Moliéres politische Komödie „Tartuffe“ zählt zu den weltweit am häufigsten gespielten Theaterstücken. Das ist wenig verwunderlich, ist doch der Typus des (religiösen) Heuchlers ein zeitloses Phänomen. Moliére schuf mit seiner Tartuffe-Figur zudem eine Vorlage für nachfolgende Generationen, man denke beispielsweise an Beaumarchais „L'Autre Tartuffe ou la Mère coupable“ („Ein zweiter Tartuffe oder Die Schuld der Mutter“).
Regisseure stehen bei der Inszenierung dieses Werks in der Regel vor einer ganz bestimmten Herausforderung: Der abrupte Schluss und seine „Deus ex machina“-Wendung wirken aus heutiger Sicht allzu konstruiert, vielleicht sogar unbeholfen. Molières Motivation, sich mit diesem Ende bei König Ludwig XIV. für dessen Schutz gegen heftige Angriffe zu bedanken und ihn zu einer allgemeinen Freigabe zu bewegen, erscheint uns freilich nachvollziehbar. Köhler verteidigt den Schluss in diesem Zusammenhang gar das „realste Element des ganzen Stückes.“ Trotzdem greift das banale Stückende für ein heutiges Publikum ins Leere und reizt zeitgenössische Theaterschaffende folglich zum Widerspruch.
Der Übersetzer Wolfgang Wiens thematisierte den Schluss – in Bezugnahme auf eine Inszenierung von Jürgen Flimm am Thalia Theater (1996) – in einem Gespräch für eine Diplomarbeit wie folgt:
"Mit dem Schluss hadern ja alle. Alle denken sich irgendwelche Schlüsse aus, der Sonnenkönig tritt auf, Tartuffe wird tot geprügelt, ich weiß nicht, was für Geschichten, auf jeden Fall macht keiner ein Happy End, den klassischen Molière Schluss."
In diesem Zusammenhang stellen sich folgende Fragen: Wie gehen moderne Regisseure mit dem Ende um? Lässt sich bei deren Interpretationen bzw. Bearbeitungen des Schlusses etwas Verbindendes, ein roter Faden, erkennen? Wie „werkgetreu“ sind diese Lösungen? Diese Fragen sollen in dieser Arbeit thematisiert und möglichst treffend beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Ziel dieser Arbeit
2. Methodik
3. Die Tartuffe-Fassungen
4. Rudolf Noelte (1979)
5. Ariane Mnouchkine (1995)
6. Luc Bondy (2013)
7. Michael Thalheimer (2013)
8. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die unterschiedliche Gestaltung des Schlusses in verschiedenen modernen „Tartuffe“-Inszenierungen. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Regisseure mit dem problematischen „Deus ex machina“-Ende von Molières Komödie umgehen, ob sich ein roter Faden in den Interpretationen erkennen lässt und inwieweit diese Lösungen als „werktreu“ bezeichnet werden können.
- Analyse der Schlussdramaturgie in ausgewählten Inszenierungen
- Kritische Auseinandersetzung mit dem „Deus ex machina“-Motiv
- Vergleich der Regiekonzepte von Rudolf Noelte, Ariane Mnouchkine, Luc Bondy und Michael Thalheimer
- Untersuchung der Rezeptionsgeschichte in deutschsprachigen Qualitätsmedien
- Reflexion über die Aktualität und politische Dimension des Werks
Auszug aus dem Buch
Die Fassungen von „Tartuffe“
Die uns heute überlieferte dritte Fassung trägt den Titel „Le Tartuffe ou L’imposteur“ und wurde im Februar 1669 erstmals aufgeführt. Es waren wohl weitere Abmilderungen notwendig gewesen, um den König zu einer Freigabe des Stücks zu bewegen. Die wichtige Rolle des Königs bei Molières Kampf um seinen „Tartuffe“ erklärt auch den königstreuen Schluss. Hier lässt Molière die Polizei des Königs folgendes sagen:
[…] unserm Fürsten ist Betrug verhaßt; Er ist ein Fürst, der in den Herzen liest Und den die List der Heuchler niemals täuscht. In seiner Größe kann er alle Dinge Aufs feinste unterscheiden und erfassen. Niemals ist er zu vorschnell eingenommen; Sein sicheres Urteil kennt das richtige Maß; Rechtschaffenen verleiht er hohes Ansehn, Doch trübt der Eifer nicht sein Augenmaß, Und Liebe zu den Redlichen läßt ihn Den Abscheu vor den Falschen tief empfinden. […]
Unzweifelhaft ist diese Stelle als Propaganda im Dienste des Königs zu verstehen. Sie war vermutlich nicht Teil der Urfassung und kann heute als notgedrungene Konzession an die Macht des Königs interpretiert werden. Man könnte auch sagen: Der Schluss mit seiner glücklichen Wendung und der Lobpreisung an den König liefen vermutlich, trotz der Nähe des Autors zum König, den ursprünglichen Intentionen Moliéres zuwider.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ziel dieser Arbeit: Einführung in die Thematik der Inszenierung von Molières „Tartuffe“ mit Fokus auf die Problematik des abrupten, konstruiert wirkenden Schlusses.
2. Methodik: Erläuterung der Kriterien zur Auswahl der Inszenierungen sowie der Vorgehensweise bei der Rezeptionsanalyse in deutschsprachigen Medien.
3. Die Tartuffe-Fassungen: Überblick über die historischen Versionen des Stücks und die Notwendigkeit der Anpassungen an die königliche Zensur.
4. Rudolf Noelte (1979): Analyse der Inszenierung am Wiener Burgtheater, die trotz moderner Ansätze in einer monarchischen Gesellschaft verhaftet blieb.
5. Ariane Mnouchkine (1995): Betrachtung der transkulturellen Deutung des Stücks, die den Tartuffe in eine islamisch geprägte Welt verpflanzte.
6. Luc Bondy (2013): Untersuchung des Regiekonzepts, das durch zusätzliche Handlungsstränge und ein ergänztes Schlusszitat dem Ende eine eigene Note verlieh.
7. Michael Thalheimer (2013): Analyse der radikalen Inszenierung an der Berliner Schaubühne, die den Deus ex machina-Schluss vollständig eliminierte.
8. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Reflexion über die Konstanten in der Interpretation des Stücks und das Scheitern einer eindeutig „werktreuen“ Aufführung.
Schlüsselwörter
Tartuffe, Molière, Theaterinszenierung, Regiekonzept, Deus ex machina, Rezeptionsanalyse, Satire, Heuchelei, Wiener Festwochen, Burgtheater, Berliner Schaubühne, Theatergeschichte, Politische Komödie, Interpretationsvielfalt, Stückende
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Möglichkeiten, das Ende von Molières „Tartuffe“ in modernen Theaterinszenierungen zu gestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die Auseinandersetzung mit dem problematischen „Deus ex machina“-Schluss, die politische Deutung von Heuchelei sowie der Vergleich verschiedener Regieansätze.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es herauszufinden, wie moderne Regisseure den als konstruiert empfundenen Schluss interpretieren und ob sich darin ein roter Faden oder eine gemeinsame Tendenz finden lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine rezeptionsgeschichtliche Analyse, wobei die Auswertung von Kritiken in überregionalen „Qualitätszeitungen“ als methodische Basis dient.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Einzelanalysen der Aufführungen von Rudolf Noelte, Ariane Mnouchkine, Luc Bondy und Michael Thalheimer unter besonderer Berücksichtigung ihrer Schlusslösungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Tartuffe, Theaterinszenierung, Regiekonzept, Deus ex machina und politische Komödie.
Wie unterscheidet sich Michael Thalheimers Inszenierung von den anderen?
Thalheimer zeichnet sich dadurch aus, dass er den Deus ex machina-Schluss radikal eliminierte und das Werk stattdessen mit einem „Lamento über die Gottverlassenheit“ enden lässt.
Welchen Regiekniff nutzte Luc Bondy, um den Schluss abzumildern?
Bondy machte die Zofe Dorine zu einer Art Privatspionin, die Beweise gegen Tartuffe sammelt, und ergänzte das Ende um ein Zitat Orgons über das „gemeine Tier“.
- Citation du texte
- Mag. Stephan Burianek (Auteur), 2015, Das Ende von "Tartuffe". Der Schluss von Molières Heuchlerstück in den Inszenierungen von Rudolf Noelte, Ariane Mnouchkine, Luc Bondy und Michael Thalheimer, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322045