Sexualerziehung im Sachunterricht. Eine exemplarische Analyse der Schulbücher und Lehrpläne der 16 Bundesländer


Bachelorarbeit, 2015
49 Seiten, Note: 3,0
Jannik R. (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schulische Sexualerziehung
2.1 Begründungen für Sexualerziehung in der Grundschule
2.2 Allgemeine Ziele der Sexualerziehung
2.3 Wissen, Wünsche und Fragen von Grundschulkindern zur Sexualität

3. Analyse der Lehrpläne der 16 Bundesländer
3.1 Baden-Württemberg
3.2 Bayern
3.3 Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern
3.4 Bremen
3.5 Hamburg
3.6 Hessen
3.7 Nordrhein-Westfalen
3.8 Niedersachsen
3.9 Saarland
3.10 Sachsen
3.11 Sachsen-Anhalt
3.12 Schleswig-Holstein
3.13 Thüringen
3.14 Rheinland-Pfalz
3.15 Zusammenfassung der einzelnen Lehrplananalysen
4. Analyse von zwei Schulbüchern
4.1 Arbeitsbuch Pusteblume 3/4
4.2 Mobile Sachunterricht 3/4

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Schriftliche Versicherung zur Bachelorarbeit

1. Einleitung

Im Rahmen meines Lehramtsstudiums für die Grundschule an der Universität xxxxxxxxx bot sich mir vor allem im Fach Sachunterricht die Möglichkeit, Seminare zu verschiedensten Themenbereichen zu besuchen. Sowohl der Lernbereich Gesellschaftswissenschaften als auch der Lernbereich Naturwissenschaften hatten hier eine große Vielfalt an Wahlmöglichkeiten anzubieten. So konnten beispielsweise Seminare besucht werden, die vermitteln sollten, wie man Grundschülerinnen und Grundschülern physikalische oder biologische Sachverhalte und schwierigere Themen wie Krieg und Frieden, den Holocaust oder das Thema Tod und Sterben näherbringen kann. Während meines ganzen Studiums gab es jedoch keine Möglichkeit ein Seminar zu besuchen, das sich mit dem menschlichen Körper oder konkreter mit der Sexualerziehung auseinandersetzte. Sie tauchte in keinem Zusammenhang im Verlaufe meines Studiums auf, während mir andere Themenbereiche immer und immer wieder begegneten.

Ich stellte mir die Frage, ob die Sexualerziehung entgegen meiner Erinnerungen und Informationen denn überhaupt ein vorgesehener Inhalt in der Grundschule ist, wenn er doch innerhalb der ersten sechs Semester meines Studiums gar nicht auftauchte. Diese Frage konnte mit einem Blick in die Lehrpläne zwar schnell bejaht werden, trotzdem war ich weiterhin an der Thematik interessiert.

In dieser Arbeit soll nun untersucht werden, ob die in den 14 Lehrplänen der Bundesländer und zwei ausgewählten Schulbüchern aufgeführten Inhalte zur Sexualerziehung den aktuellen Anforderungen und Notwendigkeiten entsprechen. Es wird geschaut, ob wichtige Inhalte und Ziele innerhalb der Lehrpläne und Schulbücher thematisiert werden, so dass sie anhand der Schulbücher bearbeitet und möglicherweise sogar erreicht werden können.

Auf allgemeine Informationen und Begriffserklärungen zu Beginn der Arbeit folgen Argumente und Thesen, die die Bedeutung von Sexualerziehung in den ersten Schuljahren darlegen. Innerhalb der Fachliteratur formulierte Ziele und wichtige Inhalte für die Sexualerziehung bilden zusammen mit gesammelten Wünschen und Fragen von Grundschulkindern zur Thematik einen Kriterienkatalog. Mit diesem werden dann die 14 aktuellen Grundschullehrpläne in der Bundesrepublik Deutschland untersucht und es wird aufgezeigt, welche Inhalte innerhalb eines bestimmten Lehrplans auftauchen und welche nicht. Auf die Lehrplananalyse folgt dann die Schulbuchanalyse, wobei die Auswahl der Schulbücher sich aus der Lehrplananalyse ergibt. Zwei Schulbücher für die dritte und vierte Klasse werden dahingehend untersucht, ob sie die im Kriterienkatalog gesammelten Themengebiete beinhalten, also ob sie den aktuellen Anforderungen, Wünschen und Interessen entsprechen. Ebenso werden Differenzen und Übereinstimmungen zwischen Büchern und Lehrplänen im Bezug auf vorkommende Themengebiete aufgezeigt. Die Schulbuchanalyse, der Hauptaspekt dieser Arbeit, ist in relativ weit hinten verortet, da sie der Lehrplananalyse zugrunde liegt. Abschließend folgt ein vergleichendes und zusammenfassendes Fazit.

2. Schulische Sexualerziehung

Im Jahr 1968 legte die Kultusministerkonferenz der Länder Sexualerziehung als einen fächerübergreifenden Bestandteil des Unterrichts in den allgemeinbildenden Schulen fest. Lehrerinnen und Lehrer sollen in ihrer Ausbildung dazu befähigt werden, Sexualerziehung als Unterrichtsprinzip zu praktizieren.[1] Der Beschluss der Kultusministerkonferenz machte Sexualerziehung zu einem unausweichlichen Thema in deutschen Schulen. Die Sexualerziehung bleibt dabei trotzdem in erster Linie Aufgabe der Eltern, die Schule ist aber eben aufgrund ihres Bildungs- und Erziehungsauftrages zum Mitwirken bei dieser Aufgabe verpflichtet. Klagen von Eltern, die ihr vorrangiges Recht auf Sexualerziehung gefährdet sahen, wurden durch Gerichtsurteile abgewiesen. Die Schule wurde der Sexualerziehung gegenüber nicht nur als verpflichtet, sondern auch als berechtigt erklärt.[2] Seit diesen Gerichtsurteilen ist die Durchführung der schulischen Sexualerziehung nicht mehr auf elterliche Zustimmung angewiesen.

Auf Grundlage der Richtlinien der Kultusminister und Urteilen des Bundesverfassungsgerichtes sind Leitsätze zur Sexualerziehung in der Schule formuliert worden, die dabei beachtet werden müssen:

„1. Die individuelle Sexualerziehung gehört in erster Linie zu den natürlichen Erziehungsrechten der Eltern im Sinne des Art. 6 Abs. 2 GG; der Staat ist jedoch auf Grund seines Erziehungs- und Bildungsauftrages (Art.7 Abs.1 GG) berechtigt, Sexualerziehung in der Schule durchzuführen.
2. Die Sexualerziehung in der Schule muss für die verschiedenen Wertvorstellungen auf diesem Gebiet offen sein und allgemein Rücksicht nehmen auf das natürliche Erziehungsrecht der Eltern und auf deren religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen, soweit diese für das Gebiet der Sexualität von Bedeutung sind. Die Schule muss insbesondere jeden Versuch der Indoktrinierung der Jugendlichen unterlassen.
3. Bei Wahrung dieser Grundsätze ist Sexualerziehung als fächerübergreifender Unterricht nicht von der Zustimmung der Eltern abhängig.
4. Die Eltern haben jedoch einen Anspruch auf rechtzeitige Information über den Inhalt und den methodisch-didaktischen Weg der Sexualerziehung in der Schule.“[3]

Das Durchführen von Sexualerziehung in der Schule wird also seit 1968 von den Richtlinien der Kultusminister gefordert, es existieren Leitlinien zum Umgang und Einbeziehen der Eltern und das Praktizieren von Sexualerziehung ist durch richterliche Entscheidungen bestätigt worden.

Doch was ist überhaupt unter dem Begriff der Sexualerziehung zu verstehen? Inwiefern ist er von ähnlichen Begriffen wie Sexualkunde oder Sexualaufklärung abzugrenzen?

Norbert Kluge beschreibt die Sexualerziehung als „kontinuierliche Einflussnahme durch gelenkte Lernprozesse auf die Entwicklung menschlicher Sexualität.“[4] Im Mittelpunkt der Sexualerziehung stehen hier Verhaltensweisen, Einstellungen, Einsichten, Gefühle und auch Kenntnisse der Lernenden. Grundlegende und allgemeine Ziele sind unter anderem die Hinführung zur Partnerschafts- und Liebesfähigkeit und die Erziehung zu verantwortungsbewusstem Sexualverhalten.[5]

Die Sexualerziehung ist als Teil der Gesamterziehung und der Sozialisation zu sehen.[6] Deswegen ist diese auf alle erzieherischen Institutionen zu verteilen, auch wenn der Familie hier immer noch eine vorrangige Position zufällt.

Sexualerziehung ist mehr als eine biologische Faktorenanalyse des Sexuellen. „Soll Sexualerziehung eine Hilfe für Kinder (!) und Jugendliche sein und nicht ein Alibi oder eine Wichtigtuerei der Erwachsenen, dann muss von überwältigender Lust, Versagen, Verführung, Gewalt, Prostitution, Einsamkeit, Besessenheit, Abtreibung, Selbstbefriedigung, Techniken, konkreten Auswegen, Homosexualität, Schuld, Ekel, Sigmund Freud, Geld, Rechtsmitteln, Ehe, Kindern und nicht zuletzt von der Sprache die Rede sein; soweit das überhaupt im Unterricht geschehen kann und soll, sollte es dort sein, wo es im Hauptsatz vorkommen darf: unter Gesellschaft - nicht im Nebensatz wie im Biologieunterricht oder in der Körperpflege.“[7]

Auch von Hentig unterstützt damit die Aussage aus, dass die Sexualerziehung ein wichtiger Teil der Gesamterziehung ist und nicht nur in einem Nebensatz, bzw. Nebenfach zur Sprache kommen soll. Sexualerziehung ist also nicht an ein konkretes Fach gebunden, sondern kann und sollte fächerübergreifend unterricht werden. Wenn Sexualerziehung Jungen und Mädchen zu verantwortungsvollen Entscheidungen im Hinblick auf Sexualität befähigen will, dann kann sie sich nicht auf die reine Wissensvermittlung beschränken. Wichtig ist hierbei, dass Schulkinder nicht zuerst unterrichtsbedürftige Wesen sind, sondern Menschen, die bestimmte Grundbedürfnisse befriedigt sehen wollen.[8]

Ebenfalls soll Sexualerziehung laut Hopf zu einer Steigerung der Lebensqualität verhelfen, im Sinne des besseren Verstehens und Umgehens mit Gefühlen, mehr Freude und den auf sinnliche Vorgänge bezogenen Regeln des sozialen Verhaltens.

Hopf formuliert fünf Grundannahmen, die gute Sexualerziehung ausmachen, beziehungsweise dabei beachtet werden sollen:

„1. Körper und Seele bilden eine physisch-psychische Einheit. Was immer ein Mensch tut, er tut es stets nur als ganzer Mensch, nicht nur als Leib oder als Seele, als nur Fühlender, Wollender oder als nur Denkender. Das hat Sexualerziehung in der Schule auch bei beabsichtigen Lehr- und Lernprozessen zu berücksichtigen.
2. Sexualität als etwas Ganzes. Sie ist etwas anderes als die Summe ihrer Einzelbereiche. Denn der Mensch als Ganzheit ist etwas anderes als die Ansammlung seine funktionstüchtigen Sinne und Organe. Daher hat sie Sexualerziehung sich in der Schule außer mit den Sexualorganen und Sexualvorgängen auch mit deren Wechselwirkungen zum sozialen und emotionalen Leben der Schüler und Schülerinnen zu befassen.
3. Sexualerziehung in der Schule hat sich in einem dynamischen Austausch mit ihrer Umgebung zu sehen. Das Ziel besteht in der Gestaltung eines sinnlichkeitsfördernden Unterrichts- und Schullebens, das den Heranwachsenden ein höheres Maß an Selbstbestimmung, Wohlbefinden und Gesundheit ermöglicht.
4. Sexualität wird weder nur der Fortpflanzung noch der individuellen Lust dienend angesehen, sondern im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Möglichkeiten und Grenzen, beides zu leben. Sexualerziehung in der Schule hat daher auch zu zeigen, wie gesellschaftlich formbar „Sexualität“ ist und zu versuchen, sie mit den Heranwachsenden bewusst zu „kultivieren“.
5. Schulische Sexualerziehung hat ihre Aufgabe nicht vor allem in der kleinschrittigen Durchführung belehrender Unterrichtseinheiten zu sehen. Das weist auch ein überholtes Bild vom Kind und Menschen als ein durch Fachlehrkräfte gesteuertes, berechenbares und kontrolliertes Objekt hin. Sexualerziehung in Schule und Unterricht ist als aktiv- mitgestaltender Lehr- und Lernprozess möglich, der sich an personalen, kommunikativen und handlungsbedeutsamen Sichtweisen der Schüler orientiert und bei dem Lehrkräfte ebenso wie Schüler stets auch „homo sexualis“ (sexuelle Wesen), also Betroffene, bleiben.“[9]

Wenn also im weiteren Verlauf dieser Arbeit von Sexualerziehung die Rede ist, dann bezieht sich dieser Begriff auf die bis hierhin genannten Definitionen, Charakteristika und Leitlinien. Zusätzlich soll der Begriff folgend noch kurz von anderen, aber ähnlichen Begriffe abgegrenzt werden, damit Missverständnisse oder Probleme bei der Begriffsunterscheidung vermieden werden können.

Im Gegensatz zur Sexualerziehung ist die Sexualaufklärung eher die Vermittlung von physiologischem und biologischem Fach- und Faktenwissen menschlicher Sexualität, meist im Unterrichtsfach Biologie. Sexualaufklärung kann auch durch Medien geschehen und ist im Gegensatz zu Sexualerziehung meist ein einmaliges Geschehen.[10] Sexualaufklärung findet eher in außererzieherischen Instanzen statt und umfasst auch Informationen über sexualpolitische Maßnahmen im gesellschaftlichen Kontext. „Dies geschieht hauptsächlich zielgruppenorientiert, problembewusst, auch gesellschaftskritisch („aufklärerisch“).[11]

Die Sexualkunde ist nicht nur auf die Vermittlung von biologischen Fakten fixiert. Sie integriert die Sexualität in die Ganzheit des Menschen, es kommen unter anderem anthropologische, psychologische, soziologische, pädagogische, medizinische Aspekte zur Sprache.[12]

Diese beiden Begriffe seien nur am Rande kurz definiert, geht es doch in dieser Arbeit vornehmlich um die Sexualerziehung, die ausführlich beschrieben wurde.

2.1 Begründungen für Sexualerziehung in der Grundschule

Nachdem der Begriff „Sexualerziehung“ geklärt wurde, soll nun der Frage nachgegangen werden, wieso diese überhaupt schon als Aufgabe der Grundschule gelten kann.

Schon früh nach der Geburt finden sexuelle Lernprozesse statt, so wird dem Kind oft unbewusst vermittelt, was moralisch als richtig oder falsch angesehen wird.[13] Durch die Vermittlung von sexualkundlichem Wissen, durch Verbote und Gebote und auch durch die eigene Art, Sexualität zu leben, wird das Kind durch seine Eltern beeinflusst und erste sexuelle Normen und Einstellungen werden weitergegeben. Das Verhalten der Eltern verfestigt ein Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit, es entstehen schon vor dem Beginn der Schulzeit geschlechtsspezifische Verhaltensvorstellungen.[14] Die schulische Sexualerziehung folgt auf die familiäre und frühkindliche Sexualerziehung und „soll aufbauend und korrigierend auf sie wirken“[15]. Wie auch in anderen Bereichen hat die Schule hier also die Aufgabe, auf das Wissen der Schülerinnen und Schüler einzugehen, es gegebenenfalls zu korrigieren und zu fundieren. Die verschiedenen Wissensstände müssen erkannt und auf eine einheitliche Ebene gebracht werden.[16] Ein weiterer aktueller Grund, der für eine frühzeitige Sexualerziehung spricht ist, dass Sexualität mittlerweile einen großen Platz in den Medien einnimmt. Dieses ist keine subjektive Einschätzung, sondern Ergebnis wissenschaftlicher Forschung. So wurde in einer Studie von Helmut Lukesch im Jahr 2004 festgestellt, dass etwa ein Drittel der beobachteten Beiträge im Fernsehen Sexualität thematisieren. Gerade in Musiksendungen und in nicht fiktionalen Unterhaltungssendungen wurden vermehrt Darstellungen von Sexualität gefunden. Auch andere Studien zeigen ein erhöhtes Aufkommen von sexuellen Handlungen im Fernsehen.[17] Zwar stellen die untersuchten Sendungen vermutlich nicht das typische Programm für Kinder da, doch ist davon auszugehen, dass viele Kinder im Grundschulalter trotzdem mit Inhalten dieser Sendungen konfrontiert werden. Zusätzlich wurden speziell in Kindersendungen sexuelle Inhalte zu einem Anteil von 5,7 Prozent entdeckt.[18] Darstellungen von Sexualität im Fernsehen und natürlich auch in anderen Medien können sich auf das Wissen, die Entwicklung, die Einstellung und auch auf das Verhalten von Kindern in Bezug zur Sexualität auswirken.[19]

Kinder sollten mit diesen konsumierten Inhalten natürlich nicht alleine gelassen werden. Aufkommende Fragen sollten auch in Rahmen des Grundschulunterrichts geklärt werden, durch die Medien entstandene Wissenslücken aufgefüllt und Einstellungen gegebenenfalls korrigiert werden. Ergänzend ist hier noch festzuhalten, dass Kinder auch vor allem im Internet schnell mit sexuellen Inhalten konfrontiert werden können. Karla Etschenberg nennt weitere Beispiele, die zeigen in welcher Form sexuelle Inhalte den Kindern in den Medien begegnen können. Genannt seien hier zum Beispiel die abendliche Werbung für Telefonsex im Fernsehen, Meldungen von sexueller Gewalt in den Nachrichten, Beziehungskonflikte in Fernsehserien, Vertreter von sexuellen Minderheiten in Talkshows am Nachmittag, Botschaften in Jugendzeitschriften und im Extremfall Handlungen in Pornofilmen, zu denen Kinder oftmals trotz Verboten Zugang erlangen.[20] Kontakt zu sexuellen Inhalte kann also auf vielfältigen Wegen entstehen.

Von Martial hält fest, dass die sexuelle Reife von Kindern und Jugendlichen immer früher einsetzt.[21] Auf Gründe für diese Entwicklung soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden, jedoch unterstreicht auch diese Tatsache die Bedeutung von Sexualerziehung in der Grundschule. Normen, Regeln, Einstellungen und Wissen müssen früher vermittelt werden, um den Lebensumständen der Kinder und Jugendlichen gerecht zu werden. Lernvorgänge spielen bei der sexuellen Entwicklung eine bedeutende Rolle, was daran zu erkennen ist, dass sich sexuelles Verhalten durch Umwelteinflüsse verändern kann. Sexuelle Verhaltensmuster formen sich nicht stetig von selbst aus, wie es die physische Seite der Sexualität tut. Es braucht Lernvorgänge, um Formen des sexuellen Lebens zu erwerben. Die physische sexuelle Entwicklung muss also von Lernvorgängen begleitet werden und mit emotionalen und kognitiven Elementen verbunden werden.[22]

Wie bereits erwähnt ist die Sexualerziehung als Teil der Gesamterziehung zu verstehen. Da der Unterricht in der Schule ebenfalls einen Beitrag zur Gesamterziehung leistet, ist hier ein weiteres Argument für das Durchführen von Sexualerziehung zu erkennen. Herzog formuliert dazu: „Sexualerziehung ist von grundlegender Bedeutung für die gesamte Entwicklung des Kindes. Deshalb sollte es das normale und natürliche Interesse jedes einzelnen Erwachsenen sein, hieran mitzuwirken.“[23] Hier wird also erneut darauf hingewiesen, dass die Sexualität einen bedeutenden Platz im Leben des Menschen einnimmt und somit grundsätzlich ein Thema für jede Erzieherin und jeden Erzieher sein sollte.

Auch Milhoffer nennt Punkte, die die Bedeutung von einer führen Sexualerziehung noch weiter verdeutlichen. Sie verweist beispielsweise auf die Gefahr durch AIDS oder die immer wieder auftretende Bedrohung der sexuellen Gewalt gegenüber Kindern als Anlässe für schulische Sexualerziehung.[24]

Das Erforschen des eigenen Körpers und der eigenen Geschlechtsorgane ist ein wichtiger Schritt der Identitätsentwicklung und findet schon in frühestem Alter statt. Wird diese Selbstentdeckung von Eltern verurteilt oder unterbunden, können bei den Kindern daraus negative Gefühle gegenüber ihrem eigenen Körper und ihren Geschlechtsorganen entstehen. Es können sich sogar tiefgreifende Schuldvorstellungen entwickeln, die sich im weiteren Verlauf ihres Lebens negativ auf ihre Sexualität und ihre sexuellen Ansichten auswirken können.[25] Auch auf diese Erfahrungen und Fehlvorstellungen kann die Grundschule Einfluss nehmen und ihnen im Idealfall entgegenwirken. Problematische Erfahrungen und eine ablehnende Haltung gegenüber den eigenen Geschlechtsorganen oder der Sexualität im Allgemeinen können sich in der Tat auf das gesamte Leben erstrecken. Etschenberg benennt Sexualität als ein Thema, das den Menschen „von der Wiege bis zu Bahre“ begleitet.[26] Dieses untermauert die Wichtigkeit einer kontinuierlichen Sexualerziehung.

Ein weiterer und sehr bedeutender Grund für die Sexualerziehung in der Grundschule ist, dass sie institutionell festgelegt ist. Der Beschluss der Kultusministerkonferenz von 1968 wurde im Rahmen dieser Arbeit schon genannt. Bei allen auch noch so sinnvoll und nachvollziehbar klingenden genannten Gründen ist natürlich nicht zu vergessen, dass die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz das Durchführen von Sexualerziehung auf allen Schulstufen festlegen, unter anderem auch aufgrund der hier genannten Gründe. Diese Empfehlungen lassen die Sexualerziehung in der Grundschule nicht nur zu einem Thema werden, für dessen Umsetzung es gute Gründe gibt, sondern auch zu einem gesetzlich vorgegebenen Unterrichtsthema. Weitere Akzente im Themenfeld der Sexualität sind außerdem die Pluralisierung der familiären Lebensformen, verstärkte Gleichberechtigungsbemühungen von Mädchen und Frauen, die steigende Akzeptanz der sexuellen Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen und die steigende öffentliche Akzeptanz und Auseinandersetzung mit gleichgeschlechtlicher Liebe.[27]

Petra Milhoffer, unter anderem Professorin für Grundschulpädagogik mit dem Arbeitsschwerpunkt Sexualpädagogik, hat in einer Studie an achtzehn verschiedenen Grundschulen und auch in Orientierungsstufen in der Stadt Bremen zwischen 1995 und 1998 verschiedene Daten im Bezug auf beispielsweise das Sexualwissen und das Körpergefühl von insgesamt 337 Jungen und Mädchen gesammelt.[28] Dort haben 60 von 78 befragten Jungen im Grundschulalter und 60 von 63 Mädchen die Schule als ihre Hauptinformationsquelle für Sexualwissen angeben.[29]

Daraus lässt sich ebenfalls eine Verantwortung in Bezug auf die Sexualerziehung für die Grundschule ableiten, die sich speziell das Fach Sachunterricht auch selber zuschreibt. Dieses möchte Kinder zu einem beginnenden Verstehen ihrer Lebenswelt führen.[30] Wie hier bereits beschrieben ist Sexualität auch schon Teil der kindlichen Lebenswelt und bleibt dies vor allem auch im voranschreitenden Alter. Der Sachunterricht hat also die Aufgabe, Schülerinnen und Schüler auch bezüglich der Sexualität aufzuklären und vorzubereiten. Dazu passt auch ein weiteres Ziel der Sachunterrichts. So sollen sich Kinder durch den Sachunterricht in Gegenwart und Zukunft hinreichend und verlässlich orientieren können.[31] Die Sexualität begleitet einen Menschen ein Leben lang. Diese Leitlinie des Sachunterricht lässt sich also auch auf die Sexualerziehung beziehen, Kinder müssen im Hinblick auf Sexualität Wissen und Orientierungshilfe erlangen. Außerdem hat der Sachunterricht allgemein das Ziel, Schülervorstellungen weiterzuentwickeln und ein belastbares Wissen anzubieten.[32] Auch im Bereich der Sexualität gibt es vielerlei Vorstellungen und Fehlvorstellungen, die in der Grundschule und speziell im Sachunterricht aufgearbeitet werden müssen.

Abschließend ist zu sagen, dass die Schule natürlich nur einen Teil der Sexualerziehung leisten kann, auch wenn sie vielen Schülerinnen und Schülern durchaus als wichtige Informationsquelle dient. In erster Linie bleibt sie nämlich Aufgabe der Eltern, auch weil sie schon im Vorschulalter weitgehend geprägt wird.[33] Trotzdem gibt es vielfältige und gute Gründe, die Sexualerziehung in der Grundschule rechtfertigen und als sinnvoll kennzeichnen.

2.2 Allgemeine Ziele der Sexualerziehung

In diesem Kapitel werden Ziele aufgeführt, die laut Fachwissenschaftlern und Pädagogen innerhalb der Sexualerziehung beachtet und erreicht werden sollen.

Die Erziehung im Allgemeinen ist durch bestimmte Ziele gekennzeichnet, die jedoch oft Werteentscheidungen sind, die von persönlichen Vorlieben oder bestimmten Überzeugungen abhängen. Genau dieses trifft auf die Sexualerziehung auch zu. Es gibt multiplexe Ansichten und Einstellungen zur Sexualität und dem Umgang mit dieser. Es lassen sich jedoch einige allgemeingültige Werte und Ziele im Bezug auf die Sexualerziehung festhalten, an denen sich grundsätzlich orientiert werden kann.[34]

Karla Etschenberg hat einige davon aufgelistet:

- „Fähigkeit, die durch Sexualität gegebenen Möglichkeiten zur Lebensgestaltung in Einklang zu bringen mit anderen persönlich bedeutsamen Lebensbereichen und sie im positiven Sinne zu nutzen und zu genießen.
- Kenntnisse, die einen aufgeklärten, wissenschaftlich fundierten und angstfreien Umgang mit Sexualität und ein kritische Auseinandersetzung mit Erscheinungsformen von Sexualität in der Gesellschaft ermöglichen.
- Kompetenz und Motivation zur Übernahme von Verantwortung beim sexuellen Handeln und bezüglich der möglichen Zeugung eines Kindes.
- Fähigkeit, Widersprüche, Probleme und Konflikte in diesem Bereich auszuhalten und zu bearbeiten.
- Bereitschaft zum partnerschaftlichen Umgang der Geschlechter (und Generationen) miteinander unter Verzicht auf jedwede Form von Gewalt und Ausbeutung und unter Beachtung des Rechtes andere auf körperliche und seelische Unversehrtheit.
- Inanspruchnahme des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung unter Beachtung des Selbstbestimmungsrechtres anderer und begründeter Schutzansprüche von Kindern und Jugendlichen.
- Toleranz Menschen gegenüber, die eine Art von Sexualität leben, die sich von der eigenen und gewohnten unterscheidet.“[35]

Weiterhin ist grundsätzlich wichtig, dass der Auseinandersetzung mit sexuellen Inhalten und Fragen nach sexuellen Dingen keine „sensationelle Sonderstellung“[36] eingeräumt wird.

Es muss also die Intention sein, die Sexualerziehung als normales Unterrichts- und Lernthema anzusehen und im Schulalltag zu integrieren. Damit einher geht zu erkennen, dass Sexualität kein Tabuthema ist, das von Kindern ferngehalten werden muss. Ein weiteres wichtiges Bestreben sollte sein, sie auf bestimmte Bedürfnisse und Wünsche der Kinder abzustimmen. Diese sollen jene Hilfe erhalten, die sie brauchen und sich wünschen. Konkrete Ziele von Sexualerziehung orientieren sich also, wie auch schon beschrieben, auch an Bedürfnissen und Vorwissen der Kinder.[37] Ein wichtiger und grundlegender Aspekt von Sexualerziehung ist, den Geschlechtsverkehr nicht nur im Hinblick der Zeugung zu besprechen, was sie beispielsweise von der Sexualkunde abgrenzt. Neugebauer formuliert dazu: „Im Sinne einer Sexualerziehung, die zur Bejahung der Sexualität und zur Entwicklung der Liebesfähigkeit erziehen will, sei es jedoch wichtig, den Geschlechtsverkehr nicht nur im Hinblick auf die Zeugung zu besprechen, da der Geschlechtsakt in erster Linie Ausdruck der Liebe zwischen Mann und Frau ist.“[38] Folglich darf sich Sexualerziehung nicht auf die reine Wissensvermittlung von biologischen Tatsachen beschränken und darf die Fortpflanzung nicht als einzigen Grund und Anlass für den Geschlechtsverkehr benennen. Auch die Grundschulpädagogin Petra Milhoffer ergänzt die allgemeinen Ziele zur Sexualerziehung. So ist es wichtig, dass Kinder Klarheit und Sicherheit über die eigenen Körperfunktionen erlangen. Ebenfalls sollen sie Hilfe für den Aufbau partnerschaftlicher Liebesbeziehungen erhalten. Schülerinnen und Schüler sollen zu einer kritischen Distanz gegenüber den oftmals in den Medien gezeigten Klischees von Weiblichkeit und Männlichkeit befähigt werden.[39] Im Zusammenhang damit ergänzt Milhoffer, dass im Zuge der Sexualaufklärung auch unter anderem Fragen zur Gesundheit, zur Umwelt, zu Werten und Normen und zu Lebensplänen angesprochen werden können. Sexualerziehung soll durchaus dazu führen, dass in der Gesellschaft bestehende Normen hinterfragt werden.[40] In einem Lernzielkatalog von Milhoffer werden, auch hier teilweise bereits genannte Ziele, zusammenfassend gesammelt.

"- Sexualität als positive Lebensäußerung annehmen
- Sexualorgane und Körperfunktionen wissen
- Gefühle zeigen, in Worte fassen, zulassen und bewerten
- NEIN sagen und Grenzen setzen lernen
- Respekt und Einfühlsamkeit für die Bedürfnisse und Empfindungen anderer entwickeln
- Verbindlichkeit und Ehrlichkeit als Prinzipien von Freundschaft und Liebe bejahen
- Ehe und Familie als gesellschaftlich erwünschten Rahmen der Fortpflanzung verstehen
- Homosexuelle Orientierungen und Lebensgemeinschaften akzeptieren
- Risiken von Sexualität erkenn und verantwortlich damit umgehen
- Darstellungen und Erscheinungsformen der Erwachsenensexualität einordnen
- geschlechtsbezogene Arbeitsbereiche und Geschlechtsrollen erkennen und hinterfragen
- Moden und Gruppenzwänge kritisieren
- Kommerzialisierung von Sexualität durchschauen“[41]

[...]


[1] vgl. Milhoffer/ Maier 1988: X

[2] vgl. Etschenberg 2000: 15

[3] Hopf 2002: 5

[4] Kluge 1996: 9

[5] vgl. Kluge 1996: 9

[6] vgl. Kluge 1993 in: Pommering 2013:IX

[7] von Hentig 1969: 165

[8] vgl. Hopf 2002: 10

[9] Hopf 2002: 11

[10] vgl. Kluge 1993 in: Pommerening 2013: IX

[11] Kluge 1996: 8

[12] vgl. Maskus 1996 in: Pommerening 2013: IX

[13] vgl. Schmid-Tannwald/ Urdze 1983 14 in: Wrede/ Hunfeld 1997: 75

[14] vgl. Wrede/ Hunfeld 1997: 75

[15] Wrede/ Hunfeld 1997: 77

[16] vgl. Zitelmann/ Carl 1976 in: Kluge 1996: 34

[17] vgl. von Martial 2013: 14,15

[18] vgl. von Martial 2013: 14

[19] vgl. von Martial 2013: 15,16

[20] vgl. Etschenberg 2000: 11

[21] vgl. von Martial 2013: 18

[22] vgl. von Martial 2013: 20,21

[23] Dawkins/ Herzog 1969: 15

[24] vgl. Milhoffer 1995: 8

[25] vgl. Dawkins/ Herzog 1969: 27

[26] Etschenberg 2000: 9

[27] vgl. Hilgers 2004: 24

[28] vgl. Millhoffer 2000: 37

[29] vgl. Milhoffer 2000: 125

[30] vgl. Einsiedler et. al. 2005: 562

[31] vgl. Einsiedler et. al. 2005: 552

[32] vgl. Einsiedler et. al. 2005: 554

[33] vgl. Zittelmann/ Carl 1970: 13

[34] vgl. Etschenberg 2000: 25

[35] Etschenberg 2000: 26

[36] vgl. Dawkins/ Herzog 1969: 12

[37] vgl. Dawkins/ Herzog 1969: 13

[38] Neugebauer 1973: 41

[39] vgl. Milhoffer 1995: 9

[40] vgl. Milhoffer 2000: 183

[41] Milhoffer 2000: 184

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Sexualerziehung im Sachunterricht. Eine exemplarische Analyse der Schulbücher und Lehrpläne der 16 Bundesländer
Hochschule
Universität Paderborn
Note
3,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
49
Katalognummer
V321758
ISBN (eBook)
9783668216709
ISBN (Buch)
9783668216716
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sexualerziehung, sachunterricht, eine, analyse, schulbücher, lehrpläne, bundesländer
Arbeit zitieren
Jannik R. (Autor), 2015, Sexualerziehung im Sachunterricht. Eine exemplarische Analyse der Schulbücher und Lehrpläne der 16 Bundesländer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321758

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