt 35 Minnelieder mit 115 Strophen überliefert. Davon finden sich 104 Strophen im Codex Manesse der umfangreichsten und berühmtesten Liederhandschrift des Mittelalters, wieder.[5]

Bei Heinrich von Morungen handelte es sich außerdem um den ersten Dichter des deutschen Minnesangs, bei dem die Figur der frouwe eine zentrale Rolle einnimmt und der sich darauf konzentrierte, sowohl die inneren, als auch die äußeren Vorzüge der frouwe zu beschreiben.[6]

Deshalb soll im Folgenden nun auf Grundlage der literarischen Werke Morungens die Inszenierung der frouwe näher untersucht werden. Für diese Aufgabe habe ich drei verschiedene Lieder ausgewählt, in denen die inneren und äußeren Merkmale der frouwe deutlich zu erkennen sind.

2 Hauptteil

2.1 Der Begriff der Hohen Minne

Bevor ich allerdings mit meinem eigentlich Thema beginnen möchte, erscheint es mir angebracht, zuerst auf den Begriff der Hohen Minne einzugehen. Unter „Minne“ versteht man nicht nur die von Erotik geprägte Beziehung zwischen Mann und Frau, es handelt sich auch um einen Ausdruck für die Verbundenheit zu Gott.[7]

Der Beginn der Hohen Minne lässt sich ungefähr auf 1170/80 datieren und zieht sich anschließend durch das komplette 13. Jahrhundert.[8] Dominant wurde diese Form der literarischen Spielart allerdings erst um das Jahr 1200.

Eine besondere Ausprägung wird bei der hohen Minne deutlich: das männliche Ich verfällt der sehnsüchtigen Liebe zu einer Frau, welche sich durch äußere und innere Vollkommenheit auszeichnet und stets eine abweisende Haltung gegenüber dem Mann einnimmt, da die Erfüllung der Liebe die ethnische Vollkommenheit der frouwe mindern würde. Die Liebe des Werbenden wird also nicht erfüllt. Dennoch aber bleibt das männliche lyrische Ich der frouwe treu ergeben, was dazu führt, dass er über ihre Unerreichbarkeit klagt, was auch das Motiv der Hohen Minne darstellt.[9]

2.2 Analyse der Lieder

Als Grundlage für meine Untersuchungen habe ich drei verschiedene Lieder Heinrichs von Morungen ausgewählt, welche ich im Anschluss auf die Figur der frouwe analysieren werde. Es handelt sich dabei um folgende Werke: Lied I (MF 122,1 – 123,9), Lied XXV (MF 140,32 – 141,36) und Lied XXXIV (MF 147,4 – 147,16). Die Lieder sind im Anhang beigefügt.

2.2.1 Lied I (MF 122,1 – 123,9)

Bei diesem ersten Lied Morungens handelt es sich um ein sogenanntes Frauenpreislied. In dieser Gattung lobt das lyrische Ich die inneren und äußeren Vorzüge der frouwe und steigert ihre Qualitäten dabei ins Hypertrophe. Dabei spricht er nicht mit ihr, sondern über sie.[10]

Die Vollkommenheit ihrer Person wird anhand von zahlreichen Einzelheiten in den folgenden Strophen aufgezeigt. So spricht das lyrische Ich bereits im ersten Teil der ersten Strophe von den Lobpreisungen über die frouwe, welche ihr von Bürgern des ganzen Reiches zugetragen werden. Besonders interessant ist dabei die dritte Zeile. Denn dort steht geschrieben, dass alle die frouwe aufgrund ihrer Vorzüge preisen müssen. Diesen Umstand könnte man nun als ersten Hinweis darauf verstehen, dass es sich bei der frouwe um niemand geringeren als Jungfrau Maria handelt, da es sich auch bei ihr so verhält, dass sich alle ihrer Verehrung anschließen müssen.[11] In diesem Zusammenhang bezeichnet Morungen die frouwe als „ diu schône “ (MF 122,7), „ die mîne “ (MF 122,11) und „ mîn liebest “ (MF 122,18). Weiter werden ihre Bewegungen als anmutig beschrieben. Zudem gilt sie als heiter, zugleich aber auch als maßvoll (MF 122,2).

Im zweiten Teil der Strophe kommt das Visuelle ins Spiel: Um die frouwe weiter zu ehren, verwendet Morungen im Anschluss die Symbolik des leuchtenden Mondes „ liuhtet des nahtes “ (MF 122,5). Denn auf die gleiche Weise, wie die Welt in der Nacht vom Strahlen des Mondes beschienen wird, so wird die Geliebte von der Summe alles Gutem umfangen und ausgezeichnet.[12]

In der letzten Zeile bezeichnet das lyrische ich die frouwe als seine „ krône “ (MF 122,9), wodurch sie gegenüber den übrigen frouwen erhöht wird. Dabei handelt es sich um einen Topos, welcher für die Lieder Heinrichs von Morungen charakteristisch ist und uns auch noch in den folgenden Liedern begegnen wird: er stellt seine frouwe über alle anderen frouwen, wodurch sie für ihn zum höchsten aller Dinge, zum „ summum bonum“ wird.[13]

In diesem Zusammenhang erscheint es auch wieder möglich, von einer Verbindung zwischen der frouwe und der Jungfrau Maria zu sprechen, welche als Inbegriff des „ reinen wîbes“ gilt[14]. Denn so wie man von der Heiligen Barmherzigkeit ausgeht, so weiß auch das lyrische Ich die Vorzüge der frouwe zu schätzen. In diesem Fall wäre sogar anzunehmen, dass die frouwe bewusst einer Heiligen gleichgestellt werden soll.[15]

Handelte die erste Strophe noch von den inneren geistigen Vorzügen der Frau (qualitas animae), kommt die zweite Strophe auf die äußeren, körperlichen Vorzüge (qualitates corporis) zu sprechen.[16]

Die Haut der frouwe wird als rein und makellos („ lûter vor valsche “ MF 122,15) umschrieben, was sich neben den rein äußeren Vorzügen auch den inneren Vorzügen zuordnen lässt, da dies impliziert, dass die frouwe auf Schminke verzichtet und es sich bei ihr somit um eine natürliche Schönheit handelt, die nicht dazu bereit ist, sich hinter Make-Up zu verstecken. Ihre Figur ist schlank und wohlgestaltet („ smal wol ze mâze “ MF 122,16), und „ fier unde frô“ (MF 122,16) steht für ihren belebten Leib nach den Regeln des höfischen Benehmens.

In MF 122,11 wird noch auf die Stellung der frouwe eingegangen: Es scheint, als würde er sie als ihm zugehörig sehen, was durch das Pronomen „ mein “ verdeutlicht wird.

Die dritte Strophe wird anfangs an Gott gerichtet. Das lyrische Ich bittet ihn, sie für ihn lange gesund zu halten („ got lâze mir vil lange leben gesunt “ MF 122,19). Dadurch wird die frouwe als dem Himmel zugehörig dargestellt. Begründet wird diese Bitte mit ihrer ethischen Tugend („ wîperliche stáete “ MF 122,20).[17]

Im weiteren Verlauf folgt eine nähere Beschreibung der körperlichen Vorzüge der frouwe. In den Fokus des Lobes gerät diesmal die Schönheit ihres Mundes, der von großer Bedeutung für den Liebenden ist. Er wird als rot beschrieben („ vil rôt ist ihr der munt“ MF 122,22) und die Weiße und Glätte ihrer Zähne, welche beim Lächeln zum Vorschein kommen, werden vom Sänger als „ vil verre bekannt “ (MF 122,23) gepriesen.[18]

Darüber hinaus werden die inneren Vorzüge der frouwe geschildert, welche durch ihre Intelligenz „ reine unde wîse “ (MF 122,25) und Freundlichkeit „ senfte und lôs “ (MF 122,26) repräsentiert werden.

In der vierten Strophe wird die Reinheit der frouwe („ tugent reine“ MF 123,1) zusammengefasst, welche das lyrische Ich mit großer Freude („ staeter vröide “ MF 123,4) erfüllt.[19] Im Anschluss dessen folgt ein weiterer Gestirnvergleich: Statt sie allerdings wie in der Anfangsstrophe mit dem Mondlicht zu vergleichen, vergleicht sie der Dichter diesmal mit dem Tagesgestirn (MF 123,1). Dies ist insofern auffällig, da die Sonne viel heller als der Mond ist und es infolgedessen zu einer Steigerung der Lichtmetaphorik kommt, was ihre Tugendhaftigkeit, welche zu Beginn der Strophe angesprochen wird, nochmals intensiviert.

Heinrich von Morungen setzt seine Gefühle in Bezug auf die frouwe oft mit dem Eindruck gleich, welcher durch das Erscheinen der Maisonne zum Anbruch eines neuen Tages oder das Auflösen von dunklen Winterwolken in ihm weckt wird.[20] In diesem Zusammenhang schrieb er (MF 123,1 – 3): „ Ir tugent reine ist der sunnen gelîch, / diu trüebiu wolken tuot liehte gevar, / swenne in dem meien ir schîn ist sô klâr.“ So wie die Natur also ihre Kraft aus der Sonne schöpft, schöpft das lyrische ich seine Kraft aus der frouwe. Zudem wird durch diesen Vergleich der unüberwindbare Abstand deutlich gemacht, welcher sich zwischen dem Sänger und dem lyrischen Ich befindet.

Des Weiteren ist das Lob der frouwe viel größer als das an die übrigen frouwen, was das lyrische Ich mit überreicher Freude ausstattet und die Minnedame über alle anderen Damen hebt („ daz überlíuhtet ihr lop alsô gar / wîp unde frouwen die besten für wâr “ MF 123,5 – 6).

Die Stellung der frouwe über die anderen frouwen wird im letzten Vers dieses Lieds erneut fortgesetzt, indem es heißt: „ verre unde nâr, / sô ist sie ez, diu baz erkade.“ (MF 123,9).

[...]


[1] Wilhelm, Wilmanns: Heinrich von Morungen. In: Allgemeine Deutsche Biographie. Band 22, Dunker & Humblot, Leipzig 1885, S. 341.

[2] Walter, Haug: Bibliothek des Mittelalters. In: Deutsche Lyrik des Mittelalters. Band 3, Frankfurt am Main 1995, S. 747.

[3] Günther, Schweikle: Minnesang. Zweite Auflage. Stuttgart 1995, S. 88.

[4] Hartmut Bleumer, Caroline Emmelius: Lyrische Narrationen – narrative Lyrik. Berlin 2011, S. 180.

[5] Sachsen gestern und heute: Heinrich von Morungen, http://www.geschichte.sachsen.de/pe/1176.htm [13.08.2015].

[6] Michel, Ferdinand: Heinrich von Morungen und die Troubadours. Frankfurt am Main 1879, S. 22.

[7] Vgl. Helmut, Brackerl: Minnesang. Frankfurt am Main 1983, S. 261.

[8] Vgl. Hasmik, Melkonyan: Hayren-Dichtung und Minnesang: Ein struktureller und motivgeschichtlicher Vergleich. Göttingen 2014, S. 68.

[9] Vgl. Universität Bamberg: Gattungen, http://www.uni-bamberg.de/?id=19771 [13.08.2015].

[10] Vgl. Hanno, Rüther: Der Mythos von den Minnesängern: die Entstehung der Moringer-. Tannhäuser- und Bremberger-Ballade. Köln Weimar 2007, S. 273.

[11] Vgl. Peter, Kesting: Maria – Frouwe. Über den Einfluss der Marienverehrung auf den Minnesang bis Walther von der Vogelweide. Band 5, München 1964, S. 95.

[12] Vgl. Michel, Ferdinand: Heinrich von Morungen und die Troubadours. Frankfurt am Main 1879, S. 205.

[13] Vgl. Heller, Christian: Vil süeziu senftiu toeterinne. Zum Minnekonzept Heinrichs von Morungen. Regensburg, 1998, S. 19.

[14] Vgl. Trude, Elehrt: Heinrich von Morungen. Vil süeziu senftiu toeterinne. In: Helmut, Tervooren: Geschichte und Interpretation. Mittelalter. Stuttgart 1993, S. 51.

[15] Vgl. Peter, Kesting: Maria – Frouwe. Über den Einfluss der Marienverehrung auf den Minnesang bis Walther von der Vogelweide. Band 5, München 1964, S. 93.

[16] Vgl. Martin, Baisch, Beatrice, Trîna: Der Tod der Nachtigal. Göttingen 2009, S. 5.

[17] Vgl. Martin, Baisch, Beatrice, Trîna: Der Tod der Nachtigal. Göttingen 2009, S. 8.

[18] Vgl. Michel, Ferdinand: Heinrich von Morungen und die Troubadours. Frankfurt am Main 1879, S. 32.

[19] Vgl. Martin, Baisch, Beatrice, Trîna: Der Tod der Nachtigal. Göttingen 2009, S. 9.

[20] Vgl. Michel, Ferdinand: Heinrich von Morungen und die Troubadours. Frankfurt am Main 1879, S. 202.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Inszenierung der frouwe bei Heinrich von Morungen
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V321740
ISBN (eBook)
9783668210851
ISBN (Buch)
9783668210868
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
inszenierung, heinrich, morungen
Arbeit zitieren
Sebastian Brünnel (Autor), 2014, Die Inszenierung der frouwe bei Heinrich von Morungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321740

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