Die Aufstände, die April dieses Jahres in Baltimore aufgrund des Todes von Freddie Gray in Polizeigewahrsam stattfanden, haben die Bilder der amerikanischen Ungleichheit wieder in das öffentliche Bewusstsein gebracht. Die Stadt welche unter anderem durch die Fernsehserie "The Wire" für ihre soziale Ungleichheit und hohe Kriminalitätsrate bekannt ist, liegt laut einer aktuellen Statistik auf Platz 40 der gewaltsamsten Städte der Welt. Eng damit verbunden ist auch die Frage der Obdachlosigkeit – laut Artikel 25 Absatz 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hat jeder Mensch Anspruch auf eine angemessene Wohnung.
Doch wie handelt der amerikanische Staat, wenn seine Bürger und Bürgerinnen wohnungslos sind oder werden? Wie funktioniert seine Sozialpolitik, welche "durch die Dominanz des Marktprinzips, sowie durch eine schwache institutionelle Verankerung der Idee von einer öffentlichen Verantwortung für die grundlegenden sozialen Belange aller Bürger gekennzeichnet ist"? Und wie wirkt sich das auf die amerikanische Gesellschaft aus? Diese Fragen lassen sich in einer umfassenden Leitfrage zusammenfassen: Als welche der "Drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus" (Esping-Andersen) lässt sich die amerikanische Wohnungsbaupolitik, als Teilbereich der Sozialpolitik, definieren?
Diese Arbeit versucht, hierauf eine Antwort zu geben. Hierbei werden zuerst die von Esping-Andersen theoretisch begründeten Welten, liberal, konservativ und sozialdemokratisch, genauer vorgestellt. Im Folgenden wird der Fokus dann historisch und empirisch auf die Vereinigten Staaten gerichtet. Hier kann man von drei Phasen der Entwicklung des Sozialstaates sprechen: In der Zeit zwischen amerikanischem Bürgerkrieg und erstem Weltkrieg war Sozialpolitik auf Kriegsveteranen, Kriegswitwen und deren Kinder begrenzt. Die Phase des New Deals unter Franklin D. Roosevelt Anfang der 1930er Jahre brachte hier eine Wende, welche bis einschließlich der Präsidentschaftszeit von Lyndon B. Johnson anhielt, auch unter dem Terminus der Great Society bekannt. Hierauf folgte unter den Republikanern Ronald W. Reagan und George H.W. Bush, dem konservativen Backlash, jedoch wiederrum ein Abbau des sozialstaatlichen Budgets und seiner Leistungen. Für folgende Arbeit wird der Untersuchungszeitraum jedoch auf die Zeit zwischen New Deal und Gegenwart begrenzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus
2.1. Das konservative Wohlfahrtsregime
2.2. Das liberale Wohlfahrtsregime
2.3. Das sozialdemokratische Wohlfahrtsregime
3. New Deal und Great Society
3.1. Reformen
3.2. Dekommodifizierung und soziale Stratifizierung
4. Konservativer Backlash
4.1. Reformen
4.2. Dekommodifizierung und soziale Stratifizierung
5. Bewertung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die US-amerikanische Wohnungsbaupolitik unter Anwendung des theoretischen Rahmens der "Drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus" von Esping-Andersen. Das primäre Ziel besteht darin, einzuordnen, welcher Wohlfahrtsregimetyp die US-amerikanische Politik – insbesondere im Zeitraum zwischen dem New Deal und der Gegenwart – am treffendsten beschreibt und wie sich politische Reformen auf die soziale Dekommodifizierung und Stratifizierung auswirken.
- Analyse der theoretischen Wohlfahrtsregime nach Esping-Andersen
- Entwicklung der US-Sozialpolitik von New Deal und Great Society bis zum konservativen Backlash
- Bedeutung von Wohnungsbaupolitik als Instrument der sozialen Sicherheit
- Einfluss von Marktprinzipien, Subventionen und privatem Wohneigentum
- Stigmatisierung und soziale Ungleichheit im US-Wohlfahrtssystem
Auszug aus dem Buch
2.2. Das liberale Wohlfahrtsregime
Auch die Wurzeln des liberalen Wohlfahrtsregimes liegen im 19. Jahrhundert. Jedoch entstand dieser vornehmlich in den angelsächsischen Staaten, die auf einen weniger stark verwurzelten Absolutismus, frühe Industrialisierung und eine schnelle Verbreitung des liberalen laissez-faire Prinzips, formuliert u.a. von Adam Smith, zurückblicken können. Der Staat und auch Organisationen der Arbeiterbewegung, wie Gewerkschaften, sollten möglichst wenig Einfluss haben, nur bei humanen Katastrophen eingreifen, alles andere würden die unsichtbare Hand des kapitalistischen Marktes und der ökonomische Wettbewerb schon erledigen.
Im Gegensatz zu den beiden anderen Paradigmen liegt der Fokus hier auf einer stark ausgebildeten Eigenverantwortlichkeit und Individualität. Das Individuum ist für mögliche Armut, Unsicherheit und Hilflosigkeit verantwortlich, dies sind keine dem System inhärenten Probleme, denn jeder Mensch hat die gleichen Voraussetzungen und Möglichkeiten, am Markt teilzunehmen. Trotz der größtenteils strukturellen Beibehaltung dieses Dogmas im liberalen Wohlfahrtsregime stellte sich jedoch bald heraus, dass der Staat sehr wohl eingreifen muss, zumindest um die extremste Armut zu verhindern.
Aus diesem Grund ist dieses Paradigma zweigeteilt: Einmal soll durch eine bedarfsorientierte Armenfürsorge eine soziale Assistenz erzeugt werden. Diese ist stark restriktiv und nur für die Ärmsten der Armen gedacht. Die andere Seite richtet sich jedoch eher an die Mittelklasse und besitzt keinerlei Dekommodifizierungspotenzial. Hierbei handelt es sich um Sozialversicherungen, jedoch im Gegensatz zum konservativen Wohlfahrtsregime auf freiwilliger Basis, privat organisiert, aber vom Staat subventioniert. Hier ist also die Verbindung zwischen öffentlichem und privatem Sektor am ausgeprägtesten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der amerikanischen Ungleichheit ein und stellt die zentrale Forschungsfrage, in welche der Esping-Andersen-Kategorien die US-Wohnungsbaupolitik einzuordnen ist.
2. Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus: Das Kapitel erläutert die theoretischen Idealtypen des liberalen, konservativen und sozialdemokratischen Wohlfahrtsregimes unter besonderer Berücksichtigung der Begriffe Dekommodifizierung und soziale Stratifizierung.
3. New Deal und Great Society: Es werden die sozialpolitischen Entwicklungen der 1930er bis 1960er Jahre analysiert, die durch expansive Reformen und eine Reduktion der sozialen Ungleichheit geprägt waren.
4. Konservativer Backlash: Dieses Kapitel behandelt die neoliberale Wende ab den 1970er Jahren, die durch eine verstärkte Privatisierung der Wohnungsbauförderung und einen Rückzug staatlicher Verantwortung gekennzeichnet ist.
5. Bewertung: Die Schlussbetrachtung synthetisiert die empirischen Daten mit der Theorie und kommt zu dem Ergebnis, dass die USA spätestens ab den 1970er Jahren einem liberalen Wohlfahrtsregime entsprechen.
Schlüsselwörter
Wohlfahrtskapitalismus, Dekommodifizierung, soziale Stratifizierung, New Deal, Great Society, konservativer Backlash, Wohnungsbaupolitik, Fannie Mae, Section 8, soziale Ungleichheit, Liberalismus, Marktprinzip, Armenfürsorge, Sozialpolitik, USA.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die US-amerikanische Wohnungsbaupolitik und deren Rolle innerhalb des amerikanischen Wohlfahrtsstaatsmodells im historischen Wandel.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen die Theorie der Wohlfahrtsregime nach Esping-Andersen, die historische Entwicklung der amerikanischen Sozialpolitik sowie die spezifischen wohnungsbaupolitischen Maßnahmen von der Zeit des New Deal bis zur neoliberalen Ära.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu bestimmen, als welcher Typ des Wohlfahrtskapitalismus (liberal, konservativ oder sozialdemokratisch) die US-Wohnungsbaupolitik definiert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt eine deduktive Herangehensweise, bei der theoretische Idealtypen von Esping-Andersen auf historische und empirische Daten der US-Sozialpolitik angewandt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Ära des New Deal und der Great Society sowie die Analyse des darauf folgenden konservativen Backlashs, inklusive der Auswirkungen auf Dekommodifizierung und soziale Stratifizierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Wohlfahrtskapitalismus, Dekommodifizierung, soziale Stratifizierung, Wohnungsbaupolitik sowie die Transformation vom New Deal zum liberalen Regimetyp.
Welche Rolle spielt Fannie Mae in der amerikanischen Wohnungsbaupolitik?
Fannie Mae wird als ein zentrales Instrument beschrieben, das als staatlich privilegiertes Unternehmen den privaten Wohnungsbau massiv subventioniert und somit den Übergang zum liberalen Wohlfahrtsregime unterstützt hat.
Wie hat sich die soziale Segregation in den USA laut der Arbeit verändert?
Trotz gesetzlicher Verbote wie des Fair Housing Act stellt die Arbeit fest, dass Rassensegregation und Stigmatisierung de facto fortbestehen, oft verstärkt durch restriktive Zugangsbedingungen zu Sozialleistungen.
- Citar trabajo
- Michael Kienastl (Autor), 2015, Projects, Section 8, Homeownershhip. Wohnungsbaupolitik im amerikanischen Wohlfahrtsstaatsmodell, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321926