Die französische Orthographie im 17. Jahrhundert


Seminararbeit, 2004

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Orthographie

3. Politische Situation/ Geschichtlicher Hintergrund (17. Jahrhundert)

4. Entwicklung der französischen Sprache im 17. Jahrhundert
4. 1. Malherbes Bemühungen um die französische Literatursprache und seine Kontrahenten
4. 2. Pierre Corneille
4. 3. Die Académie Française
4. 4. Vaugelas
4. 5. Vaugelas Gegner, die Grammatik von Port – Royal
4. 6. Die Preziosität
4. 7. Die Burleske

5. Die französische Orthographie des 17. Jahrhunderts

6. Schlussbemerkung

7. Literatur

1. Einleitung

Jede Sprache unterliegt ständigen Einflüssen, die zu ihrer Weiterentwicklung und Veränderung beitragen. Jede Entwicklung im gesellschaftlichen Umfeld, in den Lebensbedingungen und den Lebensgewohnheiten der Menschen kann sich auf die Sprache auswirken. Auch politische Ereignisse können diese Entwicklung beeinflussen.

Deshalb befassen sich bereits im 16. Jahrhundert Personen mit der Sprache; unter ihnen Meigret und Pelletier, die versuchen, die Schreibung zu vereinfachen, indem diese der Aussprache möglichst angepasst werden soll. Meigret bestätigt dieses Vorhaben in seinem Tretté von 1550: „je m´ efforçe de deçharjer notr` ecritture dę' lęttres supęrflűes, ę la ręndre lizable. suiuant l` uzaje de la prolaçíon.“[1]. Aber der Versuch scheitert. Trotzdem finden die, in dieser Epoche gemachten, eher unsystematischen Ansätze zur Sprachbeschreibung und Sprachnormierung im 17. Jahrhundert ihre Fortsetzung, jedoch unter anderen Voraussetzungen. Somit kann das „Grand Siècle“ als eine der ersten wichtigen Perioden der Entwicklung der französischen Orthographie angesehen werden. In wie fern sich diese in diesem Jahrhundert vollzogen hat, wer die Hauptvertreter der Reform sind sowie deren Ziele, werde ich in der folgenden Arbeit aufzeigen, indem ich näher auf die politische Situation sowie den geschichtlichen Hintergrund eingehe und die damit verbundenen Erneuerungen in der französischen Sprache, vor allem die der Orthographie aufzeige und an Hand einiger Beispiele verdeutliche.

2. Was ist Orthographie?

Um an die Orthographie korrekt heranzugehen, ist es von Nöten, sie zu definieren. Gemäß dem Fremdwörterlexikon wird sie als Lehre von der richtigen Schreibung der Wörter bzw. als Rechtschreibung bezeichnet. Das Wort setzt sich aus orthos (grch.) = Recht und graphein (grch.) = das Schreiben zusammen[2]. Darüber hinaus vereinigt die Orthographie Vorschriften und den Gebrauch, wodurch die Schreibweise der Wörter einer gegebenen Sprache bestimmt wird. Um eine gute Orthographie zu haben, also korrekt zu schreiben, muss man deren Vorschriften sowie deren Gebrauch beherrschen[3].

3. Politische Situation/ Geschichtlicher Hintergrund (17. Jahrhundert)

Im Jahre 1593 konvertiert der zu dieser Zeit herrschende König Henri IV (Regierungszeit 1589 – 1610) zum Katholizismus und beendet 1598 mit dem Edikt von Nantes[4] die Religionskriege. Als äußerstes Eckdatum für den Beginn der Epoche des Neufranzösischen ist das Jahr 1605 zu nennen. Henri IV ruft Francois de Malherbe (1555 – 1628) an den Pariser Hof. Dieser hat nun die Aufgabe, als offizieller Hofdichter die Literatursprache den Anforderungen der neuen Zeit dienstbar zu machen. Mit Henri IV beginnt folglich die Unterwerfung der sprachlichen Prozesse unter die Kontrolle der Monarchie, die sich langsam zu einer absolutistischen entwickelt. 1610 fällt Henri IV einem Mord zum Opfer; es werden die Jesuiten verdächtigt, zusammen mit der Gattin des Königs (seit 1600), MARIE DE MÉDICIS (1573 – 1642). Der Sohn der beiden Eheleute und somit der künftige Thronfolger, Louis XIII, ist zum Todeszeitpunkt seines Vaters erst neun Jahre alt, weshalb die Regentschaft vorerst vom Pariser Gerichtshof (Parlement de Paris) seiner Mutter übertragen wird. MARIE DE MÉDICIS lässt sich stark von CONCINI beeinflussen, der Maréchal de France geworden war. Als dieser im Jahre 1617 ebenfalls ermordet wird, übernimmt Louis XIII (geb.1601, Regierungszeit 1610 – 1643) die Regentschaft. Der einflussstarke Minister und Kardinal Richelieu (geb. 1585, an der Macht 1624 – 1642, späterer Gründer der Académie Française) beherrscht ihn jedoch und festigt zusammen mit diesem die absolute Monarchie. Dies wird vor allem durch die Vernichtung der politischen Unabhängigkeit der Hugenotten erreicht, welche einen Staat im Staate zu bilden drohten, die ihr Ende mit der Stürmung der Festung La Rochelle im Jahre 1628 findet. Auch Bauernaufstände im Lande werden niedergeschlagen, wie 1639 in der Normandie. Außerdem wirft Richelieu rebellierende Adelige nieder (Montmorency, Gouverneur de Languedoc, 1632 hingerichtet; Cinq Mars und De Thou, 1642 hingerichtet). Somit wird eine Stabilisierung der Zentralgewalt erreicht.

1643 stirbt Louis XIII. Zu diesem Zeitpunkt ist der Thronfolger, Louis XIV, erst fünf Jahre alt, so dass seine Mutter, ANNE D` AUTRICHE, bis 1651 die Regentschaft übernimmt. Der aus Italien stammende Kardinal MAZARIN (1602 – 1661) besitzt jedoch die politische Macht und regiert folglich nach dem Tode Richelieus (1642). Er schlägt die letzte Rebellion des Feudaladels blutig nieder.

1661 übernimmt Louis XIV die Regentschaft, womit die absolutistische Macht ihren Höhepunkt erreicht, da die Aufstände des Feudaladels nun endgültig niedergeschlagen sind. Unter der Voraussetzung seines Gehorsams wird dem Adel die Beibehaltung bestimmter Privilegien zugesichert, wie beispielsweise das der Steuerfreiheit. Ab 1662 (bis 1677) veranlasst Louis XIV die Erbauung von Versailles als prunkvolle Cité Royale. Die Salons werden nach und nach überflüssig.

1661 wird der Finanz- und Wirtschaftsminister NICOLAS FOUQUET (1615 – 1680) gestürzt. Dieses Amt übernimmt JEAN-BAPTISTE COLBERT. Dieser ordert den Ausbau der Manufakturen, des Handels, der Verkehrswege (Straßen und Kanäle), die Gründung von Exportgesellschaften, die Entwicklung der Naturwissenschaften und Technologien sowie die Gründung der Académie des Sciences (1666) an. Frankreich führt mehrere Eroberungskriege, wie gegen die spanische Niederlande, gegen Österreich sowie gegen die Pfalz. VAUBAN veranlasst den Ausbau wichtiger Festungen. Es erfolgt die Fortführung der Eroberungen Frankreichs in Amerika[5] und in Westindien.

1685 wird das 1598 erlassene Edikt von Nantes aufgehoben[6] und somit die Hugenotten aus Frankreich vertrieben. Sie flüchten nach England, Holland und Preußen (Réfugiés). Frankreich geht damit ein bedeutender Wirtschaftsfaktor verloren, der nun diesen Ländern zugute kommt.

1715 stirbt Louis XIV, womit eine Ära sein Ende findet.

4. Entwicklung der französischen Sprache im 17. Jahrhundert

4. 1. MALHERBES Bemühungen um die französische Literatursprache und seine Kontrahenten

Bereits in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts erhält die Nationalsprache ein neues Gewicht. An Stelle des quantitativen Ausbaus tritt nun die Erhöhung ihrer Qualität[7]. In Folge dessen werden Regelungen und Ordnung geschaffen sowie Normen durchgesetzt. Im Mittelpunkt steht also die Disziplinierung der Literatursprache.

Dieser Aufgabe der Disziplinierung widmet sich der Sprachpfleger MALHERBE am Hofe Henri IV und dessen Nachfolger. In seinen „Commentaires sur Desportes“ veröffentlicht er die kritische Bearbeitung der Werke PHILLIPE DESPORTES` (1546 – 1626), einer der letzten Vertreter der Pléiaden – Dichtung[8] MALHERBE analysiert Zeile für Zeile, Wort für Wort und versieht diese mit kommentierten Anmerkungen.

Er ist überzeugter Gegner der Humanisten und deren Ideale[9] und somit auch der, von den Pléiade – Dichtern vertretenen Ideale und sprachlichen Freiheiten. Nahezu alles, was die Pléiade als Bereicherung der Literatursprache empfand, verurteilt Malherbe:

- Archaismen (archaismes): obwohl zu seiner Zeit die Mode des Archaismus schon stark abgeklungen ist, lehnt Malherbe bei Desportes eine ganze Reihe von Wörtern ab, da sie ihm veraltet schienen: ains „vieil mot, qui ne vaut rien“; bienheurer „n` est plus du monde; il faut donner congé à ce verbe“; bénin „Je serois d` avis de bannir ce mot de l` écriture; il l` est du langage“; confort „est hors d` usage et fâcheux“ (BRUNOT 1891, 249 – 281). Das ganze Jahrhundert hindurch geht die Jagd auf veraltende oder vermeintlich veraltende Wörter weiter. Die Liste bei BRUNOT III, 104 – 123 der im 17. Jahrhundert vereinzelt oder allgemein als veraltet angesehenen Wörter enthält neben accoustumance, alme, ardre, atour, chaloir u.a. auch actif, gratitude, immense, maintenant, penser, permanent, qualité, ridicule u.a.;

- Lehnwörter (mots d` emprunt): eine Folge der ständigen Wortentlehnung aus dem Latein sind die zahlreichen Dupletten und Tripletten seit Beginn der französischen Sprachgeschichte: Ein lateinisches Wort ergibt durch erbwörtliche Entwicklung und Entlehnung bzw. mehrfache Entlehnung mehrere französische Wörter.

Neufranzösische Dupletten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Dialektismen (dialecismes): dialektaler Ausdruck eines hochsprachlichen Wortes.. Nach Malherbes eigener Formulierung sei es sein Ziel gewesen, „corriger et degascogner la Cour“ (Œvres 1665, II. 662)[10] ;
- Neologismen (néologismes): die Wortneubildung lehnt Malherbe ab. Er verurteilt Ableitungen wie ivoirin und marbrin und spricht sich gegen Zusammensetzungen wie blond – doré aus. Dessen ungeachtet bildet er selbst einige Neologismen: fleuraison, insidieux, sécurité (BRUNOT 1891, 283 – 293). Mit Malherbe beginnt vor allem das sogenannte Neologienverbot der klassischen Sprachauffassung, das erst nach 1660 vorsichtig gelockert wird und dann zur Kontroverse über die Neuwörter führen wird;
- fachsprachliche Ausdrücke (termes techniques): diese werden allerdings nur für den bon usage abgelehnt; im fachsprachlichen Bereich bleiben sie unangetastet. Insbesondere sind Wörter der Juristensprache betroffen, wie avéré, licite, susdit und die wissenschaftliche Terminologie . Idéal z. B. ist für Malherbe ein „mot d` école“ und damit für die Dichtung nicht verwendbar: „ne se doit point dire en choses d` amour“ (BRUNOT 1891, 306). Spezialwissen ist verpönt. Man will nicht den Eindruck erwecken, man habe es nötig, einen Beruf auszuüben
MALHERBEs Hauptanliegen besteht in der Schaffung einer klaren Literatursprache (Clarté), so dass diese ohne Schwierigkeiten verstanden wird. Als „Kontrollinstanz“ dienen ihm die Lastenträger, die Trimmer (crocheteurs du Port – au – Foin). Das heißt jedoch nicht, dass er so schreiben will, wie die crocheteurs sprechen. Außerdem strebt Malherbe eine bewusste Selektion aus dem bisherigen Angebot sprachlicher Mittel an. Deshalb arbeitet er mit den mots – clé: pureté, clarté, précision, élégance. Weiterhin tritt er für die bewusste Bearbeitung und Normierung des Selektierten ein und beschränkt somit die Sprach- und Stilmittel; weniger ist für ihn mehr! Ebenfalls sieht er die Dichtung als Handwerk zum Nutzen des Staates.

[...]


[1] Berschin, H., Felixberger, J., Goebl, H., S. 234

[2] Wahrig: Fremdwörterlexikon, S. 665

[3] Le Petit Larousse illustré 1996, S. 726

[4] Dieses sichert den protestantischen Hugenotten Toleranz zu. Zuvor hatten sie eine 36 Jahre andauernde Verfolgung im gesamten Land zu erleiden, wobei es 1572 in der Bartholomäusnacht zum Massenmord an den Hugenotten kam; aus: www.net-lexikon.de

[5] Kanada, Mündungsgebiet des Mississippi „Louisiana“

[6] = Révocation im Edikt von Fontainebleau; aus: www.net–lexikon.de

[7] Purismus: (übertriebenes) Streben, die Sprache von Fremdwörtern zu reinigen

[8] Kreis von sieben französischen Dichtern – u. a. Ronsard – um 1550, die eine Erneuerung der Dichtung nach antikem Vorbild anstrebten (nach der Pleias. sieben Tragikern am Hofe Ptolemaios` II in Alexandria)

[9] Humanismus: von der Kultur der Antike beeinflusstes Bildungsideal

[10] Die Wörter, die dem neuen Sprachgebrauch nicht mehr entsprechen, werden als gascon oder gasconismes bezeichnet, womit nicht nur Regionales aus der Gascogne gemeint war, sondern alle Abweichungen von den sich etablierenden Normen des gepflegten Sprachgebrauchs

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die französische Orthographie im 17. Jahrhundert
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Fachbereich Französisch)
Veranstaltung
Thematisches Proseminar: 'L` Orthographe française'
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V32194
ISBN (eBook)
9783638329736
Dateigröße
790 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Orthographie, Jahrhundert, Thematisches, Proseminar, Orthographe
Arbeit zitieren
Lea Flieger (Autor), 2004, Die französische Orthographie im 17. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32194

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