Gedanken zu Giorgio Agambens "Lob der Profanierung"


Essay, 2013

7 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Giorgio Agamben gilt als „Denker des Undenkbaren“[1], als „Meisterdenker der Gegenwart“[2], als eine „Zitierautorität“[3], als „theologisierende[r] Provokateur“[4]. Sein Denken wird als grenzüberschreitend beschrieben und bietet neue Perspektiven für die Behandlung von Problemen der Gegenwart. Seine Schriften sollen Zukunftsperspektiven, die eine „Auseinandersetzung mit Komplexitätssteigerung in der politischen, lebenswissenschaftlichen und ökonomischen Reorganisation der Welt“[5] fordern, beinhalten. Wie sieht dieses grenzüberschreitende Denken aus und welche Zukunftsperspektiven versucht er damit aufzuzeigen? Welche Lösungswege sieht er für eine Reorganisation der Welt? Welche Rolle spielt dabei der Kapitalismus?

Sein Werk Profanierungen (2005) beinhaltet zehn aphoristisch-erzählerische Texte in denen er laut Klappentext den Raum des Menschlichen auslotet. „Die inhaltliche Klammer des Buches liegt im Gedanken der Entweihung metaphysischer Konzepte, die durch eben diese Profanierung für einen neuen Gebrauch wiedergewonnen werden können.“[6] Und genau diese Profanierung ist laut Agamben ausschlaggebend, um die Gesellschaft – die Welt – zu verändern.

Als Profanierung wird im Allgemeinen eine Entweihung oder Entwürdigung verstanden. So werden beispielsweise katholische Kirchen durch eine letzte Messe profaniert, damit das Gebäude abgerissen oder anderweitig genutzt werden kann ­– ohne dass aus der Sicht des katholischen Glaubens gegen Gesetze oder Gebräuche verstoßen wird. Agamben formuliert dies in Lob der Profanierung positiver: Für ihn bedeutet Profanierung, Dinge dem freien Gebrauch der Menschen zurückzugeben und sie der abgesonderten Sphäre zu entnehmen.

Unter anderem kann Religion nach Agamben Dinge, Orte, Tiere oder Menschen dem allgemeinen Gebrauch entziehen und in eine abgesonderte Sphäre setzen. Aus der Etymologie des Wortes „religio“ leitet Agamben die Wesensbestimmung der Religion ab. Für ihn weist der Begriff „religio“ wie bei Cicero auf die Gewissenhaftigkeit und Aufmerksamkeit hin, die bei den Beziehungen zu den Göttern walten und auf das besorgte Zögern vor den Regeln, an die man sich halten soll, wenn die Absonderung zwischen Heiligem und Profanem respektieren will.[7] Obwohl es keine eindeutige Definition des Begriffes „religio“ gibt, legt sich Agamben hiermit fest. Damit seine, im weiteren Verlauf erläuterte, Theorie zu Kapitalismus als Religion überhaupt greift, muss er dies auch tun.

Ausschlaggebend ist für Agamben, dass es in der Religion eine Absonderung gibt, die er anhand der Phänomenologie der griechischen und römischen Opferbräuche ableitet. Bei den antiken Brauchopfern wird ein Teil des Tiers verbrannt und geopfert und so den Göttern geweiht; der genießbare Teil des Tieres wird jedoch dem Menschen zum Verzehr überlassen. Während Agamben suggeriert, dass das zum Verzehr frei gegebene Fleisch dem allgemeinen Gebrauch zurückgegeben wird, erläutert Bernd Witte in seinem Text Über einige Motive bei Giorgio Agamben, dass bei Homer zeremonielle Feste beschrieben werden, bei denen das Fleisch verzehrt wird und die Gemeinschaft der Opfernden mit der göttlichen Macht gefeiert wird. Während Agamben also die Absonderung in den Vordergrund stellt und sogar sagt, dass jede Absonderung einen „genuin religiösen Kern“[8] inne hat, verweist Witte auf die Gemeinschaft. An Agamben und Witte werden daher zwei unterschiedliche Deutungsweisen von Religion sichtbar: Zum einen das Verständnis von Cicero, bei dem „religio“ von „religere“ (sorgsam beachtend) abgeleitet wird und das der Theologie (Laktanz, Divinae institutiones), das „religio“ von „religare“ ableitet und die Bindung und Gemeinschaft mit Gott in den Vordergrund stellt.[9] Durch Agambens Deutung von Religion wird der Machtfaktor hervorgehoben sowie die scheinbare Schwelle zwischen Profanem und Heiligem. Sich diesem Machtfaktor zu widersetzen bedeutet für Agamben eine „freie und ‚zerstreute’ [...] Haltung den Dingen und ihrem Gebrauch“[10] gegenüber eine Nachlässigkeit, welche die scheinbare Absonderung missachtet. So sieht Agamben in der altrömischen Religion Elemente einer anderen Gesellschaft, die er im Verlauf des Textes auf das Heute bezieht.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob Agambens Deutungen überhaupt greifen. Wie Witte verdeutlicht, kann nicht zwingend von einer Absonderung des Göttlichen oder Heiligen gesprochen werden. So kann Agambens Zone der Ununterscheidbarkeit von göttlicher und menschlicher Sphäre als Gemeinschaft gedeutet werden. Demnach würden ebenfalls seine Übertragungen auf andere Bereiche wie dem Kapitalismus nicht wirklich überzeugen. Wenn es also keine Absonderung gäbe, bräuchte man auch keine Profanierung im Sinne Agambens beziehungsweise würde nicht seinen Zielen entsprechen.

Um sein Verständnis von Profanierung zu verdeutlichen dient Agamben das Spiel, bei dem Dinge ihrer Funktion des festgelegten Gebrauchs beraubt werden und sie einem freien Gebrauch übergeben werden. Dadurch kann laut Agamben die herrschende Macht eliminiert werden, ohne ihr zu verfallen. Mit dem Spiel wird der Menschheit eine neue Dimension des Gebrauchs gegeben. Jedoch ist Agamben der Meinung, dass das Spiel als „Organ der Profanierung“[11] an Bedeutung verliert. Denn der größte Teil der Spiele, die wir heute kennen, stammt von Ritualen und Zeremonien aus dem Bereich des Religiösen ab. So ist die Sphäre des Heiligen eng mit der des Spiels verknüpft. Doch vermag der moderne Mensch nach Agamben nicht mehr zu spielen. Er sucht verzweifelt nach einer Rückkehr zum Heiligen und dessen Riten. Dabei nehmen heutzutage die Medien eine wichtige Rolle ein. Fernsehspiele für die Massen gehören zu einer neuen Liturgie und säkularisieren eine unbewusste religiöse Absicht. Bei der Säkularisierung wird die religiöse Absicht jedoch nicht wie bei der Profanierung neutralisiert, sondern verschoben, so dass die Kräfte weiterwirken – die Macht wird demnach nur verschoben.[12] Für Agamben ist es jedoch wichtig, dass diese Macht neutralisiert wird und die zukünftigen Generationen das Nicht-Profanierbare profanieren. Denn dieses Nicht-Profanierbare entsteht laut Agamben aus der äußersten Form des Kapitalismus, den er ähnlich wie Walter Benjamin als Religion sieht. Während Max Weber den Kapitalismus als eine Säkularisierung des protestantischen Glaubens sieht, geht Benjamin einen Schritt weiter. „Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, d. h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben.“[13] Benjamin wird von Agamben fast wörtlich zitiert und hervorgehoben, dass diese Religion der Modernität von drei Wesenszügen charakterisiert wird:

1. Er ist eine ‚Kultreligion’, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. Es hat in ihm alles nur unmittelbar mit Bezug auf den Kultus Bedeutung, er kennt keine spezielle Dogmatik, keine Theologie. 2. Dieser Kultus ist von permanenter Dauer, es ist die ‚Zelebrierung eines Kultes sans reve et sans merci ’. Es ist nicht möglich, hier zwischen Feiertagen und Werktagen zu unterscheiden [...] 3. Der kapitalistische Kultus zielt nicht auf Erlösung oder Sühnung der Schuld, sondern auf die Schuld selbst,[14]

wodurch nicht der religiöse Wunsch nach Verwandlung der Welt, sondern dessen Zerstörung zum Ziel geworden ist. Laut Agamben sind in der äußersten Phase des Kapitalismus alle Dinge dem allgemeinen Gebrauch entzogen und auf ihren Ausstellungswert reduziert. Als Beispiel und Vergleich führt er das Museum an, in dem die Unmöglichkeit des Besitzens ihren topischen Ort hat. Das Museum ist eine abgesonderte Dimension, alles kann zum Museum werden, „die Unmöglichkeit des Benutzens, des Wohnens, des Erlebens“[15] wird dort ausgestellt. Im Zeitalter einer allesdurchdringenden Ökonomie verfallen die Alltagsgegenstände und die Kunstwerke der Musealisierung. Ebenso der menschliche Körper selbst, der beispielsweise in Modeschauen oder Pornofilmen zum Ausstellungsstück wird. Wie im Museum verfällt alles einer Absonderung, wodurch Agamben den Kapitalismus als Kultreligion dem Christentum gleichsetzt. Beide bewirken eine Schaffung des absolut Unprofanierbaren. Allen Phänomenen ist die Unmöglichkeit des Benutzens eingeschrieben und alle Differenzen zum Ausstellungswert verschwimmen. „Eine absolute und restlose Profanierung fällt nun mit einer ebenso leeren und vollständigen Weihung zusammen.“[16] Alles wird von sich selbst abgespalten und in eine abgesonderte Sphäre verschoben – in die Sphäre des Konsums. Der Mensch wird nicht zum Gebrauch, sondern zum Verbrauch angestiftet, zum Konsum. Jede menschliche Tätigkeit wird verfremdet. Der totale Konsumkult trennt die Dinge und den Menschen von ihrem wahren Gebrauch. Dagegen hilft nur die Profanierung, die laut Agamben scheinbar unmöglich geworden ist, da alles, was nicht benutzt werden kann, konsumiert oder zur Schau gestellt wird.

Die kommenden Generationen haben nun laut Agamben die Aufgabe, das Nicht-Profanierbare zu profanieren, also es dem allgemeinen und freien Gebrauch zurückzugeben. Aber was bedeutet freier und allgemeiner Gebrauch? Da der Kapitalismus alles abspaltet und in eine andere Sphäre verschiebt, wodurch eine Trennung entsteht, wird durch den allgemeinen Gebrauch eine Art Gemeinschaft hervorgerufen. Frei bedeutet einen spielerischen Umgang mit den Dingen, wie er auch an Agambens Beispiel des Spiels angedeutet wird. Frei aber auch von politischer oder ökonomischer Macht.

Es soll also eine andere Gesellschaft entstehen, so zielt der allgemeine Gebrauch auf eine Utopie einer Gesellschaft aller Menschen, ähnlich die des christlichen Paradieses oder der im Endzustand des Kommunismus ab.[17] Würden die kommenden Generationen das Nicht-Profanierbare profanieren, würde nach Agamben letzten Endes der Kapitalismus, der alles durchdringt, wie beispielsweise die Politik, nach und nach entmachtet. Würde eine vollkommen profanierte Welt, eine anarchische und autoritätslose Welt bedeuten? Eine Welt ohne Recht und Gesetz? Eine Welt mit Individuen, die eine Gemeinschaft bilden, aber unterschiedliche Lebensformen und somit nach unterschiedlichen Regeln leben?

Agamben wälzt zwar die Verantwortung, die Gesellschaft zu ändern, auf kommende Generationen ab, sagt aber weder wie genau dies durchzuführen ist, noch wie die veränderte Gesellschaft explizit aussehen soll. Er versucht lediglich mit Bezug auf die Vergangenheit, zum Teil eine sehr weit zurückliegende, das Heute zu erläutern und Kulturkritik auszuüben.

[...]


[1] Riechelmann, Cord: Der Denker des Undenkbaren. http://www.taz.de/!91829/. 30.10.2013.

[2] Graf, Wilhelm: Der Denker mit dem bösen Blick. http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article118352829/Der-Denker-mit-dem-boesen-Blick.html. 30.10.2013.

[3] Asshauer, Thomas: Das nackte Leben. http://www.zeit.de/2004/28/st-Agamben. 30.10.2013.

[4] Han, Byung-Chul: Politik ist ein anderes Wort für Gewalt. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/giorgio-agamben-herrschaft-und-herrlichkeit-politik-ist-ein-anderes-wort-fuer-gewalt-1999089.html. 30.10.2013.

[5] Borsó, Vittoria: Zu den Zukunftsperspektiven der Schriften von Giorgio Agamben. In: Benjamin – Agamben. Politics, Messianism, Kabbalah. Borsó, Vittoria; Morgenroth, Claas; Solibakke, Karl; Witte, Bernd (Hg.)Würzburg: Königshausen & Neumann. 2010. S. 15.

[6] Agamben, Giorgio: Profanierungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 2005.

[7] Vgl. Witte, Bernd: Über einige Motive bei Giorgio Agamben. In: Benjamin – Agamben. Politics, Messianism, Kabbalah. Borsó, Vittoria; Morgenroth, Claas; Solibakke, Karl; Witte, Bernd (Hg.)Würzburg: Königshausen & Neumann. 2010.

[8] Agamben: Profanierungen. 2005. S. 71.

[9] Vgl. Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften. Sandkühler, Hans Jörg. Hamburg: Meiner. 1990.

[10] Agamben: Profanierungen. 2005. S. 72.

[11] Ebd. S. 74.

[12] Vgl. Ebd.

[13] Walter Benjamin: Kapitalismus als Religion [Fragment]. In: Gesammelte Schriften. Tiedemann, Rolf; Schweppenhäuser, Hermann (Hg.). Frankfurt am Main: Suhrkamp. 1991. S. 100.

[14] Agamben: Profanierungen. 2005. S. 77f.

[15] Ebd. S. 82.

[16] Ebd. S. 79.

[17] Vgl. Witte: Über einige Motive bei Giorgio Agamben. 2010.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Gedanken zu Giorgio Agambens "Lob der Profanierung"
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Agamben
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
7
Katalognummer
V322824
ISBN (eBook)
9783668219519
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Agamben, Profanierung, Säkularisierung, Religion, Kapitalismus
Arbeit zitieren
Birgit Goldbecker (Autor), 2013, Gedanken zu Giorgio Agambens "Lob der Profanierung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322824

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