Entgrenzung von Arbeit und Leben. Die Chancen und Risiken der zeitlichen und räumlichen Entgrenzung für den Arbeitnehmer


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Strukturwandel von Erwerbsarbeit
2.1. Trennung von Arbeit und Leben im Fordismus
2.2 Flexibilisierungsprozesse von Arbeit und Leben im Postfordismus

3 Entgrenzung von Arbeit und Leben
3.1 Ein Definitionsversuch
3.2 Mehrdimensionalität der Entgrenzung von Arbeit und Leben

4 Chance oder Risiko? Die ambivalenten Auswirkungen der Entgrenzung in den Dimensionen Zeit und Raum
4.1 Chancen und Risiken der zeitlichen Entgrenzung am Beispiel von Arbeitszeitkonten .
4.2.1 Chancen für den Arbeitnehmer
4.2.1 Risiken für den Arbeitnehmer
4.3 Chancen und Risiken der räumlichen Entgrenzung am Beispiel der Teleheimarbeit
4.3.1 Chancen für den Arbeitnehmer
4.3.2 Risiken für den Arbeitnehmer

5 Zusammenfassung und Diskussion

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„ Das Büro ist im Grund immer da, wo der Mitarbeiter arbeiten m ö chte, sagt eine Personal managerin. Die Trennung zwischen dem traditionellen Arbeitsplatz in einem Unternehmen und dem privaten Lebensbereich verwischt zusehends - räumlich und zeitlich. [...] Wer immer erreichbar ist und immer online, der hat auch nie Feierabend “ (Fromm 2014: 34).

Dieses Zitat ziert die Bildunterschrift eines aktuellen Reportartikels der Süddeutschen Zeitung und pointiert die gesellschaftsrelevante Thematik über die steigende Auflösung der Grenzen zwischen dem betrieblich organisierten Berufsleben und der häuslichen Privatsphäre - die in der Arbeitssoziologie und im Rahmen dieser Hausarbeit, als Entgrenzung von Arbeit und Le- ben bezeichnet wird.

Darüber hinaus macht das Zitat deutlich, dass mit permanenter beruflicher Erreichbarkeit und den damit einhergehenden Folgen von Einbußen der Freizeit beziehungsweise des Feier- abends, ein ‚Zugriff’ des Erwerbslebens auf den privaten Lebensalltag erfolgt und eine Ent- grenzung der Sphären neue Anforderungen an die Lebensgestaltung des Arbeitnehmers stellt. Entgegen dieser Annahme, sind jedoch auch neue Handlungsspielräume und Freiheiten für den Arbeitnehmer zu nennen, indem sich die beruflichen Handlungen, losgelöst vom obliga- torischen Zeitmodell im Betrieb, an der persönlichen ‚Relevanzstruktur’ des Arbeitnehmers orientieren und dadurch besser mit privaten Belangen zu vereinen sind. Genau diese vermeintliche Ambivalenz der Veränderung in der modernen Arbeitswelt ver- sucht die hier vorliegende Arbeit näher zu beleuchten, indem analysiert wird, inwiefern Chan- cen und Risiken für das arbeitende Individuum bestehen.

Für die Untersuchung der Entgrenzung zwischen Berufs- und Privatsphäre sowie die damit einhergehenden Anforderungen gilt es, retrospektiv den ‚Zustand’ der Abgrenzung zwischen den beiden Sphären zu berücksichtigen, der mit der Phase des Fordismus besser nachzuvollziehen ist und als „historische Referenzfolie“ für das Entgrenzungsphänomen, in der Literatur herangezogen wird (Kratzer & Sauer 2005: 94).

Demnach wird zuerst das Verhältnis zwischen Arbeit und Leben im Fordismus erläutert, um im darauffolgenden Kapitel die zentralen und aktuellen gesellschaftlichen Strukturverände- rungen im Post-Fordismus zu klären, die eine Entgrenzung der Sphären forcieren. Um nicht nur nachzuvollziehen, wie das arbeitssoziologische Phänomen historisch gewachsen ist, sondern auch, wie und in welchem Umfang es definiert werden kann, wird im Hauptteil der Komplex unterschiedlicher Strukturdimensionen zwischen betrieblicher und häuslicher Sphäre dargestellt, auf denen Entgrenzung stattfindet. So wird neben den repräsentativen Di-mensionen Zeit und Raum, aus dem obigen Zitat - auch eine technische, qualifikatorische, soziale und motivationale Entgrenzung unterschieden.

In der zentralen Chancen-Risiken-Analyse im Anschluss, wird das Hauptaugenmerk auf die Entgrenzungen der beiden erstgenannten Dimensionen gelegt und mittels der Ergebnisse zweier empirischer Studien untersucht: Die zeitlichen Entgrenzung wird mit einer Studie von Eberling et al. (2004) zu Arbeitszeitkonten und Blockfreizeiten bearbeitet und die räumliche Entgrenzung mit einer Studie zur Teleheimarbeit von Kleemann (2005). Im Schlussteil werden die Ergebnisse der subjektzentrierten Chancen-Risiken-Analyse diskutiert und mögliche Fragestellungen daraus abgeleitet sowie ein Fazit gezogen.

2 Strukturwandel von Erwerbsarbeit

Das Phänomen der Erwerbsarbeit unterliegt vergangenen, gesellschaftsstrukturellen Dynamiken und ist bis in das heutige Zeitalter durch einschneidende Veränderungen geprägt. Für die Analyse der Fragestellung werden im Hauptteil die subjektorientierten Anforderungen der Entgrenzungsprozesse von Arbeit betrachtet, die letztlich als ‚Konsequenz’ des historischen Wandels von Arbeit hervorgehen.

Darüber hinaus ist es zunächst nötig die historisch gewachsenen und etablierten ‚Grenzen’ zwischen der Arbeits- und Lebenssphäre aufzuzeigen, um eine Entgrenzung derselben nach- zuvollziehen (Kratzer/Sauer 2005: 94). So wird die Zeit des Fordismus des Industriekapita- lismus Ende des 19. Jahrhunderts in der empirischen Forschung als „historische Referenzfo- lie“ gesehen, die charakteristisch für eine strukturelle Separierung von der Arbeit- und Le- benssphäre steht (ebd. 2005: 94). Diese industrielle, idealtypische Zeit wird im Folgenden Abschnitt erläutert, da sie bezüglich der Chancen und Risiken von Entgrenzungsprozessen der neuen Arbeitswelt, in Gegenüberstellung zur postfordistischen Phase von Bedeutung ist. Demgemäß werden konsekutiv auch die wichtigsten Flexibilisierungsprozesse im Post- Fordismus benannt, um einen Wandel der Arbeitswelt zu skizzieren und zielführend die Ent- grenzung von Arbeit und Leben zu thematisieren.

2.1 Trennung von Arbeit und Leben im Fordismus

Historischer Ausgangspunkt der ‚strukturellen Grenzziehungen’ zwischen Arbeitssphäre und häuslichem Lebensbereich ist das Zeitalter der Industrialisierung im 20. Jahrhundert (Jürgens 2006: 7). In dieser Phase veränderte sich das Wesen und die Stellung von ‚Arbeit’ in der Ge- sellschaft, indem sie sich von der Sklaverei und Leibeigenschaft ablöste und zur „marktgän- gigen Ware“ entwickelte (Pries 2010: 35). An der Vermarktung menschlicher Arbeitskraft und dem damit einhergehenden Tauschverhältnis von Geld durch den ‚Verkauf’ an den Besit-zer von Produktionsmitteln, haftet ein neuartiger existenzsichernder Mechanismus für den „Arbeitkraftbesitzer“ (Marx/Engels 1972). So wurde der Lohnarbeit neben anderen Tätigkeiten eine „Sonderstellung“ in der Gesellschaft zuteil, die sich über den Geld- und Subsistenmittelerwerb definierte (Jürgens/Voß 2007: 3).

Der Prozess ging mit einer räumlichen Auslagerung der Erwerbsarbeit in außerhäusliche Produktionsstätten, wie beispielsweise Fabriken oder Büros einher, wo die Ausführung der Tätigkeiten unter hochreglementierter und obligatorischer Steuerung der Arbeitgeber stand (Jürgens/Voß 2007: 3).

Die mit fortschreitender Industrialisierung in den Fokus rückende rationalisierte Arbeitsorga- nisation (vgl. Taylorismus) folgte einer Logik der hochgradigen Arbeitsteilung hinsichtlich der physisch technischen Arbeitsausführung durch die Arbeitskräfte und einer planvollen Ko- ordination auf Seiten des Managements, die eine Steigerung der Arbeitsproduktivität ermög- lichte, zugunsten kapitalistischer Massenproduktion und Massenkonsumption (Hirsch/Roth 1986: 49; Braverman 1977: 74; Nerdinger et al. 2011). Inbegriff dieser kapitalistischen Pro- duktionsweise ist der sogenannte Fordismus1 , der als historische Gesellschaftskonstitution charakteristisch für den Industriekapitalismus angesehen wird und zu einem neuen gesell- schaftlichen „Produktions-Reproduktionszusammenhang“ des Subjekts führte (Hirsch/Roth 1986: 51; Jürgens/Voß 2007: 4). Nach Marx (1956) trennt und „entfremdet“ sich die Arbeit in Form kapitalistischer Warenproduktion vom reproduktiven Leben, indem das Subjekt durch den Verkauf seiner Arbeitskraft dem „fremdbestimmten“ Arbeitsprozess unterworfen wird (Marx/Engels 1956: in Voß 1991: 25). Zudem konstituierte sich ein betriebliches Zeitarran- gement in Form eines Normalarbeitsverhältnis, das für die reine Verausgabung von Arbeits- kraft, entlang des durchrationalisierten Arbeitsprozesses ökonomisch genormt wurde und sich damit von privaten Zeitmustern abgrenzte (Hielscher 2000: 6).

Die vom Betriebsort und dem verbindlichen industriellen Zeitarrangement abzugrenzende Sphäre wird folglich als selbstbestimmte Reproduktionssphäre und „freie Zeit“ begriffen, in der sich die Subjekte von den Belastungen erholen können - zur Wiederherstellung ihrer Ar- beitskraft (Voß 1991: 25; Hielscher 2000: 4). Darüber hinaus müssen in dieser Sphäre beste- hende soziale Verhältnisse aufrechterhalten, gewissermaßen reproduziert werden durch die Versorgung und Pflege der Familie (Jürgens/Voß 2007: 4).

Infolgedessen habitualisierte sich eine Gesellschaftsstruktur, die sich durch die zeitliche und räumliche Trennung von Erwerbstätigkeit im Betrieb sowie privaten Lebensaktivitäten am Wohnort definiert (Jürgens/Voß 2007: 5).

Nichtsdestotrotz lassen sich seit einigen Jahren gesamtgesellschaftliche Veränderungen iden- tifizieren, die neben der Arbeitswelt auch die Struktur der Lebenswelt betreffen und als histo- rische Phase des Postfordismus hervorgehen (ebd. 2007: 5). Daher werden im folgenden Ka- pitel grundlegende Wandlungstendenzen, die mit dem Verhältnis von Arbeits- und Lebens- sphäre einhergehen aufgezeigt, um den Rahmen für die nachfolgende Thematik der Entgren- zung zu spannen.

2.2 Flexibilisierungsprozesse von Arbeit und Leben im Postfordismus

Ausgangspunkt der Veränderungstendenzen in der Arbeitswelt ist die Krise des fordistischen Produktionsmodells Ende des 20. Jahrhunderts und der damit einhergehenden Entwicklung neuer Formen der Arbeitsorganisation und Produktionskonzepte (Kratzer 2005: 5). Die rigide Arbeitsstrukturierung und die vom Management ausgehende Fremdkontrolle von Arbeitsvorgängen des Fordismus werden kritisch diskutiert und manifestieren sich zum ‚Rationalisierungshinderniss’ der flexiblen Neuzeit (Sauer 2010: 548). Grundlegende Einflussfaktoren und Beweggründe dieser Dynamik entspringen einem Komplex an vielseitigen Flexibilisierungsprozessen gesellschaftlicher Strukturen:

Auf ökonomischer Ebene ist der stetig wachsende Konkurrenzdruck für die Unternehmen zu nennen und die damit einhergehende Marktorientierung durch die Auflösung nationaler Grenzen infolge der Globalisierung (Kratzer & Sauer 2005: 97, Jürgens & Voß 2007: 5). Zu- dem trägt die Tertiarisierung dazu bei, dass sich die nationale Beschäftigungsstruktur vom Industrie- zum Dienstleistungssektor verschiebt und sich mit den Dienstleistungsberufen vor allem das fordistische Normalarbeitsverhältnis dereguliert und atypische Zeitrhythmen durch- setzen (Egbringhoff 2007: 109, Kratzer & Sauer 2005: 97). Im Zuge dessen sind auf gesell- schaftlicher Ebene Individualisierungstendenzen anzumerken, die vor allem das Bild der ge- schlechtssegregierten Arbeitsteilung zwischen Produktions - und Reproduktionssphäre auflö- sen, indem die Erwerbsbeteiligung von Frauen deutlich ansteigt und heutzutage - anders als im Fordismus - mit dem Niveau der Männer gleichzusetzen ist (Kratzer & Sauer 2005: 97). Über die sozioökonomische Dimension hinaus, sind auch auf technischer Ebene Veränderun- gen festzustellen: So forciert der Aufbau von „Informations- und Kommunikationstechnolo- gien“ flexible Möglichkeiten in der Arbeitswelt, indem Erwerbstätigkeit durch die neue Dy- namik von Informationsvermittlung, zunehmend vom betrieblichen Arbeitsort losgelöst wird (Jürgens & Voß 2007: 7).

Zusammenfassend lässt sich ein vielschichtiger Umbruchprozess in der Gesellschaft konsta-tieren, dessen einzelne Entwicklungsparameter neue betriebliche Arbeitsformen bedingen, die sich vom fordistischen Modell ablösen und ein flexibles Verhältnis zwischen Arbeit und Le- ben schaffen.

3 Entgrenzung von Arbeit und Leben

Der beschriebene sozioökonomische Strukturwandel vom Fordismus zum Postfordismus zeigt die Veränderungen von Erwerbsarbeit deutlich auf und bietet eine Verständnisgrundlage für den thematischen Einstieg in die subjektbezogene Analyse des Entgrenzungsphänomens von Arbeit und Leben. Dafür wird im Folgenden zunächst neben einer definitorischen Einfüh- rung die dimensionale Komplexität der Entgrenzung aufgezeigt, um daran anknüpfend im Detail, hinsichtlich zeitlicher und räumlicher Dimension, die Chancen und Risiken für den Arbeitnehmer aufzuzeigen.

3.1 Ein Definitionsversuch

Der Begriff Entgrenzung beschreibt ganz allgemein einen gesellschaftlichen Prozess, in dem sich historisch entstandene begrenzende Sozialstrukturen, anfangen aufzulockern oder gar aufzulösen (Voß 1998: 474).

Zur Erinnerung, die räumliche und funktionale Ausdifferenzierung der verschiedenen Le- bensaktivitäten steht repräsentativ für die Phase des Industriekapitalismus und das tayloristi- sche Modell, in dem große Teile der Arbeit von häuslichen Reproduktionsstätten in Betriebe verlagert wurden und durch ihre existenzsichernde Eigenschaft eine gesellschaftliche Sonder- stellung gegenüber anderen Tätigkeitsformen erhielten (Jürgens/Voß 2007: 3). In Abgrenzung dazu charakterisiert die häusliche Reproduktionssphäre einen Bereich, in der sich die Menschen von den Beanspruchungen der Arbeit erholten und anderen Tätigkeiten nachgehen (ebd. 2007: 4).

Mit dem im Postfordismus entstandenen Entgrenzungsphänomen löst sich zunehmend die starre Struktur der betrieblich organisierten Arbeit und die davon separierte Privatsphäre (Kratzer 2005: 9). Durch eine zunehmend erhöhte Selbstorganisation im Arbeitsprozess erodieren einerseits die Grenzen zwischen der Person und der Nutzung seiner Arbeitskraft sowie vor allem die Grenzen zwischen der Arbeits- und Lebenswelt (ebd. 2005: 9).

[...]


1 Der Begriff Fordismus geht auf den Automobilhersteller Henry Ford (1863-1947) zurück, der für die Massenproduktion eines Automobils Arbeitskräfte einstellte und diese nach der Logik tayloristischer Arbeitsorganisation „stupide Tätigkeiten“ gegen relativ hohe Löhne verrichten lies, um sie für die „Ausbeutung“ ihrer Arbeitskraft zu motivieren (Hirsch/Roth 1986: 51).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Entgrenzung von Arbeit und Leben. Die Chancen und Risiken der zeitlichen und räumlichen Entgrenzung für den Arbeitnehmer
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Neuere Ansätze der Industriesoziologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
22
Katalognummer
V322408
ISBN (eBook)
9783668215788
ISBN (Buch)
9783668215795
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entgrenzung, arbeit, leben, chancen, risiken, arbeitnehmer
Arbeit zitieren
Insa Genausch (Autor), 2014, Entgrenzung von Arbeit und Leben. Die Chancen und Risiken der zeitlichen und räumlichen Entgrenzung für den Arbeitnehmer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322408

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