Die Theorie des Wertewandels nach Inglehart und Klages. Die Suche nach den Ursachen


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2004

15 Seiten

Martin Utzweiher (Autor)


Leseprobe

Gliederung

1. Der Mensch in einer Welt des Wandels

2. Werte und Wertewandel

3. Inglehart und „Die Stille Revolution“
3.1 Dynamik und Stillstand
3.2 Grundannahmen/ Hypothesen
3.3 Empirisches Material Ingleharts
3.4 Kritik an Ingleharts Ansatz

4. Wertewandel nach Klages
4.1 Auf der Suche nach den Ursachen
4.2 Vertiefung und „Mehrebenenansatz“

5. Wohin wandelt sich der Mensch?

6. Literaturverzeichnis

1. Der Mensch in einer Welt des Wandels

Internet, Biotechnologie, Globalisierung. Das sind nur drei Schlagwörter, die den technischen Wandel beziehungsweise den Wandel unserer Umwelt in den letzten Jahren auf den Punkt bringen. Dieser Wandel stellt sicherlich auch seine Ansprüche an den Menschen, so muss man heute z.B. darüber diskutieren, bis zu welchem Maße man die Möglichkeiten, die die Biotechnologie bietet, nutzen möchte. Andere Beispiele wären die Mobilitätsbereitschaft, die dem Menschen abverlangt wird oder die Forderung nach dem lebenslangen Lernen, die ja auch impliziert, dass man bereits erlangtes Wissen wieder verwirft und durch neues ergänzt oder gar ersetzt.

Aufgrund dieses Wandels außerhalb des Menschen liegt die Frage nahe, ob sich denn auch ein Wandel im Menschen vollzieht, kommt es zu einer Änderung von Einstellungen oder - viel weitreichender - zu einem Wertewandel? Hat das oben angesprochene Zeitalter der Ver ä nderungen einen Einfluss auf unsere Werte? Wenn ja welchen? In den Medien ist oft die Sprache vom Werteverfall, die Ellbogen-/ Egogesellschaft wird überall erkannt und verurteilt, man ruft nach der Rückbesinnung auf die alten Werte, auf die klassischen Sekundärtugenden. Im Zusammenhang mit diesen gern aufgegriffenen, weil medienwirksamen „Katastrophenszenarien“ (vgl. Klages 2002, 18-28), stellt sich für die Soziologie - die sich ja schon seit geraumer Zeit für den Wertewandel interessiert - natürlich die Frage, ob diese Szenarien denn wirklich so stattfinden.

Im Folgenden werde ich mich zunächst kurz mit der Definition von Werten und von Wertewandel beschäftigen, anschließend werde ich die Wertewandelstheorien von Inglehart und Klages skizzieren, um schließlich noch einmal kurz auf die Katastrophenszenarien (Werteverfall) auf der einen und deren Realit ä tsgehalt auf der anderen Seite zu einzugehen.

2. Werte und Wertewandel

Werte sind „grundlegende bewusste oder unbewusste Vorstellungen vom Wünschenswerten, die die Wahl von Handlungsarten und Handlungszielen beeinflussen“ (Kluckhohn nach Peuckert in: Schäfers 2003, 435). Werte steuern menschliches Verhalten/ Handeln, sie tun dies allerdings sehr allgemein und liefern somit keine unmittelbaren Verhaltensanweisungen (vgl. ebenda, 436). Werte haben also einen nicht zu vernachlässigenden, allerdings schwer messbaren Einfluss auf das (soziale) Handeln des Menschen. Im Gegensatz zu Einstellungen, die sich situationsbedingt leicht ändern können, sind Werte relativ dauerhaft (vgl. Lehner in: Klages/ Kmieciak 1979, 321). Es stellt sich bei dieser Annahme allerdings die Frage, wie dauerhaft Werte sind? Wann und unter welchen Umständen kann es dazu kommen, dass der Mensch seine Wertvorstellungen ändert und was versteht die Soziologie unter Wertewandel?

Mit Wertewandel beschäftigt sich die Forschung verstärkt „seit der vergleichenden Studie von Ronald Inglehart in sechs westeuropäischen Industrieländern“ (Peuckert in: Schäfers 2003, 437). Inglehart versuchte in seinem Buch „The Silent Revolution“ zu verdeutlichen, was den Wertewandel (insbesondere den der westlichen Welt) ausmacht. In der BRD war es vor allem Helmut Klages, der sich in der frühen (auf Deutschland bezogenen) Wertewandelforschung hervortat. Zu welchen Ergebnissen die beiden kamen, will ich im Folgenden grob skizzieren.1

3. Inglehart und „Die stille Revolution“

3.1 Dynamik statt Stillstand

Entgegen der Behauptung, die westliche Welt befinde sich in einem nahezu statischen Endzustand ihrer Entwicklung, während sich die Entwicklungsländer zeitgleich in einer dynamischen Phase des Wandels befänden, vermutet Ronald Inglehart, dass Wandel auch in der westlichen Welt stattfindet (vgl. Inglehart 1977, 6). „Dieser Wandel verläuft zwar undramatisch, aber dafür kontinuierlich, so dass Inglehart es für richtig hält, von einer „stillen Revolution“ zu sprechen“ (Lehner in: Klages/ Kmieciak (Hg.) 1979, 317). Als Ursachen für den Wandel nennt Inglehart unter anderem den wirtschaftlichen Aufschwung, die Bildungsexpansion und die Medienrevolution. Er spricht dem Technologiefortschritt dabei eine ganz besondere Rolle zu und stützt sich dabei auf die Theorie der „Postindustriellen Gesellschaft“ von Daniel Bell. „Technology is creating the Post-Industrial society just as it created the Industrial society“ (Inglehart 1977, 8). In der zunehmenden Verbreitung der sogenannten Massenmedien, die ja einen Teil der angesprochenen technischen Innovationen darstellt, sieht sich Inglehart in seiner Annahme bestätigt, schließlich haben diese ja zu einer Erweiterung des Horizonts und damit auch indirekt zu einem Wertewandel beigetragen. Durch die Prozesse, die Inglehart als Ursachen des Wertewandels ausmacht, versucht er zu illustrieren, dass es abwegig ist von einem Stillstand der westlichen Welt zu sprechen; er verschafft sich somit eine Grundlage für seine (empirisch untermauerte) Theorie des Wertewandels.

3.2 Grundannahmen/ Hypothesen

Ingleharts Theorie fußt auf der Annahme, dass sich eine Einstellungsänderung zu Gunsten postmaterialistischer Werte vollzogen hat beziehungsweise sich noch immer vollzieht. Als Grundlage nennt er pointiert: „In short people are safe and they have enough to eat“ (ebd. 22). Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs ist keine westliche Zivilisation mehr Opfer einer Invasion gewesen und die Versorgung der Bürger ist weitestgehend sichergestellt. Die Grundbedürfnisse des Menschen sind also gestillt. Frei nach Brechts Auffassung „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ (Brecht 1978, 191) oder genauer gesagt, in starker Anlehnung an Maslows Bedürfnishierarchie kommt Inglehart zum Schluss, dass die Zeit für die Befriedigung höherer Werte jetzt gekommen ist. Maslows Bedürfnishierarchie bildet somit also einen wesentlichen Ansatzpunkt für die Theorie Ingleharts. Sie besagt, dass der Mensch seine Bedürfnisse in eine gewisse Reihenfolge bringt, bei der es zunächst um die Befriedigung ganz profaner Bedürfnisse wie der Nahrungsaufnahme geht, dann erst um die Erfüllung höherer Bedürfnissen wie der Selbstverwirklichung. Hat der Mensch ein Bedürfnis befriedigt, wird er nach der Befriedigung des nächsten streben, er versucht also immer das, was noch nicht gegeben ist, bzw. das, was knapp ist, zu bekommen - Inglehart fasst dies in seiner Mangelhypothese zusammen. Die ersten Stufen der Bedürfnishierarchie stellen für ihn die materiellen, die höheren Stufen die postmateriellen Werte dar, er stuft also die Letzteren höher ein als die Ersten (vgl. Oesterdieckhoff 2001, 43).

Als „equally important“ (Inglehart 1977, 23) schätzt Inglehart die Bedeutung der Sozialisation in der Jugend ein, die neben den bereits skizzierten Annahmen die Hauptrolle bei der Bildung/ Veränderung menschlicher Werte spielt. Die Sozialisationshypothese besagt, dass Werte, die ja mehr oder weniger den Verhaltensmaßstab menschlichen Handels bilden, vor allem in der Jugend geprägt werden. Diese Werte bleiben auch im Erwachsenenalter verhältnismäßig konstant. Somit relativiert die Sozialisationshypothese die Mangelhypothese in gewisser Weise (vgl. Oesterdieckhoff 2001, 49) - nach Ansicht Franz Lehners widerspricht sie ihr sogar (vgl. Lehner in: Klages/ Kmieciak (Hg) 1979, 320). Aus seiner Annahme folgert Inglehart: „If the […] hypothesis is correct, we should find substantial differences in the values held by various age groups” (Inglehart 1977, 23). Aufgrund dieser Aussage kann man also bei Ingleharts Konzeption des Wertewandels in erster Linie von einem „intergenerationellen Wertewandel[..]“ (Oesterdiekhoff 2001, 41) sprechen. Doch man darf Inglehart nicht unterstellen, dass er keine andere Form des Wertewandels kennt. Er unterscheidet zwischen drei verschiedenen sozialen Ursachen des Wertewandels2: Alters-, Perioden- und Generationeneffekten. Die Alterseffekte stellen eine intragenerationelle Variation des Wertewandels dar, welche „rein biografisch und entwicklungspsychologisch [..] bedingt sind“ (ebenda, 49) und deren Bedeutung für den gesamten Wertewandel eher gering einzuschätzen ist. Die Periodeneffekte lassen sich durch sozialökonomische Konjunkturschwankungen, also situative Umweltveränderungen, und mit Hilfe der Mangelhypothese erklären; auch ihre Bedeutung ist vergleichsweise gering. Die wichtigsten, für den Wertewandel hauptsächlich verantwortlichen Erscheinungen, die Generationeneffekte lassen sich mit der eben angesprochenen Sozialisationshypothese begründen. Durch die Sozialsisationshypothese sieht Inglehart auch seine Grundannahme, die materiellen Werte wandeln sich aufgrund wirtschaftlichen Wohlstands und der Abwesenheit von Krieg hin zu postmateriellen Werten, bestätigt.

Allgemein lässt sich sagen, dass Inglehart als Anhänger der Modernisierungstheorie (vgl. ebenda, 44) bei der Untersuchung des Wertewandels anstelle eines Werteverfalls (siehe oben) vielmehr einen „Durchbruch[..] postmaterieller Werte“ (ebenda, 42) konstatiert, den er durchaus positiv bewertet. Die Wertänderungen führen ihrerseits „zu sozialen und institutionellen Umwälzungen“ (ebenda, 47), die Inglehart als wünschenswert erachtet. Klassenstrukturen und Loyalität gegenüber dem Nationalstaat verlieren an Bedeutung, während gleichzeitig der Wunsch nach politischer/ gesellschaftlicher Partizipation, aber auch „die Toleranz für abweichendes Verhalten und individuelle Lebensformen“ (ebenda, 47) zunehmen werden, so lauten die verheißungsvollen Vermutungen - ob dem aber tatsächlich so ist, bleibt weiterhin umstritten. Beispielsweise verzeichnen die deutschen Parteien (aber auch die Gewerkschaften), also die traditionellen Plattformen der politischen Partizipation einen stetigen Mitgliederschwund3, während aber gleichzeitig die Bereitschaft zu freiwilligem (sozialen) Engagement mit dem Grad der Selbstentfaltung steigt (vgl. Klages 2002, 39).

[...]


1 Die folgenden Darlegungen zu Ingleharts Theorie beziehen sich auf: Inglehart: 1977, 6-11, 21-22, 72-98 2

2 Die folgenden Erklärungen basieren auf: Oesterdiekhoff 2001, 41f.

3 vgl. beispielsweise http://www.svz.de/newsdw/DWPolitik/23.02.04/Parteien/Parteien.html; 25.02.04

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Details

Titel
Die Theorie des Wertewandels nach Inglehart und Klages. Die Suche nach den Ursachen
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V322284
ISBN (eBook)
9783668602380
ISBN (Buch)
9783668602397
Dateigröße
410 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theorie, wertewandels, inglehart, klages, suche, ursachen
Arbeit zitieren
Martin Utzweiher (Autor), 2004, Die Theorie des Wertewandels nach Inglehart und Klages. Die Suche nach den Ursachen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322284

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