"Zivilisation" bei Norbert Elias. Die Darstellung und kritische Betrachtung der Zivilisationstheorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
23 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zivilisation - Eine Begriffsklärung

3. Der Theoriekern der Zivilisationstheorie von Norbert Elias
3.1 Die Psychogenese – die Entstehung des modernen Subjekts
3.2 Die Soziogenese der modernen Gesellschaft

4. Kritik an Norbert Elias Zivilisationstheorie
4.1 Gewaltausübungen als vernachlässigter Faktor innerhalb der Theorie
4.2 Scham als eine anthropologische Konstante
4.3 Unerklärliche Rückfälle in die „Barbarei“

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das macht man nicht! Mach dies nicht, mach das nicht…“ diese Worte müssen sich vor allem Kinder häufig anhören. Ein Kind hat sich an gewisse Regeln der Gesellschaft zu halten ansonsten kann es für die Eltern peinlich werden und das Gefühl von Scham entstehen. „Zwangsläufig rühren die Kinder immer von Neuem an die Peinlichkeitsschwellen der Erwachsenen, zwangsläufig – da sie ja erst adaptiert werden müssen […]“ (PdZ I 322.).

Warum sind gewisse Handlungen erlaubt und andere verboten? Wie beeinflussen Geschichte und Kultur die Verhaltensweisen von Menschen? Dies sind nur zwei der Fragen, die Norbert Elias (1897–1990) versucht mit Hilfe seines Hauptwerkes „Über den Prozess der Zivilisation“ zu klären.

Mittels Elias Werk sollen die Bedeutungen des kulturellen Rahmens für menschliche Affektäußerungen geklärt werden. Außerdem thematisiert Elias das Verhältnis von Fremdzwang und Selbstzwang. Früher hat jemand anderes das Verhalten einzelner Menschen bestimmt (Fremdzwang). Diese Kontrolle (Fremdzwang) ging beispielsweise von dem Feudalherren über seine Vasallen, von dem Herr über die Sklaven und vom Patriarch über die Mitglieder seiner Familie aus (vgl. Treibl 2008. 58.). Heutzutage zwingen sich die Menschen selbst (Selbstzwang). Jeder Person des Okzidents wird von klein auf ein Automatismus angezüchtet, „als Selbstzwang, dessen er sich nicht erwehren kann, selbst wenn er es in seinem Bewußtsein will“ (PdZ II 328.). Viele Menschen fühlen sich durch den Selbstzwang eingeschlossen, da die Grenzen nicht naturgegeben sind. Dieses Homo Clausus- Gefühl thematisiert Elias in seinem Werk.

1935/36 sammelte Elias Material für sein Hauptwerk „Über den Prozeß der Zivilisation“, welches er 1937 in London zu schreiben begann und welches 1939 vom Schweizer Verlag Francke veröffentlicht wurde (vgl. Treibl 2008. 11.). Als empirische Basis dienten Elias neben Geschichtswerken und historischen Biographien, Manierenliteratur aus verschiedenen Teilen Westeuropas und aus verschiedenen Zeiten:

„Sein empirisches Material waren vor allem die in lateinischer Sprache, in mittel- und althochdeutsch oder altfranzösisch abgefassten Manieren- und Erziehungsschriften“ (Treibl 2008. 49.).

Aus diesen Quellen konnte Elias die jeweils aktuellen Anforderungen an das Verhalten für die entsprechende Epoche feststellen (Lilienthal 2001. 137, 136.). Die Regelwerke und Anweisungen, die Elias als Quellen herangezogen hat, beantworten beispielsweise Fragen „des Verhaltens bei Tisch, des Umgangs mit den natürlichen Bedürfnissen, des Schneuzens, Spuckens, des Verhaltens im Schlafraum und der Regulierung von Sexualität und Aggressivität […]“ (ebd.).

Elias‘ Werk fand erst nach der Veröffentlichung durch den Suhrkamp Verlag im Jahre 1976 Anerkennung (vgl. Treibl 2008. 9ff.). Eine Antwort auf die Motivation von Elias für sein Werk ist in dem Interview „Norbert Elias über sich selbst.“ zu finden:

„So begann ich mein Buch „Über den Prozess der Zivilisation“ mit dem klaren Bewusstsein, dass es ein implizierter Angriff gegen die Welle der Einstellungs- und Verhaltensuntersuchungen zeitgenössische Psychologen sein würde. Denn die akademische Psychologie –nicht die Freudianer- glaubten strikt, dass man jemanden hier und jetzt vor sich haben, dass man seine Einstellungen durch Fragebögen oder anderen quantitativen Methoden messen müsse, um etwas Sicheres darüber aussagen zu können. Und auf diese Weise ist es natürlich ganz unmöglich, heutige Standards als etwas Gewordenes in den Blick zu bekommen. Sie gingen immer so vor, als ob sie aus den Ergebnissen von Tests mit heutigen Menschen unmittelbare Rückschlüsse auf Menschen überhaupt ziehen könnten.

Für mich stand fest, dass das falsch war, dass es einfach ein Versuch war physikalische oder biologische Verfahrensweisen auf Menschen anzuwenden. Der ganze Wandlungsprozess der Menschen wir dabei ausgeblendet. Das, so würde ich sagen, war meine Schlüsselerfahrung“ (van Voss & van Stolk 1990. 71.).

Elias kritisierte folglich die damals vorherrschende Psychologie und hatte das Ziel einer ganzheitlichen Betrachtungsweise des Entstehungsprozesses der heutigen Gesellschaft, die in Westeuropa lebt. Er wollte Disziplinen wie beispielsweise die Psychologie, Soziologie und Geschichtswissenschaft miteinander verbinden.

Elias richtete seine Forschungen auf den Prozess der Entwicklung von Individuum und Gesellschaft. „Mit der Rede über Prozesse rückt der Fokus des soziologischen Forschungsinteresses auf die langfristigen historischen Verschiebungen, denen soziale Ordnungen [….] unterworfen sind“ (Lilienthal 2001. 136.). Was verschiebt sich bei dem Prozess der Zivilisation? Es vollzieht sich eine „Veränderung des menschlichen Verhaltens und Empfindens in eine[r] ganz bestimmten Richtung“ (PdZ II 323.). Diese Verschiebung kann als „Wandlungsprozess der Menschen“ bezeichnet werden. Was also unterscheidet uns von den Menschen, die im Mittelalter gelebt haben? Kuzmics sagt, wenn wir unser eigenes Mittelalter sehen könnten, dann würden wir es wie eine fremde Kultur wahrnehmen. Manches würde anziehen und anderes abstoßen sein. Es würde wild, abenteuerlich und bunt erscheinen, aber andererseits auch brutal und barbarisch (vgl. Kuzmics 1990.).

Eine Feststellung, die Elias machte war, dass die Anforderung an die Menschen bezüglich des Verhaltens immer weiter stiegen und in späteren Werken aber nicht mehr genannt wurden. Daraus schließt er, dass frühere Verhaltensregeln schon von den Menschen, die sie befolgten, verinnerlicht wurden.

Außerdem stellt sich die Frage, ob die Menschen des Okzidents zivilisiert sind oder nur in einer Art zivilisierten Form leben? Dies ist eine der Fragen, welche das zweibändige Hauptwerk „Über den Prozeß der Zivilisation“ von Norbert Elias klären will.

Was hat die Theorie von Norbert Elias mit Philosophie zu tun?

„In der Tat hat wohl kaum eine andere Idee die philosophische Aufklärungsepoche stärker geprägt als die der Zivilisation. Mit ihr entsteht gleichsam ein neues Bild des Denkens über Gesellschaft und Geschichte“ (Lilienthal 2008. 134.).

Bevor auf das Hauptwerk von Elias eingegangen werden kann, ist es notwendig den Begriff der „Zivilisation“ näher zu beschreiben. Im darauffolgenden dritten Kapitel wird auf den Kern von Elias Theorie eingegangen. Es wird dabei die Soziogenese und Psychogenese des Okzidents thematisiert. Im vierten Kapitel geht es um verschiedene kritische Betrachtungen von Elias‘ Zivilisationstheorie. Am Ende dieser Arbeit folgt eine abschließende Betrachtung, welche die Ergebnisse resümiert.

2. Zivilisation - Eine Begriffsklärung

Die Entwicklung des Stierkampfes; Tierschutz im 19. Jahrhundert; Konfliktregulierung von Menschen; professionelle Sterbehilfe - all diese Themen haben den Zivilisationsprozess gemeinsam.

Es geht in dieser Arbeit um die Zivilisationstheorie von Norbert Elias, die sich mit dem Zivilisationsprozess der Menschen auseinander setzt. Daher ist zunächst der Begriff der „Zivilisation“ zu klären.

Laut Anton Block sei es unmöglich einen „wissenschaftlichen“ Begriff der Zivilisierung zu entwickeln (vgl. Gleichmann, Goudsblom, Korte 1984. 287.). Er begründet dies, indem er sagt, dass Zivilisierung in verschiedenen Kulturen auf unterschiedliche Weise behandelt worden sei. Dadurch gibt es grundverschiedene Maßstäbe für Zivilisierung. Da es kein Universalidiom der Zivilisierung gibt wird sie immer wieder anders formuliert (vgl. ebd.).

Im Folgenden geht es um eine Begriffserklärung von Zivilisation. Zivilisation (lat. civilis, bürgerlich) ist laut des historischen Wörterbuches der Philosophie „ein moderner Bewegungsbegriff mit universalhistorischem Bedeutungsumfang und einem anthropologisch fundierten geschichtsphilosophischen Bedeutungsinhalt […]“ (Ritter, Gründer, Gabriel 2004. 1365.). Nach Treibl dient der Begriff als Sammelbegriff für langfristig wirksame kulturelle Errungenschaften (vgl. Treibl. 2008. 50.).

„Civilisation“ ist ein französischer und englischer Neogolismus und wurde erst um 1800 in die deutsche Sprache aufgenommen. Der Begriff „Zivilisation“ lässt sich mit Leitbegriffen wie „Fortschritt“, „Aufklärung“, „Menschheit“, „Bildung“ und „Kultur“ verknüpfen. Als Gegenbegriffe gelten „Barbarei“, „Wildheit“ und „Natur“. Außerdem kann „Zivilisation“ einen Zustand, Prozess oder das Resultat einer Handlung meinen. Es handelt sich bei Zivilisation um einen Prozess und daher geht es im Grunde um die Zivilisierung (vgl. Treibl 2008. 50.). Im Gebrauch als Singular dient „Zivilisation“ als Wertebegriff. Im Gebrauch als Plural sind verschiedene Gesellschaften gemeint. Wichtig ist zudem, dass der Mensch eine zentrale Rolle spielt (vgl. Ritter, Gründer Gabriel 2004. S.1365-1368.). In der Soziologie wird unter „Zivilisation“ eine „Veränderung der Verhaltensregulierung, die mit gesellschaftlichen Wandlungsprozessen einhergeht“ (Treibl 2008. 50.) bezeichnet.

Norbert Elias sagt, dass sich die Zivilisation gegen die Unberechenbarkeit spontaner Affekte und Leidenschaften richtet. Ihr Ziel ist die Dämpfung spontaner Wallungen und Zurückhaltung der Affekte. An die Stelle spontan-affektiver Äußerungen treten in heutiger Zeit Überlegung, Langsicht und Selbstkontrolle (vgl. PdZ II 347–352.). Elias sagt außerdem, dass Zivilisation durch Ausbildung staatlicher Gewaltmonopole, durch verlängerte Handelsketten und durch die soziale Verdichtung aufgrund von Bevölkerungswachstum angetrieben wird (vgl. PdZ II 336-347.).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Zivilisation einen Prozess beschreibt, den verschiedene Kulturen unterschiedlich durchlaufen und der zu einer sich stetig verändernden Gesellschaft führt. Wie dies von statten ging wird in den folgenden Kapiteln erläutert.

3. Der Theoriekern der Zivilisationstheorie von Norbert Elias

Nachdem der Begriff der Zivilisation näher beschriebe wurde, wird nun auf den Theoriekern des Hauptwerkes „Über den Prozeß der Zivilisation“ von Norbert Elias eingegangen.

Zunächst muss gesagt werden, dass Elias sich auf die Entwicklung der Menschen des Abendlandes bezieht, weil:

„sich hier eine Funktionsteilung so hohen Ausmaßes, Gewalt und Steuermonopole von solcher Stabilität, Interdependenzen und Konkurrenzen über so weite Räume und so große Menschenmassen hin hergestellt haben, wie noch nie in der Erdgeschichte“ (PdZ II. 347.).

Der Prozess der Zivilisation teilt sich in Psycho-/ und Soziogenes, welche sich wechselseitig beeinflussen. Außerdem kann der Prozess als Kausalkette beschrieben werden. Die Art des Zusammenlebens der Menschen ändert sich mit der Zeit. Das Verhalten der Menschen passt sich an die jeweiligen Standards des Zusammenlebens an. Es kommt zu technischen Fortschritten und zu einer Differenzierung der Gesellschaft. Diese bringen dem Menschen einen ständigen Konkurrenz- und Ausscheidungskampf. Damit verändern sich das Bewusstsein der Menschen und der Triebhaushalt als Ganzes. Die Umstände, die sich ändern, sind die Beziehungen zwischen den Menschen selbst. Es kommt zur Zentralisierung der Gesellschaft sowie zur Geldwirtschaft. Die Menschen werden immer mehr voneinander abhängig, weil sie sich auf Fachgebiete spezialisieren. Dadurch werden die Menschen zur Selbstkontrolle gezwungen. Es bildet sich ein „Über-Ich“ heraus (PdZ I 355., PdZ II 340.). Somit ist der Prozess der Zivilisation mit dem Wandlungsprozess der Menschen gleichzusetzen durch den Scham und Peinlichkeit entstand. Es kann gesagt werden, dass die These der Zivilisationstheorie von Norbert Elias besagt, dass jede Veränderung in einer sozialen Konfiguration zu einer Änderung im Verhalten und/oder Persönlichkeit führt. Beim Zivilisationsprozess handelt es sich, „um langfristige Verhaltensänderungen der Individuen und der gesellschaftlichen Beziehungsgeflechtes“ (Treibl 2008. 20.). Diese wechselseitige Abhängigkeit der Menschen voneinander wird auch als Figuration bezeichnet und ist niemals abgeschlossen, da sie sich stetig wandelt:

„Als Figuration bezeichnet Elias die Interdependenzgeflechte, die die einzelnen Menschen und ihre Motive aneinander binden und sie dazu bringen, in einer ganz spezifischen Weise zu handeln, in einer Weise in der sie vielleicht nicht handeln würden, wenn sie wirklich völlig frei, also frei von sozialen Abhängigkeiten wären“ (Baumgart, Eichner 1991. 102.).

3.1 Die Psychogenese – die Entstehung des modernen Subjekts

„In der heutigen Terminologie wird Psychogenese im Allgemeinen synonym mit dem gebräuchlicheren Begriff der Entwicklungspsychologie benutzt und auf das Gegenstandsgebiet der menschlichen Ontogenese beschränkt“ (Ritter, Gründer 1989. 1596.).

Die Psychogenese beschreibt folglich die psychologische Entwicklung des Menschen. Im ersten Band von Elias Werk geht es um die Psychogenese des modernen Subjektes. Er geht dabei bspw. auf das Verhalten beim Essen, Schnäuzen, Spucken und Verhalten im Schlafraum ein. Elias teilt die Psychogenese in drei Stadien ein: die mittelalterliche „Courtoisie“, die höfische „Civilité“ und die neuzeitliche „Civilisation“ (vgl. PdZ I 228-230.). Er untersuchte die Herausbildung spezifischer Persönlichkeitsstrukturen, da sich der Umgang mit Gefühlen der Menschen bis in die Neuzeit verändert hat und beschreibt die Veränderung der Persönlichkeitsstrukturen im ersten Band. Das Verhalten der Menschen hat sich in vielen Bereichen geändert. Ein Beispiel für verändertes Verhalten ist am Tisch zu finden. So heißt es in Band eins: „Sei bei Tisch freundlich, höflich und nicht laut“ (PdZ I 208.). Im Mittelalter war an großen Tafeln genau das Gegenteil die Realität. Das Verhalten der Menschen war von spontanen Affekten und Trieben beherrscht. „Die Regeln der courtoisie, […] zielen auf die elementare Mäßigung leiblicher Affekte“ (Lilienthal 2001, 137.). Mit zunehmender Zeit veränderte sich das Verhalten zu einem höflichen Umgang miteinander. Die Regeln der „Civilité“ sind wesentlich umfangreicher. „[…] die Einhaltung der Regularien [werden] peinlich genau überwacht und in ein Prämiensystem sozialer Prestigetitel übersetzt“ (ebd. 138.). Dadurch verändern sich die Beziehungen von Mensch zu Mensch, und der Einzelne ist gezwungen sich selbst und sein Verhalten mehr zu beobachten und zu analysieren:

„Die verstärkte Neigung der Menschen, sich und andere zu beobachten, ist eines der Anzeichen dafür, wie nun die ganze Frage des Verhaltens einen anderen Charakter erhält. Die Menschen formen sich und andere mit größerer Bewußtheit als im Mittelalter“ (PdZ I 194.).

Diese Regeln sind noch nicht so weit verfestigt, dass ein sogenannter Selbstzwang entsteht. Allerdings wird das Verhalten vom Hofe bestimmt und dies ist der sogenannte Fremdzwang. Der Hof bringt die Menschen dazu sich an gewisse Regeln zu halten und somit bewusst seinen Trieb zu unterdrücken.

Zur Zeiten der „Civilisation“ wird aus Fremdzwang ein Selbstzwang. Das menschliche Verhalten wird folglich nicht mehr aufgrund von Regeln anderer bestimmt, sondern es wird zur selbstverständlichen Verpflichtung gegenüber dem Individuum selbst. Das Individuum entwickelt ein „Über-Ich“, welches dieses vom triebhaften und affektgesteuerten Verhalten abhält. Der Begriff des „Über-Ich“ ist auf Freud zurückzuführen:

„Ich könnte einfach sagen, die besondere Instanz, die ich im Ich zu unterscheiden beginne, ist das Gewissen, aber es ist vorsichtiger, diese Instanz selbstständig zu halten und anzunehmen, das Gewissen sei eine ihrer Funktionen und die Selbstbeobachtung, die als Voraussetzung für die richterliche Tätigkeit des Gewissens unentbehrlich ist, sei eine andre. Und da es zur Anerkennung einer gesonderten Existenz gehört, daß man dem Ding einen Namen gibt, will ich diese Instanz im Ich von nun an als das »Über-Ich« bezeichnen“ (Freud 1991. 63.)

Es entwickelte sich also mit der Zeit eine „Selbstzwangapparatur“, die den Menschen Form in der Gesellschaft gab:

„Auf diese Weise vollzieht sich also der geschichtlich-gesellschaftliche Prozeß von Jahrhunderten, in dessen Verlauf der Standard der Scham- und Peinlichkeitsgefühle langsam vorrückt, in dem einzelnen Menschen in abgekürzter Form von neuem“ (PdZ 265.)

Es bilden sich Peinlichkeits- und Schamgefühle, wenn gegen die Prinzipien der Höflichkeit verstoßen wird. Was ist Höflichkeit? Der Begriff stammt vom Hof des Königs, einem Ort, an dem sich ursprüngliche Verhaltensregulierungen herausgebildet haben. Das Verhalten am Hofe und die damit verbundene Höflichkeit regulierten das Verhalten der Menschen zueinander. Die Zivilisation ist laut Elias eine Entwicklung, die sich von „oben nach unten“ (vom Hofe zum niederen Volk) vollzog. Die weltlichen Oberschichten, wie Elias sie bezeichnet, sind für ihn die „modellbildenden Kreise“ (PdZ 247.). An „Benimmbüchern“, welche Elias wie oben beschrieben als Quelle nutzte, wird deutlich, dass Höflichkeit nicht schon immer eine Selbstverständlichkeit im Zusammenleben der Menschen war. In diesen Büchern ist das gewünschte Verhalten festgehalten. Menschen fühlen sich durch dieses kontrollierte Leben in der Gesellschaft in sich selbst eingeschlossen, da sie kaum noch spontan handeln können. Dieses Gefühl wird als „Homo-Clausus“ beschrieben (PdZ I 65.). Es dürfen einige Bedürfnisse nicht mehr öffentlich ausgelebt werden. Dadurch entsteht ein Tabudruck. Dieser Tabudruck bestimmt, welches Verhalten für den öffentlichen und welches für den privaten Bereich bestimmt ist. Es kann gesagt werden, dass die natürlichen Triebe des Menschen vom Menschen selbst kontrolliert werden. Durch diese Kontrolle wird das Verhalten der Menschen „entemotionalisiert“ und „despontanisiert“. Daher müssen direkte und spontane Befriedigungen kontrolliert werden. Selbstbeherrschung und Distanzierung von spontanen Affekten werden notwendig, um nicht mit dem Gesetz des Herrschers in Konflikt zu geraten. Dem Menschen wird in der Neuzeit Langsicht und Kalkulation abverlangt, wenn er in der Gesellschaft gut bestehen möchte. Der oben erläuterte Prozess ist für Elias:

„die subjektivem psychogenetische Seite einer gesamtgesellschaftlichen Modernisierungsbewegung, deren wichtigste Stationen und Mechanismen er im zweiten Band seines Hauptwerkes näher analysiert“ (Lilienthal 2008. 140).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es auf der Ebene der Psychogenese zu Langsicht, Ent-Emotiononalisierung und De-Spontanisierung des Verhaltens sowie zu einer Verinnerlichung der Kontrolle (vom „Fremdzwang“ zum „Selbstzwang“) kam.

3.2 Die Soziogenese der modernen Gesellschaft

„Die Entstehung und Entwicklung aufgrund bestimmter gesellschaftlicher Umstände“ (Kraif 2007. 976.). So lautet die Definition von „Soziogenese“ des Fremdwörterbuches von Duden. Es geht folglich um die gesellschaftsgeschichtliche Entwicklung des Abendlandes vom Mittelalter bis zur Neuzeit auf einer demographischen, politischen, sozialen und ökonomischen Ebene. Im zweiten Band von Elias „Über den Prozeß der Zivilisation“ werden gesellschaftliche Prozesse analysiert, die zu einer zunehmenden Differenzierung der Gesellschaft führten, und die politische Entwicklung aufgezeigt. Letztendlich bildet sich das Konstrukt „Staat“ heraus.

Elias teilt die Soziogenese in drei Prozessstadien: Feudalisierung, Monopolisierung von Machtmitteln und die Vergesellschaftung dieser Monopole (vgl. Lilienthal 2008. 141.).

Im frühen Mittelalter gab es „weder Staaten, noch Völker oder Nationen, wenn man darunter in irgendeinem Sinne einheitliche, geschlossene und stabile, soziale Gebilde versteht. Es waren allenfalls Staaten, Völker, Nationen im Werden“ (PdZ II 25.).

Die Menschen des Abendlandes lebten früher in ständiger Angst und Unsicherheit, da eine Bedrohung durch körperliche Gewalt jederzeit gegeben war. Die Gegenwart wurde unmittelbarer erlebt und die Zukunft war nicht vorhersehbar. Es war ein Leben zwischen:

[...]

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Details

Titel
"Zivilisation" bei Norbert Elias. Die Darstellung und kritische Betrachtung der Zivilisationstheorie
Hochschule
Universität Rostock
Note
2,0
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V322577
ISBN (eBook)
9783668217546
ISBN (Buch)
9783668217553
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zivilisation, Zivilisationstheorie, Norbert Elias
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, "Zivilisation" bei Norbert Elias. Die Darstellung und kritische Betrachtung der Zivilisationstheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322577

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