Internationale Beziehungen und Moderne Systemtheorie. Soziale Phänomene im „Zeitalter der Komplexität“


Seminararbeit, 2014

36 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Komplexität?

3 Die Komplexität der internationalen Beziehungen

4 Grundlagen der allgemeinen Systemtheorie
4.1 Epistemologie und Ontologie
4.2 Struktur und Dynamik
4.3 Sinnkonstituierende Systeme und Kontingenz

5 Dimensionen des Sinns – Kommunikation und die Emergenz sozialer Systeme

6 Das Modell der Weltgesellschaft
6.1 Das politische System der Weltgesellschaft

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Begriff der »Komplexität« und das dazugehörige Verb »komplex« gehören zu jenem Semantikrepertoire, welches gegenwärtig in nahezu allen Diskursen und Gesellschaftsfeldern vorkommt, sei es z.B. in der Politik zur Beschreibung und Legitimation von Problemen oder in der Wirtschaft zur Illustration von intransparenten Verflechtungen und Handelsbeziehungen. Vor allem findet der Begriff aber in den wissenschaftlichen Diskursen Verwendung, wo er unter Labeln wie »Komplexitäts- oder Systemtheorie« diskutiert wird und sich zusehends interdisziplinär etabliert. In der Politikwissenschaft erscheinen disziplininterne Komplexitätssemantiken im Zuge der globalen Krisenerfahrungen in den späten 1960er und insbesondere 1970er Jahren. Diese erfüllen vor allem den Zweck der Thematisierung und Analyse von Strukturen der globalen Verflechtung, welche den beobachteten Krisenphänomenen zugrunde liegen und der Herauskristallisierung ihrer Implikationen für die internationalen Beziehungen. In diesem Kontext verweisen insbesondere die Autoren Nye und Keohane auf stetig zunehmende wechselseitige Abhängigkeiten zwischen den Akteuren im Geflecht der internationalen Beziehungen.1 Mit ihrem Idealtypus der »komplexen Interdependenz«, welcher vereinfacht ausgedrückt eine schlichte Umkehrung der konstitutiven Prämissen des strukturellen Realismus darstellte, kritisierten sie die Modellbildung jener bis dato dominierenden Theorieausrichtung. Gewissermaßen erwuchs aus dieser Kritik die Grundlage für eine neue Perspektive auf die Phänomene des internationalen Raumes, in der die Mehrdimensionalität des Untersuchungsgegenstandes bereits in den Relevanzstrukturen des spezifischen Beobachtungsmodus verankert war.2

Nutzt man »Google« oder andere Onlinesuchmaschinen, um sich dem Begriff der Komplexität zu nähern, so erhält man eine überwältigende Fülle von Ergebnissen – ca. 5.400.000 nach Angaben von Google. Ferner lässt sich dabei erahnen von welcher Bedeutung Komplexitätssemantiken aktuell sind. Hierbei sticht insbesondere die Relevanz von Komplexitätstheorien für die Informatik und Ökonomie heraus. Letztere manifestiert sich z.B. in dem Vorhandensein eines eigenständigen Artikels über Komplexität im »Gabler Wirtschaftslexikon«. Dieser Beitrag illustriert nicht nur die Signifikanz von systematischen und mehrdimensionalen Beobachtungen für ökonomische Sachveralte, sondern liefert zudem auch eine einschlägige Übersicht von Schlüsselbegriffen, welche den Komplexitätsbegriff im Allgemeinen und die Komplexitätstheorie im Besonderen inhaltlich ummanteln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus dieser Mindmap3 erschließen sich bereits zentrale Elemente und Konzepte, welche Komplexitätstheorien, unabhängig von ihrem konkreten Untersuchungsgegenstand, gemeinsam haben. Einige dieser Konzepte gilt für das primäre Ziel dieser Ausarbeitung, d.i. das Fruchtbarmachen einer komplexitätsbasierten Systemtheorie für die Internationalen Beziehungen, genauer zu beleuchten. Zu diesem Zweck werden vor allem Ideen, wie die der »Selbstorganisation«, »Nichtlinearität« und »Synergetik« im weiteren Verlauf dieser Arbeit immer wieder aufgegriffen und in Relation zu einander reflektiert. Ferner wird angenommen, dass Komplexitätstheorien einen wertvollen Beitrag zur Produktion von vielschichtigen Erkenntnissen über den Raum der internationalen Beziehungen und die in ihm stattfindenden Ereignisse liefern. Dies ist auf die umfassenden Kapazitäten derartiger Modellkonstruktionen zurückzuführen, welche es ermöglichen mehrdimensionale und sogar widersprüchlich anmutende Phänomene in einen kohärenten metatheoretischen Rahmen zu integrieren und in diesem zu analysieren. Am Beginn dieser Ausarbeitung steht daher eine grundlegende Bestimmung des Komplexitätsbegriffes, welche sich zunächst auf der Ebene einer allgemeinen bzw. abstrakten Systemtheorie bewegt und im weiteren Verlauf der Untersuchung noch genauer spezifiziert wird. In diesem Zusammenhang gilt es vor allem die zentralen Elemente der komplexitätsbasierten Theoriebildung herauszuarbeiten und zu erläutern. Im nächsten Schritt wird dieses basale Theoriemuster dann auf das klassische Modell des Neo-Realismus angewandt, um so die Defizite unterkomplexer Modellbildung exemplarisch zu illustrieren. Hierbei wird auf Grundlage der Prämisse operiert, dass das Geflecht der internationalen Beziehungen – im Zuge der Globalisierungsprozesse – eine enorme Steigerung an Komplexität erfährt, welche mit linearen bzw. reduktionistischen Modellen nicht mehr adäquat abgebildet und untersucht werden kann. Im Anschluss knüpft ein Abriss der Allgemeinen Systemtheorie nach Niklas Luhmann an, dessen Theorie – angesichts gegenwärtiger Diskurse in den Internationalen Beziehungen – als eine besonders fruchtbare Möglichkeit der Brückenkonstruktion angesehen wird. Daher sollen vor allem die theoretischen Fundamente dieser äußerst komplexen Theorie in einer nachvollziehbaren Weise erläutert und in ihrer relationalen Architektur veranschaulicht werden. Im abschließenden Teil dieser Ausbreitung wird aufbauend auf dem theoretischen Grundrisses ein komplexes Modell des internationalen Systems vorgestellt. Dieses auf der Systemtheorie beruhende Modell gilt es schließlich genauer auszudifferenzieren und dabei gewinnbringende Schnittstellen mit den Internationalen Beziehungen aufzuzeigen.

2 Was ist Komplexität?

Grundsätzlich kann Komplexität als Gegensatz zum Begriff der Einfachheit aufgefasst werden. Dabei findet die Unterscheidung einfach/komplex vor allem in wissenschaftlichen Kontexten Verwendung, um die Zustände von beobachteten Systemen qualifizieren zu können und entsprechende Herangehensweisen zu postulieren. In diesem Zusammenhang repräsentiert Komplexität einen spezifischen Ordnungs- und damit auch Beobachtungsmodus von Systemen, welchen es von einfachen oder chaotischen4 Modi zu differenzieren gilt. Demnach liegt es nahe die konkrete Bestimmung einer arbeitsfähigen Komplexitätssemantik anhand der basalen Begriffe des systemtheoretischen Denkens zu leisten – d.h. gemäß der Vorstellung, dass alle Systeme durch Wechselwirkungen ihrer Elemente konstituiert werden. Folglich gilt es zunächst einmal allgemeine Kriterien für die spezifischen Elemente und ihre konstitutiven Relationen zu formulieren, die bestimmte Systeme als komplex wahrnehmbar und somit von einfachen und chaotischen Systemen differenzierbar machen. Zu diesem Zweck werden die Begriffe Varietät, Konnektivität und Dynamik herangezogen, um jenes typische Muster von Eigenschaften zu illustrieren. Der Terminus der Varietät wird dabei verwendet, um die Quantität und Qualität der systemintegralen Elemente zu beschreiben. Hieran schließt eine Deskription der systemischen Elementrelationen an. Dieser Sachverhalt wird durch den Begriff der Konnektivität beschrieben, der die Art und Anzahl der Elementrelationen charakterisiert, die für ein bestimmtes System konstitutiv sind. Schließlich wird durch den Begriff der Dynamik versucht das Maß der systemischen Unbestimmbarkeit und Unvorhersehbarkeit darzustellen, welches aus den jeweiligen Vernetzungsmustern resultiert.5 Gemäß dieser abstrakten Deskriptoren kann folgender Idealtypus gebildet werden:

Komplexe Systeme verfügen über eine relativ große Anzahl und hohe Diversität an Elementen. Ferner sind ihre Elemente im besonderen Maße durch eine Sensibilität für gegenseitige Einflussnahme gekennzeichnet. Diese manifestiert sich vor allem in den mannigfaltigen und wechselhaften Interdependenzbeziehungen, welche ihre Elemente untereinander konstituieren und variieren. Die lose Kopplung der Elemente und ihr hohes Maß an Irritabilität lassen komplexe Systeme als besonders dynamische Gebilde erscheinen, deren Strukturen und Strukturierungsprozesse nicht linearen bzw. deterministischen Mustern folgen. In Anbetracht der permanenten Potentialität von relationalen Variationsprozessen, erschließt sich, dass komplexe Systeme durch ein besonders hohes Maß an Unbestimmbarkeit und Unvorhersehbarkeit geprägt sind. Weshalb sowohl identische Systemereignisse zu variierenden Outputs als auch variierende Inputs zu identischen Ergebnissen führen können. Zudem ist es für diesen Typus von System charakteristisch, dass mit der Zunahme von Elementen – gemäß der steigenden kombinatorischen Potenz6 für die Bildung von möglichen Elementbeziehungen – auch eine Zunahme der Dynamik & Unvorhersehbarkeit einhergeht. Es lässt sich demnach festhalten, dass derartige Systeme nicht im Sinne kausaler Mechanismen operieren und demnach auch nicht anhand von reduktionistischer Kausalschemata adäquat beobachtet und erklärt werden können.7

Bezieht man dieses abstrakte Typisierungsmuster nun auf soziale Systeme, so erschließt sich, dass eine komplexitätstheoretisch fundierte Theorie sozialer Sachverhalte bestimmte Prämissen zugrunde legen muss, um ihren Beobachtungsgegenstand – in diesem Fall die internationalen Beziehungen – als komplexes und dynamisches System konstituieren und analysieren zu können. So muss unter anderem davon ausgegangen werden, dass: (A) Wirkungszusammenhänge nur äußerst begrenzt über den Beobachtungsmodus der Kausalität beschrieben werden können; (B) Akteure in Anbetracht der Vielschichtigkeit, Gleichzeitigkeit & Wandelbarkeit von Strukturen und Prozesse niemals vollständig informiert sein werden, geschweige denn dazu im Stande sind immer die bestmöglichen Mittel für ihre Interessen ausfindig zu machen. Darüber hinaus muss angenommen werden, dass eine Informationsineffizienz vorherrscht, was bedeutet, dass einige Akteure – abhängig von der Komplexität ihrer Beobachtungsinstrumente – über mehr Informationen verfügen als andere; (C) sich System- bzw. Strukturtransformationen nicht teleologisch sondern immer evolutionär vollziehen und demnach (D) Prognosen über die Entwicklung des beobachteten Systems nur äußerst begrenzt möglich sind; (E) eine grundlegende Situation der Unsicherheit und Unbestimmtheit vorherrscht, die für alle Akteure die Rahmenbedingung ihres Operierens konstituiert.8

3 Die Komplexität der internationalen Beziehungen

[Internationale Beziehungen] Ist ein Fachausdruck für die Menge der von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren konstituierten grenzüberschreitenden Handlungszusammenhänge, die auf die rechtlich oder faktisch autoritative Zuteilung von Werten in den Sachbereichen Sicherheit, Wohlfahrt und Herrschaft gerichtet sind. Zudem wird der Begriff zur Bezeichnung der politikwissenschaftlichen Teildisziplin zur Analyse dieser Handlungszusammenhänge benutzt. IB bezeichnet ausschließlich politische Handlungszusammenhänge, so dass der grenzüberschreitende Austausch von Waren, privatem Kapital, Informationsmedien oder geistigen Eigentum mit Rücksicht auf die Theoriebildung als Untersuchungsobjekte ausgeklammert wird.9

Aus dem vorangestellten Zitat lässt sich entnehmen, dass es sich bei den internationalen Beziehungen zunächst um einen Begriff handelt, bei dem es zwei grundlegende Bedeutungsinhalte zu differenzieren gilt. Denn auf der einen Seite bezeichnet der Begriff ein wahrgenommenes Phänomen – d.s. die Interaktionen von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren – und auf der anderen Seite die wissenschaftliche Analyse der Gesamtheit dieser Phänomene. Ferner wird die Schreibweise »internationale Beziehungen« (iB) verwendet, um die spezifische Kategorie von Phänomenen zu bezeichnen und von der Schreibweise »Internationale Beziehungen« (IB) unterschieden, welche die wissenschaftliche Erforschung dieser Phänomene benennt. Die Grundlage dieser Forschung bildet die Konstruktion von theoretischen Modellen, anhand derer die systematische Ordnung und belastbare Erklärung von beobachteten Phänomenen möglich wird.

Ein einschlägiges Beispiel für eine derartige Modellbildung, welches auf dem oben angeführten Begriff der internationalen Beziehungen und dem dazugehörigem Selbstverständnis der Disziplin beruht, stellt das Theoriegebäude des Neo-Realismus dar. Dieser geht von der Prämisse aus, dass die Phänomene der internationalen Sphäre ausschließlich auf der »systemischen Ebene der Beobachtung« adäquat erfasst und erklärt werden können. Dabei wird angenommen, dass sich das »internationale System« (IS) aus zwei grundlegenden Elementen konstituiert: (A) den Einheiten bzw. Akteuren – d.s. primär Staaten – und (B) den Strukturen des Systems, welche es unabhängig von den jeweiligen Einheiten zu betrachten gilt. Der Begriff »Einheiten« bringt bereits zum Ausdruck, dass die Staaten im internationalen System als uniforme Akteure aufgefasst werden, deren interne Struktur – im Sinne einer »Blackbox« – bei der theoretischen Modellierung ausgeklammert wird. Ferner werden die Akteure (A) des strukturellen Realismus durch folgende drei Charakteristika konstruiert: 1.) Dem basalen Interesse der Aufrechterhaltung von staatlicher und geographischer Integrität (Selbsterhaltung), welches unabhängig von den konkreten Interessen und Präferenzen der de facto Staaten allen Akteuren zugeschrieben wird. 2.) Dem Verfolgen dieses zentralen Interesses im Modus der Zweck-Mittel-Rationalität und der Strategiebildung, unter dem Gesichtspunkten von Unsicherheit und Misstrauen bezüglich der Intentionen anderer Staaten. 3.) Den Kapazitäten an Machtmittel, über welche die Akteure verfügen. Hierbei ist anzumerken, dass sich die primär uniformen Akteure in dieser Dimension voneinander unterscheiden und der Aspekt der Machtkapazität somit das zentrale Differenzierungskriterium im Modell des Neo-Realismus darstellt.10

Die Struktur (B) des internationalen Systems wird als Variable konzipiert, die losgelöst von Interaktionen der Akteure besteht und dadurch einen unabhängigen kausalen Einfluss auf das Verhalten der Akteure ausübt. Dieser Einfluss manifestiert sich in bestimmten Kontexten in Form von grundsätzlich ähnlichen Verhaltensweisen der Akteure. Im Modell des Neo-Realismus ist die politische Struktur des IS durch drei Elemente bestimmt: 1.) Das Ordnungsprinzip, welches die Organisation der Akteure im jeweiligen System beschreibt und in zwei mögliche Ausprägung zerfällt. Auf der einen Seite die hierarchische Struktur, welche das Vorhandensein einer übergeordneten Instanz – die über ein Gewaltmonopol und damit Sanktionsgewalt verfügt – und die Unterordnung aller anderen Akteure unter dieser Instanz zum Ausdruck bringt. Und auf der anderen Seite die anarchische Struktur, welche die Abwesenheit einer solchen übergeordneten Instanz (z.B. einer Weltregierung) beschreibt. 2.) Die Funktionsspezifizierung bezeichnet in welchem Maß funktionale Differenzierung im internationalen System vorherrscht, wobei das Kriterium analog zur Arbeitsteilung und Ausdifferenzierung von funktionalen Sphären in einer Gesellschaft aufgefasst wird und somit das Maß an potentieller und aktueller Kooperation repräsentiert. 3.) Das letzte Strukturmerkmal bezeichnet die Machtrelation der jeweiligen Systemeinheiten zueinander – obwohl die Machtkapazitäten als Attribute der Akteure erachtet werden. Hieraus resultieren drei mögliche Formen der Machtverteilung: (A) Die unipolare Machtstruktur (es existiert ein besonders mächtiger Akteur – d.i. der Hegemon); (B) die bipolare Machtstruktur (es existieren zwei besonders mächtige Staaten – ein Beispiel hierfür wäre die Blockkonfrontation während des Ost-West-Konfliktes); (C) die multipolare Machtstruktur (das internationale System wird durch mehr als zwei besonders mächtige Akteure bevölkert).11

Demnach konstruiert das Theoriegebäude des Neo-Realismus ein »internationales System«, dessen basale Variable die Ordnungsstruktur des Systems darstellt. Folglich bildet die Vorstellung, dass das internationale System durch die Abwesenheit einer übergeordneten Instanz (Anarchie) gekennzeichnet ist, die konstitutive Prämisse des Modells. In diesem anarchisch strukturierten System existieren die »uniformen Staaten«, deren primäres Interesse ihre Selbsterhaltung ist und versuchen dieses Ziel durch die Akkumulation von Sicherheit zu gewährleisten. Ferner werden andere Staaten in der Umwelt als potentielle oder aktuelle Bedrohung für die eigene Sicherheit aufgefasst (Sicherheitsdilemma) und anhand ihrer Machtkapazitäten beobachtet. Jeder Akteur vergleicht dann die beobachteten Machtkapazitäten – der anderen Akteure – mit den eigenen und stellt fest, ob ein Gleichgewicht oder Ungleichgewicht bezüglich der Machtverteilung vorherrscht. Stellt ein Staat eine Machtasymmetrie fest, so ist er genötigt, die eigene Macht – mittels geeigneter Strategien – zu vergrößern, um so relativ zu den Akteuren in seiner Umwelt Sicherheit zu generieren. Sollte dieses Unterfangen misslingen, so läuft der Akteur kontinuierlich Gefahr durch mächtigere Staaten unterworfen oder annektiert zu werden. Aus diesem Grund kann das neorealistische Modell der internationalen Beziehungen als ein System der Selbsthilfe betrachtet werden, in dem Staaten ihre politische Umwelt als stetige Bedrohung wahrnehmen und durch die selbstreferenzielle Akkumulation von Macht versuchen, sich relativ zu den anderen Akteuren im System besser zu positionieren. Dieses Verhaltensmuster verspricht unter den gegebenen Umständen Sicherheit im Angesicht einer Situation struktureller Unsicherheit zu generieren und somit die Selbsterhaltung der Staaten zu gewährleisten. Letztendlich führt dieses Modell des IS zu der Konklusion, das die iB überwiegend durch argwöhnische bzw. konflikthafte Relationen zwischen den Akteuren und die Unwahrscheinlichkeit von Vertrauen und Kooperation gekennzeichnet sind.12

Grundsätzlich stellte der strukturelle Realismus bis zum Ende des Ost-West-Konfliktes (bipolare Struktur des IS) 1989/90 ein einschlägiges Modell für die Erklärung der meisten Phänomene im Raum der internationalen Beziehungen dar. Doch im Zuge der anhaltenden Transformationsprozesse des internationalen Raumes, ausgehend von der rapiden Zunahme von Globalisierungstendenzen, dem Zusammenbruch der Sowjetunion, und der anhaltenden Konsolidierung von regionalen und globalen Kooperationsstrukturen, ist das eindimensionale Modell des Neorealismus nicht mehr imstande die Diskontinuität der Entwicklungen adäquat zu erfassen und die komplexen Phänomene in ihrer Mehrdimensionalität zu erklären. Die zunehmende Komplexität, welche mit den umfassenden Transformationsprozessen einhergeht, spiegelt sich auch in der Vielschichtigkeit neuerer Semantiken der internationalen – bzw. Internationalen – Beziehungen wieder:

Die internationalen Beziehungen werden als das Beziehungsgeflecht grenzüberschreitenden Interaktionen staatlicher und nichtstaatliche Akteure im Weltmaßstab verstanden (Kohler-Koch 2001: 263), die gewöhnlich in den Bereich der internationalen Politik und der transnationalen Beziehung unterteilt werden. Der traditionelle Begriff der internationalen Politik birgt ein Bild der internationalen Beziehungen als Staatenwelt, in dem die staatlichen Akteure aus dem Bereich des gesamten politischen Systems als die entscheidenden angesehen werden. Dieses Bild von der Staatenwelt wird in zunehmendem Maße von dem der „Gesellschaftswelt“ (Czempiel 1991) abgelöst, in der Staaten zur nach wie vor eine wichtige Rolle spielen, in der aber vor allem der wachsenden Rolle grenzüberschreitender Aktivitäten nichtstaatliche Akteure, wie gesellschaftlichen Akteuren oder internationalen Organisationen, Rechnung getragen wird. Dazu zählen beispielsweise Nichtregierungsorganisationen (z.B. Amnesty International), wirtschaftliche Akteure (z.B. transnationale Konzerne wie Siemens), globale soziale Bewegungen (z.B. die „Antiglobalisierungsbewegungen“) oder auch zwischenstaatliche internationale Organisationen wie beispielsweise die Vereinten Nationen, supranationale Einrichtung wie die Europäische Union oder Regierungsforen wie G7/G8.13

Weiter heißt es bei Spindler und Schieder, dass die Theorien der Internationalen Beziehungen […] dann im weitesten Sinne allgemeine Aussagen über dieses Beziehungsgeflecht grenzüberschreitenden Interaktionen [treffen] und das darin politische relevante, auf Wertzuweisungen gerichtete Handeln von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren [untersuchen].14

Anhand dieser aktuelleren Beschreibung des Phänomens und Selbstbeschreibung der wissenschaftlichen Disziplin werden nun einige zentrale und besonders relevante Aspekte deutlich, welche die theoretische Modellbildung berücksichtigen muss, um der Komplexität der gegenwärtigen Entwicklungen gerecht zu werden. Zunächst einmal zeigt sich, dass die ontologische Setzung des Nationalstaates als primär konstitutive Einheit und epistemologischer Ausgangspunkt – wie es am Beispiel des strukturellen Realismus illustriert wurde – für die Modellierung des internationalen Systems – d.i. die zentrale Analysekategorie und somit das Fundament für die adäquate Erforschung der internationalen Beziehungen – unterkomplex ist. Zudem spielen diese Modelle, inklusive ihrer zugrundeliegenden Prämissen, auch eine bedeutende Rolle für die Ausarbeitung von realpolitischen Analysen und Entscheidungen. Hierbei verschwimmt die Differenz zwischen Analysemodell und »Wirklichkeit« weitestgehend, sodass das jeweilige Beobachterkonstrukt »IS« als die ontologische Struktur der internationalen Beziehungen erscheint und somit politische Entscheidungen maßgeblich beeinflusst: „A theory is political primarily through the way it conditions analyses, because a theory is a construct that enables particular observations about cases. However, theories are all too often discussed as though their function were to truthfully reproduce reality […].“15

Ferner folgt aus der Wahrnehmung der steigenden Akteursvielfalt und damit einhergehend der steigenden Vielfalt und Komplexität der Akteursrelationen in den iB, dass die ausschließliche Fokussierung auf Nationalstaaten im Besonderen – und das politische System im Allgemeinen – lediglich reduktionistische Erklärungen generieren kann. Diese Kritik wird zudem von aktuelleren Forschungsprogrammen zur Reifikation von Nationalstaaten gestützt, welche ihrerseits eine stichhaltige Kritik gegenüber theoretischen Modellen formulieren, die den »Staat« als ontologische Entität und konstitutive Variable unreflektiert voraussetzen:

[…] the legitimacy to use the state as a “unit” of analysis is questioned as historical-sociological studies point to the contingencies of historical state forms and critical studies examine the cognitive and epistemological constructs which uphold the imagery of the sovereign state as a “timeless” given.16

Demnach muss ein adäquates Modell des IS der Heterogenität, Diversität und Mehrdimensionalität der Akteure und den aus der Komplexität ihrer Interaktionen resultierenden – teils widersprüchlich anmutenden – Phänomenen, wie z.B. die gegenwärtig beobachtbare Ambivalenz der Sino-amerikanischen Beziehungen, welche auf der politischen Ebene durch ein antagonistisches Verhältnis gekennzeichnet ist, während die ökonomischen Relationen durch regen Handel und ein hohes Maß an Interdependenz strukturiert sind; oder der stetig wachsenden Bedeutung und Dynamik von transnationalen Terrornetzwerken, Rechnung tragen.

Neben der Ausdifferenzierung der Akteure und ihrer mehrdimensionalen Beziehungen, muss ein solches Modell auch die Möglichkeit der Strukturevolution als Theoriedeterminante inkorporieren und dabei sowohl Rückschlüsse über die Statik – bzw. die Reproduktion – von Strukturen als auch über deren Transformationsprozesse gewährleisten. Unter diesem Gesichtspunkt ist es von gesonderter Bedeutung, dass insbesondere Phasen der strukturellen Transformation einen angemessenen Beobachtungsmodus erhalten, um eben jene Phänomene der Nichtlinearität und Bifurkation besser verstehen zu können, welche wir z.B. seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der damit einhergehenden Erosion der linearen Ordnungsstruktur (»Bipolarität«) beobachten können. Nichtlinearität bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das beobachtete System durch nichtdeterministische Mechanismen geprägt ist und das spezifische Ordnungsmuster als komplex angesehen werden muss. In solchen Systemen konstituieren, reproduzieren und variieren die äußerst interdependenten Systemelemente – in Prozessen der kontinuierlichen, simultanen und verflochtenen Interaktion – ermergente Ordnungsmuster, deren Strukturen nicht auf die Eigenschaften der einzelnen Akteure reduzierbar sind.17

[...]


1 Vgl. Spindler Manuela: Interdependenz, in: Schieder, Siegfried & Spindler, Manuela (Hrsg.): Theorien der Internationalen Beziehungen, Opladen & Farmington Hills ²2006, S.93-97.

2 Vgl. Ebd. S. 101-104.

3 Feess, Eberhard: Komplexität, in: Gabler Wirtschaftslexikon. Abgerufen unter http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/komplexitaet.html (Stand: 18.12.2014)

4 Die relevante und äußerst umfassende Thematik der chaotischen Systeme verdient eine eigenständige Auseinandersetzung, welche an dieser Stelle nicht geleistet werden kann. Für eine grundlegende Einführung in das Thema siehe Greschik, Stefan: Das Chaos und seine Ordnung. Einführung in komplexe Systeme. München 1998.

5 Vgl. Schoeneberg, Klaus-Peter: Einführung in die Komplexitätsforschung und Herausforderungen für die Praxis, in: Schoeneberg, Klaus-Peter (Hrsg.): Komplexitätsmanagement in Unternehmen – Herausforderungen im Umgang mit Dynamik, Unsicherheit und Komplexität meistern, Springer Gabler 2014, S. 13-22, hier S. 14.

6 Vgl. Fredmund, Malik: Komplexität – was ist das? Cwarel Isaf Institute 2002, S. 6f. Abgerufen unter (http://www.kybernetik.ch/dwn/komplexitaet.pdf (Stand 19.12.2014)

7 Vgl. Schoeneberg: Einführung in die Komplexitätsforschung, S. 14f.

8 Köhler-Bußmeier, Michael & Loewen, Howard: Einfache Regeln, komplexe Dynamiken – Zur Modellierung von Akteursnetzwerken in den internationalen Beziehungen, in: Mitteilungen des Fachbereichs Informatik der Universität Hamburg, 344. Jhrg. (2010), S. 4f.

9 Vgl. Rittberger, Volker & Staisch, Mathias: Internationale Beziehungen, in: Fuchs, Dieter & Roller, Edeltraut (Hrsg.): Lexikon der Politik – Hundert Grundbegriffe, Ditzingen 2008, S. 128-132, hier S. 128f.

10 Vgl. Schörnig, Niklas: Neorealismus, in: Schieder, Siegfried & Spindler, Manuela (Hrsg.): Theorien der Internationalen Beziehungen, Opladen & Farmington Hills ²2006, S.70ff.

11 Vgl. Ebd. S.72ff.

12 Vgl. Ebd. S. 74-77.

13 Ebd. S. 18.

14 Ebd. S. 20.

15 Wæver, Ole: Politics, security, theory, in: Security Dialogue, 42. Jhrg. (2011), S. 466.

16 Albert, Mathias: On Modern Systems Theory of society and IR, in: Albert, Mathias & Hilkermeier, Lena (Hrsg.): Observing International Relations – Niklas Luhmann and World Politics, New York 2004, S. 14-29, hier S. 15.

17 Vgl. Köhler & Loewen: Einfache Regeln, komplexe Dynamiken, S.4.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Internationale Beziehungen und Moderne Systemtheorie. Soziale Phänomene im „Zeitalter der Komplexität“
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Komplexität und Internationale Beziehungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
36
Katalognummer
V322435
ISBN (eBook)
9783668213500
ISBN (Buch)
9783668213517
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Internationale Beziehungen, Systemtheorie, Komplexität, Systeme, Luhmann, Struktureller Realismus, Politik, Funktionaldifferenzierung, Weltgesellschaft, Doppelte Kontingenz, Autopoiesis, Konstruktivismus, Strukturelle Kopplung, Kontingenz, Politisches System, Modelle, Synergie, Umwelt, nichtlineare Zusammenhänge;, Beobachter, Kommunikation, Evolution
Arbeit zitieren
Gino Krüger (Autor), 2014, Internationale Beziehungen und Moderne Systemtheorie. Soziale Phänomene im „Zeitalter der Komplexität“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322435

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