Ehre und Ehrenkodex in der spanischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zur Rolle der Frau in Federico García Lorcas „Yerma“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Wert der Frau
2.1 Das Frauenbild der Bibel
2.2 Die Frau in der spanischen Gesellschaft zu Beginn des 20.Jahrhunderts am Beispiel Yerma von F.G.Lorca

3. Das Paradoxon „Leben geben – Tod bringen“ bei Yerma
3.1 Die Ideale der Figur „Yerma“ und ihre reale Situation
3.2 Der innere Konflikt

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„In der Nacht vom 15. auf den 16. Mai 2008 ersticht der Deutsch-Afghane Ahamad seine 16-jährige Schwester in der Hamburger Innenstadt. […] Als Grund für die Tat gibt der angebliche Autohändler an, seine Schwester habe anders gelebt, als die Familie es wünscht.“ [1]

Auf der Welt werden nach offiziellen Angaben[2] jedes Jahr etwa 5000 Mädchen und Frauen auf Grund von Ehrverletzungen der Familie oder des Ehemannes vorsätzlich getötet. Häufig begehen diese sogenannten Ehrenmorde nahestehende Verwandte, wie auch im oben stehenden Beispielfall „Morsal Obeidi“. Die Täter sind sich dabei in der Regel keiner moralischen Schuld bewusst, da sie ihrer Ansicht nach durch den Mord ihr eigenes Ansehen oder das der Familie wiederherstellen. Gleichzeitig rechtfertigen die in beinahe allen Fällen islamisch Stämmigen ihr Vergehen mit dem Koran und der damit verbundenen streng patriarchischen Tradition. So erlaubt er beispielsweise den Männern ihre Frauen zu schlagen:

„Die rechtschaffenden Frauen sind gehorsam und sorgsam […] diejenigen aber, für deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet – warnet sie, verbannet sie in die Schlafgemächer und schlagt sie.“

(Sure 4, Die Weiber 34)

Die hier gerechtfertigte Bestrafung kann je nach „Vergehen“ bei Extremisten bis zum Tod der Frau führen.

Das Thema „Ehrenkodex“ ist jedoch nicht nur im Islam, sondern auch im streng katholischen Spanien der vorigen Jahrhunderte zu finden. Der dort gleichermaßen aus der Religion erstandene Traditionalismus stellt den honor ins Zentrum des menschlichen Daseins.

Federico García Lorca thematisiert in seinem tragischen Theaterstück Yerma insbesondere die Ehre der Frau seiner Zeit in Spanien, welche sie erst durch die Mutterschaft und die Treue zu ihrem Mann erhielt.

Mit dieser Arbeit soll untersucht werden, was die unfruchtbare Yerma, welche mit ganzem Herzen Leben schenken will, dazu veranlasst, ihren Ehemann und damit den Vater ihres erwünschten Kindes zu töten. Dabei stehen folgende Fragen im Zentrum der Betrachtungen:

- Wodurch wird der Wert der Frau zum Einen biblisch und zum Anderen in der spanischen Gesellschaft begründet?
- Welche Ideale vom Leben besitzt Yerma und in welcher realen Situation befindet sie sich dabei?
- Inwieweit löst der Ehrenkodex ihren inneren Konflikt aus, sodass sie letztlich entgegen ihrer eigenen Ideale handelt?

2. Der Wert der Frau

2.1 Das Frauenbild der Bibel

Die spanische Gesellschaft identifiziert sich bis heute mit dem katholisch-christlichen Glauben. Dessen schriftliche Grundlage für Normen und Werte ist die Bibel, sodass davon auszugehen ist, dass viele Traditionen und Verhaltensweisen der Spanier dort ihre Manifestation finden. Es stellt sich daher zunächst die Frage, wie sich die Heilige Schrift zur Stellung der Frau in der Gesellschaft bzw. in der Gemeinde äußert.

Laut des katholischen Theologen Dr. Heinz Jürgen Vogel findet man die Grundaussage der Bibel über die Frau und ihren Wert bereits im ersten Kapitel des Alten Testaments: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, als Mann und als Frau schuf er sie.“ (Gen 1,27) Das bedeutet, „beide sind [einander] ebenbürtig“ und bilden „zusammen das Bild Gottes“ [3]. Daraus lässt sich schließen, dass sowohl dem Mann als auch der Frau ursprünglich dieselben Rechte und Freiheiten vom Schöpfer mitgegeben worden sind. Jedoch gehen die Christen davon aus, dass sich das Wesen des Menschen durch den Sündenfall (Gen 3) veränderte. Das damit verbundene „Bewußtsein der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung“ [4] beider Geschlechter ging dabei verloren. So wird im Alten Testament deutlich, dass die Frau „dem Eigentum des Mannes gleichgestellt“ [5] und ihm demnach untergeordnet ist. Die daraus entstehende Konsequenz ist der Verlust einer Anzahl von Rechten, wie beispielsweise das Recht auf Scheidung ohne Einverständnis des Mannes (5,Mose 1-4).

Die christliche Gemeinde und der damit verbundene katholische Glauben entstanden jedoch erst mit der Existenz Jesu Christi und seiner Apostel. Nach Ansicht der Christen wurden durch ihn die Gesetze des Alten Testaments zwar nicht aufgehoben, aber neu ausgelegt, um die bestehende Verzerrung durch übertriebene menschliche Gesetzlichkeit zu korrigieren[6]. Seine Lehre stellte unter anderem auch die verlorengegangene Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit zwischen Mann und Frau[7] wieder her. Besonders deutlich wird diese Thematik in einem der Paulus-Briefe beschrieben. Im Epheser 5 berichtet der Apostel, auf welche Weise Ehepartner miteinander umgehen sollten.

„ 22 Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. 23 Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist, die er als seinen Leib erlöst hat. 24 Aber wie nun die Gemeinde sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern unterordnen in allen Dingen.25 Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Gemeinde geliebt hat und hat sich selbst für sie dahingegeben, 26 um sie zu heiligen. Er hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort, damit er 27 sie vor sich stelle als eine Gemeinde, die herrlich sei und keinen Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern die heilig und untadelig sei. 28 So sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, der liebt sich selbst. 29 Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst; sondern er nährt und pflegt es wie auch Christus die Gemeinde. 30 Denn wir sind Glieder seines Leibes. 31 »Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein.«“

Aus diesem Abschnitt geht hervor, dass die Frau dem Manne zwar untergeordnet ist, dieser sich aber für seine Gattin aufopfern sollte, indem er sie liebt wie sich selbst. Der Vergleich mit Jesus Christus bestätigt die Anforderung, da er letztlich für seine Gemeinde gestorben ist, um sie dem christlichen Glauben nach von aller Sünde zu befreien. Das bedeutet, der Mann besitzt laut der Bibel keine Allmacht über seine Frau, sondern nimmt die Rolle ihres Beschützers und des Oberhauptes der Familie ein. Dass ein solches Verhältnis von jeher erdacht worden sei, zeigt Vers 31, welcher ein Zitat aus dem Schöpfungsbericht ist (1.Mose 2,24).

Auch zum Bereich der Sexualität und deren Erfüllung bei beiden Partnern äußert sich die Heilige Schrift. So lautet es im 1.Mose 1,28: „Seid fruchtbar und mehret euch […]“. Das Hohelied Salomos im Alten Testament definiert das körperliche Zusammensein von Mann und Frau außerdem als etwas Lustvolles und von Gott Gewolltes. Das bedeutet, dass im christlichen Glauben die Sexualität nicht nur im Sinne der Fortpflanzung, sondern ebenso als Liebesspiel zwischen den Eheleuten vollzogen werden kann.[8]

2.2 Die Frau in der spanischen Gesellschaft zu Beginn des 20.Jahrhunderts am Beispiel Yerma von F.G.Lorca

Federico García Lorca stellte als andalusischer Lyriker und Dramatiker in mehreren seiner Stücke die Rolle und den Wert der Frau in der spanischen Gesellschaft seiner Zeit ins Zentrum der Handlung. Eine besondere Position nimmt hierbei die Tragödie Yerma ein, welche neben Bodas de sangre und La casa de Bernarda Alba Teil einer Trilogie ist, die das Leben des weiblichen Geschlechts in der ländlichen Bevölkerung thematisiert. Lorca selbst betonte, dass insbesondere Yerma „die Gesellschaft in ihrer Totalität […] darzustellen“ [9] versuche.

Im Theaterstück wird die spanische Frau als diejenige beschrieben, welche den ‚Auserwählten‘ des Vaters heiratet: „Me lo dio mi padre y yo lo acepté.“ [10]. Jedoch findet man hinsichtlich der Zwangsheirat keinen Beleg in der Bibel, der diese Form von Eheschließung in der christlichen Urgemeinde bestätigt. Lediglich die jüdische Tradition im Alten Testament weist auf das Recht des Vaters hin, seiner Tochter den Mann auszuwählen. Es ist demnach davon auszugehen, dass die spanische Gesellschaft der vorigen Jahrhunderte im Bereich der Hochzeit nicht nur nach Grundsätzen des Glaubens, sondern auch nach eigenen Traditionen lebte.

[...]


[1] http://ehrenmord.de/doku/acht/2008_Morsal_O.php

[2] http://ehrenmord.de

[3] http://www.hjvogels.de/pdf.frauen_neues_testament.pdf

[4] Ebd.

[5] Ebd.; vgl. auch 2.Mose 20,17

[6] Vgl. Matthäus 5,17

[7] Vgl. http://www.hjvogels.de/pdf.frauen_neues_testament.pdf

[8] Vgl. Hoheslied 1-8

[9] Rincón, S. 262

[10] Lorca, S. 21

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Ehre und Ehrenkodex in der spanischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zur Rolle der Frau in Federico García Lorcas „Yerma“
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Romanistik)
Veranstaltung
Spanische Dramentexte des 20. Jahrhunderts
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V322216
ISBN (eBook)
9783668213937
ISBN (Buch)
9783668213944
Dateigröße
748 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ehre, ehrenkodex, gesellschaft, beginn, jahrhunderts, rolle, frau, federico, garcía, lorcas, yerma
Arbeit zitieren
Franziska Kober (Autor), 2009, Ehre und Ehrenkodex in der spanischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zur Rolle der Frau in Federico García Lorcas „Yerma“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322216

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