«Die Geschichtslosigkeit der Frauen wird durch die Geschichtsschreibung hergestellt». So fasst die Historikerin MARIELOUISE JANNSEN-JURREIT ihre Kritik an der offiziellen Geschichtsschreibung zusammen und meint damit die Anzahl der erfassten weiblichen historischen Personen. In ihre Analyse schließt sie nicht nur moderne Geschichtswerke ein, sondern beginnt mit sehr alten Schriften.
Inwiefern hat sie also Recht mit der Annahme, dass bereits in der Antike die Frauen in der Geschichtsschreibung zu wenig berücksichtigt worden sind? Die umfangreichste, antike Historiographie lieferte – nach Sallust und seinen historischen Monographien – Titus Livius mit seiner Schrift Ab urbe condita. Der Teil, der erhalten ist, umfasst fast 760 Jahre in 142 Büchern und behandelt, schon dem Namen nach, die römische Geschichte von der legendären Gründung Roms bis kurz nach der Zeitwende. Hinter Livius Geschichtswerk verbirgt sich ein faszinierender Reichtum an Beschreibungen der römischen Welt, die es erschwert, einzelne, spezifische Themen separat zu behandeln.
Die verhältnismäßig große Menge an weiblichen Figuren bietet jedoch eine gute Grundlage zur Erforschung der Rolle der Frau in der römischen Geschichtsschreibung. Als Beispiele sind im ersten Buch Tanaquil oder Tullia zu nennen, die jeweils ihren Ehemännern auf den Königsthron verhelfen, oder Hispala Faecenia, die im 39. Buch durch ihren Verrat den Bacchanalienskandal auslöst, sowie Vestia Oppia und Pacula Cluvia, die sich während des Zweiten Punischen Krieges um den römischen Staat verdient gemacht hatten und dafür belohnt wurden. Es finden sich viele weitere, auch namentlich genannte Frauen, denen Livius eine Bedeutung in seinem Werk einräumt.
Für diese Arbeit soll allerdings aufgrund der Länge der Episoden und ihres allgemeinen Bekanntheitsgrades das Hauptaugenmerk auf Lucretia und Verginia im ersten und dritten Buch liegen. Neben Livius wird Sallust als Quelle dienen, der in der Fachliteratur immer wieder als der fähigste römische Historiograph bezeichnet wird. Die beiden Frauen Fulvia und Sempronia stechen als einzige namentlich erwähnte Frauen aus der sonst männerdominierten Schrift Bellum Catilinarium so explizit heraus, dass sich auch hier eine tiefergehende Betrachtung lohnt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung: Intention der Arbeit
2. Geschichtsverständnis der römischen Geschichtsschreiber Livius und Sallust
2.1 Geschichtsauffassung des Titus Livius
2.2. Aussagen des Proömiums des erstes Buches Ab urbe condita
2.3 Der Geschichtsschreiber Gaius Sallustius Crispus
2.3.1 Informationen zu Autor und Werk und Auswahl der Frauenfiguren
2.3.2 Geschichtsauffassung unter Berücksichtigung des Proömiums des Bellum Catilinarium
3. Zwei Frauenfiguren in Livius’ Ab urbe condita – Lucretia und Verginia
3.1 Lucretia – Opfer und exemplum
3.1.1 Einordnung in den Gesamtzusammenhang des ersten livianischen Buches
3.1.2 Inhalt der Episode
3.1.3 Mögliche Interpretationsvarianten
3.2 Verginia – Mord an einem plebejischen Mädchen
3.2.1 Einordnung in das dritte Buch Ab urbe condita
3.2.2 Gliederung der Verginia-Episode
3.2.3 Inhalt und Interpretation des Berichts
3.2.4 Ein Vergleich zwischen Lucretia und Verginia
4. Die Frauenfiguren bei Sallust
4.1 Bellum Catilinarium – Die historische Monographie in der Übersicht
4.2 Fulvia – Verrat zum Schutz des Staates: Inhalt und Interpretation
4.3 Sempronia – eine antike femme fatale
4.3.1 Einordnung der Episode in das Bellum Catilinarium
4.3.2 Inhalt und Interpretation des Sempronia-Kapitels
5. Weibliche Lebensrealitäten im ersten Jahrhundert vor Christus
6. Gender-Studies und antike Geschichtsschreibung
7. Zusammenfassung der Beobachtungen und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Bedeutung weiblicher Figuren in den historischen Werken von Titus Livius und Gaius Sallustius Crispus, um die Frage zu klären, ob Frauen in der antiken Geschichtsschreibung tatsächlich signifikante Akteurinnen sind oder ob ihre Darstellung primär als Instrument zur Vermittlung moralischer Wertvorstellungen der Autoren dient.
- Analyse der Geschichtsauffassung von Livius und Sallust
- Untersuchung der Frauenfiguren Lucretia und Verginia bei Livius
- Interpretation der Frauenfiguren Fulvia und Sempronia bei Sallust
- Darstellung der realen Lebensbedingungen römischer Frauen in der späten Republik
- Anwendung moderner Gender-Studies auf antike Geschichtstexte
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Inhalt der Episode
Die Episode ist umrahmt von der Schilderung des Eroberungsversuchs einer reichen, rutulischen Stadt namens Ardea. Die Einleitung der Episode bildet demnach der Misserfolg eines ersten militärischen Sturms auf die Stadt, auf den eine Dauerbelagerung folgt (57, 1-2). Zum Zeitvertreib verbringen die auf römischer Seite am Sturm beteiligten jungen Adeligen, so Livius, ihre Abende gemeinsam bei «conviviis comisationibusque». Livius nimmt sich an dieser Stelle den Raum, ausführlicher, und besonders im Kontrast zum folgenden düsteren Geschehen, recht heiter über das Alltagsleben römischer Soldaten und ihrer Vorgesetzten, die dem römischen Adel entstammen, während häufig vorkommender Belagerungszustände zu berichten. Auffällig abrupt leitet Livius hier zur eigentlichen Lucretia-Episode über.
Bei einer dieser Zusammenkünfte unterhalten sich Sextus Tarquinius, Sohn von Lucius Tarquinius Superbus, und Lucius Tarquinius Collatinus über ihre Ehefrauen. Um sich im Sinne dieses «certamen muliebre», des zweiten Gliederungsabschnitts (57, 6-10), gegenseitig vom angepriesenen Liebreiz der jeweiligen Ehefrau zu überzeugen, beschließen die Männer, sie zu Hause zu überraschen, um vom vorgefundenen Zustand der Frau auf ihre jeweiligen Eigenschaften zu schließen und sich von ihrer castitas zu überzeugen. Diese Stelle zeigt Auffälligkeiten, wenn man bedenkt, dass Livius hinsichtlich der Rezeption mit einem seiner griechischen Vorgänger, dem Historiographen Herodot, in Verbindung gebracht wird. Denn dieses Motiv einer Frauenprobe erinnert stark an die herodotische Erzählung des Königs Kandaules, seiner Ehefrau und Gyges. Auch dort lädt Kandaules den Gyges dazu ein, sich persönlich von den positiven Eigenschaften seiner Frau zu überzeugen.
Im Haus des Collatinus finden die adligen jungen Männer also zu später Stunde dessen Ehefrau Lucretia mit ihren weiblichen Bediensteten beim Stricken vor.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Intention der Arbeit: Die Einleitung beleuchtet die kritische Debatte um die "Geschichtslosigkeit" von Frauen in antiken Texten und stellt die methodische Herangehensweise der Arbeit anhand der Werke von Livius und Sallust vor.
2. Geschichtsverständnis der römischen Geschichtsschreiber Livius und Sallust: Dieses Kapitel arbeitet die divergierenden Geschichtsauffassungen beider Autoren heraus, insbesondere den moralisch-exemplarischen Ansatz des Livius gegenüber dem biographisch-pessimistischen Stil Sallusts.
3. Zwei Frauenfiguren in Livius’ Ab urbe condita – Lucretia und Verginia: Eine detaillierte Inhaltsanalyse der Episoden um Lucretia und Verginia, die deren Rolle als moralische exempla sowie ihre politisch-revolutionäre Bedeutung innerhalb der römischen Geschichte aufzeigt.
4. Die Frauenfiguren bei Sallust: Untersuchung der Frauenfiguren Fulvia und Sempronia in der Catilinarischen Verschwörung, wobei deren Charakterisierung als Gegenentwurf zur idealen matrona analysiert wird.
5. Weibliche Lebensrealitäten im ersten Jahrhundert vor Christus: Eine historische Einordnung der rechtlichen und sozialen Stellung der römischen Frau unter Berücksichtigung von Begriffen wie patria potestas und mater familias.
6. Gender-Studies und antike Geschichtsschreibung: Das Kapitel reflektiert die Anwendbarkeit moderner Gender-Theorien auf antike Literatur und zieht Parallelen zwischen antiken Rollenbildern und modernen Konstruktionen weiblicher Identität.
7. Zusammenfassung der Beobachtungen und Fazit: Eine abschließende Synthese der Ergebnisse, welche die These der "Geschichtslosigkeit" von Frauen widerlegt und die Bedeutung interdisziplinärer Ansätze hervorhebt.
Schlüsselwörter
Livius, Sallust, Geschichtsschreibung, Gender-Studies, Lucretia, Verginia, Sempronia, Fulvia, Rom, Antike, matrona, patria potestas, pudicitia, libido, Frauenrolle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie antike Geschichtsschreiber wie Livius und Sallust weibliche Figuren in ihre Werke integriert haben und welche Funktionen diese Frauen im Kontext der römischen Historiographie einnehmen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Geschichtsauffassung der Autoren, der Untersuchung spezifischer Frauenbiographien, der historischen Realität römischer Frauen sowie der Anwendung moderner Gender-Theorien auf diese Texte.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu klären, ob die Behauptung einer "Geschichtslosigkeit" von Frauen in der Antike haltbar ist und wie die Darstellung von Frauen als moralische oder negative Vorbilder zur Gesamtintention der jeweiligen Autoren beiträgt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Es wird eine inhaltliche und interpretatorische Analyse der Textstellen vorgenommen, ergänzt durch einen Vergleich mit der zeitgenössischen Forschungsliteratur sowie eine psychoanalytische Betrachtung der Frauenfiguren bei Sallust.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Untersuchung der livianischen Frauenfiguren (Lucretia, Verginia), die Analyse der sallustischen Figuren (Fulvia, Sempronia) und einen Exkurs zur rechtlichen Stellung der Frau in der späten römischen Republik.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem pudicitia (Schamhaftigkeit), libido (Begierde), patria potestas (väterliche Gewalt), exemplum (Vorbild) sowie der theoretische Rahmen der Gender-Studies.
Warum vergleicht die Arbeit Lucretia und Verginia bei Livius so intensiv?
Obwohl beide als Opfer auftreten, zeigen die feinen Unterschiede in der Darstellung – wie etwa die aktive Rolle Lucretias versus der Passivität Verginias – wie Livius je nach politischem Kontext unterschiedliche moralische Schlussfolgerungen zieht.
Wie bewertet die Autorin die Darstellung von Sempronia bei Sallust?
Die Autorin sieht in Sempronia eine ambivalente Figur, deren "männliche" Eigenschaften sie als eine Art antike "femme fatale" erscheinen lassen, was Sallust als Warnsignal für den moralischen Verfall Roms nutzt.
- Quote paper
- Jasmin Karimi (Author), 2015, Frauen in der römischen Geschichtsschreibung. Die Darstellung historischer Frauenfiguren bei Livius und Sallust, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322287