Der Generationenkonflikt, besonders die Auseinandersetzung der Söhne mit ihren Vätern, ist ein zeitloses Motiv der Literaturgeschichte. Diese Tradition geht schon auf die frühe Literatur zurück. In der griechischen Mythologie sind eindeutige Spuren schon zu erkennen: Die Familiengeschichte von Zeus ist eine Geschichte des Generationenkonflikts.
Kronos, der Vater von Zeus, entmannte seinen eigenen Vater Uranos, um Herrscher der Titanen zu werden. Zeus, der spätere oberste Gott von Olymp, musste mit Kronos kämpfen, um zuerst ein Unterhaltsrecht und später die Herrschaft über die Welt zu erringen. Aus Angst, selbst von seinen eigenen Kindern entmachtet zu werden, fraß Zeus seine schwangere Gattin Metis auf, denn ein Orakel hatte ihn geweissagt, dass eine Tochter der Metis ihm gleichrangig wäre und ein Sohn würde ihn stürzen. Nicht zu vergessen die Ödipus-Erzählung, die als klassisches Motiv für einen Vater-Sohn-Konflikt steht. Dieser muss sich wegen seines Vatermords von Psychologen, Philosophen und Literaten über Generation aus der jeweiligen fachlichen Sicht interpretieren lassen. Auch Martin Opitz empfahl 1624 in seinem Buch von der deutschen Poeterey, dass der Mord an Kindern und Vätern besonders wirksame Themen für Dramatiker ist. In der Zeit von Sturm und Drang gewann der Kampf zwischen rebellischen Söhnen und autoritären Vätern sogar epochale Bedeutung, denn „in der Literaturgeschichtsschreibung ist es allgemein üblich, den Sturm und Drang unter dem Gesichtspunkt einer Generationserscheinung zu sehen [...].“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ein Generationendiskurs im Schatten des zweiten Weltkriegs
2.1 Theoretisch: zum Begriff der Generation
2.2 Generationentypen und der Zweite Weltkrieg
2.2.1 Die Kriegsgeneration
2.2.2 Die Nachkriegsgenerationen
2.2.2.1 die zweite Generation
2.2.2.2 die dritte Generation
2.3 Text statt Gespräch - Über das beschädigte Kommunikationsschema zweier Generationen
3. Die Schuldfragen
3.1 Zum Verständnis der Schuldfrage
3.2 Die kollektive Verleugnung der deutschen Schuld
3.3 Die zweite Generation und die zweite Schuld
4. Konflikt mit dem fremden Vater aus dem dritten Reich - Christoph Meckel „Suchbild. Über meinen Vater“
4.1 Eberhard Meckel: biographische Vorkenntnisse
4.2 Vater-Sohn-Konflikte auf der familiären Ebene
4.2.1 Zerfall des Halbgott-Images
4.2.2 Vater als fremder Eindringling
4.3 Vater-Sohn-Konflikte auf der gesellschaftspolitischen Ebene
4.3.1 Die Entdeckung des unbekannten Vaters im Dritten Reich
4.3.2 Suche nach Vaterspuren - Sohn als Ankläger und Richter
4.4 Fazit: Suchbild im Rahmen der Väterliteratur
5. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte über die Nazi-Vergangenheit --- Uwe Timms am Beispiel meines Bruders
5.1 Motive für Timms Spurensuche
5.2 Timms Konflikt mit Eltern und Bruder im Bereich des Familiengedächtnisses
5.2.1 Das Bruder-Bild in dem Familiengedächtnis
5.2.2 Timms Auseinandersetzung mit den Leerstellen im Familiengedächtnis
5.3 Timms Konflikt mit Vorurteilsstruktur in der Familie
5.3.1 Tätersprache
5.3.2 krankes Denkmuster
5.4 Fazit: Timms Werk im Vergleich zur Väterliteratur
6. Konklusion
7. Biographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert das Motiv des Generationenkonflikts in der deutschen Nachkriegsliteratur, insbesondere die Auseinandersetzung der Söhne mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer Väter. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie beschädigte Kommunikationsschemata zwischen der Kriegs- und der Nachkriegsgeneration den Konflikt prägen und welche Rolle Schuldgefühle sowie die Aufarbeitung der Familiengeschichte spielen.
- Analyse des Generationenkonflikts und der "Väterliteratur"
- Untersuchung der psychologischen Folgen von Krieg und Schuld
- Vergleich der Aufarbeitung von NS-Vergangenheit bei Christoph Meckel und Uwe Timm
- Die Rolle kollektiver Verleugnung und Tätersprache in Familien
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Zerfall des Halbgott-Images
Ich behalte das Glück der ersten Erinnerung.
Neben meinem Vater im DKW, vermutlich zu klein, um aus dem Fenster zu schauen, schnelles Fahren auf der Schöneicher Chaussee, hinter Friedrichshafen, im Osten Berlins [...], während mein Vater das Auto lenkte, wiederholte Erinnerung, helle und dunkle Chausseen, Fahren in der Nacht, Mark Brandenburg, schnurgerade Chausseen und schnelles Fahren, Gefühl von Sicherheit und blindem Vertrauen, eine wunderbare Gewißheit in seiner Nähe.81
So beginnt Christoph Meckels Roman Suchbild. Über meinen Vater. Merkwürdig ist hierbei, obwohl der Roman von fast allen Literaturkritikern als Konfrontation, Auseinandersetzung und sogar Abrechnung der Nachkriegsgeneration mit ihrer Vatergeneration interpretiert wurde, steht zu Beginn des Buches die glückliche Erinnerung des Autors an seine frühe Kindheit mit dem Vater. Zusammen mit dem Vater vermittelt dies das Gefühl von Sicherheit und blindem Vertrauen – aus Meckels Schilderung seiner Autofahrt lässt sich bereits eine Spur von der unbedingten Sohnesliebe und dem kindlichen Kult herauslesen. Obwohl sich die Vater-Sohn-Beziehung in der Zukunft schlecht entwickelte, hatten die beide ihre goldene Zeit. Es war die kurze ruhige Vorkriegszeit in Berlin, die Meckel nachher schildert als „ [...] seine beste Zeit für das Kind, und [...] die beste Zeit des Kindes für ihn.“ (SÜV 35) Für den Vater war der Sohn „Erfüllung, Bestätigung, Stolz.“ (SÜV 34) „Er liebte Kinder und vergötterte das eigene.“ (SÜV 34) Und Meckel verhehlt auch nicht seine damalige vorbehaltlos Verehrung und Liebe zu dem Vater:
[...] war er ein Vater ohne Vergleich, Spielmeister, großer Bruder, Vertrauter und Freund. Er war die Zuversicht, der Fels und der Fixstern, er war die unumstößliche Mitte des Kindseins. Seine Art, die Erscheinungen der Welt zu vermitteln, verzauberte das Kind und machte es reich. (SÜV 35)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das zeitlose Motiv des Generationenkonflikts und die Spezifik der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Nachkriegsliteratur.
2. Ein Generationendiskurs im Schatten des zweiten Weltkriegs: Theoretische Herleitung des Generationsbegriffs sowie Skizzierung der Kriegsgeneration und der ihr nachfolgenden Generationen.
3. Die Schuldfragen: Auseinandersetzung mit der von Karl Jaspers definierten Schuldthematik und der kollektiven Verleugnungsarbeit in der deutschen Gesellschaft.
4. Konflikt mit dem fremden Vater aus dem dritten Reich - Christoph Meckel „Suchbild. Über meinen Vater“: Analyse der persönlichen und gesellschaftspolitischen Konflikte Christoph Meckels mit seinem Vater und dessen Verstrickungen im NS-Regime.
5. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte über die Nazi-Vergangenheit --- Uwe Timms am Beispiel meines Bruders: Untersuchung von Uwe Timms Spurensuche nach der Rolle seines Bruders und Vaters sowie der Analyse von Tätersprache und Denkmustern.
6. Konklusion: Zusammenfassende Betrachtung der gescheiterten Trauerarbeit in Deutschland und der Bedeutung der Erinnerungsliteratur als Versuch einer trans-generationellen Auseinandersetzung.
7. Biographie: Auflistung der primären und sekundären Quellen sowie der im Werk verwendeten Literatur.
Schlüsselwörter
Generationenkonflikt, Nachkriegsliteratur, Väterliteratur, Nationalsozialismus, Schuldfrage, Erinnerungskultur, Aufarbeitung, Identitätssuche, Familiengedächtnis, Tätersprache, NS-Vergangenheit, Kriegstrauma, Vater-Sohn-Beziehung, Idealisierung, Verdrängung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Generationenkonflikt in der deutschen Nachkriegsliteratur, wobei der Fokus auf der kritischen Auseinandersetzung der Nachkriegsgeneration mit der NS-Vergangenheit ihrer Väter und Familien liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Väterliteratur, die psychologische Aufarbeitung kollektiver und individueller Schuld, die Rolle des Familiengedächtnisses sowie die sprachliche Instrumentalisierung (Tätersprache) durch die Generation der NS-Zeit.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Generationenkonflikt als literarisches Motiv zu analysieren und zu ergründen, wie die Nachkriegsgeneration durch die Aufarbeitung familiärer Tabus versucht, sich aus der moralischen Verstrickung mit der Vergangenheit zu lösen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primäre literarische Werke (insbesondere Meckel und Timm) mit soziologischen und psychologischen Konzepten (z.B. von Karl Mannheim, Aleida Assmann, Harald Welzer) verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Generationenbildung und Schuldfrage sowie eine detaillierte textanalytische Untersuchung der Werke "Suchbild. Über meinen Vater" von Christoph Meckel und "Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Generationenkonflikt, Väterliteratur, Erinnerungskultur, NS-Vergangenheit, Familiengedächtnis, Tätersprache und die psychische Belastung durch verdrängte Geschichte.
Inwiefern unterscheidet sich die Auseinandersetzung von Christoph Meckel von der von Uwe Timm?
Meckel wählt eine eher anklagende und radikale Form der Abrechnung, die einer "Vernichtung" des Vaters gleichkommt, während Timm einen distanzierteren, suchenden und eher vernunftbasierten Ansatz verfolgt, um eine Kontinuität in der Familiengeschichte zu wahren.
Welche Bedeutung kommt den Kriegstagebüchern in den untersuchten Werken zu?
Die Kriegstagebücher fungieren als Schlüsselmedien für die Desillusionierung der Autoren, da sie die Diskrepanz zwischen dem anständigen "privaten" Vaterbild und der brutalen, im Krieg erlebten Realität der Väter/Brüder aufzeigen.
- Citar trabajo
- Zhi Li (Autor), 2012, Generationenkonflikt als Motiv in der deutschen Nachkriegsliteratur von Christoph Meckels "Suchbild. Über meinen Vater" und Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322931