Außenwirtschaftliche Abhängigkeit, Wirtschaftswachstum und Lebenschancen in den Entwicklungsländern: Eine Re-Analyse


Forschungsarbeit, 2004

96 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen und Fakten
2.1 Begriffsdefinition „ausländische Direktinvestitionen“
2.2 Zahlen und Fakten zu FDI
2.2.1 FDI Global
2.2.2 Die Verteilung der FDI nach Herkunft und Empfänger
2.2.3 Relatives Gewicht der FDI in den Entwicklungsländer, im Verhältnis zum BIP

3 Theorieteil
3.1 Vorgeschichte der Entwicklungstheorien
3.2 Frühe entwicklungsökonomische Theorien: Der Entwicklungskeynesianismus
3.3 Modernisierungstheorie
3.4 Die Dependenz-Theorie
3.5 Die Weltsystemtheorien
3.6 Überblick und aktuelle theoretische Debatte
3.6.1 Die konventionelle Position
3.6.2 Die pessimistische Position
3.6.3 Die skeptische Position

4 Vorläufer der Firebaugh-Studie
4.1 Die BCD-Studie
4.2 Entwicklung als Befriedigung der Grundbedürfnisse I: Kindersterblichkeit und Lebenserwartung nach einem Jahr
4.3 Entwicklung als Befriedigung der Grundbedürfnisse II: Kalorienkonsumption
4.4 Firebaugh und Beck (1994)
4.4.1 Theoretische Argumentation
4.4.2 Methodische Argumentation
4.4.3 Neuerungen
4.4.4 Abgeleitete Hypothesen für diese Studie

5 Methodisches und statistisches Vorgehen
5.1 Der Ländervergleich
5.1.1 Bivariate lineare Regression und Korrelation
5.1.2 Multiple lineare Regression und multiple Korrelation
5.1.2.1 Voraussetzungen für die Anwendung einer multiplen Regressionsanalyse
5.1.2.2 Die multiple Regression: additives Modell
5.1.2.3 Die multiple Regression: interaktives Modell
5.2 Das Wachstumsraten-Modell von Firebaugh/Beck (difference of logs)
5.2.1 Semi-Differenzmodelle versus Differenzmodelle

6 Analyse
6.1 Variablen, Sample und Daten
6.1.1 Indikatoren und Variablen
6.1.2 Datenquellen
6.1.3 Das Sample
6.2 Die Regressionsmodelle von Firebaugh und Beck
6.2.1 Additive Modelle
6.2.2 Interaktives Modell
6.3 Empirische Ergebnisse und Interpretation
6.3.1 Bivariate Analyse
6.3.2 Multivariate Regression
6.3.2.1 Überprüfung der Voraussetzungen der multiplen Regression
6.3.2.2 Ergebnisse und Interpretation der additiven Wachstumsraten-Modelle
6.3.2.3 Ergebnisse und Interpretation des interaktiven Wachstumsraten-Modells

7 Zusammenfassung und Diskussion
7.1 Empirische Ergebnisse
7.2 Theoretische Implikationen

8 Literaturverzeichnis

9 Annex

1 Einleitung

Einen höheren Lebensstandard für alle Menschen in den unterentwickelten Ländern zu ermöglichen, ist ein herausragendes Anliegen der internationalen Entwicklungs-zusammenarbeit und –politik. Insbesondere interessiert die Frage, welche ökonomischen und sozialen Faktoren eine nachhaltige Entwicklung begünstigen bzw. hemmen. So überrascht es nicht, dass zu dieser Thematik unzählige Studien verfasst wurden, von Autoren unterschiedlicher akademischer Fachrichtungen. Seit längerem gilt Wirtschaftwachstum als bedeutsame Grösse um die nachholende Entwicklung in der Dritten Welt zu erfassen und zu messen. In der soziologischen Forschung und insbesondere in der Dependenzforschung wird seit geraumer Zeit auch darüber debattiert, ob die Präsenz transnationaler Konzerne und deren Einfluss auf die Dritten Welt abträglich für eine nachhaltige ökonomische und soziale Entwicklung seien. Je nach Modell und Operationalisierung unterscheiden sich die Forschungsergebnisse beträchtlich. Heutzutage stellt sich die interessante Frage, ob sich die Effekte von damals mit aktuellen Datensätzen reproduzieren lassen oder neue Ergebnisse auf eine Änderung der Voraussetzungen für nachholende Entwicklung schliessen lassen.

Die vorliegende Forschungsarbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob Wirtschaftswachstum einen positiven Effekt auf den Wohlstand der Bevölkerung in den Entwicklungsländern ausübt. Ausserdem interessiert auch, inwiefern dieser Zusammenhang durch aussenwirtschaftliche Abhängigkeit direkt oder indirekt beeinflusst wird.

Oftmals wird in der Entwicklungsforschung das Wirtschaftswachstum als zentraler Indikator für die nachholende Entwicklung in der Dritten Welt herangezogen. In theoretischer Hinsicht stellt sich jedoch die Frage, ob ökonomisches Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum überhaupt eine Aussage darüber zulässt, ob die breite Masse eines Landes gleichmässig von diesem Anstieg profitieren kann. Im Extremfall konzentrieren sich die Wohlstandsgewinne hauptsächlich bei einer kleinen Elite und der Grossteil der Bevölkerung wird kaum bessergestellt. Aus diesem Grund verwenden wir in dieser Studie Kriteriumsvariablen, welche sich nur begrenzt durch die Elite eines Staates monopolisieren lassen.

Im Bezug auf die aussenwirtschaftliche Abhängigkeit ist es fraglich, ob die breite Bevölkerung in den Entwicklungsländern von den Aktivitäten transnationaler Unternehmen aus dem Ausland überhaupt profitieren kann? - oder ob die Wirtschaft der Industriestaaten die armen Länder dieser Welt nicht vielmehr nur zu ihrem eigenen Vorteil ausnützt? Dieser Fragekomplex beschäftigt die Sozialwissenschaften seit langem, und die Diskussion wird aufgrund der Komplexität der Zusammenhänge und unterschiedlicher ideologischer Vorstellungen sehr kontrovers geführt. Dabei sind zwei grundsätzlich verschiedene Perspektiven entstanden, welche an späterer Stelle in dieser Arbeit als konventionelle und kritische Position vorgestellt werden. Die konventionelle Position wird hauptsächlich von Anhängern der neo-liberalen Ökonomie vertreten. Sie sehen nachholende Entwicklung in erster Linie als Funktion von Kapitalangebotserhöhung und der Übernahme hochentwickelter Technologien, moderner Werthaltungen und Verhaltensmustern. Exakt diese Ingredienzien, nämlich zusätzliches Kapital, Innovationen und moderne Werte, würden die transnationalen Konzerne durch ihre Tätigkeit in Entwicklungsländer einbringen und unterstützen so das Aufschliessen an die westlichen, entwickelten Länder. Die kritische Position rückt die transnationalen Konzerne und ihr Wirken in den Staaten der Dritten Welt in ein weit weniger positives Licht. Vertreter der im Verlauf dieser Studie vorzustellenden Dependenz- und Weltsystemtheorien sehen in der aussenwirtschaftlichen Abhängigkeit den Hauptgrund für die enttäuschenden Resultate in der Dritten Welt im Bezug auf nachholende Entwicklung. Oftmals wird die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Abkoppelung vom Weltmarkt erwähnt, um die abträglichen und verzerrenden Einflüsse von aussenwirtschaftlichen Abhängigkeitsstrukturen zu eliminieren.

Die Überprüfung der Hypothesen der konventionellen und der kritischen Position ist Gegenstand mehrerer empirischer Studien in den letzten Jahrzehnten. Volker Bornschier und Christopher Chase-Dunn haben im Jahre 1985, mit ihrer unter dem Namen BCD-Studie bekannt gewordenen Untersuchung, die Forschungsdebatte entscheidend geprägt. Es folgten mehrere anschliessende Arbeiten, welche sich in theoretischer und methodischer Hinsicht mit der obgenannten Untersuchung auseinander setzten und die Debatte weiterführten. Im Jahre 1994 veröffentlichten Glenn Firebaugh und Frank D. Beck eine Untersuchung, in welcher sie die Auswirkungen von ökonomischem Wachstum auf die Lebenschancen in den Entwicklungsländern unter Einbezug von aussenwirtschaftlicher Abhängigkeit analysierten. Methodische Mängel in den Regressionsmodellen früherer Studien wurden ausnehmend diskutiert und die Erkenntnisse führten zu einem weiterentwickelten Regressionsmodell, das sogenannte „logarithmierte Differenzmodell“. Unsere Forschungsfrage wird mit ebendiesem Modell einer erneuten empirischen Überprüfung unterzogen. Dabei werden die Hypothesen von Firebaugh und Beck im Sinne einer Replikationsstudie mit neueren Datensätzen für die Zeitspanne 1980 – 2000 getestet. Es handelt sich hierbei um einen quantitativen Ländervergleich, wobei Modelle der multiplen Regression zur Anwendung kommen.

Die vorliegende Forschungsarbeit gliedert sich in 6 Teile.

In Kapitel 2 wird auf das Konzept der ausländischen Direktinvestitionen (FDI) eingegangen. Wie werden sie definiert und welche theoretische Argumente sprechen für und gegen eine Verwendung dieser Grösse? Ausserdem erhält der Leser eine Übersicht der empirischen Verteilung von FDI in der Welt und einen kurzen historischen Abriss über die Entwicklungen im letzten Jahrzehnt.

Das dritte Kapitel befasst sich mit den Entwicklungstheorien und der aktuellen theoretischen Debatte. In einem ersten Schritt werden die gängigen Entwicklungstheorien in chronologischer Reihenfolge vorgestellt und die zentralen Argumentationsstränge diskutiert. Dies soll dazu beitragen, die späteren Analysen und deren Ergebnisse in einen möglichst breiten theoretischen Rahmen einzubetten. In einem zweiten Schritt wird die aktuelle Debatte aufgearbeitet, welche sich im wesentlichen auf drei Positionen - die konventionelle, die kritische und die skeptische - reduzieren lässt.

Im nächsten Teil der vorliegenden Arbeit sind die wichtigsten Untersuchungen aufgeführt, welche noch vor der Studie von Firebaugh und Beck (1994) veröffentlicht wurden und letztere entscheidend geprägt haben. Besonderes ausführlich ist freilich die genannte Arbeit von Firebaugh und Beck beschrieben, auf welcher unsere Replikationstudie aufbaut.

Das fünfte Kapitel widmet sich den zentralen statistischen Konzepten und deren Herleitung in ihren Grundzügen. Dazu gehört auch die Beschreibung des logarithmierten Differenzmodells, welches in unseren statistischen Berechnungen Verwendung findet.

In Kapitel 6 geht es schliesslich um die eigentliche statistische Analyse. Es werden das Sample und die Variablen im Detail vorgestellt, sowie die Datenquellen offengelegt. Im weiteren sind die Ergebnisse der additiven und interaktiven Modelle aufgeführt, interpretiert und kommentiert.

Im letzten Teil werden schlussendlich die resultierenden Erkenntnisse dieser Studie diskutiert. Es werden theoretische Implikationen der statistischen Ergebnisse vorgestellt und auf weiterführende Forschungsfragen hingewiesen.

2 Definitionen und Fakten

2.1 Begriffsdefinition „ausländische Direktinvestitionen“

In diesem Kapitel soll die von Firebaugh und Beck für ihre empirische Untersuchung aus dem Jahre 1994 verwendete zentrale Grösse „ausländische Direktinvestitionen“ theoretisch durchleuchtet werden. Informationen über die exakten Operationalisierung- und Transformationsprozesse sowie eine regressionsanalytische und methodische Diskussion ist ab Kapitel 4 dieser Studie nachzulesen.

Zur Messung der Investitionsabhängigkeit verwenden die Autoren die ausländischen Direktinvestitionen (ADI oder FDI: foreign direct investment), welche häufig als Indikator für die Aktivitäten transnationaler Konzerne (TNC) und den Internationalisierungsgrad von Volkswirtschaften zum tragen kommen. Sie sind in der Literatur überaus einheitlich beschrieben und gemäss Herkenrath definiert als „grenzüberschreitende Kapitalanlage, die sich mit der Absicht des Investors verbindet, eine dauerhafte und direkte Kontrolle über die erworbenen Aktiva auszuüben“ (Herkenrath 2003: 23). Eine weitere Definition bietet der World Investment Report der UNCTAD, aus dem die Daten zu den ausländischen Direktinvestitionen stammen:

„Foreign Direct Investment (FDI) is defined as an investment involving a long-term relationsship and reflecting a lasting interest and control of a resident in one economy (foreign investor or parent enterprise) in an enterprise resident in an economy other than that of the foreign investor (FDI enterprise or affiliate enterprise or parent enterprise). (…) Foreign direct investment implies that the investor exerts a significant degree of influence on the management of the enterprise resident in the other economy. Such investment involves both the initial transaction between the two entities and all subsequent transactions between them and among foreign affiliates (…). Foreign direct investment may be undertaken by individuals as well as business entities.”

Davon abgegrenzt werden die Portfolio-Investitionen, welche als reine Kapitalanlage zu verstehen sind und keine unmittelbare unternehmerische Betätigung bezwecken. Als Abgrenzungsmerkmal gilt die 10%-Schwelle. Das heisst, dass nur Anlagen, mit denen der Investor mehr als ein Zehntel des stimmberechtigten Kapitals einer Unternehmung erlangt, als ausländische Direktinvestitionen bezeichnet werden.

Ein ausgesprochen starkes Defizit internationaler FDI-Statistiken sind die sehr unterschiedlichen Erhebungsarten der nationalen Statistikämter. Dies schlägt sich auf die Reliabilität und Validität der Datensätze nieder. Herkenrath und Bornschier (2003) schreiben zur Reliabilität:

“It becomes evident, for instance, that only very few national statistical bureaus provide information on all three components of FDI, i.e. equity investment, re-invested earnings, and loans provided by the parent firm. In most cases only one or two of these components can be taken into account when measuring the value of accumulated FDI inward stocks.” (Herkenrath und Bornschier 2003: 113).

Und weiter zur Validität:

“There are at least three problematic points we should mention. First, any FDI-based enterprise can expand its activities by taking out loans from domestic financial institutions. Since such transactions are not included in the definition of foreign direct investment, FDI stocks give a very imprecise impression of the actual “value” or weight of TNC affi liates. Second, foreign direct investment is sufficient, but not imperative, for creating dependence and establishing unequal relations. (…) There are non-equity forms of FDI, and they include, ‘inter alia’, subcontracting, management contracts, turnkey arrangements, franchising, licensing and product sharing. The third point concerns the differing capital requirements in the various sectors and branches of the economy. In the tertiary sector a relatively small investment can buy signifi cant infl uence on a whole branch and allow a firm to establish a leading position, whereas in the extractive sector the same amount of money might have no weight at all.” (Herkenrath und Bornschier 2003: 113 ff.)

Trotz all den methodischen Vorbehalten sei die Frage, ob FDI als Indikatoren weltwirtschaftlicher Verflechtungen und Investitionsabhängigkeit dienen können, zu bejahen. Es gibt vorderhand kein besseres Mass als die Auslandinvestitionen, um aussenwirtschaftliche Abhängigkeit zu operationalisieren (Herkenrath 2003: 26). Auf die konzeptionelle Eignung der FDI weist auch das nachfolgende Kapitel hin.

2.2 Zahlen und Fakten zu FDI

2.2.1 FDI Global

Die Anzahl der transnationalen Unternehmen nimmt seit den 70er Jahren stark zu. So existierten Ende der 60er Jahre etwa 8000 TNCs, während deren Zahl im Jahr 1999 auf bereits 63'000 angestiegen ist. Noch eindeutiger zeigt sich dieser Trend, wenn der Zuwachs der ausländischen Tochtergesellschaften über denselben Zeitraum betrachtet wird. Hier zeigt sich eine Zunahme von etwa 30'000 auf ca. 690'000 Ende der neunziger Jahre (Herkenrath 2003: 30).

Dasselbe Bild ergibt ein Blick auf die von der UNCTAD erhobenen FDI-Werte. Auch die Bestände der ausländischen Direktinvestitionen weltweit steigen seit den 70ern stetig. Von rund 102 Mrd. US$ im Jahre 1966 (Bornschier 1976: 341) auf 595 Mrd. US$ im Jahre 1982, 1763 Mrd. US$ 1990, und im Jahre 2002 bereits auf 6866 Mrd. US$ (WIR Overview 2003: Table 1). Im Vergleich zu der Anzahl transnationaler Konzerne ist dies ein um einiges stärkerer Anstieg, der auf den Trend hin zu immer grösseren Konzernen durch Aufkäufe und Fusionen hindeutet.

Wie zu erwarten ist, folgt die Wachstumsrate der Direktinvestitionen der Konjunktur der Weltwirtschaft. So gab es nach einer durchschnittlichen Wachstumsrate der FDIs in den Jahren 1986 bis 1990 von 23.1% einen leichten Rückgang auf 21.1% zwischen 1991 und 1995, um dann von 1996 bis zum Jahr 2000 gar eine jährliche Wachstumsrate von 40.2% zu erreichen. Mit dem Einbruch der Weltwirtschaft in den Folgejahren nahmen auch die Wachstumsraten der FDI stark ab, 2001 um 40% und 2002 um nochmals 21% (WIR 2003: Table I.1). Trotz diesen sehr starken Schwankungen in den letzten Jahren ist eine allgemeine Zunahme der transnationalen Investitionsströme aber klar erkennbar.

Eine eigentliche „Globalisierung“, verstanden als starke Zunahme der internationalen Verflechtungen in Form von internationalem Güterhandel (Export) und ausländischen Direktinvestitionen (FDI) relativ zu der aggregierten Wirtschaftsleistung aller Länder (BSP), ist durch die obigen Ausführungen hingegen noch nicht bewiesen. Eine genauere Betrachtung der Entwicklung der Verhältnisse dieser Grössen lässt diesen Schluss nur teilweise zu. Vergleicht man die Zunahme des weltweiten Bruttosozialprodukts von 1982 bis 1999 mit der Zunahme des auswärts gerichteten Bestandes ausländischer Direktinvestitionen, steht einer Zunahme des weltweiten BSP von einem Faktor 2.8 zwar eine Zunahme der FDI von einem Faktor 8.4 gegenüber. Trotzdem ist aber der Anteil der von transnationalen Konzernen im Ausland produzierten Güter an der globalen Güterproduktion relativ gering geblieben, im Jahre 1982 knapp 6% und im Jahre 2002 10.7% (WIR 2003 Overview: Table 1; eigene Berechnungen). Der internationale Güterhandel hat hinsichtlich der globalen Wirtschaftsverflechtung an Wichtigkeit verloren: Der Umsatz der transnationalen Konzerne hat den der internationalen Exporte bereits weit überflügelt. 17'685 Mio. US$ Umsatz aus der Auslandproduktion von TNCs stehen im Jahr 2002 7838 Mio. US$ aus Güter- und Dienstleistungsexporten gegenüber (ebd.). Zusätzlich ist zu erwähnen, dass es sich mittlerweile schätzungsweise bei etwa einem Drittel der globalen Exporte und Importe um intra-firm trade von transnationalen Konzernen handelt. „Die Zunahme internationaler Handelsbeziehungen verdankt sich also nicht zuletzt der steigenden Zahl transnationaler Konzerne, deren Tochterunternehmen untereinander Handel betreiben (..)“ (Herkenrath 2003: 29ff).

Diese Zahlen widersprechen dem in der Globalisierungsdiskussion gemeinhin postulierten Ausmass der internationalen Wirtschaftsverflechtung, besonders hinsichtlich des Anteils der Auslandproduktion der transnationalen Unternehmen, der bloss 10% an der globalen Güterproduktion beträgt. Wirft man einen genaueren Blick auf die Verteilung der FDI nach Herkunfts- und Empfängerländer und die Situation in den Drittweltländern, zeigt sich ein differenzierteres Bild.

2.2.2 Die Verteilung der FDI nach Herkunft und Empfänger

Die Verteilung des weltweiten Auslandkapitalstocks an Direktinvestitionen, zeigt deutlich, dass sich dieser fast vollständig in den hochentwickelten Ländern konzentriert. So stammten 1960 rund 99% der FDI-Bestände von transnationalen Unternehmen mit Hauptsitz in den Industrienationen (Herkenrath 2003: 35). Aber die weniger entwickelten Länder holen auf, auch wenn es sich dabei um einen langsamen Prozess handelt. 1990 sank der Anteil der westlichen Länder an den weltweiten Beständen auf 92% und im Jahre 2002 bereits auf 87% (WIR 2003: Annex Table B4, eigene Berechnungen). Die Konkurrenz aus den Entwicklungsländern schläft also nicht und gründet selber immer häufiger Tochtergesellschaften im Ausland. Trotz dieser allgemeinen Tendenz muss gesagt werden, dass diese auswärtsgerichteten Direktinvestitionen mehrheitlich aus einigen wenigen, vor allem südost-asiatischen Ländern stammen, sich also keineswegs gleichmässig über alle Entwicklungsländer verteilen. So kam im Jahre 2002 der Löwenanteil von annähernd 50% der gesamten FDI outflows aus den weniger entwickelten Ländern aus China (vor allem Hong Kong). Rechnet man noch Singapur, Taiwan und Korea hinzu, handelt es sich bereits um den stattlichen Anteil von etwa 75% (WIR 2003: Annex Table B2, eigene Berechnungen).

Der Blick auf den aggregierten Anteil der Entwicklungsländer an den FDI-inflows, also dem Anteil, welchen sie an den den Direktinvestitionen als Anlageländer erhalten, offenbart eine zwar schwankende, aber in den letzten Jahren doch wieder positive Tendenz. Nach einer „Hochphase“ der Entwicklungsländer als Empfänger von Direktinvestitionen um das Jahr 1900 mit einem Anteil von etwa 60% an den gesamten FDIs, welche dort grösstenteils der Ausbeutung von Rohstoffvorkommen gewidmet waren (Herkenrath 2003: 36), nahm dieser bis ins Jahr 1990, mit einem Tiefpunkt von 28%, stetig ab (1980 45%, 1985 42%). In neuerer Zeit ist aber wieder ein Aufwärtstrend zu beobachten. So stieg der Anteil der Entwicklungsländer 1995 bereits wieder auf 30% und im Jahr 2002 betrug er 32% (WIR 2003: Annex Table B3, eigene Berechnungen).

Dieser eher erfreulichen allgemeinen Entwicklung steht aber, wie auch schon bei den auswärtsgerichteten Direktinvestitionen gezeigt wurde, eine stark ungleiche Verteilung innerhalb der unterentwickelten Länder gegenüber. Der Anteil der 49 ärmsten Länder an den globalen FDI-Strömen betrug im Jahre 2002 immer noch bloss 1% und nur 3.2% am Total der Entwicklungsländer (ebd.: 33). Dazu kommt, dass die grössten FDI-Empfänger der Entwicklungsländer, wie 2002 zum Beispiel Angola oder Sudan, meist Öl-exportierende Länder sind.

Auch kontinental gibt es grosse Unterschiede. Die Länder Afrikas hatten 2002 einen Anteil von rund 7% an den gesamten FDI-inflows der Entwicklungsländer. Dabei konzentriert sich die Hälfte dieser Zuflüsse auf Angola, Nigeria, Algerien, Chad und Tunesien, also auf bloss 5 der total 53 Länder Afrikas. Asien und die pazifischen Inseln erhielt 2002 rund 58% der gesamten FDI-Zuflüsse in Entwicklungsländer, und auch hier sind es bloss 10 Länder von 57, mit China (v.a. Hong Kong) und Singapur an der Spitze, die etwa 93% der totalen Zuflüsse für sich verbuchen konnten (ebd.). Der Anteil Lateinamerikas betrug im Jahr 2002 rund 34%. Von diesen FDI-inflows gingen 75% an Brasilien, Mexiko, Bermuda und die Cayman Islands, also 4 von insgesamt 40 Länder dieser Region (ebd.: Annex table B.1., eigene Berechnungen). Die laufende Liberalisierung und bilaterale und regionale Abkommen in vielen Ländern Asiens werden von der Weltbank als Hauptgründe für den grossen Zufluss von FDI in diese Region angegeben (WIR 2003: 40).

2.2.3 Relatives Gewicht der FDI in den Entwicklungsländer, im Verhältnis zum BIP

Bezüglich der in dieser Arbeit interessierenden Frage, ob die Lebenschancen in Entwicklungsländern mit hohem Penetrationsgrad an ausländischen Direktinvestitionen weniger vom Wirtschaftswachstum profitieren als diejenigen mit niedrigem Penetrationsgrad, bleibt nach den obigen Ausführungen eine Frage entscheidend: Wenn weltweit gesehen nur ein geringer Teil der Direktinvestitionen in Entwicklungsländern getätigt wird, spielen die transnationalen Konzerne dort folglich nur eine marginale Rolle? Diese Frage kann mit Nein beantwortet werden, wenn man die FDI-Bestände in Relation zum Bruttoinlandprodukt setzt. In der Gruppe der Entwicklungsländer belief sich das Verhältnis von aggregierten innengerichteten FDI-Beständen zum aggregierten BIP 1980 auf 12.6%, und die Tendenz ist stark ansteigend. Im Jahr 1995 waren es bereits 16.6%, und 2002 gar 36%. Diese Werte fallen in den Industrieländern deutlich tiefer aus: 1980 waren es 4.9%, 1995 bereits 8.9 und 2002 18.7% (WIR 2003: Annex table B.6.). Diese Zahlen verdeutlichen, dass ausländische Direktinvestitionen, die meist aus westlichen Ländern stammen, in den Entwicklungsländern grosses volkswirtschaftliches Gewicht besitzen.

3 Theorieteil

3.1 Vorgeschichte der Entwicklungstheorien

Der nun folgende kurze Überblick über die wichtigsten theoretischen Entwicklungen, welche die späteren Entwicklungstheorien beeinflussten, ihnen als Ausgangspunkt dienten oder wieder in Erinnerung gerufen wurden, richtet sich nach der Einführung des Buches „ Geschichte der Entwicklungstheorie “ von Ulrich Menzel (1995). Entwicklungstheorien werden von Menzel definiert als

„ (...) Aussagen, mit deren Hilfe, in der Regel im idealtypischer Weise, begründet wird, warum es in den Industriegesellschaften Westeuropas, Nordamerikas und Ostasiens zu Wirtschaftswachstum, Industrialisierung, sozialer Differenzierung und Mobilisierung, mentalem Wandel, Demokratisierung und Umverteilung gekommen ist [...] bzw. warum in den übrigen Teilen der Welt diese Prozesse ausbleiben, nur unvollständig realisiert werden oder lediglich eine Karikatur dieser Prozesse zu beobachten ist.“ (Menzel 1992: 132).

Merkantilismus

Ende des 17. Jahrhunderts, vor dem Einsetzen der Industriellen Revolution, bestimmte der sogenannte Merkantilismus die Politik der sich formierenden europäischen Nationalstaaten. Der Merkantilismus ist weniger eine Theorie als eine Strategie. Ziel dieser Strategie war die Entwicklung einer starken Wirtschaft, auf deren Basis die politische und militärische Macht erweitert werden konnte. Wohlstand beruht demnach vor allem auf dem Vorrat an Edelmetallen,

„[..]der im wesentlichen aus drei Quellen gespeist wird: durch die Ausbeutung von Gold- und Silberminen, durch die Eroberung und Plünderung anderer Länder sowie durch den Überschuss, der im Aussenhandel erzielt werden kann.“ (Menzel 1995: 8).

Die Kolonien waren folglich nur hinsichtlich der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen sowie als zusätzlicher Absatzmarkt interessant und wurden dementsprechend behandelt.

Klassische ökonomische Theorie

Mit dem Einsetzen der Industrialisierung in England wurde von Adam Smith („ Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes “ 1776) und David Ricardo („ Grundsätze der politischen Ökonomie und Besteuerung “ 1817) die „klassische“ ökonomische Theorie entwickelt (zit. in Menzel 1995).

Adam Smith sah in der freien Konkurrenz der rational und im Eigeninteresse handelnden Menschen die Möglichkeit, den gesellschaftlichen Nutzen zu maximieren. Wohlstand kann demnach ohne staatliche Steuerung des Wirtschaftssystems allein durch die „unsichtbare Hand des Marktes“ erreicht werden. Im Gegensatz zum Merkantilismus gilt bei Smith die Arbeit als Quelle des Wohlstands. Eine Produktivitätssteigerung wird durch Arbeitsteilung sowie durch Kapitalakkumulation und -investition erreicht (Menzel 1995: 9).

David Ricardo wandte später die Smith’schen Prinzipien des Liberalismus und der Arbeitsteilung auf die Ebene der Staaten an. Er plädierte für Freihandel und internationale Arbeitsteilung aufgrund von komparativen Kostenvorteilen und unterschiedlicher natürlicher Produktionsbedingungen, um eine Maximierung des internationalen Wohlstands zu erreichen. Die Idee der komparativen Kostenvorteile lässt sich an einem einfachen Beispiel erläutern: Auch wenn ein Land absolut überhaupt keine Kostenvorteile vorweisen kann, lohnt sich eine Arbeitsteilung zwischen den Ländern, im exemplarischen Fall zwischen zwei Ländern und zwei von beiden Ländern herstellbaren Gütern. Das von den Kosten her in beiden Produkten überlegene Land sollte dabei jenes Gut produzieren, bei dem es den absoluten Kostenvorteil hat. Das unterlegene Land produziert hingegen das Produkt, bei dem es bloss einen relativen Kostenvorteil hat. Diese Arbeitsteilung führt zu einem Mehrwert durch eine Konzentration der Ressourcen, im Gegensatz zu einer getrennten Produktion beider Güter, von dem beide Länder durch Handel untereinander profitieren können (ebd.: 9).

Sowohl Smith wie auch Ricardo gingen davon aus, dass durch die Verwirklichung des Freiheitspostulats auch die bestmögliche Verteilung von Einkommen und Wohlstand resultieren würde (Grimm 1979: 15).

Erste Kritik an der vorherrschenden nationalökonomischen Theorie

Die erste systematisch-theoretische Gegenposition zum Freihandel wurde von Friedrich List entwickelt. Im Lichte einer wirtschaftlichen Vormachtstellung Englands entstand 1841 sein Werk „ Das nationale System der politischen Ökonomie “, in dem er den wirtschaftlich schwächeren Ländern, trotz komparativer Vorteile, vorübergehenden staatlichen Schutz vor der englischen Konkurrenz empfiehlt, um den Mangel an Erfahrungen, technischem Wissen und qualifizierten Arbeitern aufzuholen und so Wettbewerbsreife zu erlangen. Dies sollte durch Schutzzölle, Abbau administrativer Hemmnisse und dem Ausbau der Infrastruktur erreicht werden, worauf wieder zum Freihandel übergegangen werden könne. Das Ziel ist hier nicht mehr primär die Reichtumssteigerung, sondern die Entwicklung wissenschaftlich-technischer Kompetenz und Qualifizierung der Arbeitskräfte (Menzel 1995: 10).

In seiner Kritik am kapitalistischen System beschrieb Karl Marx die negativen Auswirkungen des englischen Warenexports für das traditionelle indische und chinesische Gewerbe, nämlich ihre Verdrängung, und schuf damit eine Argumentationsgrundlage für die spätere Dependenztheorie. Gleichzeitig räumte Marx dem europäischen Kolonialismus aber eine progressive Wirkung ein, indem er dem fortschrittlicheren bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftssystem Vorschub leistete. Dieses Argument entspricht demjenigen der später in dieser Arbeit beschriebenen Modernisierungstheorie hinsichtlich des unilinearen Geschichtsverständnisses (ebd.: 12).

Soziologische Ansätze

Der markante Wandel des sozialen Gefüges Europas im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, insbesondere die industrielle und die französische Revolution, weckte auch das Interesse der ersten Theoretiker der Soziologie. Sie versuchten, Erklärungen nicht bloss für die ökonomischen, sondern auch für die politischen, kulturellen und sozialen Umwälzungen ihrer Zeit zu finden. Die Ansätze beschrieben den Wandel in den Ländern Europas unter einem evolutionstheoretischen Gesichtspunkt: Ferdinand Tönnies beschrieb die Entwicklung von der Gemeinschaft zur Gesellschaft, Emile Durkheim betonte die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft, und Max Weber sah in der Rationalisierung die Hauptkraft der Entwicklung von der traditionellen hin zur modernen (europäischen) Gesellschaft (ebd.: 14).

Neoklassik

In den 1920er Jahren wird im Feld der Volkswirtschaftslehre durch Eli Heckscher und Göran Ohlin (zit. in Menzel 1995: 17) das ricardianische Aussenhandelstheorem weiterentwickelt. Ihr Faktorproportionentheorem besagt, dass die internationale Arbeitsteilung nicht bloss in einer Trennung von Rohstoff- und Fertigwarenproduktion erfolgen sollte, sondern auch die Unterschiede in der Faktorintensität (Proportionen der Produktionsfaktoren Arbeit, Boden, Kapital) berücksichtigt werden müssen. Die Länder mit viel Kapital, also die westlichen Industrieländer, sollten sich daher auf die Produktion kapitalintensiver Güter konzentrieren, die Länder mit billigen Arbeitskräften auf die der arbeitsintensiven Güter. Wie in der klassischen Theorie wird der Wohlfahrtsgewinn umso grösser, desto weniger handelspolitische Restriktionen wie etwa Schutzzölle die Arbeitsteilung beeinträchtigen (ebd.: 17).

Weltwirtschaftskrise

Die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre bringt die neoliberale Theorie in arge Bedrängnis und ruft den Staat, welchen der Liberalismus auf ein Minimum reduziert sehen will, zurück auf den Plan. John Maynard Keynes entwickelt seine makroökonomische Wirtschaftskreislauf-Theorie und postuliert die Möglichkeit der Steuerung der wirtschaftlichen Entwicklung durch Staatsinterventionen (antizyklische Staatsausgaben bzw. -einnahmen), um derartige Wachstumseinbrüche vermeiden zu können (ebd.: 17).

Dualismustheorie

Erstmals explizit aus der Perspektive der Kolonien beginnt sich die Dualismustheorie in den 1940er Jahren mit der Situation der kolonialen Gesellschaften zu beschäftigen. Von J.H. Boeke (zit. in Menzel 1995: 18), einem Vertreter dieser Theorie, wird thematisiert, dass in der Kolonialzeit der indischen traditionellen Gesellschaft eine moderne Produktionsweise aufgezwungen wird, wobei der so gebildete moderne Sektor neben dem traditionellen besteht und ihn nur langsam verdrängt. Was in den westlichen Gesellschaften in einem allmählichen Wandel von der traditionellen Gesellschaft in die Moderne vonstatten ging, kann in den nachhinkenden Ländern nicht durch blosses Einführen der fortschrittlicheren Produktionsweise erzielt werden (ebd.: 18).

Strukturfunktionalismus

Die Arbeiten Talcott Parsons, einer der wichtigsten Vertreter des Strukturfunktionalismus, wurden zur Grundlage der späteren Modernisierungstheorie. Er sah gesellschaftliche Realität in erster Linie bestehend aus den Handlungen der einzelnen Individuen und nicht aus dem ökonomischen und politischen Handeln der Nationen . Entsprechend dem funktionalistischen Ansatz Durkheims stellte Parsons die soziale Differenzierung als Triebfeder der Entwicklung von der traditionalen zur modernen Gesellschaft in den Vordergrund:

„Der Unterschied zwischen traditionalen und modernen Gesellschaften ist demzufolge im unterschiedlichen Grad der Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Rollen zu sehen.“ (Menzel 1995: 19)

Am Ausgangspunkt gesellschaftlicher Entwicklung stehen für den Strukturfunktionalismus primär individualpsychologische und kulturelle Faktoren, welche für eine erfolgreiche Modernisierung verändert werden müssen.

3.2 Frühe entwicklungsökonomische Theorien: Der Entwicklungskeynesianismus

Die Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren hatte gezeigt, dass die klassische und neoklassische Strategie des Exportwachstums, dem Ausnützen der komparativen Kostenvorteile und dem freien Spiel der Marktkräfte nicht zwingend zu mehr Wohlstand beziehungsweise zu stärkerem Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsländern führte. Die frühen ökonomischen Entwicklungstheorien bildeten sich kurz nach dem zweiten Weltkrieg aus und fussten mehrheitlich auf der makroökonomischen Theorie von John Maynard Keynes[1], beziehungsweise auf dem postkeynesianischen Wachstumsmodell des Typs Harrod/Domar. Keynes entwickelte ein interdependentes Kreislaufsystem von Gütern, Geld und Arbeitskräften. Dieses liess neue Schlüsse zu, was eine (v.a. staatliche) Steuerung der makroökonomischen Mechanismen anging, um Marktversagen zu verhindern und die Produktionsfaktoren wieder auszulasten. Nach dem Wachstumsmodell von Harrod/Domar ist eine Erhöhung des Kapitalangebots die wichtigste Voraussetzung für Wachstum, die durch eine Steigerung des Sparaufkommens oder durch Kapitalzufuhr aus dem Ausland erreicht werden kann (Menzel 1992: 133 ff.).

Die ersten Denker der Entwicklungstheorie wie Paul Rosenstein-Rodan, Ragnar Nurkse oder W. Arthur Lewis setzten in dieser Tradition Entwicklung mit Wirtschaftswachstum und Industrialisierung gleich. Die Ausführungen aller Autoren fussen dabei auf der Gegenüberstellung der Industrieländer und der Entwicklungsländer hinsichtlich v.a. ökonomischer Indikatoren[2] wie das Pro Kopf Einkommen und die Verwendung des Einkommens, der Spar- und Konsumquote. Dies illustriert das Beispiel von Ragnar Nurkse: Auch Ragnar Nurkse (1953, zitiert in Grimm 1979: 42) identifizierte die Kapitalakkumulation als wichtigste Determinante für einen Weg aus der Unterentwicklung und postulierte einen „circulus vitiosus“, einen Teufelskreis, aus welchem die Entwicklungsländer ohne Unterstützung mit ausländischem Kapital und Know-How nicht mehr ausbrechen können. Die Kapitalakkumulation wird auf der Angebotsseite dadurch verhindert, dass durch ein niedriges Realeinkommen die Sparfähigkeit sehr gering ist, weil der lebensnotwendige Konsum das Einkommen verschlingt (hohe Konsumquote) und darum nicht genügend Kapital für Investitionen bereit steht. Auf der Nachfrageseite besteht zusätzlich ein Mangel an Investitionsanreizen für Unternehmen, weil die schwache Kaufkraft der Bevölkerung keine zukünftigen Gewinne erwarten lässt, womit der Kreislauf geschlossen wäre (Grimm 1979: 42 f.).

Die nötige Steigerung des Sparaufkommens sollte innerhalb der Entwicklungsländer durch eine Umverteilung zugunsten der höheren Einkommensklassen gewährleistet werden, weil nur diese zum Sparen überhaupt in der Lage seien (Herkenrath 2003: 44). Eine solche Strategie setzte klare Prioritäten: Wachstum zuerst, Umverteilung später. Diese Argumentation wurde von der U-Hypothese von Simon Kuznets (1955) gestützt, der durch vergleichende statistische Untersuchungen der Industrialisierungsprozesse verschiedener Länder

„..zu der Aussage gelangt, dass eine zu Beginn der Industrialisierung vorhandene eher egalitäre sich in eine stärker ungleiche Einkommensverteilung verwandelt, die sich erst mit fortschreitender Industrialisierung wieder abbaut.“ (Menzel 1992: 135)

Unter dem Stichwort „Importsubstitutionsindustrialisierung“ fand die Argumentation Friedrich Lists neuerliche Aufmerksamkeit, welche durch vorübergehenden staatlichen Schutz und Investitionen eine grösstmögliche Unabhängigkeit des Binnenmarktes anstrebt, um vor allem die technologische Rückständigkeit gegenüber den entwickelten Ländern zu überwinden. Freihandel hat erst dann positive Auswirkungen, wenn der Entwicklungsrückstand einigermassen aufgehoben ist (Nebelung 2000: 514).

Die Rolle der TNC’s in diesen frühen entwicklungsökonomischen Theorien ist in der Einbringung von Kapital und technischem Know How in den Wirtschaftskreislauf der Entwicklungsländer zu sehen. Durch Direktinvestitionen wird das Pro Kopf -Einkommen gesteigert, was zu mehr Konsum und Sparmöglichkeiten führt. Auch die Importabhängigkeit wird geschmälert, da TNC’s dringend benötigte Technologien in das Gastland einführen und somit eine Eigenproduktion möglich machen. In diesem entwicklungsökonomischen Verständnis gibt es keinerlei negativen Auswirkungen von ausländischen Engagements.

3.3 Modernisierungstheorie

Zu Beginn der 1950er Jahre begann sich in der Entwicklungstheorie eine „neue“ Denkweise zu etablieren, welche die Konzentration auf die ökonomischen Faktoren in der Entwicklungsökonomie in Frage stellte. Zwar wurde wiederum der Vergleich zwischen den westlichen Industriegesellschaften und den Entwicklungsländern gezogen, nur wurde nun in einer soziologischen Angehensweise der kulturelle und individualpsychologische Wandel als entwicklungsentscheidend angesehen. Gewissermassen als Alternativ-Ideologie zum Kommunismus wurde der Zustand der Industrieländer als Höhepunkt der gesellschaftlichen Evolution dargestellt und damit die Zielrichtung der Entwicklung in den minder entwickelten Staaten festgelegt. Erfolgreiche Entwicklung liegt in Wertordnungen und Verhaltensmustern begründet, wobei „[...]als zentrale Wandlungsprozesse im kulturellen Bereich [..] Säkularisierung, Rationalisierung, Differenzierung und Verwissenschaftlichung (Weber, Parsons, Eisenstadt) und im individualpsychologischen Bereich Empathiesteigerung und Leistungsmotivation (Hagen, Lerner) identifiziert“ wurden (Menzel 1995: 21f). Die Gegenüberstellung von Strukturmerkmalen führte zu einer Festlegung von „Mängeln“, welche die Entwicklungsländer um der Modernisierung Willen zu beseitigen hätten (zitiert aus Nohlen/Nuscheler 1992: 34):

- Ein Mangel an Rationalisierung und Säkularisierung, an sozialer Mobilität und kultureller Dynamik; Verharren im Parochialismus von Primärgruppen (Tribalismus) und im „Zauber“ von Religionen, mit anderen Worten: Gefangenheit im „Ewiggestrigen“
- Apathie, geringe Leistungsmotivation und mangelndes individuelles Besitz- und Gewinnstreben – mit der vor allem von D.C. McClelland (1966) begründeten Folge, dass sich nur schwer ein innovationsgeneigtes Unternehmertum entwickeln kann
- Eine unzureichende Integration der soziokulturellen Teilstrukturen von „dualen Gesellschaften“ mit statischen „traditionellen“ Segmenten
- Eine geringe institutionelle Regelung und Bändigung der sozialen und politischen Konflikte
- Eine geringe politische Partizipation der Bevölkerung sowie geringe Legitimation der politischen Systeme mit der Folge politischer Instabilität
- Eine geringe Autorität und Steuerungsfähigkeit des häufig korrupten „schwachen Staates“

Aufgrund einer idealtypischen Verdichtung der Entwicklungsprozesse in Westeuropa, Nordamerika und Ostasien wurden Transformationsphasen für verschiedene gesellschaftliche Bereiche abgeleitet, welche den evolutionären Prozess der Genese zur modernen Gesellschaft abbilden sollten (vgl. Menzel 1995: 22):

Politische Dimension (beispielsweise S. M. Lipset):

Staatenbildung → Nationenbildung → Demokratisierung → Umverteilung

Wirtschaftliche Dimension (W. W. Rostow):

Kapitalakkumulation → technischer Fortschritt → Take Off zu einem sich selbst tragenden Wachstum → Reife im Sinne der Ausbreitung des Massenkonsums

Gesellschaftliche Dimension (beispielsweise D. Lerner):

Bevölkerungswachstum → Urbanisierung → Alphabetisierung

→ Kommunikationssteigerung → soziale Mobilisierung

In Bezug auf die Rolle der TNC’s sind die Gedanken zum Unternehmertum von W.W. Rostow (1967) in seiner Stadientheorie zu erwähnen. Ähnlich der protestantischen Ethik Max Webers sieht Rostow in der Durchsetzung des „Unternehmertyps“ einen entscheidenden Faktor für eine Modernisierung aller Ebenen. Den „Unternehmertyp“ kennzeichnet die Aufgabe traditioneller Wege zu Macht und Prestige, eine individuelle Werthaltung, die dem Gewinnmaximierungsprinzip dienlich ist, die Bereitschaft zum Risiko und zur Innovation, sowie die Reinvestierung der Gewinne. Zusätzlich zu den bereits im Zusammenhang mit der Entwicklungsökonomie genannten positiven Auswirkungen eines Engagements ausländischer Unternehmen, Kapitalzufluss und technisches Know How, kommt also gleichsam ein Import der zum evolutionären Prozess der Modernisierung dringend benötigten Werthaltungen. Beispielsweise werden von TNC’s angestellte inländische Arbeitskräfte von der „entwickelteren“ Unternehmenskultur beeinflusst und so traditionelle Muster durchbrochen (W.W. Rostow 1967: 68 f).

3.4 Die Dependenz-Theorie

Der Dependenz Ansatz wurzelt im Anti-Imperialismus vorwiegend kolonialisierter Länder und stellt einen Versuch dar, die Modernisierungstheorie durch eine alternative Sichtweise zu ersetzen. Vorbereitet wurde er ausnehmend durch Zeitreihenanalysen von Prebisch/Singer, welche unter dem Titel „ Säkulare Verschlechterung der terms of trade “ (1968) bekannt sind. Am nachhaltigsten wirkte jedoch die Dependenz-Diskussion lateinamerikanischer Intellektueller wie Cardoso/Faletto (1976) und Andre Gunder Frank (1966, 1967, 1969). Ihr zentrales Anliegen besteht darin, den sehr begrenzten Fortschritt der unterentwickelten Staaten im Weltsystem bezüglich Modernisierung und ökonomischer Entwicklung ursächlich zu erklären. Für Kritiker der Modernisierungstheorie wie Frank liegt der Schlüssel zum Verständnis der Misere der Dritten Welt in der Natur ihrer Beziehungen zur wohlhabenden kapitalistischen Welt (Shannon 1989: 15). Der Dependenzansatz ist in seinen Wurzeln stark mit der Imperialismustheorie, von Lenin zu Beginn des vergangenen Jahrhundert entwickelt, verknüpft. Er versucht jedoch die Natur des Imperialismus umfassender zu erklären und berücksichtigt insbesondere jene Veränderungen, welche sich zeitlich nach Lenin in der Staatenwelt vollzogen haben (Shannon, 1989: 16).

Bei Franks Definition von Abhängigkeit (Dependenz) ist die Beziehung zwischen den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern (Zentrum) und der Peripherie (unterentwickelte Länder) von ausbeutender Natur. Er konstatiert, „dass der dauerhafte Güterübertrag von der Peripherie ins Zentrum auf der Grundlage kolonialer und post-kolonialer Beziehungen dauerhafte Abhängigkeitsstrukturen geschaffen habe“ (Neumann 2000: 510). Die reichen Länder hätten ein Handels- und Investmentsystem aufgebaut, von welchem ihre Unternehmungen auf Kosten der Peripherie profitieren würden. Dabei können nach Frank zwei grundsätzliche Arten von Ausbeutung unterschieden werden: Die ältere Form bezieht sich auf die Kolonialzeit, in welcher die Staaten der Peripherie hauptsächlich als Quelle für Rohstoffe und landwirtschaftliche Güter sowie als Absatzmarkt für die entwickelten Güter der Zentrumsländer dienten. Der Welthandel mit Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten sei stark von mächtigen Unternehmen und Finanzinstitutionen der entwickelten Länder geprägt und kontrolliert, da sie die hauptsächlichen Abnehmer dieser Güter seien. Aus diesem Grunde sind die obgenannten Märkte durch chronische Überproduktion als auch durch tiefe Preise geprägt (Shannon 1989: 15). Als Folge der Rohstoffexporte mussten die Entwicklungsländer ihren Exportsektor aufrüsten indem sie eine moderne Infrastruktur aufzubauen begannen. Die dafür benötigten Maschinen und andere technologisch fortschrittlichen Güter konnten sie meist nicht selbst herstellen, da sie aufwändig und nur mit entsprechendem Know How zu produzieren sind. Die Unternehmungen der Zentrumsländer waren dementsprechend in der Position, diese Investitionsgüter relativ teuer in die Peripherie zu exportieren. Die wirtschaftlichen Austauschbeziehungen seien folglich als unausgeglichen zu klassifizieren (Neumann 2000: 510f.). Unterentwickelte Staaten erzielen für ihre Waren aus der Primärgüterproduktion nur sehr tiefe Preise auf dem Weltmarkt, was auch daran liegt, dass keine kapital- oder wissensintensive Weiterverarbeitung im Lande erfolgt. Indessen müssen Luxus- und Investitionsgüter teuer bei den Firmen der Zentrumstaaten eingekauft werden (commodity problem). Aus diesen Zusammenhängen ziehen die Anhänger der Dependenztheorie folgende Schlüsse: Die unterentwickelten Staaten sind aufgrund des beschriebenen aussenwirtschaftlichen Gefüges in einem inferioren Status blockiert, da die Einnahmen aus den Exporten niemals dazu ausreichen die Kosten des Luxusgüterimports zu decken. Somit kann kein ausreichender inländischer Kapitalstock entstehen, um in eine breit angelegte Industrialisierung zu investieren. Die Schere würde sich sogar noch auftun, da Rohstoffe langfristig eher im Preis sinken und Investitionsgüter durch stetige technologische und qualitative Verbesserungen tendenziell teuerer werden. Die Zentrumsländer zementieren diese Abhängigkeit, indem sie Kredite vorzüglich für Investitionen in die landwirtschaftliche Produktion und Rohstoffgewinnung gewähren, deren Güter sie selbst importieren wollen. Dies führt zu einer zunehmenden Spezialisierung in der Agrargüterproduktion und im Rohstoffabbau anstatt eine ausbalancierte ökonomische Entwicklung zu ermöglichen. Gemäss Shannon sind diese Abhängigkeitsmuster verantwortlich, dass die Modernisierung nur im Exportsektor Einzug hält, was die aussenwirtschaftliche Abhängigkeit der Peripherie zusätzlich verstärkt (Shannon 1989: 16ff.).

Die Argumentation der Dependencia-Vertreter beschränkt sich in ihrer Vielfalt jedoch nicht auf die aussenwirtschaftlichen Abhängigkeitsbeziehungen. Unter dem offenen Begriff der „strukturellen Gewalt“ werden auch politische und kulturelle Dimensionen erfasst. Er bezeichnet „die auf stabilisierten internationalen Beziehungen – also Strukturen – beruhende asymmetrische Integration der peripheren Länder in die Weltwirtschaft“ (Wöhlcke 1988: 23). Anhänger des strukturalistischen Dependenzansatzes distanzieren sich von der These der universellen Ausbeutung und sprechen von länderspezifisch variierender struktureller Blockierung von Entwicklungspotentialen. Senghaas und Galtung beispielsweise nennen folgende nicht-ökonomische Bereiche von Abhängigkeit: Im Sozialisationsbereich ist die Erziehung insbesondere in französischen und englischen Kolonien an den (ehemaligen) Kolonialmächten orientiert. Im Aufgabenkreis von Politik und Recht sei eine Oktroyierung westlicher Ordnungs- und Legitimationsvorstellungen in den entsprechenden Institutionen und Organisationen zu beobachten. Ausserdem sind die Kommunikationstechnologie und die Informationssysteme weitgehend durch die kapitalistischen Zentrumsländer installiert (Senghaas et al. 1975: 127ff).

Aus diesen Ausführungen zur Dependenztheorie ergibt sich eine Forderung nach zumindest sektoraler und zeitlich beschränkter Abkoppelung vom Weltmarkt (Dissozation). Eine eigenständige nachholende Entwicklung müsse beispielsweise durch den Aufbau einer eigenständigen Konsumgüterindustrie und wechselseitiger Kooperation innerhalb der Peripherie initiiert werden. Auf jeden Fall seien die vielfältigen Abhängigkeitsstricke zu kappen, was einer Dissoziation in ökonomischer, politischer und kultureller Hinsicht bedürfe. Ob es damit gelingt, die Kluft zu den Ländern des Zentrums zu schliessen, sei dahingestellt (Neumann 2000: 511).

Das strategische Problemlösungspotential der Dependenztheorie wird von manchem Kritiker angezweifelt, wobei oftmals folgende Einwände zu lesen sind: Die Forderung nach einer Abkoppelung vom Weltmarkt ist wenig differenziert und brächte viele Nachteile mit sich. So könnte die technologische Abschottung beispielsweise zu einem Innovationsproblem führen. Ausserdem stellt sich die grundsätzliche Frage der Steuerbarkeit ökonomischen Handelns durch staatliche Eingriffe. Auch ein „peripherer Kapitalismus“ bleibt Kapitalismus, der soziale, ökologische und entwicklungsökonomische Kosten und Faktoren nur unfreiwillig in seine Kostenbilanzen mit einbezieht (ebd: 512).

3.5 Die Weltsystemtheorien

Der weitgehende Geltungsanspruch dieser Theorien liegt grundsätzlich in der Idee, dass ein weltumspannendes, dezentrales und gleichwohl hierarchisch geordnetes Sozialsystem existiere (Shannon 1989: 20, auch als zentrale Quelle für das gesamte Kapitel). Die Vertreter dieser Theorie und insbesondere Wallerstein, welcher als Gründer und Vordenker des Weltsystemsansatzes gilt, sehen die Analyse der Welt als Set von unabhängigen Gesellschaften als nicht hinreichende Perspektive und proklamieren einen integrierten Ansatz. Als theoretische Grundlage dient die konsequente Auslegung des Marxschen Denkens. Erst wenn das kapitalistische System alle Ressourcen seiner globalen Ausbeutungsstrategie unterworfen hat, kann ein einheitliches Bewusstsein der Befreiungsnotwendigkeit sich herstellen (Menzel: 1992: 84). Diesem Ansatz liegt ein Zentrum-Peripherie-Modell zugrunde. Ähnlich der im vorhergehenden Kapitel vorgestellten Dependenz-Theorie, beuten die Zentren die Peripherien unter Ausübung von struktureller Gewalt nach ihren Bedürfnissen aus und akkumulieren dabei Kapital und politische Macht. Jedoch gibt es in der Weltsystemtheorie auch Peripherien, welche daraus einen Vorteil ziehen. Die Trennung der Systeme ist also von einer gewissen Unschärfe geprägt. Die Zwischen- oder Schwellenländer werden als Semi-Peripherie bezeichnet, wobei von einer Mobilität sowohl in die Peripherie als auch ins Zentrum ausgegangen wird. Der globale Marginalisierungsprozess wird als fortschreitend und unaufhaltsam angenommen. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich Peripherien länderweise manifestieren oder ob es intra-nationale Zonen geben wird. Empirische Evidenz für diese Perspektive sehen manche Autoren etwa in der „Zweidrittelgesellschaft“, der Verarmung von Teilen der unteren Mittelschicht in den westlichen Industriegesellschaften (auch Argentinien, Brasilien und Mexiko). Dies stützt die These einer intra-nationalen und weitgehend länderunabhängigen Verelendung breiter Kreise der unteren Mittelschicht (Neumann 2000: 507). Die Entwicklungsmöglichkeiten sind geprägt vom ursprünglich durch den Kolonialismus geschaffenem globalen System und nicht von den internen Strukturen der Länder selbst. Die wesentlichen Strukturmerkmale sind dabei die asymmetrische Arbeitsteilung und die ungleichen Austauschbeziehungen zwischen den Zonen (Shannon 1989: 22ff.) Neumann erweitert die Perspektive und führt zusätzlich zur räumlichen eine intergenerative Dimension ein (Neumann 2000: 507). Neuere Vertreter der Weltsystemtheorie wie Bornschier/Chase-Dunn gehen noch einen Schritt weiter, indem sie unter anderem Zyklen von ökonomischem Wachstum und Stagnation, von Hegemonie, Kolonialismus, freiem Handel und Krieg untersuchen (Shannon 1989: 113ff.).

[...]


[1] J. M. Keynes The General Theory of Employment, Interest and Money 1936

[2] ausführlich zu den Indikatoren: Grimm 1979, S. 38 ff.

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Außenwirtschaftliche Abhängigkeit, Wirtschaftswachstum und Lebenschancen in den Entwicklungsländern: Eine Re-Analyse
Hochschule
Universität Zürich  (Soziologisches Institut der Universität Zürich)
Note
Sehr gut
Autoren
Jahr
2004
Seiten
96
Katalognummer
V32236
ISBN (eBook)
9783638330077
ISBN (Buch)
9783638703796
Dateigröße
1328 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der soziologischen Forschung und insbesondere in der Dependenzforschung wird seit geraumer Zeit auch darüber debattiert, ob die Präsenz transnationaler Konzerne und deren Einfluss auf die Dritten Welt abträglich für eine nachhaltige ökonomische und soziale Entwicklung seien. Je nach Modell und Operationalisierung unterscheiden sich die Forschungsergebnisse beträchtlich. Heutzutage stellt sich die interessante Frage, ob sich die Effekte von damals mit aktuellen Datensätzen reproduzieren ...
Schlagworte
außenwirtschaftliche, abhängigkeit, wirtschaftswachstum, lebenschancen, entwicklungsländern, eine, re-analyse
Arbeit zitieren
Marcus Habermann (Autor)Oliver De Capitani (Autor), 2004, Außenwirtschaftliche Abhängigkeit, Wirtschaftswachstum und Lebenschancen in den Entwicklungsländern: Eine Re-Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32236

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