Touristische Raumkonstruktionen des Bran Castles in Rumänien. Mediale Imaginierte Geographien zwischen Kultur- und Dracula-Tourismus


Masterarbeit, 2016
99 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

I Abbildungsverzeichnis

II Tabellenverzeichnis

1 Touristische Raumkonstruktionen zwischen Grusel und Historie – Einleitung
1.1 Hinführung zur Fragestellung der räumlichen Konstruktion der Destination Bran Castle in Reiseführern
1.2 Forschungsstand zu tourismusgeleiteten Imaginationen des Raumbeispiels Schloss Bran
1.3 Aufbau der Arbeit vom theoretischen Konzept zur Interpretation der konstruierten Liaison

2 Der untersuchte Raum: Bran Castle

3 Bran Castle und der zwiespältige Tourismus
3.1 Tourismusarten der Destination Bran Castle
3.2 Destination Bran Castle im Wandel der Zeit

4 Raumkonstruktionen und ihre theoretischen Hintergründe
4.1 Wissenschaftstheoretische Grundlagen des Sozialen Konstruktivismus
4.2 Ort und Raum – Ein sozialgeographischer Diskurs
4.3 Das Konzept der Imaginierten Geographien
4.4 Raumkonstruktionen als Machtinstrument und Teil der touristischen Aktivität – Destination Branding
4.5 Exkurs: Von Bran Castle zu Draculas Castle – Die Entstehung eines Place Myths

5 Reiseführer als Forschungsmedium
5.1 Eine kleine Geschichte des Reiseführers
5.2 Raumkonstruktionen in Reiseführern

6 Qualitative Inhaltsanalyse spezifischer Reiseführer
6.1 Methodik und Aufbau der Untersuchung
6.1.1 Selektion des Korpus der Datenerhebung
6.1.2 Typologische Gliederung der Forschungstexte
6.1.3 Methodisches Vorgehen der Auswertung des Datenmaterials
6.1.4 Von der Hypothese zur Kategorie
6.2 Inhaltsanalyse der touristischen Raumkonstruktionen der Destination Bran Castle in Reiseführern
6.2.1 Inhaltsanalyse der Einsteiger-Reiseführer
6.2.2 Inhaltsanalyse der Generalist-Reiseführer
6.2.3 Inhaltsanalyse der Alternativ-Reiseführer
6.2.4 Inhaltsanalyse der Spezial-Reiseführer
6.2.5 Resultate im Überblick mit kontrastivem Vergleich
6.3 Interpretation der Ergebnisse in Hinblick auf theoretische Konzepte

7 Resümee der reiseführerspezifischen Raumkonstruktionen von Bran Castle und Ausblick zu naheliegenden Forschungsthemen

III Literatur

I Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Tourismusarten der Destination Bran Castle

Abb. 2: Varianten des Dark Tourism

Abb. 3: Anzahl der Einreisetouristen in Rumänien (1955–89)

Abb. 4: Vorrangig Dracula-spezifisches Sortiment der Souvenirstände auf dem Gelände des Bran Castles

Abb. 5: Vorrangig kulturspezifisches Sortiment der Souvenirstände auf dem Gelände des Bran Castles

Abb. 6: Nation Brand Hexagon

Abb. 7: Logo "Romania – entdecke den Garten der Karpaten"

Abb. 8: Bran Castle

Abb. 9: Als Draculas Castle bekannte Lokationen in Rumänien

Abb. 10: Ablaufmodell der qualitativen Inhaltsanalye

Abb. 11: Ablaufmodell deduktiver Kategorienanwendung

II Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Tourismusarten und -formen. Ein kontrastiver Vergleich

Tab. 2: Besucherzahlen des Bran Castles

Tab. 3: Korpus der Reiseführer (2010–2015) samt bibliographischer Strukturdaten

Tab. 4: Einsteiger-Reiseführer mit bibliographischen Strukturdaten

Tab. 5: Generalist-Reiseführer mit bibliographischen Strukturdaten

Tab. 6: Alternativ-Reiseführer mit bibliographischen Strukturdaten

Tab. 7: Spezial-Reiseführer mit bibliographischen Strukturdaten

Tab. 8: Kodierleitfaden zu den Kategorien Kultur- und Dracula-Tourismus

Tab. 9: Einsteiger-Reiseführer mit Fundstellenhinweisen

Tab. 10: Generalist-Reiseführer mit Fundstellenhinweisen

Tab. 11: Alternativ-Reiseführer mit Fundstellenhinweisen

Tab. 12: Spezial-Reiseführer mit Fundstellenhinweisen

1 Touristische Raumkonstruktionen zwischen Grusel und Historie – Einleitung

Dracula und andere Vampire sind allgegenwärtig: sei es das aktuelle Design des Joghurts mit der Ecke von Müller „Nacht der Vampire, Blutorange-Vanille“(Molkerei Alois Müller GmbH & Co. KG 2015), der neue Family-Entertainment-Film „Hotel Transsilvanien 2“ (Tartakovsky 2015) oder das Reiseangebot „Reisen nach Rumänien: zwischen Karpaten, Dracula & Schwarzmeerküste“ (Berge & Meer Touristik GmbH 2016). Der Prototyp aller Vampire scheint also eine starke Stereotypisierung zu sein, die oft mit Rumänien, bzw. speziell Transsilvanien verknüpft wird.

Bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema begegnet dem potentiellen Touristen schnell das in Rumänien gelegene Bran Castle, das auch Draculas Castle genannt wird. Im August 2015, bei meiner Reise nach Bran – auf der Suche nach einem Forschungsthema – fand eine teilnehmende Beobachtung einiger Rundgänge statt, in deren Anschluss kurze Interviews geführt wurden. Besonders spannend bei den geführten Touren durch Bran Castle war die äußerst differenzierte Darstellung des Schlosses. Vor der Tür noch mit angsteinflößender Gestikulierung der Rundgangsleiterin als Draculas Castle tituliert, erfuhren die Teilnehmer innerhalb des Schlosses nichts mehr von dem legendenumwobenen Grafen Dracula. Vielmehr wurde die Einrichtung des Schlosses thematisiert, die auf den Besitz der Königin Maria zurückgeht. Weitere Elemente der Geschichte mit der Erbauung, Restauration, den vielen Besitzerwechseln standen im Vordergrund.

Nach Beendigung des Rundgangs gesellte ich mich zu einigen Touristen, um reflektierend ihre Motivationen und Eindrücke zu erfragen. Einige waren enttäuscht, dass das Schloss nicht mehr Grusel birgt, andere erfreut, Vieles über Architektur und Geschichte gelernt zu haben. Aufgrund der eigenen Impressionen während der teilnehmenden Beobachtung und der Resultate der Interviews wurde demonstriert, dass die Lokation Bran Castle zwei grundverschiedene imaginative Bilder bereithält, die verantwortlich für die Motivationen der Touristen sind.

1.1 Hinführung zur Fragestellung der räumlichen Konstruktion der Destination Bran Castle in Reiseführern

Anlässlich des geschilderten Besuchs in Bran Castle befasse ich mich in der vorliegenden Arbeit mit Inszenierungen dieses Schlosses. Raumkonstruktionen treten in vielseitiger Hinsicht auf, indem sie beispielsweise durch die thematische Vermittlung bei Rundgängen, in Beschreibungen auf Websites von Reiseveranstaltern, in Texten und Bildern von Reiseführern dargestellt werden. Im Mittelpunkt sollen hier die medialen Raumkonstruktionen von Reiseführern stehen. Das spannende im Fall der Destination Bran Castle ist die Kollision differenzierter Imaginierter Geographien an ein und derselben Lokation.

Daraus resultiert die Forschungsfrage: Wie werden unterschiedliche Raumkonstruktionen der Destination Bran Castle durch Texte in Reiseführern geschaffen? Wichtig zur Beantwortung dieser Fragestellung sind sowohl Aspekte des Tourismus als auch der theoretischen Hintergründe hinsichtlich der Raumkonstruktionen. Dies wird mittels qualitativer Untersuchung von aktuellen deutschsprachigen Reiseführern verknüpft.

1.2 Forschungsstand zu tourismusgeleiteten Imaginationen des Raumbeispiels Schloss Bran

In der englischsprachigen Literatur ist hinsichtlich des Dracula-Tourismus in Rumänien Dr. Duncan Light absoluter Vorreiter. Er dozierte bis 2014 an der Universität in Liverpool im Bereich Humangeographie mit Tourismus als Schwerpunkt. In seiner geographischen Bandbreite wird der Dracula-Tourismus von Light untersucht. Besondere Beachtung schenkt er dabei in zahlreichen Werken dem komplexen Thema der Identität. Ebenso erforscht Light (2007) den politischen Einfluss auf das touristische Angebot in Rumänien. In seinem Artikel „Imaginative Geographies, Dracula and the Transylvania ›Place Myth‹“ bezieht sich Light (2008) auf den Beginn des Destination Brandings Rumäniens im späten 19. Jahrhundert und untersucht literarische Werke diesbezüglich mittels der Diskursanalyse. Eine umfassende Darstellung der Geschichte des Dracula-Tourismus – insbesondere im Sozialismus und Postsozialismus – bietet Light (2012) mit seinem Werk „The Dracula-Dilemma: Tourism, Identity and the State Romania“.

Spezifisches zum Dracula-Tourismus ist in der deutschsprachigen Fachliteratur gänzlich unterrepräsentiert. Jedoch sind die verschiedenen Tourismusarten der Destination Bran Castle – ohne Bezug auf dieses Raumbeispiel – grundlegend aufbereitet worden. Als Besonderheit ist dabei der Dark Tourism zu nennen, der bisher vorrangig im Hinblick auf Orte, die in Verbindung mit dem 2. Weltkrieg oder anderen historischen Ereignissen stehen, analysiert worden ist (Budweg und Behne 2013). Aus diesem Kontext gelöst und auf das Raumbeispiel des Bran Castles angewendet wurde dieses Phänomen bei Bristow und Newman (2004) untersucht.

Mit Reiseführern als Untersuchungsmedium ist keine bereits erschienene Arbeit bekannt. Auch der Kulturtourismus der Destination Bran Castle konnte sich bisher nach meinem Kenntnisstand noch keiner humangeographischen Beachtung erfreuen. Aus der Konfluenz von bereits wissenschaftlich Aufgearbeitetem und noch Unerforschtem wird diese Arbeit wie in Kap. 1.3 aufgebaut.

1.3 Aufbau der Arbeit vom theoretischen Konzept zur Interpretation der konstruierten Liaison

Die vorliegende Arbeit beginnt mit einer kurzen Darstellung des untersuchten Raumes Bran Castle (Kap. 2), einschließlich aktueller Eckdaten sowie einem Abriss der historischen Entwicklung. Kap. 3 bietet eine Einführung in die touristischen Grundlagen. Dabei werden einerseits die verschiedenen Tourismusarten der Destination Bran Castle erläutert, bevor die Geschichte des Tourismus des Untersuchungsraums im Vordergrund steht. Oftmals spielen dabei Aspekte der politischen Entwicklung Rumäniens eine entscheidende Rolle.

Anschließend werden die theoretischen Grundlagen hinsichtlich der Imaginierten Geographien betrachtet (Kap. 4). Dies beginnt mit der allgemeinen wissenschaftstheoretischen Grundausrichtung des Sozialen Konstruktivismus und gestaltet sich zunehmend detaillierter, indem die Begriffe Place und Space eingeführt werden. Diese führen zum Konzept der Imaginierten Geographien, das in seinen Grundzügen dargelegt wird. Eine Brücke zum Tourismus, der bereits in Kap. 3 thematisiert wurde, schlägt die Betrachtung der touristischen Vermarktung von Orten mittels Destination Branding. Folglich wird der Aufbau hinsichtlich des Raumbeispiels Bran Castle fokussiert, indem das Konzept des Place Myths speziell anhand dieser Destination behandelt wird.

Kap. 5 betrifft eine Einleitung in das Untersuchungsmedium des Reiseführers, indem sich zunächst einer Definition angenähert wird. Es folgt eine knappe Darstellung der Geschichte des Reiseführers im Wandel der Zeit. Daran schließt die Verbindung des Reiseführers mit der theoretischen Grundlage aus Kap. 4 an, wobei sich mit Raumkonstruktionen in Reiseführern befasst wird.

Den Kern der vorliegenden Arbeit bildet Kap. 6, in dem der empirische Teil erarbeitet wird. Zunächst wird dazu die Methodik der qualitativen Inhaltsanalyse vorgestellt. Die Auswahl des Forschungsmaterials findet, ebenso wie die typologische Einordnung der Reiseführer, an dieser Stelle eine Begründung. Ausgehend von theoriegeleiteten Hypothesen werden Kategorien gebildet, an denen sich während der Analyse orientiert wird. Gegliedert nach der Typologie werden die Reiseführer mittels der qualitativen Inhaltsanalyse untersucht. Die gewonnenen Resultate werden schließlich im Hinblick auf die grundlegenden Theorien hin interpretiert.

2 Der untersuchte Raum: Bran Castle

Das rumänische Bran ist eine Gemeinde mit 5.181 Einwohnern (Romania National Institute of Statistics 2013) und liegt inmitten der Südkarpaten im Kreis Braşov (Kronstadt) in Siebenbürgen. In diesem Kapitel findet ein historischer Abriss bezüglich der Geschichte von Bran Castle statt. Die touristische Bedeutung des Schlosses Bran wird in Kap. 3.2 umfassend dargelegt.

Die Ritter des Deutschordens, ein religiöser Bund, der im späten 12. Jahrhundert in Palästina gegründet wurde, erhielten im Jahre 1211 das so genannte Burzenland von König Andreas II von Ungarn. Ziel dieser Schenkung war es, die südöstliche Grenze Transsilvaniens gegen die Kumanen und Petschenegen zu verteidigen. In Bran, dessen Name aus türkischer Etymologie stammt und übersetzt Tor bedeutet, errichteten die Teutonen eine Festung. Kurz darauf, im Jahre 1226 mussten sie das Gebiet verlassen (Habsburg 2013a).

Der Beginn der Historie von Bran Castle kann auf das Jahr 1377 datiert werden. Unter Herrschaft des ungarischen Königs Ludwig dem Großen wurde ein Dokument ausgestellt, das es den Bürgern von Braşov erlaubte, ein Schloss zu erbauen. Die Sachsen, die im 12. Jahrhundert nach Transsilvanien kamen, wurden dazu aufgefordert, den Bau des Bran Castles tatkräftig zu unterstützen. 1388 war der Bau des Schlosses abgeschlossen, das sowohl die Funktion einer Zollburg – wobei 3% des Warenwertes bei In- und Export abgegeben wurden – als auch einer Festung innehatte. Die Absicht des Grenzpostens war es, die Ausbreitung des osmanischen Reiches zu verhindern. Zu diesem Zeitpunkt war Bran Castle vorrangig von Soldaten höheren Ranges und Söldnern bewohnt. Ende des 15. Jahrhunderts war der Schlossherr gleichzeitig der Vize-Woiwod Transsilvaniens (Habsburg 2013a).

Im Jahr 1407 wurde das Schloss von Siegesmund von Luxemburg seinem Verbündeten, Prinz Mircea, als Zufluchtsort im Falle eines Angriffs der Osmanen vermacht. Nach seinem Tod 1419 übernahm Siegesmund von Luxemburg wiederholt den Besitz des Schlosses und vertraute es den Prinzen von Transsilvanien an. 1441 überfielen die Osmanen Transsilvanien; Prinz Johann Hunyadi konnte sie jedoch in Bran besiegen. Während seiner zweiten Regierungsphase 1456–1462 passierte Vlad Ţepeş, von dem in Kap. 3.2 Ausführlicheres zu lesen ist, Bran 1459, um Braşov zu bekämpfen. Ziel war es, den Konflikt zwischen den walachischen Woiwoden und den Sachsen bezüglich der höheren Zollgebühren aus dem Weg zu räumen. Er brannte einige Vorstädte nieder und ermordete Hunderte Sachsen, die in Transsilvanien lebten (Habsburg 2013a).

Die in Braşov lebenden Sachsen erwarben 1498 das zehnjährige Recht zur Nutzung von Schloss Bran. Durch eine Erhöhung der Pacht, nachdem die Osmanen das ungarische Königreich 1541 eroberten, entschloss sich der Kreis Braşov 1651 zum Verkauf des Schlosses an George II Rackoczi. Seit 1687 war Transsilvanien Teil des Kaiserreiches der Habsburger. Für Bran Castle begann eine Serie von Restaurationen und Erneuerungen, die wegen verschiedenen Besatzungen, einer Pulverturmexplosion und starken Stürmen notwendig waren. 1723 wurde die Renovierung des nördlichen Turmes abgeschlossen (Habsburg 2013a).

Im Jahre 1836 verlor Bran Castle seine militärischen Funktionen. Nachdem die Grenze zwischen Transsilvanien und der Walachei verschoben wurde, war die Aufgabe des Grenzpostens in Bran unbedeutend. Vielmehr entwickelte sich Schloss Bran zu einem Sitz für administrative Tätigkeiten. Zwischen 1883 und 1886 begann eine neue Reihe von Reparaturarbeiten, die sich infolge der Zerstörung während der Revolution von 1848 und dem russisch-türkischen Krieg von 1877 als notwendig erwiesen. In den späten 1880ern übernimmt Schloss Bran den Sitz für Forstwirtschaft. Bis 1918 wurde Bran Castle von Förstern und ähnlichen Berufsgruppen bewohnt. Im selben Jahr wurde Transsilvanien Teil Rumäniens. 1920 wurde das Schloss Königin Maria von Rumänien vermacht, wodurch es sich zu einer favorisierten Residenz der royalen Familie entwickelte. In dieser Zeit erfolgten viele Umbauten innerhalb des Schlosses. Als Architekt diente dabei Karen Limau, die auch das nahe gelegene Peleş Castle gestaltete. Es folgten Elemente wie ein englischer Garten, ein Teehaus, Gästehäuser, eine hölzerne Kirche und Häuser für Bedienstete (Habsburg 2013a).

Nach dem Tod Königin Marias 1938 wurde Bran Castle der Prinzessin Elena hinterlassen. Diese musste 1950 im Zuge der Entwicklung des kommunistischen Regimes das Land verlassen und suchte in den Vereinigten Staaten Zuflucht. Für Schloss Bran bedeutete dies die Umwandlung in ein Museum mit Überresten des royalen Erbes, mit mittelalterlichen Kostümen und ethnographischen Aspekten. Außerdem wurde im Park des Schlosses eine Ausstellung traditioneller Häuser zur Besichtigung errichtet (Habsburg 2013a).

In den frühen 90ern erfolgten wiederholt zahlreiche Restaurationsarbeiten. 1993 konnte das Schloss als Museum wiedereröffnet werden. 2006 ging Bran Castle zurück an seine rechtmäßigen Erben: die Nachkommen der Prinzessin Elena. Allerdings wurde es für die darauffolgenden drei Jahre provisorisch vom Ministerium für Kultur verwaltet, bevor das Schloss 2009 letztendlich in den Besitz von Erzherzog Dominik von Habsburg, mit seinen Geschwistern Maria Magdalena und Elisabeth, übergegangen ist (Habsburg 2013a).

3 Bran Castle und der zwiespältige Tourismus

Mit rund 500.000 Besuchern (Habsburg 2013b) jährlich zählt Schloss Bran zu den meist besuchten Destinationen in Rumänien. Vielfältige Arten und Formen des Tourismus treffen an diesem Ort aufeinander. Um sich einer Definition von Tourismus zu nähern, umfasst dieser der UNWTO zufolge

„die Aktivität von Personen, die an Orte außerhalb ihrer gewohnten Umgebung reisen und sich dort Freizeit-, Geschäfts- oder bestimmten anderen Zwecken nicht länger als ein Jahr ohne Unterbrechung aufhalten.“

(UNWTO 1993 in Statistisches Bundesamt 2007, o. S.)

Als wichtige Elemente der touristischen Aktivität gelten die Raumüberwindung, der vorübergehende Aufenthalt innerhalb des Destinationsraumes sowie die Motivation des Ortswechsels (Schmude und Namberger 2008: 2f.). Zunächst wird im Folgenden die durchaus interessante Liaison der differenzierten Tourismusarten dargestellt, um darauf in Kap. 6.2 während der Analyse der Reiseführer Bezug nehmen zu können. Die Differenzierung nach Tourismusarten und –formen erfolgt entsprechend der Abgrenzung von Bülow (2006: 4) und wird in Tab. 1 dargestellt. Tourismusformen sollen aber in dieser Arbeit keine wesentliche Rolle spielen und werden daher vernachlässigt. Schließlich bietet Kap. 3.2 eine Analyse der spannenden Chronik des Tourismus von Bran Castle, wobei Elemente der Historie Rumäniens von besonderer Relevanz sind.

Tab. 1: Tourismusarten und -formen. Ein kontrastiver Vergleich (Bülow 2006:4)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1 Tourismusarten der Destination Bran Castle

Es lassen sich zwei übergeordnete Tourismusarten ausmachen, die die Motivationen der Reisenden widerspiegeln, die Schloss Bran besuchen. Einerseits kann die Art des Kulturtourismus, andererseits jene des Dracula-Tourismus genannt werden. Während wissenschaftliche Beiträge sich bisher meist ausschließlich auf den Dracula-Tourismus am Beispiel des Schlosses Bran beschränkt haben (Light 2012), wird hier zudem die zweite touristische Hauptart diskutiert und analysiert. Diese beiden Arten bieten einige Untergruppierungen, die in Abb. 1 dargestellt und im Folgenden ausgeführt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Tourismusarten der Destination Bran Castle (eigene Darstellung)

Unter dem weiträumig gefassten Begriff Kulturtourismus versteht sich „tourism that focuses on cultural attractions, activities and practices as major motivating factors for travel“ (Smith, MacLeod und Robertson 2010: 30). Kulturtourismus bietet zahlreiche Untergruppierungen, so z.B. Kunst- oder Eventtourismus. Im Vordergrund steht die Nutzung kultureller Monumente und Relikte mit traditionellen Wohn- und Lebensformen (Eder 1993: 165 f.). Gewissermaßen geht es im Kulturtourismus um das Erfahrbarmachen anderer parallel existierender Kulturen; dieses Verständnis lässt sich jedoch auf traditionelle Lebensformen ausweiten, womit die Verbindung zu einer Unterart des Kulturtourismus, nämlich dem Geschichtstourismus, geschaffen ist (Wöhler 1997: 109 ff.).

Der Geschichtstourismus oder Historical Tourism beschränkt sich auf verschwundene Lebensformen und Monumente der Vergangenheit, die von eben diesen traditionellen Lebensstilen zeugen. Die Grenzziehung zum übergeordneten Kulturtourismus stellt dessen Öffnung bezüglich vergangener und aktueller Kulturen dar. In ähnlicher Weise anzusiedeln ist auch der Heritage Tourism, der Stätten des kulturellen Erbes ehemaliger Epochen zum Gegenstand der Betrachtung macht. Speziell werden historische Gebäude, Objekte, sonstige Attraktionen als auch nicht (mehr) greifbare Kulturformen und Traditionen sowie Lebensweisen von Gemeinschaften besucht bzw. thematisiert (Smith, MacLeod und Robertson 2010: 93).

Oft vereinbar mit den Motiven, die Geschichtstouristen mobilisieren, sind jene des Bildungstourismus. Die Repräsentation des Bildungstourismus geschieht durch die Veranstaltungsform der Bildungs- bzw. Studienreise. Eingeführt wurde von Hartmann (1982: 36) der Begriff des „rollenden Seminars“, der das Konzept der Bildungsreise treffend darstellt. Es geht dabei um „den Erwerb und die Erweiterung von Kenntnissen, […] eine gründliche Beschäftigung mit dem Land, den Kulturstätten und den Bewohnern“ (ebd.). Primär ist die Tourismusart des Bildungstourismus in Abb. 1 der Kategorie Kulturtourismus zugeordnet, welche neben dem Dracula-Tourismus eine der beiden Haupttourismusarten der Destination Bran Castle darstellt. Allerdings stellt der Bildungstourismus ebenso eine Verbindung zum Dracula-Tourismus dar, indem Studienreisen ebenso mit geographisch relevanten Hintergründen – wie beispielsweise einer Tourismusforschung, einer Analyse von Raumkonstruktionen oder der Beschäftigung mit Identitäten – gefüllt werden können.

Ähnliches ist bei der Art des Eventtourismus festzustellen. Dieser „beschreibt zeitlich gezielt auf ein Ereignis hin veranlasste Reisen wie die Teilnahme an Kunst-, Musik-, […] Film-, Theater- und andere Kulturevents“ (Schröder 2003: 104). Auch eine Erlebnisorientierung wohnt dem Eventtourismus inne, die eng mit dem Abenteuer- und Erlebnistourismus verknüpft ist und in einem folgenden Abschnitt unter Betrachtung des Dracula-Tourismus näher thematisiert wird. Einerseits können in Bran Castle kulturelle Events besucht werden, weshalb der Eventtourismus der Kategorie des übergeordneten Kulturtourismus angehört. Beispielsweise findet jährlich ein Jazzevent statt (Habsburg 2013b). Ohne Weiteres kann der Eventtourismus jedoch auch dem Dracula-Tourismus zugeordnet werden. Besonders an Halloween finden zahlreiche Events statt, mit denen Schauriges und Unheimliches assoziiert werden kann (International Tours & Events LLC 2015).

Um nun zum Dracula-Tourismus zu kommen, sei zunächst eine Definition desselben von Light (2007: 751) vorangestellt.

Dracula-Tourismus „is an externally generated phenomenon on which enthusiasts (primarily from Europe and America) have traveled to Romania in search of the literary, historical, and supernatural roots of the Dracula myth.”

Im Gegensatz zum historisch fundierten Kulturtourismus basiert der Dracula-Tourismus auf Fiktion. Hauptsächlich dient dazu die literarische Grundlage des Romans „Dracula“ (Stoker 1897). Jedoch gelten in Anlehnung an diesen Roman auch zahlreiche Verfilmungen wie „Nosferatu“ (1922) als fiktionale Inszenierung des Schlosses Bran. Wie es zur Verbindung zwischen der Romanfigur Dracula und Bran Castle überhaupt kommt, wird in Kap. 3.2 bzw. in Kap. 4.5 thematisiert. Eine Auffälligkeit des Dracula-Tourismus ist die breite Fächerung in unterschiedliche Tourismusgruppierungen, die im Folgenden erläutert werden.

Anlässlich der soeben erwähnten literarischen Grundlage von Bram Stoker, tritt an der Destination Schloss Bran entsprechender Weise Literaturtourismus auf, “[who] describes tourism activity that is motivated by interest in an author, a literary creation or setting, or the literary heritage of a destination” (Smith, MacLeod und Robertson 2010: 108). Touristen, die Schloss Bran bzw. Schloss Dracula besuchen, sehen in diesem das vermeintliche Setting von Stokers (1897) „Dracula“. Sie begeben sich auf die Suche nach Anhaltspunkten des blutsaugenden Grafen mit den scharfen Eckzähnen und hören mit einem Ohr „die Ketten klirren, dann das Kreischen des Schlüssels im Schlüsselloch“ (Stoker: 2008: 70).

Der Art des Literaturtourismus sehr ähnlich ist jene des Filmtourismus. Dabei besuchen Touristen Destinationen, deren Locations sie aus dem Kino oder dem Fernsehen kennen. „This form of tourism also includes visits to places associated with film and television characters or celebrities.” (Smith, MacLeod und Robertson 2010: 71). Entgegen vieler Vermutungen war Bran Castle jedoch bisher kein Drehort nennenswerter Dracula-Verfilmungen (Light 2012: 21). Nicht zwangsläufig handelt es sich bei Literatur- oder Filmtourismus um Arten von Tourismus, die mit einer weiteren Art – dem Dark Tourism – in Verbindung stehen.

Dark Tourism „consists of tourist visits to sites associated with death, disaster, warfare, genocide and human suffering“ (Smith, MacLeod und Robertson 2010: 35). Prägend für die Art des Dark Tourism sind vorrangig die Arbeiten von Lennon und Foley (2000), wobei es allerdings hauptsächlich um die Thematisierung von Kriegsschauplätzen und -denkmälern sowie Stätten des Holocausts geht. Stone (2006) hingegen hat sich in seinen Untersuchungen dahingehend geöffnet, als er zwischen „Sites of Death and Suffering“ und „Sites Associated with Death and Suffering“ (Stone 2006: 151) unterscheidet (siehe Abb. 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Varianten des Dark Tourism (Stone 2006:151)

Nun stellt sich die Frage, wo der hier akzentuierte Dracula-Tourismus einzuordnen ist. Aufgrund der Tatsache, dass es sich bei der Destination Bran Castle um eine Sehenswürdigkeit handelt, mit der in Bezug auf die literarische Figur Dracula lediglich Tod und Leiden assoziiert werden, ist der Dracula-Tourismus m.E. einer Light -Version des Dark Tourism zuzuordnen. Kohärent damit ist der geringe politische Einfluss, der auf diese Tourismusart ausgeübt werden kann und bei Light (2007) beschrieben wird. Interessant ist allerdings, dass in Schloss Bran eine Dauerausstellung mit Folterinstrumenten stattfindet, die teilweise im Mittelalter tatsächlichen Einsatz gefunden haben. Somit kann argumentiert werden, dass Schloss Bran, allerdings hinsichtlich seines Angebots im Kulturtourismus, einer dunkleren Form des Dark Tourism angehört.

Eine Sonderart des Dark Tourism stellt der Fright Tourism dar. Bristow und Newman (2004: 215) zufolge tritt Fright Tourism auf, „when a tourist seeks a scary opportunity for pleasure at a destination that may have a sinister history or may be promoted to have one”. Ausdruck findet der Fright Tourism an der Destination Bran Castle einerseits durch das dem eigentlichen Schloss vorgelagerte Geisterschloss Castelul Groazei, wobei Touristen beim Passieren von verkleideten Personen erschreckt werden, andererseits durch diverse Events, die an Halloween im Schloss Bran stattfinden (siehe dazu Habsburg 2013c). Sowohl die Tourismusart des Fright Tourism als auch jene des Dark Tourism fußt im Risiko- bzw. Abenteuertourismus (Bristow und Newman 2004: 220).

Die Abhandlung verschiedener Arten des Tourismus erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und stellt sich variabel auslegbar dar. Nicht thematisiert werden an dieser Stelle spezielle Sonderformen, wie Motorrad- oder Erotiktourismus, welche teilweise ebenfalls Schloss Bran als Destinationsziel sehen. Im nächsten Kapitel wird der touristische Ort Bran Castle mit seiner Entwicklung seit den 1950ern diskutiert.

3.2 Destination Bran Castle im Wandel der Zeit

Im sozialistischen Rumänien hat Tourismus – speziell internationaler Tourismus – zunächst keine besondere Rolle gespielt. 1956 sind lediglich 5.000 Auslandstouristen zu verzeichnen, die hauptsächlich aus anderen sozialistischen Staaten kamen. In den frühen 1960ern tritt allmählich eine Wende ein; es beginnt eine Förderung des internationalen Tourismus. Dabei wurde das propagandistische Potential des Tourismus durch das sozialistische Regime erkannt und geschickt eingesetzt. Ziel war die Unabhängigkeit von der Sowjet-Union innerhalb des sozialistischen Ostblocks mit stärkerer Zuwendung zu westlichen Staaten zu erreichen. Die touristische Öffnung des Landes Rumäniens wurde in diesem Fall zur Imageverbreitung der Unabhängigkeit genutzt. In den 1960ern wurden immense Investitionen in den Wirtschaftszweig Tourismus getätigt, was den Bau zahlreicher Hotels – vorrangig am Schwarzen Meer – veranlasste (Light 2012: 57f.). Dass sich dies als lohnenswert erwies, veranschaulicht Abb. 3 mit einer Darstellung der Statistik über ausländische Touristen, die im Zeitraum von 1955-1985 nach Rumänien einreisten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Anzahl der Einreisetouristen in Rumänien (1955–89) (Light 2012: 59)

Neben dem Schwarz-Meer-Tourismus entdeckten die westlichen Touristen zudem die (Ski-)Ressorts in den Karpaten und das kulturelle Erbe Transsilvaniens. Somit wurde auch Schloss Bran in die frühen internationalen, touristischen Anfänge integriert (Light 2007: 752). Bereits 1956 fand die Verwandlung der mittelalterlichen Perle Bran Castle in ein Museum statt, wobei die Reliquien des royalen Erbes, mittelalterliche Kostüme und traditionelle Häuser besucht werden konnten bzw. können (Habsburg 2013a). Außerdem werden zahlreiche Kunstwerke ausgestellt (Light 2007: 753). Bedient werden somit die Motivationen des in Kap. 3.1 dargestellten Kulturtourismus.

Zeitgleich mit der touristischen Öffnung gegenüber dem Westen kamen auch Dracula-Enthusiasten mit unterschiedlichen Motivationen nach Rumänien. Einige begaben sich auf literarische Spurensuche der Grundlage des Romans von Bram Stoker. Andere wurden – obwohl Bran Castle kein Setting namhafter Filme war – dennoch durch das Medium des Films beeinflusst, wodurch bereits in den 1960ern Film-Touristen nach Rumänien kamen (Light 2012: 21). Wiederrum andere Touristen suchten das Übernatürliche, den schaurigen Horror der Dracula-Legende, was mit dem bereits beschriebenen Dark Tourism einhergeht. Dabei sind vorrangig Touristen aus Großbritannien zu nennen, die sich Dark Tourism zum Trend gesetzt haben und ein globales Netzwerk aus Destinationen, die mit Horror verbunden werden, geschaffen haben (Light 2007: 752 f.). Somit ist Transsilvanien zunächst nur ein Teil dieses Netzwerks. Während die Touristen sich auf die Suche nach Draculas Schloss begaben, war die westliche Dracula-Legende bis dato vollkommen unbekannt in Rumänien – eine Übersetzung des Romans ins Rumänische fand erst 1993 statt (Light 2007: 757 f.). Ohne die Existenz eines realen Schlosses, wählten die westlichen Touristen eines, das ihren Vorstellungen des Dracula-Schlosses nahe kam – Schloss Bran (Light 2007: 752 f.). Wie die Verbindung von Dracula und Bran Castle zustande kommt, ist im Exkurs in Kap. 4.5 nachzuforschen.

Zunächst war das sozialistische Regime Rumäniens begeistert von der Faszination Dracula, die zahlreiche Touristen aus dem westlichen Europa und den USA anlockte. 1972 erschien der Flyer einer 18-tägigen Rucksack-Tour des Reiseveranstalters General Tours mit dem Titel „Spotlight on Dracula: An Adventure in Transylvania . Allerdings war das sozialistische Rumänien nicht auf Touristenströme vorbereitet, die Knoblauch als Schutz vor dem Bösen nutzten und Rumänien somit das Branding als Land der Vampire aufdrückten. Das sozialistische Regime befand sich in der Zwickmühle. Eigentlich wurde das Ziel erreicht, Touristen aus den westlichen Regionen zu gewinnen. Der Preis dafür war scheinbar das Image des Bösen, Unheimlichen, Schrecklichen. Gewünscht wurde jedoch ein Bild des Fortschritts und der Modernisierung (Light 2012: 756).

Daraufhin wurde in den 1970ern eine Kampagne gestartet, um einerseits das vermeintlich historische Vorbild Draculas – Vlad Ţepeş – als mittelalterlichen, heroischen Fürsten der Walachei zu preisen und andererseits eine scharfe Grenze zwischen ihm und der fiktiven Figur Dracula zu ziehen. Tunbridge (1994: 127) beschreibt das Dilemma treffend als „identity versus economy“. Zunehmend nahm der rumänische Staat die Rolle eines stillen Beobachters ein ohne – den Dracula-Tourismus in irgendeiner Weise zu fördern. 1973 entwickelte das nationale Tourismusbüro die Tour „Dracula: Legend and Truth“, die das Leben des historischen Pendants zur fiktiven Romanfigur Dracula – Vlad Ţepeş – fokussierte und dabei die Erwähnung von diversen Vampirgeschichten vermied. Folglich waren die Dracula-Touristen enttäuscht, was westliche Reiseveranstalter dazu veranlasste, Thementouren zu gestalten, die die Motivationen der Vampir-Touristen ansprachen (Cioranescu 1977). Nach dem Sturz des Diktators Ceauşescu 1989 wurde sich von jeder Art der Dracula-Zensur gelöst; der Vampirmythos des Westens konnte nach Rumänien vordingen.

In den frühen 1990er Jahren eröffneten die Souvenirverkaufsstände auf dem Gelände des Schlosses. Neben Gegenständen, die das kulturelle Erbe rumänischer Traditionen betreffen, so z.B. Trachtenkleidung, Fellmützen und –schuhe sowie Töpferwaren aus Horezu, finden sich dort auch Souvenirs Dracula und Vlad Ţepeş betreffend, was Abb. 5 und Abb. 6 veranschaulichen. Unternehmen des privaten Sektors verstehen dabei den geschickten Umgang mit der Inszenierung von Orten (siehe dazu Kap. 4.4).

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Abb. 4: Vorrangig Dracula-spezifisches Sortiment der Souvenirstände auf dem Gelände des Bran Castles (eigene Aufnahme 2015)

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Abb. 5: Vorrangig kulturspezifisches Sortiment der Souvenirstände auf dem Gelände des Bran Castles (eigene Aufnahme 2015)

Errichtet wurde auf dem Gelände des Bran Castles in den späten 90ern Castelul Groazei, ein kleines Horrorschloss. Der Besucher wandelt dabei durch verschiedene dunkle Räume mit Särgen, Fledermäusen und gespenstischen Geräuschen; zum Gipfel des Grusels wird der Besucher von verkleideten Personen erschreckt. Im Schloss Bran selbst steht das kulturelle Erbe im Vordergrund. Es involviert eine Ausstellung antiker Möbelstücke, Kleidungen und zahlreiche Informationen zur königlichen Residenz. Grusel bietet im Schloss lediglich eine Ausstellung von Folterinstrumenten. Dracula sucht man – an einem gewöhnlichen Geschäftstag ohne Event – vergeblich in Bran Castle; jedoch finden sich in einem Raum im obersten Geschoss einige Informationstafeln, die die Romanfigur von der historischen Figur Vlad Ţepeş abgrenzen.

Tab. 2 zeigt eine Übersicht der jährlichen Besucherzahlen Bran Castles nach dem Sturz Ceauşescus. Auszugsweise wird die Statistik von 1991 bis 2009 dargelegt. Für das Jahr 2013 wird ebenfalls eine Touristenzahl von 500.000 genannt (Habsburg 2013b). Auffällig bei Betrachtung von Tab. 2 ist der sukzessive Anstieg der Besucherzahlen in den letzten 25 Jahren. Dies spiegelt die touristische Öffnung – vor allem hinsichtlich des Dracula-Tourismus – im Postsozialismus wider. Nachdem nun schon einige Worte über Orte, Räume und Imaginierte Geographien verloren worden sind, rückt das nächste Kapitel dieses Thema in den Mittelpunkt, indem es dessen Grundlagen veranschaulicht.

Tab. 2: Besucherzahlen des Bran Castles (a) Light 2012: 127, b) Habsburg 2013b))

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4 Raumkonstruktionen und ihre theoretischen Hintergründe

Erschreckend schauriges Dracula-Schloss oder interessante, ehemals königliche Residenz? Bei diesen beiden gegensätzlich erscheinenden Beschreibungen handelt es sich um ein und dieselbe Lokation – Schloss Bran in Rumänien. Raumkonstruktionen erlauben Zuschreibungen, Images oder sogar Brandings von Räumen bzw. Orten. In diesem speziellen Fall geschieht die Zuschreibung von grundverschiedenen Konstruktionen parallel, was die Faszination dieses Themas ausmacht. Dazu werden in diesem Kapitel zunächst einige Aussagen über die theoretische Grundausrichtung dieser Arbeit getätigt, bevor geklärt wird, was Räume und Orte aus geographischer Sichtweise überhaupt sind. Als nächstes werden Imaginierte Geographien diskutiert. Danach wird die Thematik der Raumkonstruktionen mit dem Themenfeld des Tourismus in Zusammenhang gebracht, um darauf im zentralen Kernpunkt der Arbeit, Kap. 6, Bezug nehmen zu können. Schließlich wird in Kap. 4.5 ein Exkurs aufgeführt, der das Konzept des Place Myths thematisiert und mit dem Raumbeispiel verknüpft.

4.1 Wissenschaftstheoretische Grundlagen des Sozialen Konstruktivismus

Wichtig ist es, die theoretische Grundausrichtung dieser Arbeit darzulegen, da die folgenden theoretischen Konzepte in Kap. 4.2­­–4.5, sowie die Inhaltsanalyse von Reiseführertexten in Kap. 6.2, darauf aufbauen. Unterschieden wird dabei zwischen den gemäßigten Varianten von polarisierten Positionen: dem Kritischen Rationalismus und dem Sozialen Konstruktivismus. Dies stellen die beiden Grundperspektiven des wissenschaftlichen Arbeitens in der Humangeographie dar. Im Folgenden werden diese beiden Positionen voneinander abgegrenzt. Darüber hinaus wird begründet, für welche Grundlage sich in der hier getätigten wissenschaftlichen Arbeit entschieden wird.

Auf Popper (1971) geht die Theorie des Kritischen Rationalismus zurück. Dieser wird das Bestehen einer objektiven, universalen Realität ohne Beeinflussung durch Subjekte vorausgesetzt. Das übergeordnete Ziel wissenschaftlicher Forschung besteht im Kritischen Rationalismus darin, sich der objektiven Wahrheit anzunähern. Mit seinen Grundgedanken stellt der Kritische Rationalismus die Gegenbewegung zum Neopositivismus dar. Die Verfahrensweise des Neopositivismus ist die Induktion, d.h. von einem besonderen Einzelfall wird auf das Allgemeine geschlossen. Es wird davon ausgegangen, dass „alle akzeptierbaren wissenschaftlichen Aussagen der empirischen Überprüfung […] im Rahmen systematischer Beobachtung“ (Werlen 2011: 95) anzusiedeln sind. Dem Kritischen Rationalismus liegt hingegen eine deduktive Methode zugrunde, welcher entsprechend vom Allgemeinen auf das Besondere schließt. Relevant für die Theorie des Kritischen Rationalismus ist die Bildung von Hypothesen im Vorfeld der Untersuchung. Im Gegensatz zum Neopositivismus wird im Kritischen Rationalismus, entsprechend des Falsifikationsprinzips, eine Widerlegung der Hypothesen angestrebt (Werlen 2011: 95).

Der Radikale Konstruktivismus stützt die These, dass „die äußere Realität uns sensorisch und kognitiv unzugänglich [ist]“ (Siebert 1999: 5). Demzufolge ist es unmöglich, die reale Welt neutral und korrekt abzubilden. Aus dieser radikalen Perspektive ist eine gemäßigtere Variante abgeleitet worden, die als „hypothetische[r] oder pragmatische[r] Realismus“ (Gebhardt und Reuber 2011: 94) bezeichnet wird. Dabei wird von einer realen, objektiven Wirklichkeit ausgegangen, deren „Strukturen teilweise erkennbar sind" (Vollmer 1994: 35). Der Soziale Konstruktivismus folgt einer subjektiven Wahrnehmung der Welt und beschäftigt sich mit der Frage nach der Relevanz der „sozialen Konstruktion als Element[…] der Kommunikation und als Strukturierungsprinzip[…] der Gesellschaft“ (Gebhardt und Reuber 2011: 96). Den Vorstellungen des Sozialen Konstruktivismus kommt der Raum als Produkt der Handlung und Kommunikation von Wardenga (2002: 10f.) sehr nahe. Räume werden demzufolge gesellschaftlich, technisch und politisch konstruiert. Diese Herangehensweise fußt maßgeblich in der Subjektivität des Menschen, die lediglich eine selektive Wahrnehmung der Realität zulässt. Methodisch wird induktiv vorgegangen, wobei ein Rückschluss vom Besonderen auf das Allgemeine getätigt wird. Allerdings wird in den Untersuchungen dieser Arbeit mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2010) ein deduktives Verfahren mit Hypothesenbildung zur Datenanalyse gewählt, wie in Kap. 6.1.3 näher expliziert. Damit kann das Vorgehen als „interpretativ-verstehend“ (Gebhardt und Reuber 2011: 96) bezeichnet werden. Aufgrund des subjektbezogenen Arbeitens, das dem Sozialen Konstruktivismus unterliegt, entscheide ich mich für eben diese theoretische Grundausrichtung. Demgemäß wird in Kap. 6.2, in dem Inhalte der Reiseführer analysiert werden, eine schwerpunktmäßig qualitative Forschung betrieben, die eine hohe Individualisierung ermöglicht.

4.2 Ort und Raum – Ein sozialgeographischer Diskurs

Räume bilden einen übergeordneten Themenkomplex in der Geographie, der zahlreiche Wechselbeziehungen zu anderen Kernbereichen der geographischen Wissenschaft bietet. Die in der deutschsprachigen Humangeographie verankerten Begriffe Ort und Raum lassen sich im Englischen durch die Ausdrücke Place und Space bezeichnen. In der englischsprachigen Fachliteratur tauchen bei der Beschäftigung mit Place und Space die Autoren Yi-Fu Tuan und Doreen Massey auf, wobei sich letztere primär mit feministischen Überlegungen zu Raumkonzepten beschäftigt.

"Places [are] processes [and] do not have any boundaries. [...] Places do not have single, unique 'identities' they are full of internal conflicts. [...] The specificity of place is continually reproduced, but it is not a specifity which results from some long, internalized history. There are a number of sources of this specificity – the uniqueness of place".

Massey (2005:141)

Massey (1994) geht davon aus, dass Räume erst durch die Abgrenzung zu anderen Räumen Bedeutung erhalten. Demnach tragen Räume keine inhärente Bedeutung in sich; sie stehen vielmehr in wechselseitiger Beziehung zwischen Konstruktion und Rekonstruktion durch Zuschreibung. Place meint also neben einem "dinglichen Ort", wie Gebhardt (2008: 3) ihn bezeichnet, auch symbolbehaftete, durch gesellschaftliche Prozesse geschaffene Orte, die dauerhaftem Wandel unterliegen.

Um sich der Definition von Space oder dem deutschen Pendant Raum zu nähern, sind die Ausführungen von Tuan (2001:6) anzubringen, die Space und Place voneinander abgrenzen.

"'Space', is more abstract than 'place'. What begins as undifferentiated space becomes place as we get to know it better and endow it with value. [...] The ideas 'space' and 'place' require each other for definition. From the security and stability of place we are aware of the openness, freedom, and threat of space, and vice versa. Furthermore, if we think of space as that which allows movement, then place is pause; each pause in movement makes it possible for location to be transformed into place."

Demnach sind Locations in einem verankerten, bewussten Zustand Places. Sobald sie mit neuer Bedeutung aufgeladen werden, transformieren sie sich zu Spaces, die dann durch Stabilisierung erneut zu Places werden können. Es zwingt sich die Frage auf, ob es sich bei der Destination Bran um einen Ort oder einen Raum handelt. Bei solch fließenden Grenzen fällt jedoch eine Einordnung des zugrundeliegenden Themas recht schwer. Mit der Auseinandersetzung von Place und Space lässt sich das geographische Konzept der Imaginierten Geographien leicht verbinden, wie es im folgenden Kapitel erfolgt.

4.3 Das Konzept der Imaginierten Geographien

In der geographischen Wissenschaft, vor allem mit didaktischer Ausrichtung, bestehen vier Raumkonzepte, die auf Wardenga (2002) zurückgehen. Diese umfassen den Raum als Container, als System von Lagebeziehungen, als Wahrnehmung sowie als Konstruktion. Als Raum der Konstruktion wird hier hauptsächlich der Reiseführer als Medium betrachtet. Obwohl diese verschiedenen Raumkonzepte unweigerlich an verschiedenen Stellen der vorliegenden Arbeit auftreten, steht allen übergeordnet das Raumkonzept der Konstruktion. Im Kernpunkt der Analyse von Imaginierten Geographien in Reiseführern wird sich auf den Raum als Konstruktion beschränkt, wobei dieses Raumkonzept in enger Verbindung mit dem Raum der Wahrnehmung steht. Dies lässt Raum zur tieferen Erforschung, was den Rahmen dieser Arbeit übersteigen würde. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dem Konzept der Imaginierten Geographien und wie ist es geographisch einzuordnen?

Das Konzept der Imaginierten Geographien fußt in der postkolonialen Theorie, welche davon ausgeht, dass Sichtweisen und Strukturen des Kolonialismus auch nach selbigem weiterhin wirken. Die postkoloniale Theorie grenzt sich klar von binären Identitätskonzepten ab, die das Eigene dem Fremden gegenüberstellen. Vielmehr bringt sie das Konzept der kulturellen Hybridität hervor, wobei Identitäten auf Bilder und Vorstellungen von Anderen projiziert werden.

„Unter kultureller Identität wird die Gesamtheit der kulturell geprägten Werte samt der daraus resultierenden Weltsichten und Denkweisen sowie der ebenfalls kulturell geprägten Verhaltens- und Lebensweisen verstanden, die das Eigenbild einer Kulturgemeinschaft – namentlich einer Nation – prägen.“

(Uhle 2006: 15)

Dabei kommt der Begriff der Imaginativen Geographien ins Spiel, der somit maßgeblich für die Bildung von individuellen und kollektiven Identitäten verantwortlich ist. Wichtige Vertreter der postkolonialen Theorie, die für die humangeographische Neuausrichtung des Cultural Turns gesorgt haben, sind beispielsweise Homi K. Bhabha, Stuart Hall und Edward Said.

Auf Said (1978), der die soziale Konstruktion und Projektion Europas durch jene des Orients zum Beispiel nimmt, geht auch der Begriff der Imaginativen Geographien zurück. Einhergehend mit dem Ziel der traditionellen Geographie als Landschafts- und Länderkunde Kulturräume zu untersuchen, wurde davon ausgegangen, dass kulturelle Identitäten per se existieren. Das Prinzip der Verortung weist auf den falsch interpretierten Ursache-Wirkungskomplex hin. Demnach wird Fremdheit zur ideologischen Grundlage einer Grenzziehung zwischen Fremd- und Eigenkultur, obwohl die Existenz der Grenze diese Unterscheidung erst schafft (Lossau 2008: 656f.). Der postkoloniale Ansatz zielt auf Fremd- und Selbstzuschreibungen, die Differenz als Vielfalt verstehen.

Spezieller hinsichtlich des Reisemotivs hat Hennig (1998) Imaginierte Geographien untersucht. Hennig (1998: 7) setzt voraus, dass erworbene Bilder einer Destination die Wahrnehmung derselben bestimmen.

„Der großen Mehrheit heutiger Reisender geht es nicht vorrangig um die Erkenntnis fremder Länder. Vielmehr suchen sie nach Bildern, die in der kollektiven Imagination vorgeprägt sind. […] Die touristische Wahrnehmung liefert kein ‚realistisches Bild‘ der besuchten Gebiete. Sie konstruiert eigene Erfahrungsräume, die wesentlich durch Phantasie und Projektion geformt werden. [Touristen] nehmen die Teile der ‚wirklichen Welt‘ aus ihren gewohnten Zusammenhängen und kombinieren sie zu einer neuen Realität. […] Vielmehr suchen Touristen die sinnliche Erfahrung imaginärer Welten, die Realität der Fiktion.“

Entsprechend sind Touristen nur der selektiven Wahrnehmung einer Destination ausgesetzt. Im Zuge der theoretischen Ausrichtung des Sozialen Konstruktivismus kann der Mensch die Welt nur subjektiv wahrnehmen. Ein wichtiges Medium, das für das eben beschriebene Phänomen verantwortlich ist, ist der Reiseführer, der in dieser Arbeit im Mittelpunkt der Betrachtung steht.

Weiterhin interessant sind die Darstellungen von Mohnike (2007), welche sich mit Reisejournalismus beschäftigen. Literarische Untersuchungsmedien stellen schwedische Reiseberichte dar. Es wird analysiert, wie in Reiseberichten Eigenes und Fremdes konstruiert und auf größere soziale Diskurse hin interpretiert wird. Dies ähnelt dem hier angewandten Analysegegenstand; das Raumbeispiel ist jedoch ein anderes.

Imaginierte Geographien entstehen aus jeder Art von Kommunikation. Seien es Nachrichten, Bilder, Gespräche oder literarische Grundlagen; jedes Medium vermittelt uns eine bestimmte Konstruktion eines Raumes. Im Falle der Destination Bran Castle sind die Medien so vielseitig wie die unterschiedliche Vermittlung der Imaginationen. Neben diversen literarischen Werken wie Geschichtsbüchern oder dem Roman „Dracula“ (Stoker 1897), dem Angebot der Verkaufsstände auf dem Grundstück des Schlosses oder den Vorträgen der Rundgangsleiter/innen, tragen vorrangig Reiseführer mit textlichen und visuellen Elementen zu Projektionen über diesen physischen Ort bei. Inwiefern die Imaginierten Geographien als Element der touristischen Tätigkeit gesehen werden können, wird im folgenden Kapitel ausgeführt.

4.4 Raumkonstruktionen als Machtinstrument und Teil der touristischen Aktivität – Destination Branding

Einige Beispiele von Raumkonstruktionen und ihren Medien, die am Beispiel der Destination Bran Castle Einsatz finden, sind bereits in Kap. 4.3 dargelegt. Nun geht es um die Vermarktung von Orten; denn Orte können als Machtinstrument des Tourismus dienen. Nach einer Einführung in das Thema der Vermarktung von Destinationen wird dies auf das hier gewählte Raumbeispiel des Bran Castles angewandt und kritisch reflektiert.

Menschen und Orte befinden sich in einer fortwährenden Wechselbeziehung, die darauf bedacht ist, immer wieder neu zu formen, neu zu gestalten und dabei ihre Elemente gegenseitig anzupassen. Somit besteht die Welt aus einer ständigen Konstruktion und Rekonstruktion. Der humane Part wird dabei „existentieller Imperativ“ (Knox und Marston 2008: 384) genannt, welcher versucht, sich seiner Umwelt anzupassen und so ein Identitätsgefühl zu einem bestimmten Ort zu entwickeln. Identität kann dabei durch Fremd- und Selbstzuschreibung entstehen, wie bereits in Kap. 4.3 beschrieben. Kognitive Bilder entstehen aus Erfahrungen und unterliegen Veränderungen. Allerdings kommt es häufig vor, dass Imaginationen fest in unseren Köpfen verankert sind, sodass sie nicht ohne Weiteres gewandelt werden können (Knox und Marston 2008: 384 f.).

Solche fixen Stereotypen werden nicht selten durch den Prozess des Brandings geschaffen. Der American Marketing Association (2009, zitiert in Cosma 2009: 19) zufolge definiert sich Brand durch „a name, term, design, symbol, or any other feature

that identifies one seller’s good or service as distinct from those of other sellers.“ Der Prozess des Destination Brandings umfasst dabei die Entwicklung einer einzigartigen Identität und Personalität, die die Destination von anderen unterscheidet (Cosma 2009: 19). Von dieser Entwicklung sind die Bereiche Tourismus, Menschen, Exporte, Kultur/Erbe, Regierung und Immigration/Investment betroffen, wie Abb. 6 veranschaulicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Nation Brand Hexagon (Anholt 2005:334)

Da diese Arbeit sich den Aspekt Tourismus zum Thema gesetzt hat, wird zusätzlich das kulturelle Erbe eine Rolle spielen, während die anderen Einflussfaktoren des nationalen Brandings im Folgenden lediglich tangiert werden. Branding kann als politisches Machtinstrument verstanden werden, indem durch diverse Kampagnen und Werbemöglichkeiten ein gewähltes Image in den Rest der Welt getragen wird. Dabei wird auf die eben beschriebenen kognitiven Bilder zurückgegriffen, die für den Rezipienten gut einprägbar sind. Sehr gelungen umgesetzt wurde der Prozess des Destination Brandings am Beispiel von Disneyland. Unweigerlich tritt das Bild der Mickey Maus in den Kopf, das mit Disneyland verbunden wird. Für diesen Prozess wurde sogar ein Neologismus geschaffen, indem er als „Disneylandisierung“ bezeichnet wird (Schäfer 2004).

In Transsilvanien, dessen Image zunächst nicht durch politische Ambitionen geleitet wurde (siehe dazu Kap. 3.2), steht das Branding Draculas im Mittelpunkt der Betrachtung. Hier ist eine Marke entstanden, die rein durch touristischen Enthusiasmus zu begründen ist. Folglich startete die Regierung im Jahre 2001 einen Versuch, das Ganze sinnvoll einzusetzen und gewinnbringend zu vermarkten. Angedacht wurde dabei die Vermarktung Draculas in Form eines Dracula-Themenparks mit dem Titel „Dracula Park“. Verschiedenste Attraktionen wie ein nachgebildetes Schloss, ein Labyrinth, ein Vampir-Institut, freizeitparkähnliche Fahrgeschäfte, Restaurants und Unterkünfte waren zur Umsetzung bereits geplant. Lokalisiert werden sollte der Park in der Nähe von Sighişoara. Dieser Park hätte als Wandel in ein positives Image gesehen werden können, indem sich Rumänien auf diese Weise als fortschrittlich und innovativ gezeigt hätte. Die Widersacher des Dracula-Parks waren allerdings anderer Meinung. Einige waren nicht mit der Lokation einverstanden, andere befürchteten eine zusätzliche Verschlechterung des Images. Letztendlich wurde die Stimmen der Gegner so laut, dass das Projekt 2005 verworfen wurde (Light 2007: 758 f.).

Eine weitere Strategie der Vermarktung von Orten mittels Destination Branding in Rumänien wurde 2010 vorgestellt. Diesmal wird die Imagegebung in eine andere Richtung als bisher gelenkt. Vom Ministerium für regionale Entwicklung und Tourismus in Rumänien wurde eine Inszenierung umgesetzt, wobei der Slogan „România – entdecke den Garten der Karpaten“ im Vordergrund steht (siehe Abb. 7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Logo "Romania – entdecke den Garten der Karpaten" (Rumänisches Touristenamt Berlin 2012)

Durch eine große Kampagne mit Werbespots, Zeitschriften und Reiseführern soll ein neues Image Rumäniens in der Welt verbreitet werden. Speziell wird die Fokussierung von Natur und Rumäniens kulturellem Erbe vermittelt, die sich in den Köpfen der Rezipienten verankern soll. Das Instrument des Destination Brandings ist in diesem Fall eine Reaktion auf das in Kap. 3.2 dargestellte Image Rumäniens, das vorrangig von westeuropäischen und US-amerikanischen Touristen geprägt wurde. Die Imagination des Düsteren, Unheimlichen soll von der des Natürlichen, Traditionellen überschattet werden. Inwiefern dieses Vorhaben des Imagewandels geglückt ist, erfordert weiteren Raum zur Erforschung und ist in dieser Arbeit leider nicht möglich.

Im Folgenden findet ein Exkurs statt, der Aufschluss darüber gibt, wieso Bran Castle zu Draculas Castle mutiert ist und welche Bedeutung dies für die humangeographische Erforschung hat. Dies stellt auch die Grundlage zur Bearbeitung der zentralen Fragestellung der vorliegenden Arbeit dar, indem erst durch den entstandenen Place Myth die hier relevanten Raumkonstruktionen in Reiseführern existieren.

4.5 Exkurs: Von Bran Castle zu Draculas Castle – Die Entstehung eines Place Myths

Wie ist Bran Castle zu seinem Nicknamen Draculas Castle gekommen? Dieser Frage wird in diesem Diskurs nachgegangen, bevor die Thematik in einen größeren geographischen Zusammenhang gerückt wird. Wie bereits in Kap. 3.2 angeklungen ist, ist die Wahl des Dracula-Schlosses von Touristen getätigt worden. Somit stellt der Dracula-Tourismus ein extern – von vorrangig westeuropäischen und amerikanischen Touristen – erzeugtes Phänomen dar. Ausgehend von Stokers literarischer Grundlage begaben sich Touristen auf die Suche nach den übernatürlichen Spuren der Romanfigur Dracula (Light 2007: 751f.). In Stokers Lektüre wohnt Graf Dracula in einem Schloss, dessen Lokation wie folgt beschrieben wird:

„Während der Pruth leichter zu befahren ist, hat der Sereth den Vorzug, dass er sich bei Fundu mit der Bistritza vereinigt, die den Borgopass umfließt. Die Schleife, die der Fluss macht, liegt so nahe an Schloss Dracula, dass es bequemer gar nicht zu erreichen ist.“

(Stoker 2008: 68)

Ein reales Schloss für diese Beschreibung ist nicht vorhanden – kein Wunder, denn Bram Stoker war selbst nie in Rumänien und sein fiktionaler Dracula und andere Vampirmythen sind in der rumänischen Folklore bis dato gänzlich unbekannt. Deshalb mussten die Dracula-Enthusiasten eigene Forschungen anstellen und ein Schloss auswählen, um ihre Interessen zu befriedigen. Daher verschlug es sie zunächst in das von Stoker beschriebene Gebiet des Borgopasses. Dort suchten Touristen besonders in den 1960er Jahre vergeblich nach dem Dracula-Schloss oder dessen Ruinen. Zur Suche gesellten sich Filmteams aus Westeuropa, die nach Kulissen für Vampirfilme Ausschau hielten. Ohne die Existenz eines realen Dracula-Schlosses erfanden die Touristen eines, das zwar über 200 km von Stokers beschriebenem Ort entfernt ist, aber dennoch den Vorstellungen der Vampir-Fans genügte. Die Wahl fiel zugunsten des Bran Castles aus, das in einem Ort in der Nähe von Braşov (Kronstadt) liegt (Light 2007: 753).

Rein zufällig verlief dieser Entscheidungsprozess jedoch nicht. Als aufschlussreich erwies sich dabei das Werk „In Search of Dracula: A True History of Dracula and Vampire Legends“ (McNally und Florescu 1972). Darin wird beschrieben, dass Bram Stoker Vlad Ţepeş als Vorbild für seine Romanfigur Dracula genutzt haben soll. Vlad III Ţepeş, auch Vlad, der Pfähler, genannt, lebte im 15. Jahrhundert und herrschte als Woiwode über das Fürstentum der Walachei. Sein Vater, Vlad II, wurde auch Vlad Dracul genannt; entsprechender Weise ist bei Vlad Ţepeş von Drăculea, Sohn des Dracul, die Rede. Dracul ist einerseits auf die Bedeutung des Drachen (lat. draco) zurückzuführen, andererseits kann auch der Teufel (rum. drac) damit gemeint sein. Bekannt wurde Vlad Ţepeş durch den Widerstand gegen das Osmanische Reich und durch seine grausamen Foltermethoden. Hinrichtungen soll er mittels der Pfählung vollzogen haben, wobei ein abgestumpfter Holzspieß über den Hinterleib geschickt eingeführt wird, sodass die Organe unverletzt bleiben und der erlösende Tod lange auf sich warten lässt. Damit war der historische Dracula für Bram Stoker und seine Vampir-Fans auserkoren (Light 2012: 41 ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Bran Castle (eigene Aufnahme 2015)

Die Verbindung zwischen Vlad Ţepeş und Bran Castle ist eher vage als fundiert. Vlad soll während seiner zweiten Regierungsperiode (1456–1462) mit seiner Armee durch Bran gezogen sein, um das nahegelegene Braşov zu bekämpfen (Habsburg 2013a). Außerdem soll er sich als Gast in Bran Castle aufgehalten haben (Henegariu 1963, zitiert in Light 2012: 89). Dennoch ist Bran Castle für ein Dracula-Schloss gut situiert, indem es aus einem Felsen hinausragt und von dichten Wäldern Transsilvaniens umgeben ist (siehe Abb. 8).

Bran Castle bleibt jedoch nicht der einzige Ort in Rumänien, der von Touristen als Draculas Castle bezeichnet wird. Poienari Castle liegt in der näheren Umgebung von Bran und stellt im Gegensatz zu Bran Castle eine Ruine dar, womit Poienari Castle in diesem Punkt mehr dem von Stoker beschriebenen Schloss ähnelt. Allerdings befindet es sich in der Walachei, nicht in Transsilvanien. Dieses Schloss wurde von Vlad Ţepeş während seiner zweiten Regierungsperiode errichtet, wodurch es deutlich mehr Verbindungen zum historischen Dracula hat als Bran Castle (Light 2012: 95ff.). Schließlich wird Hotel Tihuţa in Piatra Fântânele im Borgopass Dracula-Schloss genannt. Dieses Hotel wurde 1983 anlässlich des Dracula-Hypes erbaut. Eine besondere Schwierigkeit stellte dabei die Erlaubnis des Tourismusministers unter dem sozialistischen Regime Ceauşescus zur Erbauung eines solchen Themenhotels dar. Nach einigen Verhandlungen unter dem Vorwand als Mittelstation für Touristen zwischen Bistriţa in Transsilvanien und dem Spa-Resort in Bukowina zu gelten, konnte der Bau des Hotel nicht gänzlich nach den Vorstellungen des Ideengebers und Inhabers Alexandru Misiuga umgesetzt werden. Dennoch ähnelt das Hotel in detaillierter Hinsicht vielen Elementen – inklusive seiner Lage – aus Stokers (1897) „Dracula“, weshalb es von westlichen Reiseveranstaltern dankend in Touren eingeflochten und auch von Individualreisenden genutzt wird (Light 2012: 102ff.). Somit ist Hotel Tihuţa die physische Realisierung einer imaginären Raumkonstruktion auf Grundlage des Romans Dracula. Abb. 9 verdeutlicht die Lage der drei als Draculas Castle assoziierten Orte in Rumänien.

Um wieder zu Bran Castle, dem untersuchten Ort in dieser Arbeit, zurückzukehren, wird an dieser Stelle das Konzept des Place Myths vorgestellt, das auf Shields (1991) zurückgeht. Light (2008: 8) beschreibt dieses Phänomen als „enduring ideas about what a place is ‘like‘, regardless of whether these ideas actually bear any relationship with that place in ‘reality‘”. Weiterhin wird erläutert, dass Repräsentationen von Orten nur selektiv, also nie gänzlich, aufgenommen werden. Resultierend konstruieren wir selbst Imaginierte Geographien von Orten, die unvollständig und übertrieben sind oder auf Stereotypen basieren. Dabei tritt besonders die Macht der kollektiven Imagination in den Vordergrund (ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Als Draculas Castle bekannte Lokationen in Rumänien (Light 2012: 87)

[...]

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Touristische Raumkonstruktionen des Bran Castles in Rumänien. Mediale Imaginierte Geographien zwischen Kultur- und Dracula-Tourismus
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Geographisches Institut)
Veranstaltung
Kulturgeographie
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
99
Katalognummer
V322050
ISBN (eBook)
9783668214811
ISBN (Buch)
9783668214828
Dateigröße
2244 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tourismus, Kulturgeographie, Rumänien, Dracula, Dracula-Tourismus, dark tourism, Raumkonstruktion, Reiseführer
Arbeit zitieren
Jennifer Domm (Autor), 2016, Touristische Raumkonstruktionen des Bran Castles in Rumänien. Mediale Imaginierte Geographien zwischen Kultur- und Dracula-Tourismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322050

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