Whiteheads Prozessphilosophie und seine Perspektive zur Evolution


Seminararbeit, 2012

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

1 Einleitung ...2

2 Whiteheads Position ...2

3 Grundideen der Prozessphilosophie ...3
3.1 Aktuale Geschehnisse als ontologische Grundeinheit ...3
3.2 Die polare Struktur der aktualen Geschehnisse ...4
3.3 Die ewigen Gegenstände ...5

4 Zusammenführungen ...5
4.1 Propositionen und Fühlungen ...5
4.2 Konkreszenz ...7 4.3 Prehensionen ...8
4.4 Nexus ...8

5 Höherentwicklungen ...9
5.1 Gesellschaft ...9
5.2 Leben ...9
5.3 Bewusstsein ...10

6 Evolution ...11
6.1 Die klassische Evolutionstheorie ...11
6.2 Whitehead zur Evolution ...11

7 Vollendung ...13

8 Schluss ...14

9 Literatur ...16

10 Anhang ...17

1 Einleitung

Die Philosophie Whiteheads will mit ihrem holistischen Ansatz der Naturwissenschaft, Ethik, Religion und Ästhetik Rechnung tragen. Damit schuldet sie auch der Evolutionstheorie Darwins einen Beitrag. Whitehead hält sie für inadäquat weil sie allein auf das kartesische Weltbild baut und rein mechanistisch ist. Die Moderne, mit ihrer hoch entwickelten Naturwissenschaft konnte zwar aufgrund dieses Weltbildes große Erfolge erzielen, aber es führte auch zu unzulässigen Beschränkungen und Vereinfachungen.

Ich werde in dieser Arbeit versuchen Whiteheads Ideen zur Evolution zu skizzieren. Dazu werde ich zunächst einige wichtige Grundideen seiner Philosophie darstellen, um dann zu beschreiben wie er Höherentwicklungen mit dem Streben nach Lebensintensität und Harmonie zu erklären versucht.

2 Whiteheads Position

Whitehead kritisiert am modernen Naturverständnis, daß es aufgrund von Abstraktion und Reduktion wichtige Teile der Welt ignoriert. Man hält das Abstrakte für das Wirkliche und glaubt mit Hilfe der Mathematik das Innerste der Welt zu erkennen. Mit der mathematischen Beschreibung aber entfernen wir uns von den Dingen.

Whitehead nennt das den „Trugschluss der unzutreffenden Konkretheit“ („fallacy of misplaced concreteness“) [1]. Den Kern des Trugschlusses sieht er in den Annahmen der

- „einfachen Lokalisierung“: jedes materielle Ding ist zu jeder Zeit an einem genau definierten Ort und hat keine Beziehungen zu anderen Lokalisationen vor allem nicht in die Vergangenheit und Zukunft.

- „Dauerhaftigkeit“: die Substanzen existieren in jedem Augenblick voll und ganz, eine Unterteilung in der Zeit unterteilt die Substanz nicht.

- „Externalität“: die Substanzen sind leere Entitäten, ohne Perspektive und innere Beziehung zu anderen Substanzen.

Der Fehler der Substanzphilosophie ist, sich nur an diesen Faktoren zu orientieren und alles andere zu ignorieren.

Ein weiterer Trugschluss ist der Glaube an die Sicherheit deduktiven logischen Vorgehens aufgrund klarer Prämissen. Die Philosophen haben sich hier stark von der Mathematik verführen lassen, allerdings sind in der Philosophie die Prämissen selbst das Ziel und nicht der Ausgangspunkt der Überlegungen. Im Übrigen ist es fraglich ob in der Philosophie die Dichotomie wahr/falsch angebracht ist, denn das Schema mit dem an die Fragen herangegangen wird enthält unausgesprochene Erwartungen, Ausnahmen, Einschränkungen und Qualifizierungen. Es ist daher immer nur für besondere Umstände anwendbar.

Die Naturwissenschaften waren durch die Anwendung der Methode der Reduktion zweifelsohne erfolgreich, aber sie können nicht beanspruchen die vollständige Wahrheit erschlossen zu haben. Darüber hinaus zeigt ein Blick auf die Quantenmechanik, daß die Substanzphilosophie ohnehin fraglich geworden ist.

Das Anliegen Whiteheads ist es den „Trugschluss der unzutreffenden Konkretheit“ zu berichtigen und die fundamentale Bifurkation der Welt, die seit Descartes unser Weltbild bestimmt aufzuheben. Die funktionalen Abstraktionen der Naturwissenschaften verstellen aus seiner Sicht den Blick auf das Prozesshafte und den eigentlichen Charakter der Natur. Die innere Bezogenheit des Bewusstseins auf die objektive Aussenwelt, sowie das überall in der Natur vorhandene Erleben und Wahrnehmen gehört für Whitehead zur ontologischen Grundstruktur des Kosmos. Für ihn gibt es in der Natur keine reine Materie und keinen reinen Geist. Damit erübrigt sich auch das durch Descartes Philosophie akut gewordene Leib-Seele Problem.

„ Whitehead versucht die Natur als ein zusammenhängendes, sich entwickelndes Ganzes zu denken, in dem es nicht mehr den Geist und die Materie als voneinander getrennte Bereiche gibt. Was im Menschen als Endpunkt der Naturentwicklung erscheint, muß in der ganzen Natur angelegt sein; die Wesenheiten der Natur sind darum immer schon als Geist-Materie anzusehen, die sich auf das Bewußtsein hin entwickeln. “[2].

3 Grundideen der Prozessphilosophie

3.1 Aktuale Geschehnisse als ontologische Grundeinheit

Für Whitehead liegt die wirkliche Wirklichkeit im Geschehen und nicht in den Dingen. Für die Frage nach der letzten Wirklichkeit postuliert er viele zusammenhängende und voneinander abhängige Einzelereignisse für die er den Ausdruck „actual entity“ (AE) (aktuale Ereignisse, Geschehnisse) einführt. Sie lassen sich nicht mehr weiter auf etwas noch Wirklicheres hin fassen und entsprechen weitgehend der aristotelischen „ousia“. In Whiteheads Philosophie sind sie der einzige Typ von Entität[3].

„‚Wirkliche Einzelwesen‘ – auch ‚wirkliche Ereignisse‘ genannt – sind die letzten realen Dinge, aus denen die Welt zusammengesetzt ist. Man kann nicht hinter die wirklichen Einzelwesen zurückgehen, um irgendetwas Realeres zu finden.“ .[4]

Wirklichkeit bedeutet für Whitehead, daß etwas geschieht. Jedes kurzlebige Ereignis ist eine aktuale Entität (AE), die die vorangegangenen Geschehnisse als Datum nutzt und sie aus ihrer einzigartigen Perspektive integriert. Die AEs verändern sich dabei nicht, sondern sie vergehen. Der Eindruck von Substanz entsteht durch stetige Wiederholung der kontinuierlich aufeinanderfolgenden Ereignisse.

Der Moment ihrer Vollendung wird von der AE schon nicht mehr erlebt, denn sie ist dann schon eine neue, andere „aktuale Wesenheit“ (AE). Sobald die Erfüllung erreicht ist, und der Vorgang abgeschlossen ist wird die AE zum Ausgangsmaterial (Datum) für sich neu formierende Prozesse (siehe Konkreszenz) in der sich neue AEs formieren. Auf diese Weise entstehen ständig neue Tatbestände durch pulsierende Realität von entstehenden und zerfallenden AEs. Die Welt reichert dabei immer mehr Komplexität an.

Was immer von der Wirklichkeit ausgesagt wird, muss mit dem Bezug zu den AEs ausgesagt werden. Jede andere Kategorie der Existenz muss sich von den wahrhaft existierenden AEs herleiten lassen. Sie können alles sein, von Gott bis zum kleinsten Stäubchen im Weltall und stehen als Wirklichkeiten betrachtet auf der gleichen Stufe[5].

Als letzte Einheiten der Wirklichkeit sind sie in den fortdauernden endlichen Prozessen auf andere AEs bezogen [6] (siehe Prehensionen). Die umgebenden AEs leisten dabei zu ihrer Entstehung durch Formbildungsprozesse einen wesentlichen Beitrag.[7]

Den Dingen entspricht ein, sich einheitlich kundgebender und einheitlich geformter, über die Zeit erstreckender Realzusammenhang (siehe Gesellschaften). Durch die Annahme von Ereignissen statt Substanzen als erste Grundlage, grenzt sich Whitehead dezidiert von der Substanzphilosophie ab. Aufgrund der Quantenmechanik können die Substanzen ohnehin nicht mehr als letzte Wirklichkeit genommen werden. Makroobjekte wie Atome, Zellen, Lebewesen sind keine AEs mehr, sondern Gesellschaften Eine bloße Anhäufung von AEs wäre ein Nexus (siehe Nexus).

3.2 Die polare Struktur der aktualen Geschehnisse

Alle Wirklichkeit, resultierend aus AEs, ist durch zwei Faktoren bestimmt, nämlich dem physischen und dem mentalen Pol. Anders als bei Descartes sind Materie und Geist nicht getrennt, sondern beides ist in der AE vereint. Der physische Einfluss anderer AEs aufgrund ihrer Beschaffenheit wirkt kausal auf die AE ein. Der mentale Pol der AE fühlt andererseits aufgrund seiner Zwecke die ihr zugehörigen Möglichkeiten (siehe Fühlungen). Es gibt keine reine Materie und keinen reinen Geist, sondern jede AE hat beides. Dadurch wird die cartesische Bifurkation des Universums vermieden. Die AE hat ihren Grund sowohl im Vorgegebenen, als auch in sich selbst. Wenn sie einmal geworden sind, ist ihr interner Entstehungsprozess nicht mehr erkennbar, sie ist mit den anderen zum Super-jekt geworden. Sobald ihr Entstehungsprozess abgeschlossen ist, steht sie nur mehr als Datum für künftige Werdeprozesse zur Verfügung [8]. Nach Vollendung des Werdeprozesses existieren die Fundamentalereignisse nicht mehr, wirken aber gleichwohl als kausaler Faktor fort.

Geist und Materie bestehen anders als im kartesischen Dualismus nebeneinander. Das Selbst einer AE, wohnt dem mentalen Pol inne und wirkt sich zielbestimmend auf ihren Konstituierungsprozess aus. Damit eine Fühlung wirksam werden kann, muss ein Ideal vorhanden sein auf das es ausgerichtet ist und das ist im mentalen Pol konstituiert.[9] Die AE ist zwar noch unvollendet, aber das Ideal wird im Konstitutionsprozess als zu verwirklichende Möglichkeit gefühlt, was aber nicht geistige Fähigkeiten oder Bewusstsein heisst. [10] Erst bei höher entwickelten AEs kommt es zu Selbstbewusstsein.

Der physische Pol ist durch physische, materielle Fühlung der nächsten Umgebung bestimmt.[11] Sie wirken sich unmittelbar auf die Entstehung der Form aus.

3.3 Die ewigen Gegenstände

Sie sind die reine Form und Bestimmung in der Material geformt werden kann. Der Ort in dem die reinen Potentiale für die Welt aufgehoben sind ist in der Urnatur Gottes begründet. Ob eine bestimmte Form in der Welt jemals realisiert wird, hängt von der Entwicklung der Welt ab. Zu einem bestimmten Zeitpunkt kann jeweils nur eine Form realisiert werden.

Die EO ähneln in gewisser Weise den platonischen Ideen, der Unterschied ist jedoch, daß sie nicht wie bei Platon die vollkommene oder bessere Wirklichkeit sind, sondern Möglichkeiten die erst noch realisiert werden wollen. Ein EO kann, aber muss nicht in die Wirklichkeit eingehen. EOs sind reine, zeitunabhängige Begrifflichkeit ohne kausale Wirkung die den Universalien der traditionellen Philosophie entsprechen.

Sie sind:

- zeitunabhängig

- reine Begrifflichkeit

- nicht wahrnehmbar

- ohne kausale Wirkung

4 Zusammenführungen

4.1 Propositionen und Fühlungen

4.1.1 Propositionen

Zwischen der reinen Möglichkeit wie sie in den EOs vorhanden ist und der reinen Wirklichkeit liegen die Propositionen. Es sind die auf eine bestimmte Wirklichkeit bezogenen Möglichkeiten, sozusagen Vorschläge aus dem Reich der Möglichkeiten für eine bestimmte Wirklichkeit und keine bewussten Urteile. Diese wären ein Sonderfall von Proposition bei der der Beurteilende das was möglich ist mit dem vergleicht was tatsächlich gegeben ist. Die Funktion der Proposition ist es subjektiv Einheit herzustellen indem sie zur Integration verlockt und den Prozess der Konkreszenz auszulösen. Die Möglichkeiten werden nach Maßgabe der AE in die Wirklichkeit umgesetzt. Dabei gibt es kein wahr oder falsch, sondern es ist die Anregung der Kreativität die Interesse weckt. Wahr sein heißt lediglich verstärktes Interesse an einer Möglichkeit. Aber auch die logisch falschen Propositionen sind wichtig, weil sie Neuigkeit ins Spiel bringen und damit den Weg für Fortschritt bahnen.[12]

4.1.2 Fühlungen

4.1.2.1 einfache physische Fühlung

Im einfachsten Fall wird von einer AE (Subjekt) ein Objekt gefühlt. In der ersten Phase der Konkreszenz (siehe dort) zu einem Super-jekt gibt es eine Vielheit von Fühlungen. Sie treten immer zusammen als komplexe Fühlung auf und sind die Grundlage zur Bildung des Realzusammenhangs mit der Weltwirklichkeit. In der Interpretation des Subjekts zeigt sich die physische Fühlung als Kausalakt, genauer - es ist die Übertragung der Fühlung von einem alten zu einem neuen Subjekt, von Ursache zur Wirkung. Dabei muss die Fühlung des alten mit dem neuem Subjekt konform sein.

In den einfachen physischen Fühlungen verkörpert sich das Reproduktionsvermögen der Natur und zeigt sich in den Gegenständen. Es ist die Wiederinkraftsetzung des Alten im Neuen, quasi die „Macht“ des Alten, das objektiviert weiterwirkt. Die Beharrlichkeit und Ordnung wird über die Zeit von den ewigen Gegenständen (eternal objects, EOs) vermittelt.

[...]


[1] PR-d S.39

[2] Fetz S.222

[3] vgl. Riffert S. 175

[4] PR-d S. 57-58

[5] vgl. Fetz S. 115

[6] vgl. Müller S. 259

[7] Bei Aristoteles: Wirkung der nächsten Materie

[8] vgl. Muraca S.114

[9] vgl. Müller S. 262

[10] vgl. Fetz S. 172

[11] siehe Fußnote 7

[12] vgl Fetz S. 178

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Whiteheads Prozessphilosophie und seine Perspektive zur Evolution
Hochschule
Hochschule für Philosophie München
Veranstaltung
Hauptseminar: Alfred North Whiteheads „Process and Reality“
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V323021
ISBN (eBook)
9783668222090
ISBN (Buch)
9783668222106
Dateigröße
708 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prozessphilosophie, Evolution, Whitehead
Arbeit zitieren
Roland Wegscheider (Autor), 2012, Whiteheads Prozessphilosophie und seine Perspektive zur Evolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323021

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