Der biblische Kanon. Evangelische und katholische Tradition im Vergleich


Hausarbeit, 2015

14 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entstehung des Kanons
2.1 Wortbedeutung
2.2 Biblische Schriften im Kanon
2.3 Erster Kanon

3 Der biblische Kanon in der Weltgeschichte
3.1 Veranderungen bis zur Reformationszeit
3.2 Der Kanon in der Reformationszeit
3.3 Heutige Kritik

4 Der Kanon in evangelischer & KatholischerTradition
4.1 EvangelischerKanon
4.1.1 Evangelische Bibelubersetzung
4.2 Der romisch-katholische Kanon
4.2.1 Romisch-katholische Bibelubersetzung

5 Schlussbemerkungen
5.1 Gemeinsamkeiten
5.2 PersonlichesFazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Kein Buch wurde jemals so oft vervielfaltigt Oder ubersetzt wie die Bibel. Es gibt bereits Ubersetzungen in mehr als 2500 Sprachen, wobei die gesamte Bibel, mit Altem und Neuen Testament1, in 470 Sprachen vorliegt (Muller 2011). Durch diese Vielzahl an Ubersetzungen bekommt die Bibel eine unvergleichliche Reichweite auf der ganzen Welt, jedoch schaffen die vielen Ubersetzungen auch eine gewisse Verwirrung uber den eigentlichen Inhalt. Aber nicht mal in den originalen Bibelsprachen wie Hebraisch, Aramaisch Oder Griechisch liegt der Wortlaut fest (Mutschler 2013: 19). Das zeigt die Dringlichkeit uber den ,,christlichen Tellerrand” zuschauen und sich der Entstehung dieser Bibel zu widmen. Denn nur so konnen reflektierte und fundierte Aussagen uber die Inhalte aus dem besagten Buch getroffen werden. Ohne eine solche Betrachtung ist eine wissenschaftliche Auseinandersetzung nur sehr schwer moglich.

In dem nun folgenden Hauptteil mochte ich mich mit der Frage der Entstehung des biblischen Kanons sowie dessen Geschichte bis zur Gegenwart auseinandersetzen. Am Schluss werde ich den biblischen Kanon noch im Hinblick der zwei groftten deut- schen Konfessionen vergleichen und auf bestehende Unterschiede und Gemeinsam- keiten eingehen, gefolgtvon meinem personlichen Fazit.

2 Entstehung des Kanons

Die Bibel hat eine lange Entstehungsgeschichte. So erstreckt sich allein die Aufzeich- nung der Schriften schon uber einen Zeitraum von mehr als 1000 Jahren.2 Wobei zum Teil mehrere Hundert Jahre zwischen dem Geschehnis und der Aufzeichnung vergangen sind. Dies ist wieder ein Grund mehr sich der Entstehung des biblischen Kanons anzu- nehmen, welches im Folgenden geschieht.

2.1 Wortbedeutung

Der Begriff „Kanon“ kommt ursprunglich aus dem griechischen Wort Kavrov und be- deutet ins deutsche ubersetzt soviel wie gerader Stab. Durch die Verwendung dieses Stabes als Messlatte oder Messschnur wurde die Wortbedeutung auf „Regel“ oder „Standard“ erweitert. Im lateinisch bedeutet das Wort „canon“ Regel oder Gesetzt. Im spatlateinischen wird es dann mit Glaubensregel ubersetzt. Ab dem 4. Jahrhundert wird der Begriff in das kirchliche Vokabular ubernommen. Seit Mitte des 4. Jahrhunderts wird die Sammlung der biblischen Schriften „Kanon“ genannt. (Schoepflin 2007).

2.2 Biblische Schriften im Kanon

Schaut man sich die Reihenfolge der Bucher in verschiedenen Bibelubersetzungen an stoBt man mit unter auf Unterschiede im Inhaltsverzeichnis. Grund dafur sind die ver- schiedenen Textvorlagen der jeweiligen Ubersetzungen. Die ursprungliche Bibel ist in groBenteilen auf hebraisch geschrieben auBerdem gibt es kleine Passagen auf aramaisch. Die hebraische Bibel umfasst zwei mal 12 Bucher. Die alteste Ubersetzung ist die grie- chische „Septuaginta“3. Diese Stammt aus dem 4. Jahrhundert und wurde durch die Er- oberung des Orients durch Alexander und dem daraus resultierendem Sprachwechsel in das griechische, ubersetzt. Laut einer Legende stellte Alexander 70 Gelehrte ein, welche unabhangig voneinander die hebraischen Schriften ins griechische Ubersetzen. Die Ubersetzungen waren am Ende nahezu identisch, was die Autoritat der Ubersetzung hervorheben soll (Albani, 2012: 14). Die LXX umfasst 46 Bucher und wurde lange Zeit von den Christen als Bibel genutzt. Erst im dritten bis funften Jahrhundert wurde durch Hieronymus die hebraische Bibel wieder verwendet um diese ins lateinische zu uberset­zen (Mutschler, 2013: 38). Daraus entstand die lateinische Ubersetzung, die „Vulgata“.

Die hebraische Bibel ist in drei Teile gegliedert. (1) Die Tora4 umfasst die ersten funf Bucher Mose5 und erzahlt von der Erwahlung des Volks Israel und dessen Weg in das versprochene Land. Darauf folgen die Vorderen Propheten Bucher. Diese umfassen die Bucher Josua, Richter, 1. und 2. Samuel und die zwei Konige Bucher. Daran ange- schlossen kommen die (2) Hinteren Propheten6, in der Reihenfolge Jesaja, Jeremia, E­zekiel, Hosea, Joel, Amos, Obadja, (Jona, Micha, Nahum, Habbakuk, Zephania) , (Hag- gai, Sacharija, Maleachi)7. Als letzter Teil kommen die (3) Schriften8 mit den Buchern Psalmen, Hiob, Spruche, Ruth, Hohelied, Prediger, Klagelieder, Ester, Daniel, Esra und die zwei Chroniken Bucher. Durch diese Unterteilung wird die hebraische Bibel auch „Tanach“ genannt, was aus den hebraischen Namen der drei Teile abgeleitet wird.

Die LXX ist ebenfalls in drei Abschnitte geteilt. Die (1) Geschichtsbucher mit Gen, Ex, Lev, Num, Dtn, Jos, Jdc, Ruth, 1-4 Reg, 1-2 Chr, Esr, Neh, Est, Judith, Tobit, 1-4 Makk. Die (2) Lehrbucher mit Ps, Od, Prov, Koh, Cant, Hi ,Weish, Sir. Der letzte Teil stellen die (3) Propheten mit Hos, Am, MI, Joel, Ob, Jona, Nah, Hab, Zeph, Hag, Sach, Mal, Jes, Jer, Bar, Klgl, EpJer, Ez/Hes, Susanna, Daniel, Bel et Draco.

Diese Zusammensetzungen waren lange Zeit nicht einheitlich festgelegt und waren bzw. sind bis heute noch umstritten.

2.3 Erster Kanon

Es gab lange keine Festlegung des biblischen Kanons. Dieser variierte stark von den Regionen und den Glaubensausrichtungen der jeweiligen Bistumer.

Die Kanonisierung des AT kann in drei Stufen eingeteilt werden. Als (1) Stufe wird die Kanonisierung der Tora angefuhrt. Diese wurde in der nachexilischen Tempelgemeinde durchgefuhrt. Leitend in diesem Prozess war Esra, den man circa zwischen 450 v.Chr und 398 v.Chr. datiert. Grund fur diese Zusammenstellung war vermutlich ein politi- scher, da die Perser eine Reichsautorisation ansetzten und die Judaer sollten ein ver- bindliches Recht fixieren. Zusehen ist das in Neh 9f. „das Gesetzbuch des Himmelsgot- tes“, womit wahrscheinlich die Tora gemeint ist. Ein weiteres Anzeichen dafur ist die Abspaltung der Samaritaner im 3 Jh. v.Chr., da diese noch immer nur den Pentateuch, also die Tora als heilige Schrift haben. Die (2) Stufe vollzeiht sich in der Kanonisierung der Propheten. Dieser wird an dem Vorwort des Jesus Sirach Buches festgemacht. Hier wird „die Tora“ und „die Propheten“ als zwei feste Sammlungen genannt. Datiert wird dieser Prolog auf circa 130 v.Chr. Die (3) Stufe ist nur schwer zu fassen, da es sich hier um den „Rest“ der Schriften handelt. Diese Sammlung zieht sich vom 2 Jh. v.Chr. bis zum 2 Jh. n.Chr. und war lange Zeit umstritten. In Lk 24,44 findet man die Tora, die Propheten und die Psalmen. Daraus kann man schlieBen, dass es entweder nur um die Psalmen geht oder die Psalmen hier als Teil des Ganzen gesehen werden. Bei Flavius Josephus (ca. 95 n.Chr.) findet man eine Anzahl von 22 Buchern, die „jeder Jude ... als Weisungen Gottes betrachtet“. Hier geht es um die 5 Bucher Mose, 13 Bucher der Pro­pheten und „die ubrigen vier, die Hymnen an Gott sowie Lebensregeln fur die Men- schen enthalten“ (contra Apionem 1,7-8).

50/60 n.Chr. wurden die Jesusuberlieferung und die Sammlungen der apostolischen Briefe als zweiter Teil fixiert. (Leonhardt 2009:180). Darauf folgte 150 n.Chr. der erste Schritt zur Kanonbildung, indem die Kirche die LXX als AT festhielt und das NT aus normativen Evangelien und einer unbestimmten Anzahl von Apostelschriften.

Ein wichtiger WegweiBer der Kanonisierung der gesamten Bibel stellt der 39. Osterbrief des Bischofs Athansius von Alexandrien dar. Dieser verfasste den Brief im Jahr 367 n.Chr. und nannte darin 41 alttestamentliche und 27 neutestamentliche Schriften. Au- Berdem warnte er vor dem aneignen der Apokryphen. Die genannten Schriften stellen fur Athansius die „Quelle des Heils“ (Mutschler 2013:31) dar. Das Interessante an die­ser Zusammenstellung ist, dass sie in groBen Teilen mit dem evangelischen Kanon ubereinstimmt. Fur den Westen wurde im Jahr 382 n.Chr. durch eine romische Synode unter Bischof Damasus eine, zur Zusammenstellung des NT von Athansius identische, Zusammenstellung verabschiedet. Jedoch in anderer Reihenfolge (Leonhardt 2009:181).

Ein wichtiger Aspekt ist aber, dass es zu dieser Zeit noch kein richtiger Kanon war, sondern eher ein Schriftenverzeichnis, welches auch von Bistum zu Bistum anders aus- sah. Deutlich wird das auch daran, dass immer vom Plural die rede ist, also die „Bu- cher“ oder „Schriften“. Auch die Vervielfaltigung gestaltete sich auBerst schwierig und vor allem kostspielig. So musste der romische Kaiser einen formlichen Befehl ausspre- chen um 50 „Bibel“ herstellen zu lassen fur die damalige Hauptstadt Konstantinopel. (Mutschler 2013: 32)

3 Der biblische Kanon in der Weltgeschichte

Das der biblische Kanon schon seit Beginn an ein umstrittenes und unterschiedlich an- gesehenes Thema war, wird schon durch dessen Entstehungsgeschichte deutlich. Da es sich um Schriften handelt die wiederum von Gott handeln, haben sie eine ganz andere Autoritat als andere Schriften. Das setzt die Erwartung, sowie den Umgang mit diesen Schriften auf ein anderes und hoheres Niveau.

Deshalb war es und ist auch bis heute noch so, dass Anderungen an diesen Zusammen- stellungen nur sehr schwer und unter groBer Aufsicht und Kritik moglich waren und sind. Im folgenden Abschnitt mochte ich die Geschichte des biblischen Kanons ab des­sen ersten richtigen Erstellung, uber die Reformationszeit bis dessen Ansehen in der Gegenwart, genauer betrachten. Wobei der reformatorischen Zeit etwas weniger Auf- merksamkeit geschenkt wird, da ich in Punkt 4.1 noch naher auf Luthers Ansichten ein- gehen werde.

3.1 Veranderungen bis zur Reformationszeit

Durch die Kanonisierung trat ein bisher nicht bestehendes Problem ein und zwar gab es die Trennung zwischen mundlicher und schriftlicher Tradition. Die Kirche war nun nicht mehr alleinige Autoritat, denn die Kanon Bildung entwickelte ihre Dynamik ganz ohne die Autoritat der Kirche, jedoch kann man sagen, dass die Kirche und die Bibel ihre Autoritaten gegenseitig stutzen (Haudel 1993: 62).

Durch diese Annahme, dass sich der Kanon nicht durch die Kirche bildete, sondern ein „hoheren“ Prozess darstellte, welcher durch den heiligen Geist eingegeben wurde, kam es nicht in Frage Veranderungen an der Bibel vorzunehmen (Haudel 1993: 61). Deshalb spielt der Kanon auch eine MaBgebliche Rolle in der Kirchlichen Tradition, da er anders als Dogmatik oder Kirchenrecht nicht von der Kirche fixiert wurde, sondern selbst ent- stand und die Kirche nur an der Verbreitung und Verfeinerung beteiligt war.

[...]


1 Im weiteren Verlauf abgekurzt: Altes Testament: AT, Neues Testament: NT

2 Es wird in der Forschung davon ausgegangen, dass der Alteste Text ca. 950 v. Chr. Verfasst wurde und der neuste ca. 120 n. Chr.

3 Im Folgenden mit LXX abgekurzt.

4 Tora ist hebraisch und bedeutet ubersetzt soviel wie „Weisung“

5 Biblische Bucher werden im Folgenden mit den ublichen Abkurzungen erwahnt.

6 Auf hebraisch NEVIIM

7 Die in Klammer geschriebenen Bucher sind als eines zu zahlen, genau wie die in 1. und 2. Unterteilten Bucher.

8 Auf hebraisch KTUVIM

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der biblische Kanon. Evangelische und katholische Tradition im Vergleich
Hochschule
Evangelische Hochschule Ludwigsburg (ehem. Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Ludwigsburg)  (Religions- und Gemeindepädagogik)
Veranstaltung
Wissenschaftl. Arbeiten Religionspädagogik
Note
1,5
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V322489
ISBN (eBook)
9783668216907
ISBN (Buch)
9783668216914
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
biblischer, Kanon, Theologie, Religionspädagogik, Gemeindepädagogik
Arbeit zitieren
Heiko Reimer (Autor), 2015, Der biblische Kanon. Evangelische und katholische Tradition im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322489

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